{"id":50869,"date":"2019-09-17T00:01:33","date_gmt":"2019-09-16T22:01:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=50869"},"modified":"2019-12-30T17:53:46","modified_gmt":"2019-12-30T16:53:46","slug":"sprachmagische-dichtungstradition","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/09\/17\/sprachmagische-dichtungstradition\/","title":{"rendered":"Sprachmagische Dichtungstradition"},"content":{"rendered":"<p class=\"vspace\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Wer sagt, er habe ein Gedicht verstanden, der hat es nicht verstanden.<\/em><\/span><\/p>\n<p class=\"vspace\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Walter Benjamin<\/span><\/p>\n<p class=\"vspace\" style=\"text-align: justify;\">Dichter werden verstanden, indem sie gelesen werden. Und so gilt es denn, die Schriften zu studieren und zu drehen und zu wenden, bis uns ihre Bedeutung allm\u00e4hlich transparent wird. Manche Schulen verlangen sogar, nur den Text in seiner reinen Gegenw\u00e4rtigkeit zu befragen. Alle weiteren Bez\u00fcge, etwa zu den Verfassern oder zum historischen Kontext, werden damit zugleich \u00fcberfl\u00fc\u00dfig wie verd\u00e4chtig. Denn Biographisches und die Historie tr\u00fcben den Blick auf das Eigentliche; auf eine Aussage, die sich mit Wort und Satz aus sich selbst erschlie\u00dfen soll. Neben der Lyrik ist der geistreiche Essay, das wie zuf\u00e4llig gefundene, unverbissene Aper\u00e7u der Raum, den Holger Benkel bespielt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">&nbsp;Die Worte <span lang=\"grc\">\u039d\u03b5\u03c6\u03b5\u03bb\u03bf\u03ba\u03bf\u03ba\u03ba\u03c5\u03b3\u03af\u03b1<\/span> <i><span lang=\"grc-Latn\">Nephelokokkygia<\/span><\/i>, stammen aus Aristophanes\u2019 Kom\u00f6die <i>Die V\u00f6gel<\/i>. Sie bezeichnen eine Stadt in den Wolken, die sich die V\u00f6gel als Zwischenreich gebaut haben. Sie verhindern damit die Kommunikation zwischen den Menschen und den G\u00f6ttern.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit dem Band <em>fliegende wesen<\/em> konnte Holger Benkel seine jahrelange Besch\u00e4ftigung mit der Symbolik der V\u00f6gel und Insekten literarisch transformieren. Der Titel hat etwas doppeldeutiges und meint nicht allein reale Tiere, sondern \u00fcberdies Seelen. Dies pa\u00dft zum Buchtitel seines letzten Gedichtbandes <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29369\"><em>Seelenland <\/em><\/a>von 2015. Vor \u00fcber 20 Jahren hei\u00dfen bereits seine Traumnotate <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=38311\"><em>Reise im Flug<\/em><\/a>. Die Flugsymbolik folgt der uralten Sehnsucht der Menschen aufzufliegen, die irdische Schwere hinter sich zu lassen und \u00fcberwirkliche Sph\u00e4ren zu erreichen, die der Seele Asyl geben k\u00f6nnen. Benkel konfrontiert die Selbstwahrnehmung des Ich mit der \u00e4u\u00dferen Natur und Landschaft, f\u00fcr ihn ist Lyrik immer Topografie und Erinnerung, Landvermessung und Rekonstruktion in einem. Die Natur ist ein Ma\u00dfstab abseits des Menschlichen, eine Wahrheit, der sich der Dichter stellt und immer wieder neu justiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Es erklingt eine Musik, die wir schon einmal geh\u00f6rt haben, aber das ist lange her. Ich wei\u00df nicht, wann und wo es war. Eine Musik ohne Melodie, von keiner Fl\u00f6te, keiner Maultrommel gespielt.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u00abDie Zikaden\u00bb von Ingeborg Bachmann<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit Naturlyrik im klassischen Sinn hat das wenig zu tun, die Natur wird hier nicht romantisiert, sondern als selbstverst\u00e4ndliches Gegen\u00fcber festgehalten. Diese Gedichte ber\u00fchren die tragischen Dispositionen der Existenz und zeigen die Dinge in einer fremden N\u00e4he. Sie gehen nicht den Weg der kommunikativen Ansprache, sie sprechen in dunkel-elegischen Konfigurationen. Es ist eine Papier gewordene Parallelwelt aus pr\u00e4ziser Beobachtung und Beschreibung, welche gleichzeitig reiche Assoziationsketten und Gedankenbilder erzeugt, die M\u00fccken der Sprache schwirren dem Leser durch den Kopf. Dieser Lyriker stellt sein breites Spektrum von Stilmitteln nie eitel aus. Es sind Gedichte ohne versimpelte Romantik und ohne Kitsch, die, zuweilen nostalgisch umweht, das Lebendige wahrnehmen, dabei Verg\u00e4nglichkeit, Sterben und Tod mit einschlie\u00dfen. Seine Gedichte entwickeln ihre Eindringlichkeit, weil der Autor einen Rest von Dunkelheit bewahrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>fliegende wesen<\/strong>, Gedichte von Holger Benkel,&nbsp; erschienen in der Weberknecht-Edition, Magdeburg, 2018 &#8211; Ulrich Bergmann mit einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/12\/25\/literarisches-traume\/\">Rezension<\/a> zum aktuellen Band.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>kindheit und kadaver<\/strong>, Gedichte von Holger Benkel, mit Radierungen von Jens Elgner. Verlag Blaue \u00c4pfel, Magdeburg 1995. &#8211; Eine Rezension des ersten Gedichtbandes von Holger Benkel finden Sie<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6898\"> hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>mei\u00dfelbrut<\/strong>,&nbsp;Gedichte von Holger Benkel, mit siebzehn Holzschnitten von Sabine Kunz und einem Nachwort von Volker Drube, Dr. Ziethen Verlag, Oschersleben 2009. &#8211; Eine Rezension finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12769\">hier<\/a>. Ulrich Bergmann <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=7628\">regte<\/a> der Band zu einer Suche nach der Anderswelt an. Andr\u00e9 Schinkel liest darin <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=7591\">Nachrichten aus der Knochenzeit<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Seelenland<\/b>, Gedichte von Holger Benkel, Edition Das Labor 2015 &#8211; Benkel beweist als Lyriker in seinem Band <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29369\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Seelenland<\/em><\/a> ein Gesp\u00fcr f\u00fcr das Unvertraute im Vertrauten, das Unheimliche des Allt\u00e4glichen, das Scheinhafte des Realen. Ulrich Bergmann <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32917\">denkt<\/a> \u00fcber den Gedichtband nach.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gedanken, die um Ecken biegen<\/strong>, Aphorismen von Holger Benkel, Edition Das Labor, M\u00fclheim 2013 &#8211; Benkels <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=10304\"><em>Gedanken, die um Ecken biegen<\/em><\/a> gehen weiter als der geschriebene Text; sie sind kein Ende, sondern ein Anfang. Sie versuchen, diesen kleinen Rest an Sprache etwas aufzuhellen, und wagen es seine R\u00e4nder verstehbar zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Essays<\/b> von Holger Benkel, Edition Das Labor 2014 &#8211; Einen Hinweis auf die in der Edition Das Labor erschienen Essays finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21478\">hier<\/a>. Auf KUNO lesen Sie u.a. Rezensionsessays von Holger Benkel \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=11282\">Br\u00fcder Grimm<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Ulrich Bergmann<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=11284\">A.J. Weigoni<\/a>, zur Lyrik von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/04\/18\/heiterer-sarkasmus\/\">HEL<\/a> = Herbert Laschet Toussaint, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/09\/08\/sinnlich-fassbare-kunst\/\">Haimo Hieronymus<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=11279\">Uwe Albert<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/11\/12\/mit-deutschen-untertiteln\/\">Ralph Pordzik<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/03\/19\/welten-gegenwelten\/\">Werner Weimar-Mazur<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/02\/09\/ein-behutsamer-charakter\/\">Holger Uske<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/06\/kritischer-optimismus\/\">Joachim Paul<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/10\/27\/kranich-2\/\">J\u00fcrgen Diehl<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15177\">Birgitt Lieberwirth<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15179\">Sabine Kunz<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=55005\">Joanna Lisiak<\/a>.<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=50869&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignright\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Benkel13.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"133\"\/><\/a><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29373\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> ergr\u00fcndeln Holger Benkel und A.J. Weigoni das Wesen der Poesie \u2013 und ihr allm\u00e4hliches Verschwinden. Das erste Kollegengespr\u00e4ch zwischen Holger Benkel und Weigoni finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/11\/09\/eine-sprache-finden-ein-deutschdeutscher-dialog\/\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer sagt, er habe ein Gedicht verstanden, der hat es nicht verstanden. Walter Benjamin Dichter werden verstanden, indem sie gelesen werden. 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