{"id":50862,"date":"2018-12-31T00:01:53","date_gmt":"2018-12-30T23:01:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=50862"},"modified":"2022-02-27T12:03:32","modified_gmt":"2022-02-27T11:03:32","slug":"aus-dem-archiv-gehoben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/12\/31\/aus-dem-archiv-gehoben\/","title":{"rendered":"Aus dem Archiv gehoben"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Vorbemerkung der Redaktion: <span style=\"color: #000000;\">50 Jahre nach 1968 ist die Medienreaktion auf die sogenannte <em>68er<\/em> eher mager gebleiben. Liegt es daran, da\u00df nichts\u00a0l\u00e4cherlicher ist als das Pathos nicht realisierter\u00a0Hoffnungen? &#8211; Enno Stahl blickt zur\u00fcck auf ein regionales Ereignis, w<\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\">ie die K\u00f6lner Gruppe XSCREEN mit Filmvorf\u00fchrungen versuchte den Aufruhr anzustacheln:<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_99899\" style=\"width: 128px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-99899\" class=\"wp-image-99899 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Rolf-Dieter-Brinkmann.jpg\" alt=\"\" width=\"118\" height=\"159\" \/><p id=\"caption-attachment-99899\" class=\"wp-caption-text\">The Notorious RDB<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die 68er-Bewegung ist ungleich pr\u00e4senter als die beiden anderen deutschen Revolutionen. Das liegt daran, dass sie noch ziemlich nah ist. Das liegt aber auch daran, dass die Erinnerungskultur, die mit dem gescheiterten 68er-Aufstand verbunden war, zeitgleich begann und bis heute nicht verstummt ist. Anders als die Revolution\u00e4re von 1848 oder 1918, von denen viele emigrieren mussten, andere ihren Einsatz mit dem Leben bezahlten, besetzten die 68er-Protagonisten, bedeutende Positionen in den Diskurszentralen der Bundesrepublik. Damit hatten sie organische Deutungshoheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den staatlichen und kommunalen Archiven ist diese Zeit einigerma\u00dfen unterbelichtet. Einerseits wird das daher r\u00fchren, dass damalige Archivarinnen und Archivare die Ereignisse nicht f\u00fcr so bedeutsam erachteten. Andererseits liegt es \u2013 zieht man die Quellenlage von 1918 zum Vergleich heran \u2013 wohl auch an der ausufernden Akten\u00fcberlieferung nach 1945. Die Kassationsquote ist heute und vor 50 Jahren ungleich h\u00f6her als vor dem Zweiten Weltkrieg. Ich m\u00f6chte als ein Ergebnis der archivarischen Forschung die sogenannte XSCREEN-Aff\u00e4re herausgreifen, ein Ereignis, das in der deutschen \u00d6ffentlichkeit weithin in Vergessenheit geraten ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vom 15. bis 19. Oktober 1968 wollte die Gruppe XSCREEN (K\u00f6lner Studio f\u00fcr unabh\u00e4ngigen Film) ein multimediales \u201eEnvironment\u201c organisieren, parallel zum 2. K\u00f6lner Kunstmarkt, der heutigen Art Cologne.Es sollten Untergrundfilme gezeigt werden, aber nicht nur: Das Ganze sollte ein Happening-artiges Gesamtkunstwerk werden mit Lightshow, Flipperautomaten, Getr\u00e4nkeausschank und W\u00fcrstchen. Neben Filmbeitr\u00e4gen verschiedener Untergrundfilmer waren Lesungen Rolf Dieter Brinkmanns, Renate Rasps, Hans Werner Bierhoffs und Fred Viebahns angek\u00fcndigt, dazu spielten jeden Tag Beat-Bands. Die Gruppe hatte den K\u00f6lner Kulturdezernenten Kurt Hackenberg angesprochen, der XSCREEN einen Zuschuss von 1.500 DM zudachte. Au\u00dferdem erwirkte er beim Bauamt, dass die Gruppe den Rohbau zum U-Bahnhof Neumarkt kostenlos nutzen durfte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass XSCREEN durchaus provokative Absichten hegte, verriet das Gruppenmitglied Birgit Hein in einer Dokumentation 15 Jahre sp\u00e4ter: \u201eEs lief, nur das Programm war zu harmlos. Uns fehlte ein Kn\u00fcller. Da schrieb Karlheinz aus M\u00fcnchen, dass er alle Filme von Otto Muehl in Verwahrung h\u00e4tte. Muehl hatte am 17.9. eine Veranstaltung im Independent-Filmcenter gemacht und seine Filme in M\u00fcnchen gelassen, weil er f\u00fcrchtete, dass sie an der Grenze beschlagnahmt w\u00fcrden. Wir lie\u00dfen uns die Filme zur Besichtigung schicken, denn wir hatten bisher nur davon geh\u00f6rt. Wilhelm (Hein) und (Hans-Peter) Kochenrath waren hell begeistert: Wir hatten den Kn\u00fcller.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Otto Muehl \u2013 das ist das ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigte Mitglied der Wiener Aktionisten, das sp\u00e4ter eine sektenartige Kommune auf La Gomera gr\u00fcndete und wegen Kindesmissbrauchs verurteilt wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Verwaltung gab sich im Vorfeld betont l\u00e4ssig, der <em>K\u00f6lner Stadt-Anzeiger<\/em> zitiert etwa den Beigeordneten f\u00fcr Recht und Sicherheit, Dr. Peter Schaefer, mit den Worten: \u201eBemerkenswert? Och \u2026 So schlimm ist das doch gar nicht.\u201c Selbst zu den Filmen Otto Muehls, der deshalb schon Schwierigkeiten mit der Polizei hatte, meint Schaefer: \u201eWas soll\u2019s denn, da erkl\u00e4ren wir uns f\u00fcr nicht zust\u00e4ndig. Au\u00dferdem, wenn sie die Freiwilllige Selbstkontrolle passiert haben \u2026 Und au\u00dferdem, wenn da auch einige umstrittene Szenen sind \u2013 man kann sich \u00fcber alles streiten.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend der erste Abend programmgem\u00e4\u00df verlief \u2013 und mit 1.000 Besucherinnen und Besuchern ausgesprochen erfolgreich dazu \u2013, kam es am Mittwoch, dem 16. Oktober 1968 zum Eklat: Kurz nach 22 Uhr stand die Polizei vor den Toren, kontrollierte s\u00e4mtliche Anwesenden, wobei sie nach \u00fcbereinstimmenden Augenzeugenberichten ziemlich unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig agierte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hintergrund der Aktion war eine private Anzeige: Ein Tankstellenbesitzer hatte mit seinem Schwager und einem Kriminalbeamten seinen 15-j\u00e4hrigen Sohn gesucht, unter anderem waren sie dabei am Montagabend auch in die U-Bahn-Station geraten, den vermissten Jungen hatten sie dort nicht gefunden, aber sie entdeckten andere Jugendliche, die sie f\u00fcr minderj\u00e4hrig hielten. Au\u00dferdem sahen sie die Filme und stellten daraufhin Strafanzeige.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Polizei blockierte die Ein- und Ausg\u00e4nge und kontrollierte die Personalien von 700 Personen, rund 50 Leute durchbrachen den Polizeikordon, es kam zu einem Handgemenge. Daraufhin st\u00fcrmte die Polizei die Veranstaltung und konfiszierte mehrere Filme. Es wurden 20 Personen festgenommen, darunter Rolf Dieter Brinkmann, der sich in den Protestaktionen der n\u00e4chsten Tagen stark engagierte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einige hundert Personen kehrten in den U-Bahnhof zur\u00fcck, in erregten Diskussionen wurde gefordert, dass der Kunstmarkt aus Solidarit\u00e4t schlie\u00dfen solle. XSCREEN bem\u00fchte sich um die Herausgabe der Filme. Gegen 1.50 Uhr erhielten sie zumindest eine Quittung dar\u00fcber.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch von anderer Seite wurden Fakten geschaffen. Der Republikanische Club entwarf ein Flugblatt, das noch in der Nacht im Stadtzentrum geklebt wurde; die gesamte Kunsthalle wurde damit tapeziert: \u201eDie K\u00f6lner Polizei hat in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag den 3. Veranstaltungsabend gesprengt und auseinandergenommen \u2013 sie hat den Vorf\u00fchrraum durchsucht ohne Durchsuchungsbefehl, die Filme beschlagnahmt ohne Beschlagnahmebeschlu\u00df. Dies l\u00e4sst nur einen Schluss zu. In dieser Stadt wird die Kulturpolitik von der Polizei gemacht.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Versch\u00e4rft wurde die Lage dadurch, dass das Bauamt den U-Bahnhof f\u00fcr den Fortgang der XSCREEN-Veranstaltung schloss. Zwar hatten Stadtdirektor und Baudezernent bestritten, dass es einen Zusammenhang mit der Polizeiaktion gebe, das aber erschien unglaubw\u00fcrdig. Eine \u00f6ffentliche Diskussion beim Kunstmarkt wurde anberaumt, die Galeristen solidarisierten sich und k\u00fcndigten an, die Pforten so lange zu schlie\u00dfen, bis die Filme wieder ausgeh\u00e4ndigt w\u00fcrden. Das geschah zum Teil, die vier Filme Muehls blieben beschlagnahmt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach der Diskussion bildete sich ein spontaner Demonstrationszug, der sich zur K\u00f6lner Oper aufmachte und durch eine B\u00fchnenbesetzung die dortige Vorf\u00fchrung unterbrach, um auf die Aff\u00e4re hinzuweisen. Das Publikum reagierte emp\u00f6rt, die Theatermitarbeiter erkl\u00e4rten sich solidarisch. Der Generalintendant der Oper verlas sogar eine Erkl\u00e4rung der XSCREEN-Gruppe, danach verlie\u00dfen die Protestler das Haus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Kunstmarkt \u00f6ffnete wieder, die Staatsanwaltschaft gab zwei der Muehl-Filme heraus, erkl\u00e4rte die anderen aber endg\u00fcltig f\u00fcr beschlagnahmt. Inzwischen hatte sich der SDS des Themas bem\u00e4chtigt. Er forderte die erneute Schlie\u00dfung des Kunstmarkts, drohte mit Erst\u00fcrmung der Kunsthalle, falls dem nicht Folge geleistet w\u00fcrde. Am 20. Oktober blockierten SDS-Aktivisten den Kunstmarkt und erzwangen eine erneute Solidarit\u00e4tsadresse der Galeristen, die auch ihre Kundschaft dazu aufriefen, einen Demonstrationszug zum K\u00f6lner Polizeipr\u00e4sidium am Waidmarkt zu begleiten. Daf\u00fcr wurde der Kunstmarkt f\u00fcr zwei Stunden geschlossen. Dort angekommen, wurde eine Delegation zum Polizeipr\u00e4sidenten geschickt, der Hans Vetter, ein Rundfunkredakteur, Rolf Dieter Brinkmann und Rolf Wiest, ein Mitglied von XSCREEN, angeh\u00f6rten. Speziell Brinkmann verweigerte jede Kommunikation, sodass die Verhandlungen ergebnislos abgebrochen wurden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr XSCREEN und die Galeristen war die Aktion damit zu Ende. Die Aff\u00e4re insgesamt hatte allerdings Kreise gezogen, die gesamte deutsche Presse berichtete dar\u00fcber. Auch liefen Strafanzeigen gegen einzelne Mitglieder der XSCREEN-Gruppe, die allerdings sp\u00e4ter eingestellt wurden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Die KUNO-Redaktion empfiehlt:<\/span>\u00a0<strong>Sp\u00e4tkirmes<\/strong>, Roman von Enno Stahl, Verbrecher Verlag 2017<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=50862&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Enno-Stahl.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Enno-Stahl.jpg 540w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Enno-Stahl-225x300.jpg 225w\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"266\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/b><b>\u2192<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine W\u00fcrdgung des Hungertuchpreistr\u00e4gers finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32719\">hier<\/a>. Lesen Sie auch den Artikel\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24481\">Perlen des Trash<\/a>\u00a0\u00fcber 25 Jahre Gossenhefte und Enno Stahls fulminantes Zeitdokument\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26047\">Deutscher Trash<\/a>. Eine H\u00f6rprobe von\u00a0<a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/stahl\/trash_me.htm\"><em>Trash me!\u00a0<\/em><\/a>finden Sie in der Reihe MetaPhon.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorbemerkung der Redaktion: 50 Jahre nach 1968 ist die Medienreaktion auf die sogenannte 68er eher mager gebleiben. 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