{"id":50594,"date":"2020-01-15T00:01:24","date_gmt":"2020-01-14T23:01:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=50594"},"modified":"2022-03-01T13:24:06","modified_gmt":"2022-03-01T12:24:06","slug":"terror-beginnt-wo-wir-ihn-zulassen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/01\/15\/terror-beginnt-wo-wir-ihn-zulassen\/","title":{"rendered":"Marathonreife Leistung"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Titel und Untertitel des volumin\u00f6sen Romans erwecken sicherlich die Aufmerksamkeit von Liebhabern kaukasischer Literatur, wenngleich die Zugabe zum Nachnamen des Protagonisten Tutaschchia, in Anlehnung an die altgeorgische Gottheit Tutaschcha, das megrelische Wort f\u00fcr \u201aTag des Mondes\u2018, auf den ersten Blick einer tradierten deutsch- romantischen Heldenverehrung geschuldet ist. Doch eine solche Vermutung f\u00fchrt die Erwartungen der Leser in die Irre. Tschabua Amiredschibi (1921 bis 2013), wie uns die georgischen Herausgeber und die \u00dcbersetzerin Kristian Lichtenfeld bereits auf Seite 2 des vorliegenden Romans verk\u00fcnden, habe dieses \u201eungew\u00f6hnliche Meisterwerk\u201c offenbar noch w\u00e4hrend seiner 16 Jahre w\u00e4hrenden Verbannung in stalinistischen Lagern zwischen 1944 und 1960 erdacht. Amiredschibis Familie wurde bereits 1937 in Tiflis w\u00e4hrend der schlimmsten Terrorwelle in der Sowjetunion verhaftet, er selbst sieben Jahre sp\u00e4ter zu 25 Jahren Haft in Sibirien verurteilt. Trotz mehrerer Gef\u00e4ngnisausbr\u00fcche und zweimaliger Todesurteile gelang ihm die R\u00fcckkehr in seine georgische Heimat. Drei\u00dfig Jahre sp\u00e4ter war er Vordenker und Protagonist der georgischen Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung und 1992 Mitglied des Parlaments.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein solcher von Tragik und brutaler Entrechtung menschlicher Existenz gezeichneter Lebenslauf h\u00e4tte manch anderen Autor bewogen, ein von Dramatik gezeichnetes Oeuvre \u00fcber seine Leidensorte zu schreiben. Doch eine solche Erwartungshaltung entt\u00e4uscht den Liebhaber \u201eedler\u201c R\u00e4uberromane gr\u00fcndlich. Der Ich-Erz\u00e4hler f\u00fchrt uns zun\u00e4chst\u00a0\u2013 nach einem kurzen Traktat \u00fcber die sinnvolle T\u00e4tigkeit des sch\u00f6pferischen Menschen \u2013 in den Tifliser Stadtteil Sololaki, wo er uns den Grafen Szegedy, einstmals Chef der Kaukasischen Gendarmerie, vorstellt. Ein \u201ehochgewachsener, hagerer Greis mit einem \u201evon Falten durchfurchte(n) Gesicht\u201c, der ihn sieben Jahre in der deutschen Sprache unterrichtet habe. Er starb friedlich und hinterlie\u00df eine Vielzahl von russischsprachigen Manuskripten, die die Grundlage f\u00fcr die Lebensgeschichte \u201eeines R\u00e4ubers, eines Abragen\u201c bildeten. In der Figur des \u201aAbrage\u201c, ein aus dem ossetischen <em>abreke <\/em>stammender Begriff f\u00fcr Freiheitsk\u00e4mpfer, kristallisierte sich f\u00fcr den Erz\u00e4hler jener Data Tutaschchia heraus, der in den 1880er Jahren als R\u00e4uber und Helfer der Armen in einigen georgischen Provinzen zwischen Tiflis und Poti am Schwarzen Meer auftritt, von der Gendarmerie verfolgt, und ihr immer entschl\u00fcpft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Erz\u00e4hler verwendet zahlreiche Textarten, um seine Zielfigur mit immer neuen Akzenten zu versehen. Zun\u00e4chst erz\u00e4hlt Graf Szegedy \u00fcber die Umst\u00e4nde, die Data zwangen als Freiheitsk\u00e4mpfer, als Abrage, in die Berge zu gehen. Dann wechselt der Erz\u00e4hlstrom zu den Tageb\u00fcchern des Leutnants Andrijewski, den Data t\u00f6tete, weil der gegen\u00fcber seiner Schwester Ele Tutaschchia, \u201eeinen unbedachten Schritt\u201c unternommen hatte. Es folgen weitere Textabschnitte, wie ein Vernehmungsprotokoll \u00fcber das Duell zwischen Tutaschchia und Andrijewski, ein Rapport \u00fcber die polizeiliche Verfolgung von Data mit dramatischen Akzenten. Zwischendurch lesen wir den Bericht \u00fcber Data, wie er vier Jahre im georgischen Untergrund verbringt, der Polizei manches Schnippchen schl\u00e4gt und vom Volk bewundert wird. Weitere Berichte erz\u00e4hlen davon, wie sich Data als Handlanger von Bauern durchschl\u00e4gt, den eisig kalten georgischen Winter \u00fcberlebt, wie er hinterlistige Wucherer bestraft oder als R\u00e4cher der armen Bergbev\u00f6lkerung auftritt. Die mit immer neuen Akzenten versehenen Erz\u00e4hlungen, vorgetragen aus der Perspektive unterschiedlicher Personen verleihen dem Roman eine vielschichtige narrative Struktur. Besonders aufschlussreich sind dabei auch die Berichte \u00fcber die Bestechlichkeit der zaristischen Polizei, die Graf Szegedy in seinen Aufzeichnungen hinterlasse hatte. Sie benutzt der Erz\u00e4hler, um die zahlreichen Aussagen \u00fcber den legend\u00e4ren \u201eedlen\u201c R\u00e4uber mit phantasiegeladenen Begegnungen auszuschm\u00fccken. Darunter waren auch die Plaudereien seiner Wirtin \u00fcber diesen Data Tutaschchia, dem sie nicht nur Wollsocken gestrickt habe, sondern mit dem sie angeblich auch ein kurzweiliges Liebesverh\u00e4ltnis gehabt habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Tatorte wechseln st\u00e4ndig. Unter ihnen zeichnet sich vor allem eine Gef\u00e4ngnisrevolte mit anschlie\u00dfendem Ausbruch aus. Die lebendige Schilderung von Erniedrigungen, Berichten \u00fcber Verbannung und brutalen Strafexerzitien sind in solchen Passagen sicherlich auf die Erfahrungen des Autors aus stalinistischen Gef\u00e4ngnissen zur\u00fcckzuf\u00fchren. Solche Passagen verweisen auch auf die wachsende revolution\u00e4re Stimmung in vielen Provinzen des Zarenreichs am Ende des 19. Jahrhunderts hin. Doch die Vermutung, Data sei ein politischer Revolution\u00e4r gewesen, weist der Erz\u00e4hler immer wieder zur\u00fcck. Obwohl er an einer Reihe von \u00dcberf\u00e4llen auch auf Polizeiposten beteiligt war, verkn\u00fcpfte er seine Taten nicht mit explizit politischen Absichten. Selbst sein Tod bleibt legend\u00e4r. Die einen beschw\u00f6ren, er habe sich das Leben genommen, die anderen behaupten, er sei auf einem Boot in die T\u00fcrkei geflohen. Ein edler R\u00e4uber also, der stets f\u00fcr die Benachteiligten, die Ausgebeuteten da war und \u00fcber den Tod hinaus lebt? Also eine idealisierte Gestalt, deren legendenreiches Leben bereits 1978 verfilmt wurde. Diesem Film ist auch die attraktive Abbildung des edlen R\u00e4ubers auf der Titelseite des Romans entnommen. Ernst blickt er uns an, vor den Gestaden des Kaukasus und dem angeleuchteten Mond. So als ob uns sagen will: es erwarten euch rund 700 Seiten \u00dcbersetzung, in der \u00dcbertragung aus dem Georgischen von Kristiane Lichtenfeld, eine marathonreife Leistung, multipliziert mal einige tausend Stunden. Ob es allerdings ein Meisterwerk der georgischen Literatur des 20. Jahrhunderts geworden ist, m\u00f6gen diejenigen entscheiden, die sich durch die zahlreichen \u00fcbersetzten Prosawerke aus der kaukasischen Bibliothek des Pop-Verlags gelesen haben oder aus ihrem georgischen Blickwinkel ihre Stimme erheben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Seite 7 veranlasst einen aufmerksamen Leser nach der Herkunft von Tutaschcha zu fragen, denn der edle R\u00e4uber vom Kaukasus ist schlie\u00dflich der Namentr\u00e4ger der altgeorgischen heidnischen Gottheit, wie er auf Seite 685 erf\u00e4hrt. Tuta sei der Mond, \u201eeine m\u00e4nnliche, starke, k\u00e4mpferische Gottheit\u201c, die besonders in der westgeorgischen Provinz Megrelien verehrt\u201c wurde. Von ihr habe der Autor Tschabua Amiredschibi den Namen seines Helden abgeleitet. Also ein romantisches Heldenepos? Ja und nein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=50594&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Data_Cover.jpg\" alt=\"\" width=\"158\" height=\"266\" \/><\/a><strong>Data Tutaschchia. Der edle R\u00e4uber vom Kaukasus. <\/strong>Roman von Tschabua Amiredschibi. \u00dcbersetzt von Kristiane Lichtenfeld. Mit Anmerkungen und Karte. Stuttgart (Alfred Kr\u00f6ner Verlag).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Titel und Untertitel des volumin\u00f6sen Romans erwecken sicherlich die Aufmerksamkeit von Liebhabern kaukasischer Literatur, wenngleich die Zugabe zum Nachnamen des Protagonisten Tutaschchia, in Anlehnung an die altgeorgische Gottheit Tutaschcha, das megrelische Wort f\u00fcr \u201aTag des Mondes\u2018, auf den ersten&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/01\/15\/terror-beginnt-wo-wir-ihn-zulassen\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":88,"featured_media":98673,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2222,1158],"class_list":["post-50594","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-data-tutaschchia","tag-wolfgang-schlott"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/50594","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/88"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=50594"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/50594\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":101371,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/50594\/revisions\/101371"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98673"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=50594"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=50594"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=50594"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}