{"id":50590,"date":"2020-05-18T00:01:23","date_gmt":"2020-05-17T22:01:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=50590"},"modified":"2022-03-01T12:32:56","modified_gmt":"2022-03-01T11:32:56","slug":"dampfschiff-nach-argentinien","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/05\/18\/dampfschiff-nach-argentinien\/","title":{"rendered":"Dampfschiff nach Argentinien"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der in Moskau aufgewachsene Autor Alexei Makushinsky, seit Beginn der 1990er Jahre in Deutschland lebend, legt mit seinem ersten Roman in deutscher \u00dcbersetzung ein episches Werk vor, in dem die Suche nach der verlorenen Zeit ungew\u00f6hnlich neue Wege beschritten hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer in den Erz\u00e4hlfluss im \u201eDampfschiff nach Argentinien\u201c eintaucht, der sollte sich vorher die auf der vorderen und hinteren Innenseite zweimal auf rotem Hintergrund abgedruckten Personennamen anschauen. Sie setzen in einer Art Generationenlinie bei Baron Heinrich von Vietinghoff ein und enden bei Viviana Vosco. Auf der dritten Linie ist, hervorgehoben durch eine Markierung, der Name Alexander Nikolajewitsch Woskoboinikow (A.N.W.). International Alexandre Vosco zu entdecken. Leider fehlen die Geburts- und Todesdaten der aufgef\u00fchrten Personen, ein Manko, das auf den ersten Blick gar nicht auff\u00e4llt, denn der Leser wird zu Beginn des 1. Kapitels mit einem \u201eO welcome, Messenger! O welcome, Friend! \u2026\u201c aus der Feder des romantischen Dichters William Wordsworth (1770-1850) so herzlich begr\u00fc\u00dft, dass er sich kaum \u00fcber die fehlenden Daten wundert. Erst die zweite Zeile im englischen Original \u201eA captive greets Thee, coming from a house\/ Of bondage \u2026\u201c k\u00f6nnte ihn stutzig machen, wenn er des Englischen kundig, \u00fcbersetzen w\u00fcrde: \u201eEin Gefangener gr\u00fc\u00dft dich, der aus einem Haus der Fesseln kommt\u201c. Und dann der einleitende Satz des Ich-Erz\u00e4hlers. Er f\u00fchrt den neugierig gewordenen Leser in die konkrete historische Situation ein: \u201eAls die Sowjetmacht zu unserer unaussprechlichen Verwunderung zu wanken begann und ganz pl\u00f6tzlich L\u00f6cher im durchrosteten Eisernen Vorhang erschienen, begab ich mich auf meine erste Auslandsreise, im Herbst 1988 \u2026\u201c Was dann folgt, ist eine anschaulich-ausschweifende Beschreibung dieser Reise im Zug von Moskau nach Paris mit einer pr\u00e4gnanten Konturierung der Mitreisenden, den bestechlichen Schaffner eingeschlossen. Sie erweist sich als vorz\u00fcgliche Einf\u00fchrung in eine Erz\u00e4hlweise, in der die visuelle Wahrnehmung des Reisenden in einen Erinnerungsstrom eingebettet ist, der r\u00fcckw\u00e4rts (die Erfahrung unseres Sklavenlebens, der Erinnerungsschatz der russischen Literatur) und sogar vorw\u00e4rts ausgerichtet ist (aufbrechend in die blaue Ferne). Angesichts dieser auf den ersten Blick verwirrenden narrativen Strategie nimmt es nicht Wunder, dass der Erz\u00e4hler bereits im 1. Kapitel die Vision vom Dampfschiff nach Argentinien (Schlafkojen unter Deck f\u00fcr die \u00e4rmsten Passagiere) in seinen Bericht einbezieht, ohne die Hintergr\u00fcnde dieser Reise zu nennen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kein Zweifel, hier reist einer, der, ausgestattet mit den intimsten Kenntnissen der Weltliteratur (Nietzsches Warnruf \u201eDie W\u00fcste w\u00e4chst\u201c oder \u201eWilhelm Meisters Lehrjahre\u201c tauchen nicht nur als Bildungssignale mitten im Erz\u00e4hlvorgang auf), seine Figuren imaginiert und sie wagemutig auf immer neue narrative Felder treibt. Eingeleitet durch einen Vers des britisch-walisischen Dichters Edward Thomas (1878-1917): \u201eI have come to the borders of sleep, \/ The unfathomable deep \/ Forest where all must lose \/ Their way \u2026\u201c, setzt das 2. Kapitel mit der Bekanntschaft des Erz\u00e4hlers mit einer gewissen Viviana Vosco ein. Ein gewisser M., ein \u201eunendlich entfernter Verwandter\u201c, habe sie, so der Erz\u00e4hler, gemeinsam mit einem gewissen Pierre-Paul zusammengebracht. Und was dann folgt, ist nicht nur der Einstieg in eine Pariser Welt, die mit Comics und Vampir-Phantomen besetzt ist, eine Welt zwischen Mode und Underground, mit welcher sich der flie\u00dfend Franz\u00f6sisch sprechende Erz\u00e4hler sehr schnell anfreundet. Dazu geh\u00f6rt auch die kurzweilige Bekanntschaft des damals 28-j\u00e4hrigen mit seinem letzten, nach 1917 emigrierten russischen Verwandten, dem 87-j\u00e4hrigen Alexander Nikolajewitsch Woskoboinikow, der sich in Frankreich in einen Alexandre Vosco (weil angeblich kein Franzose den russischen Namen aussprechen konnte!) verwandelt hat. In diesem Gespr\u00e4ch wird nicht nur der Erz\u00e4hler in die abenteuerliche Emigrationsgeschichte des nach Argentinien reisenden Vosco eingeweiht, auch der Leser taucht in einen Erz\u00e4hlfluss ein, in dem er zu ertrinken droht, wenn ihn nicht der Erz\u00e4hler an die Hand nehmen w\u00fcrde. Denn was sich auf den folgenden dreihundert Seiten abspielt, ist die Suche nach einer verloren gegangenen Zeit, die Entdeckung der Lebensgeschichte des angeblich ber\u00fchmten Architekten Alexandre Vosco und dessen Freund Wladimir Grawe. Und je l\u00e4nger er \u00fcber die Vergangenheit der beiden Figuren nachdenkt, desto markanter zeichnen sich die Konturen von Biografien ab, die rund f\u00fcnfzehn Jahre nach der ersten und letzten Begegnung mit Vosco ein Sujet hervorbringt, das die Grundlage f\u00fcr die weitverzweigte Romanhandlung bildet. Der Erz\u00e4hler fragt nun nach der Beschaffenheit jenes Dampfschiffs, mit dem Vosco nach Buenos Aires gefahren ist, und er versetzt sich in die Vorstellungswelt von russischen Emigranten, die \u201eBescheid (wussten) \u00fcber F\u00fcnfjahrespl\u00e4ne, \u2026, Schauprozesse, \u2026 alle diese Ukoms und Kraikoms\u201c und dennoch nicht die \u201eunabl\u00e4ssige Angst und st\u00e4ndige Langeweile, \u2026 dieses Gef\u00fchl der eigenen Gemeinheit\u201c kannten, weil \u201cdie Kenntnis der Realit\u00e4t \u2026 nicht das Sich-Darin-befinden (ersetzt).\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In solchen Passagen verdichtet sich die Erinnerung des Erz\u00e4hlers an die verflossene Zeit, und der Leser taucht gemeinsam mit seinem Erz\u00e4hler in eine Vergangenheit ein, die diesem jahrzehntelang verborgen war oder nur ausschnittweise enth\u00fcllt wurde. Umso intensiver sind die Recherchen f\u00fcr die (nachempfundenen) Reisen. Ausgestattet mit Papieren, Fotos, Notizb\u00fcchern und sogar Aufzeichnungen, die er angeblich am letzten Lebensort von Vosco in der Languedoc gefunden hat, gelingt es dem Ich-Erz\u00e4hler schlie\u00dflich, sich ganz \u201ekonkrete\u201c Vorstellungen von dessen Reise nach Argentinien im Jahr 1950 zu machen. Doch damit nicht genug! Er findet in den Aufzeichnungen von Vosco auch umfangreiche Notizen \u00fcber seinen Freund Wladimir Grewe, den das Schicksal w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs ins Baltikum verschl\u00e4gt, wo er durch die narrative Folie von Vosco hindurch die wechselhaften, schlimmen Erlebnisse in der Konfrontation mit den Nazis und den Bolschewiki so glaubhaft erz\u00e4hlt, dass der Leser ihm gleichsam blindlings folgt. Ein weltber\u00fchmter Architekt sei dieser Vosco gewesen, und wer die vielen Titel seiner B\u00fccher, Bildb\u00e4nde, Vortr\u00e4ge und Artikel nachlesen will, der sei auf die Seite 131 verwiesen. Der Erz\u00e4hler hat sie nach m\u00fchseliger Recherche in der Bayerischen Staatsbibliothek in M\u00fcnchen gefunden und breitet nun seine reichen Kenntnisse \u00fcber seine Romanfigur aus. Vosco habe sogar in den fr\u00fchen 1980er Jahren einer gewissen Mary Smith, einer naiven links-intellektuellen Journalistin, ein Interview gegeben. Mehr noch: der Erz\u00e4hler beschreibt zahlreiche Jugendfotos seines Protagonisten und dessen Verwandten im Detail, denkt sich Alexandres ersten Liebesabenteuer aus, zitiert zwischendurch beinahe vergessene franz\u00f6sische Dichter, berichtet \u00fcber die Gr\u00fcndung einer Fondation Aleksandre Vosco \u2013 und der Leser folgt verz\u00fcckt ob solcher pr\u00e4ziser Phantasien einem Erz\u00e4hlstrom, in dem wesentliche Phasen der Kulturgeschichte Europas zwischen Moskau und Paris in wechselnden perspektivischen Einstellungen pr\u00e4sentiert wird. Mithilfe dieser narrativen Strategien gelingt es Alexei Makushinsky, ausgestattet mit hohen stilistischen F\u00e4higkeiten, seinen fiktiven Figuren ein hohes Ma\u00df an Authentizit\u00e4t zu verleihen. Der in Moskau aufgewachsene Autor, seit Beginn der 1990er Jahre in Deutschland lebend, legt mit seinem ersten Roman in deutscher \u00dcbersetzung (die kongeniale \u00dcbersetzung der oft atemberaubenden Satzkaskaden von Annelore Nitschke ist besonders zu loben!) ein episches Werk vor, in dem die Suche nach der verlorenen Zeit ungew\u00f6hnlich neue Wege beschritten hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=50590&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Dampfschiff_Cover.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 163px) 100vw, 163px\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Dampfschiff_Cover.jpg 278w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Dampfschiff_Cover-184x300.jpg 184w\" alt=\"\" width=\"163\" height=\"266\" \/><\/a><strong>Dampfschiff nach Argentinien<\/strong>. Roman von Alexei Makushinsky. Aus dem Russischen von Annelore Nitschke. M\u00fcnchen (Carl Hanser Verlag) 2016<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der in Moskau aufgewachsene Autor Alexei Makushinsky, seit Beginn der 1990er Jahre in Deutschland lebend, legt mit seinem ersten Roman in deutscher \u00dcbersetzung ein episches Werk vor, in dem die Suche nach der verlorenen Zeit ungew\u00f6hnlich neue Wege beschritten&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/05\/18\/dampfschiff-nach-argentinien\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":88,"featured_media":98673,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2175,1158],"class_list":["post-50590","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-alexei-makushinsky","tag-wolfgang-schlott"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/50590","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/88"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=50590"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/50590\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":101367,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/50590\/revisions\/101367"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98673"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=50590"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=50590"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=50590"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}