{"id":50474,"date":"2024-07-25T00:01:43","date_gmt":"2024-07-24T22:01:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=50474"},"modified":"2022-02-22T19:26:50","modified_gmt":"2022-02-22T18:26:50","slug":"raeume-zeiten-erkenntnisse","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/07\/25\/raeume-zeiten-erkenntnisse\/","title":{"rendered":"R\u00e4ume, Zeiten, Erkenntnisse"},"content":{"rendered":"<div class=\"field field-name-title\"><\/div>\n<div class=\"field-name-body\">\n<p class=\"rtejustify\" style=\"text-align: justify;\">Wer vermutet, die geschlossenen Kirchen seien ein Szenenausschnitt aus einem rum\u00e4nischen Dokumentarfilm oder gar eine Metapher f\u00fcr eine konfessionslose Gesellschaft, wird verbl\u00fcfft feststellen, dass dieses Gedicht von Ana Blandiana nach einem Spaziergang durch die K\u00f6lner Innenstadt entstanden ist. Mit dem Verweis auf den Entstehungsort dieses Gedichtes verbindet die Herausgeberin und Mit-\u00dcbersetzerin der rund siebzig Gedichte, Katharina Kilzer, die Aussage, dass die renommierte, europaweit bekannte Lyrikerin und Prosaistin \u201esich als Zeuge der Welt (sieht), die sie bewohnt\u201c und ihre Poesie \u201eeine Folge von Visionen evoziert.\u201c (S. 192) Diese beiden elementaren Prinzipien, die Verbindung von Toponymen und vision\u00e4ren Metaphern, verwendet die Herausgeberin auch bei der aus drei Abschnitten bestehenden inhaltlichen Gliederung des mit zwei Grafiken von Elisabeth Ochsenfeld illustrierten Bandes: R\u00e4ume, Zeiten, Erkenntnisse. Die Titel der Gedichte aus dem raummetaphorischen Bereich verweisen auf H\u00fcgel, Fresken, Fachwerkbauten, Flussufer, den Turm von Joyce, den Nordbahnhof von Bukarest, aber auch auf Einsamkeit, eine Gr\u00fcne Ikone, Transparenz und Balanceakte \u201ezwischen Leben und Tod\u201c. Es ist bewunderungswert, wie das lyrische Ich in Ana Blandianas Poemen zwischen vertrauten heimatlichen Gefilden und erinnerungsw\u00fcrdigen Topoi europ\u00e4ischer Landschaften pendelt und ihre deutschsprachigen Vermittler Horst Samson\u00a0und Katharina Kilzer\u00a0wie auch Maria Herlo\u00a0diesen frei-rhythmisierten Versen eine kon-authentische Gestalt verleihen.<\/p>\n<p class=\"rtejustify\" style=\"text-align: justify;\">Im Abschnitt mit der \u00dcberschrift \u201aZeiten\u2018 h\u00e4ufen sich die poetisch hoch aufgeladenen tempor\u00e4ren Metaphern. Da ist es \u201edie <em>Sanduhr<\/em>,\/ in welcher der Sand \/ h\u00e4ngen blieb\u201c und der Traum, in dem der Stillstand der Zeit abl\u00e4uft und dann stehenbleibt \u201eauf dem Weg in den Tod\u201c, und \u201edem Tod (\u00e4hnelt)\u201c; da z\u00e4hlt im Gedicht <em>Facebook <\/em>nur noch der \u201eRhythmus des Deliriums; \/ das hechelnd versucht wiederzukehren, \/ aber angeschoben wird von hinten \/ von anderen Nachrichten, \/ den hysterischen,\/ je sinnloser \/ umso hastiger.\u201c Und in der 15 Zeilen umfassenden poetischen Reflexion <em>Linie<\/em>(vgl. S. 107) beklagt sich ein lyrisches Ich \u00fcber die Verschwendung von Zeit:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">\u201eWie ich mit Sekunden um mich warf, mit Minuten, \/ mit Stunden, Tagen, Wochen, Jahren! \/ Die Passanten dr\u00e4ngelten sich, sie in der Luft zu fangen, \/ sie konnten es gar nicht glauben \u2026 \u201e<\/p>\n<p class=\"rtejustify\" style=\"text-align: justify;\">Schlie\u00dflich verwischt dieses verschwenderische Ich \u201edie Linie, die \/ das Erhabene vom \/ L\u00e4cherlichen trennt \/und lie\u00df das eine in das andere flie\u00dfen \/ Wie Galle sich manchmal ins Blut ergie\u00dft \u2026\u201c<\/p>\n<p class=\"rtejustify\" style=\"text-align: justify;\">Und die Erkenntnisse im dritten Teil des Gedichtbandes, in dem die Herausgeberin an 28 ausgew\u00e4hlten Gedichten den Versuch unternimmt, Ana Blandianas vielschichtiges Weltmodell zu erl\u00e4utern? Auff\u00e4llig sind in dem einleitenden Gedicht <em>Wie schwer es ist, zu streicheln <\/em>(vgl. S. 135) die Verbindungslinien zwischen der visuellen, taktilen und auditiven Wahrnehmung eines Engels, der stets zur\u00fcckweicht, wenn ihn jemand streicheln will:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">\u201eWie nahe auch immer, er meidet die Ber\u00fchrung \/ aus Angst, du k\u00f6nntest ihn fangen. \/ Er dreht sich, kehrt zur\u00fcck, flattert kaum h\u00f6rbar, \/ es ist der einzige Laut, den er hervorbringen kann. \/ Sie, die Engel, k\u00f6nnen nicht sprechen.\u201c<\/p>\n<p class=\"rtejustify\" style=\"text-align: justify;\">Und wie gelingt es einem autokommunikativen Ich in der Projektion eines Du die m\u00fchevolle Verbindung zu dem Engel herzustellen? Im Alltagsbewusstsein \u00fcberhaupt nicht, denn, so Blandiana, \u201evon allen Sinnen bleibt nur der f\u00fchlbare Traum, \/ einen Engel an den Fl\u00fcgeln zu streicheln, ohne ihn zu erschrecken.\u201c<\/p>\n<p class=\"rtejustify\" style=\"text-align: justify;\">Es w\u00e4re sicherlich vermessen, auf der Grundlage dieser z\u00e4rtlichen Ann\u00e4herung an ein \u00fcberirdisches Wesen ein christlich-orthodoxes Glaubensbekenntnis entschl\u00fcsseln zu wollen. Vielmehr lassen sich aus vielen lakonisch zugespitzten Aussagen von Blandiana pantheistische, naturmythologische, humanistische Aussagen entschl\u00fcsseln. So bekennt sich Ana Blandiana in einem ihrer fr\u00fchen Gedichtb\u00e4nde (<em>Das dritte Sakrament<\/em>aus dem Jahr 1969) in <em>Der Fall<\/em>(vgl. S. 173) zur Relevanz physikalischer Naturgesetze, denen Propheten ebenso wie Engel unterliegen:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">\u201eDie Propheten sind in der W\u00fcste erloschen\/ und Engel mit h\u00e4ngenden Fl\u00fcgeln \/ in Kolonnen aufgereiht \/ und auf M\u00e4rkten zusammengetrieben, \/ wo bald \u00fcber sie gerichtet wird.\u201c<\/p>\n<p class=\"rtejustify\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0Und weshalb sollen sie angeklagt werden? Wen sollen sie betrogen haben? Ein kollektives Ich spricht sie von jeglicher Verfehlung frei:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">\u201eSie werden uns mit letzter Liebe \/ ganz schl\u00e4frig anschauen \/ und nicht den teuflischen Mut finden, \/ zu offenbaren, dass Engel nicht fallen \/ nicht aus S\u00fcnde, nicht aus S\u00fcnde, \/ sondern vor M\u00fcdigkeit.\u201c<\/p>\n<p class=\"rtejustify\" style=\"text-align: justify;\">Ana Blandiana, als Otilia Coman in der Familie des orthodoxen Priesters Georghe Coman und Valeria Deacu in Timi\u015foara und Oradea in den 1940 er Jahren aufgewachsen, wurde fr\u00fch mit der Willk\u00fcr des kommunistischen Regimes aufgrund der Verhaftung ihres Vaters und dessen langj\u00e4hrigem Gef\u00e4ngnisaufenthalt konfrontiert. Als Tochter eines \u201eVolksfeindes\u201c wurde sie, wie die Herausgeberin anmerkt, nicht zum Studium zugelassen. Erst in den sp\u00e4ten 1960er Jahren gelang es ihr, ein Studium der Philologie an der Universit\u00e4t Klausenburg \/ Cluj) abzuschlie\u00dfen. Unter ihrem Pseudonym Blandiana folgten erste Gedichtver\u00f6ffentlichungen und mehr als ein Dutzend Lyrik-Publikationen neben einer Reihe von Prosa-B\u00e4nden bis in die j\u00fcngste Gegenwart. Zahlreiche Titel wurden vom Ceau\u015fescu-Regime verboten. Blandiana war vor allem in den 1980er Jahren das Sprachrohr von Studenten und regimekritischen B\u00fcrgern geworden. Ihr 1984 in der Zeitschrift <em>Amfiteatru\u00a0<\/em>publiziertes Gedicht <em>Ich glaube<\/em>, fand mit den Versen \u201e<em>Ich glaube, wir sind ein Volk von Pflanzen \/ Woher k\u00e4me sonst die Ruhe, \/ Mit der wir auf unsere Entlaubung warten\u201c<\/em>(\u00dcbers. Horst Samson), ein breites Echo in der rum\u00e4nischen Gesellschaft vor der Revolution von 1989. Mit diesem nun vorliegenden Paperback Band, in dem Texte aus verschiedenen Gedichtb\u00e4nden ausgew\u00e4hlt wurden, ist der Herausgeberin, gemeinsam mit ihren \u00dcbersetzer\/innen, eine \u00fcberzeugende Pr\u00e4sentation eines lyrischen Werkes von europ\u00e4ischem Ma\u00dfstab gelungen. Ein einf\u00fchlsames Nachwort, Quellenhinweise und biobibliografische Angaben komplettieren die Publikation mit dem Foto von Ana Blandiana auf dem Cover.<\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"field field-name-social-media-links\">\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"field field-name-buchdaten\">\n<div class=\"view view-buchdaten view-id-buchdaten view-display-id-block view-dom-id-14512c1ccc38281b87b3231dc959a9c1\">\n<div class=\"view-content\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><span class=\"views-field views-field-field-buch-medium-autor\"><span class=\"field-content\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/geschlossene-kirchen_9783863561857_295.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-50478\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/geschlossene-kirchen_9783863561857_295.jpg\" alt=\"\" width=\"294\" height=\"421\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/geschlossene-kirchen_9783863561857_295.jpg 294w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/geschlossene-kirchen_9783863561857_295-210x300.jpg 210w\" sizes=\"auto, (max-width: 294px) 100vw, 294px\" \/><\/a><strong>Geschlossene Kirchen<\/strong> \/ Biserici \u00eenchise \/ Gedichte \/ Deutsch-Rum\u00e4nisch, Ana Blandiana<\/span><\/span>\u00b7 <span class=\"views-field views-field-field-buch-medium-herausgeber\"><span class=\"field-content\">Katharina Kilzer (Hg.)\u00a0\u00dcbersetzungen aus dem Rum\u00e4nischen von Maria Herlo, Katharina Kilzer und Horst Samson. <\/span><\/span>POP Verlag 2018<\/p>\n<p><b>Weiterf\u00fchrend <\/b><b>\u2192<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Poesie ist ein identit\u00e4tsstiftende Element unsrer Kultur, lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologische Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer vermutet, die geschlossenen Kirchen seien ein Szenenausschnitt aus einem rum\u00e4nischen Dokumentarfilm oder gar eine Metapher f\u00fcr eine konfessionslose Gesellschaft, wird verbl\u00fcfft feststellen, dass dieses Gedicht von Ana Blandiana nach einem Spaziergang durch die K\u00f6lner Innenstadt entstanden ist. 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