{"id":50450,"date":"2018-11-15T00:01:00","date_gmt":"2018-11-14T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=50450"},"modified":"2022-03-05T13:50:11","modified_gmt":"2022-03-05T12:50:11","slug":"die-romantische-idee-des-gesamtkunstwerks","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/11\/15\/die-romantische-idee-des-gesamtkunstwerks\/","title":{"rendered":"Die romantische Idee des Gesamtkunstwerks"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit diesen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12899\"><em>Vignetten<\/em><\/a> definiert A.J. Weigoni eine Literaturgattung neu. Er praktiziert damit mehr als Schreiben, denn diese Novelle ist ein Sich-Einschreiben in die Welt, demzufolge eine Schreibe, die spricht und eine Spreche, die schreibt. Dieser Romancier verdichtet die sinnliche Wahrnehmung seiner Figuren. Denkprozesse kommen bei den Hauptfiguren Nataly und Max in Gang, die weit in die Zeit zur\u00fcckreichen, Landschaften, die sich Vignette f\u00fcr Vignette f\u00fcllen; erst kommen die Gegenst\u00e4nde, dann die Farben, die Jahreszeit&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und letztendlich setzt sich, wie bereits von Weigoni und Meilchen in 2005 geplant, (in diesem Buch \/ Katalog-Projekt, in dem die Arbeiten von Peter Meilchen mit Hilfe von Leonard Billleke sinnf\u00e4llig einverleibt wurden) aus den Einzelteilen mit Hilfe des Lesers \/ Betrachters eine konkrete Novelle zusammen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigoni stattet die Figur des Max mit selbstgewisser Bonhommie aus. F\u00fcr diese Hauptfigur ist Reflexivit\u00e4t immer Katastrophenanalyse, die in der Erfahrung gr\u00fcndet, dass das Schockerlebnis zur Norm geworden ist. Die Begegnung von Nataly und Max ger\u00e4t zur Charakterstudie zweier Menschen, die dar\u00fcber verzweifeln, dass sie den Sinn ihres Lebens vielleicht noch nicht ganz vergessen haben. Inventur des Lebens, das Leben als Inventur, darum dreht es sich in dieser Novelle. F\u00fcr Weigoni ist das Konzept der Leere, die Spannung zwischen Form- und Formlosigkeit, Materiellem und Immateriellem von existientieller Bedeutung. Er belauscht das Sprechen und setzt damit den Spuren der Schrift nach. Seine Charaktere sind einsilbige Menschen, zur\u00fcckhaltende Betrachter, mit einer unersch\u00f6pflichen Gier nach den m\u00e4andernden L\u00e4uften des Lebens. Anwesenheit und Abwesenheit, Erscheinen und Verschwinden, das Unbegreifbare und Unfassbare bestimmen die Lesart der Vignetten, denn das Objekt der Begierde zeigt sich nur bruchst\u00fcckhaft. Nataly und Max empfinden sich als Fremdk\u00f6rper im eigenen Leben. Je leerer ihre Gesten scheinen, umso sch\u00f6ner wirken sie. So demonstriert Nataly ihre L\u00e4ssigkeit mit unglaublicher Eleganz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12899\"><em>Vignetten<\/em><\/a> l\u00e4sst Weigoni die Grenzerfahrungen der Einsamkeit und des Todes anklingen, wo er sie zugleich als Fahrt an die terrestrischen Grenzen des Bekannten gestaltet und im Innern einer Pyramide ihren Kipppunkt findet. Aufgew\u00fchlte Innenwelt und elementare Au\u00dfenwelt fallen hier zusammen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und ganz beil\u00e4ufig liefert der Romancier au\u00dferdem eine freundschaftliche Hommage an die bildenden K\u00fcnstler J\u00fcrgen Diehl und Peter Meilchen und spielt auf den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14735\"><em>Angelus Novus<\/em><\/a> an, den Walter Benjamin zu seiner Definition zum &#8222;Engel der Geschichte&#8220; inspirierte. Gemessen an dem Klee-Diktum, das die Kunst nicht das Sichtbare zeigen, sondern sichtbar machen muss, sind die grundverschiedenen K\u00fcnstler so etwas wie Br\u00fcder im Geiste. Es geht nicht nur um die Verg\u00e4nglichkeit und Vergeblichkeit der Literatur, sondern &#8211; bei aller Lebenslust, die dieser Romancier ausstrahlt &#8211; auch immer wieder um den Tod &#8211; und um das Nichts, die Leere und die Entmaterialisierung. Das liminale Reich zwischen Tod und Leben ist das heimliche Kernthema dieser Novelle. Das Abenteuer von Nataly und Max entspringt der Imagination und kann Literatur werden. Hier geschieht ein <em>Eingedenken<\/em> im Sinne Benjamins, das gerade das immer schon Verlorene noch zu retten versucht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie Sie dem beiliegenden H\u00f6rbuch entnehmen, liegt dem Projekt <em>630<\/em> die romantische Idee des Gesamtkunstwerks zugrunde. 1849 taucht diese Idee in Richard Wagners <em>Die Kunst und die Revolution<\/em> auf. Der Komponist bezeichnet bezeichnete die attische Trag\u00f6die als das \u201egro\u00dfe Gesamtkunstwerk\u201c und weitete die Bedeutung des Begriffes aus. In seiner Konzeption eines integralen, verschiedene K\u00fcnste umfassenden Kunstwerks, die er detailliert in seinem umfangreichen Buch <em>Oper und Drama<\/em> beschrieb, ordnete Wagner die einzelnen \u201eSchwesterk\u00fcnste\u201c einem gemeinsamen Zweck, dem Drama, unter. Die zunehmende Arbeitsteilung der Spartentrennung und die egoistische Vereinzelung in der Gesellschaft sollten aus seiner Sicht aufgehoben werden. Auch Meilchen, T\u00e4ger und Weigoni gehen von der \u00dcberzeugung aus, dass sich die K\u00fcnste auf einem Irrweg befinden, wenn man eine Sparte absolut setzt und ihr alle anderen Elemente unterordnet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um zu orten, wo ein Werk spielt, muss der Betrachter den Handlungsort identifizieren. Diese K\u00fcnstler besitzen eine ausgepr\u00e4gte Sensibilit\u00e4t f\u00fcr verwundete und bedrohte Landschaften, seien es k\u00f6rperliche oder seelische, mentale oder geographische. In <em>630<\/em> gestalten sie eigene R\u00e4ume und literarische Traumpfade, deren Plastizit\u00e4t nicht davon abh\u00e4ngen, ob es sie so wirklich gibt. Wo ein Bezug zum Rhein oder zum Nil m\u00f6glich ist, stellen sie die Betrachter in diesen <em>Vertiefungsraum<\/em> selbst her, weil sie die Tiefenschichten der Gegenwart durch diese Art von Literaturgeografie mittels Poesie reale R\u00e4ume diesseits des Rheins und jenseits des Nils neu erfahren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>630<\/strong>, Buch \/ Katalog-Projekt von Peter Meilchen, Tom T\u00e4ger und A.J. Weigoni. Edition Das Labor, Bad M\u00fclheim 2018.<\/p>\n<div style=\"width: 276px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=46549&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Covermotiv.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 266px) 100vw, 266px\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Covermotiv.jpg 2481w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Covermotiv-300x140.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Covermotiv-768x358.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Covermotiv-1024x478.jpg 1024w\" alt=\"\" width=\"266\" height=\"124\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Covermotiv von Krumscheid \/ Meilchen<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bisher sind in der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=208\">Edition Das Labor<\/a> DVDs, ein H\u00f6rbuch und ein Roman von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Peter_Meilchen\">Peter Meilchen<\/a> erschienen. Im Jahr 2014 erinnerte der Kunstverein in Linz mit einer Ausstellung an den K\u00fcnstler, in der erstmals die Reihe <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29340\"><em>Fr\u00fchlingel<\/em><\/a> vorgestellt wurde. Zu diesem Anlass erschien mit der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26382\"><em>Wortspielhalle<\/em><\/a> eine Publikation, die als <em>Role Model<\/em> f\u00fcr dieses Buch \/ Katalog-Projekt dient, das zum 10. Todestag erscheint. Das Buch \/ Katalog-Projekt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=1087\"><em>630<\/em><\/a> gibt einen konzisen \u00dcberblick \u00fcber die k\u00fcnstlerische Arbeit von Peter Meilchen in Linz und in der Werkstattgalerie Der Bogen.<\/p>\n<h5>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Constanze Schmidt zur <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/11\/18\/wellenbewegungen\/\">Novelle<\/a> und zum <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/\">Label<\/a>. KUNO \u00fcbernimmt einen Artikel der <a href=\"http:\/\/www.lyrikwelt.de\/rezensionen\/vignetten-r.htm\">Lyrikwelt<\/a> und aus dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/09\/lachfalten-im-gesicht-der-zeit\/\">Poetenladen<\/a>. Betty Davis konstatiert <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/06\/18\/ein-fein-gesponnenes-psychogramm\/\">Ein fein gesponnenes Psychogramm<\/a>. \u00dcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/12\/18\/novelle_revisited\/\">Reanimierung<\/a> der Gattung Novelle und die Weiterentwicklung zum Buch \/ Katalog-Projekt <em>630<\/em> finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=46549\">hier<\/a> einen Essay. Einen Essay zur Ausstellung <em>50 Jahre Krumscheid \/ Meilchen<\/em> lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21518\">hier<\/a>. Mit einer <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/hungertuch\/taeger2001.htm\">Laudatio<\/a> wurde der Hungertuch-Preistr\u00e4ger Tom T\u00e4ger und seine Arbeit im Tonstudio an der Ruhr gew\u00fcrdigt. Eine W\u00fcrdigung des Lebenswerks von Peter Meilchen findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12763\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Mit diesen Vignetten definiert A.J. Weigoni eine Literaturgattung neu. Er praktiziert damit mehr als Schreiben, denn diese Novelle ist ein Sich-Einschreiben in die Welt, demzufolge eine Schreibe, die spricht und eine Spreche, die schreibt. 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