{"id":50228,"date":"2020-06-09T00:01:55","date_gmt":"2020-06-08T22:01:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=50228"},"modified":"2022-03-01T11:47:32","modified_gmt":"2022-03-01T10:47:32","slug":"prager-tagebuch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/06\/09\/prager-tagebuch\/","title":{"rendered":"Ein Prager Tagebuch"},"content":{"rendered":"<div class=\"field-name-body\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer einen l\u00e4ngeren Aufenthalt in der Goldenen Stadt an der Moldau plant, wer diesen Studienaufenthalt mit einem Arbeitsstipendium verbinden kann, wer seine schwebenden Erinnerungen an fr\u00fchere kurzweilige Besuche in Prag noch einmal auffrischen will, der greift nach einschl\u00e4gigen St\u00e4dtef\u00fchrern, fixiert die wichtigsten Stra\u00dfen und Geb\u00e4ude in und um Prag bei google maps und macht sich auf die Reise.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Inge Buck, Kulturwissenschaftlerin, renommierte Lyrikerin und H\u00f6rfunk-Redakteurin, hat ihr im Bremer Sujet-Verlag publiziertes Prager Tagebuch nach diesem sachlogischen Schema gestaltet. Abschnitt 1 ist den Reisevorbereitungen gewidmet, mit denen sie die Monate Juli und August 2017 verbringt, bis sie am 22. August abgeschlossen sind: Auf ihren tschechischen Kronen-Scheinen, die sie bei einer Bremer Bank gegen 300 Euros eingetauscht hat, entdeckt sie die Portr\u00e4ts von Franti\u0161ek Palack\u00fd, Bo\u017eena N\u011bmcov\u00e1, Johann Amos Comeniusund von Kaiser Karl IV, deren historiografische, literarische, kulturphilosophische und staatsm\u00e4nnische Verdienste f\u00fcr ihre tschechische Nation und Europa sie ausf\u00fchrlich kommentiert. Diese Tagebuchaufzeichnungen m\u00fcnden in ein Gedicht, in dem nicht nur wesentliche visuelle Merkmale von Prag \u201eDu Bilderreiche\/ aus Tschechischen Kronen\u201c benannt werden, sondern auch symbolische Markenzeichen der Stadt wie Veitsdom, Karlsbr\u00fccke, Adler, B\u00f6hmischer L\u00f6we als Leitlinien f\u00fcr die Ann\u00e4herung an das Reiseziel auftauchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch die Reise selbst \u00fcber Hamburg und von dort \u201emit der \u010cesk\u00e9 drah\u00fd\u201c nach Praha, wie die Tagebuch-Autorin stolz ihre ersten elementaren tschechischen Wortf\u00fcgungen notiert, ist der Gegenstand von minuti\u00f6sen, protokollarischen Hinweisen auf auff\u00e4llige Naturr\u00e4ume l\u00e4ngs der Eisenbahntrasse, von Begegnungen mit dem freundlichen tschechischen Zugpersonal und ihren deutschen Reisebegleitern. Die ersten Tage im September, gleich nach ihrer Ankunft in der Stipendiaten-Wohnung des Prager Literaturhauses an der Masarykovo n\u00e1b\u0159e\u017e\u00ed mit dem Blick auf die Br\u00fcckenbogen der Jir\u00e1sk\u016fv most, sind Eindr\u00fccken gezollt, die auf die Tagebuch-Autorin einstr\u00f6men. Die Konturen von Br\u00fccken \u00fcber die Moldau tauchen auf, Museumsbesuche, darunter auch das Franz-Kafka-Museum, verdichten sich zu Wahrnehmungen, die den gew\u00f6hnlichen touristischen Blick transzendieren, Metrostationen vermitteln Bilder vom Alltag in Prag. Doch Inge Buck begn\u00fcgt sich nicht mit Spazierg\u00e4ngen durch die Innenstadt rund um den ber\u00fchmten Wenzelsplatz. Sie besorgt sich im Informationszentrum der \u00f6ffentlichen Verkehrsbetriebe einen Seniorenausweis f\u00fcr die kostenlose Nutzung von Bussen, Stra\u00dfenbahnen und der U-Bahn, um auch in die weit verzweigten Au\u00dfenbezirke der Stadt zu gelangen. Am 12. September besucht sie die Gedenkst\u00e4tte Lidice-Pam\u00e1tnikin der N\u00e4he von Kladno, rund 25 km nordwestlich von Prag. Dort hatte eine Polizeieinheit auf Befehl der SS-F\u00fchrung in Prag in den Abendstunden des 9. Juni 1942 die rund 500 Bewohner des Dorfes Lidice zusammengetrieben, am folgenden Tag 200 M\u00e4nner erschossen, die Frauen auf Lastwagen abtransportiert und sp\u00e4ter nach Auschwitz verbracht, auch die Spur der Kinder verliert sich in den Gas\u00f6fen der deutschen Vernichtungsdiktatur. \u201e\u00dcber der sanften H\u00fcgellandschaft, wo einst das Dorf stand, Stille. Nichts ist mehr zu sehen\u201c, notiert die Tagebuch-Autorin in unfassbarer Trauer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die folgenden Tage sind in Prag Besuchen auf Friedh\u00f6fen (leider findet der J\u00fcdische Friedhof nur in einem Gedicht \u201eWas suche ich in der Stadt \/ \u2026 \/ auf dem Friedhof \/ mit den eingesunkenen Steinen\u201c (S. 49) eine indirekte W\u00fcrdigung), der Beschreibung ihrer Schriftsteller-Wohnung an Masarykovo n\u00e1b\u0159e\u017e\u00ed, einem eindrucksvollen Konzertabend in der romanischen St. Georgs Basilika und der stimmungsvollen Schilderung der sp\u00e4tbarocken Innenr\u00e4ume der Nikolaus-Kirche auf der Prager Kleinseite. Den Abschluss bildet ihr Bericht \u00fcber die Veranstaltung des Prager Literaturhauses auf dem Freigel\u00e4nde im Stadtteil \u017di\u017ekov. Dort liest sie vor einem Caf\u00e9 im Umkreis von tschechischen, \u00f6sterreichischen und deutschen Autorinnen, begleitet von \u00dcbersetzerinnen, vor einem aufmerksamen Publikum und lauscht der tschechischen \u00dcbersetzung ihrer Prosatexte, die von Ivana My\u0161kov\u00e1 \u00fcbertragen und der Literaturwissenschaftlerin Jitka Ne\u0161porov\u00e1im Gespr\u00e4ch mit der deutschen Schriftstellerin kommentiert werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Prager Tagebuch III beginnt mit einer \u00dcberraschung: drei Gedichte \u00fcber das ostb\u00f6hmische Olm\u00fctz, Wien I und II und die R\u00fcckfahrt. Hier h\u00e4tten sich aufmerksame Leserinnen und Leser vielleicht noch einen verkl\u00e4renden (oder auch n\u00fcchternen) Blick auf die Moldau-Metropole gew\u00fcnscht, die in ihrer architektonischen Verdichtung \u00fcber Jahrhundert ihre einzigartigen Konturen bewahrt hat. Vor dieser \u00e4sthetischen und visuellen Einwirkung haben sich die bildhauerischen Pinselzeichnungen von Gunther Gerlach gescheut. Zwischen den schwarzen Konturen seiner fliegenden V\u00f6gel auf dem Buchumschlag und den frei assoziierten architektonischen Umrissen auf der Seite 69 ist viel Platz f\u00fcr phantasiegeladene Zwischenr\u00e4ume gelassen worden, wie auch in den Tagebuchaufzeichnungen von Inge Buck, die einen vorsichtigen, wohltemperierten Umgang mit Urbanit\u00e4t und Geschichte verzeichnen. Sie legen ein \u00fcberzeugendes Zeugnis f\u00fcr die langj\u00e4hrigen literarischen Beziehungen zwischen Bremen und Prag ab, die Porta Bohemica e.V. Bremen, gef\u00f6rdert von Vera und Uwe Harms, das Literaturhaus Prag und nicht zuletzt Magdal\u00e9na St\u00e1rkov\u00e1, die \u00dcbersetzerin der Gedichte von Inge Buck ins Tschechische, mit Leben erf\u00fcllen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=50228&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Prager-Tagebuch.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 196px) 100vw, 196px\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Prager-Tagebuch.jpg 956w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Prager-Tagebuch-221x300.jpg 221w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Prager-Tagebuch-768x1043.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Prager-Tagebuch-754x1024.jpg 754w\" alt=\"\" width=\"196\" height=\"266\" \/><\/a><\/p>\n<div class=\"views-field views-field-title\" style=\"text-align: justify;\"><span class=\"field-content\"><strong>Prager Tagebuch<\/strong>.\u00a0<\/span>Lyrik-Prosa von\u00a0<span class=\"views-field views-field-field-buch-medium-autor\"><span class=\"field-content\">Inge Buck.\u00a0<\/span><\/span>Pinselzeichnungen: Gunther Gerlach.\u00a0Sujet Verlag,\u00a0<span class=\"views-field views-field-field-buch-medium-jahr\"><span class=\"field-content\">2018<\/span><\/span><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Wer einen l\u00e4ngeren Aufenthalt in der Goldenen Stadt an der Moldau plant, wer diesen Studienaufenthalt mit einem Arbeitsstipendium verbinden kann, wer seine schwebenden Erinnerungen an fr\u00fchere kurzweilige Besuche in Prag noch einmal auffrischen will, der greift nach einschl\u00e4gigen St\u00e4dtef\u00fchrern,&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/06\/09\/prager-tagebuch\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":88,"featured_media":98673,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2165,1158],"class_list":["post-50228","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-inge-buck","tag-wolfgang-schlott"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/50228","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/88"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=50228"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/50228\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":101366,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/50228\/revisions\/101366"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98673"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=50228"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=50228"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=50228"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}