{"id":50223,"date":"2019-12-20T00:01:44","date_gmt":"2019-12-19T23:01:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=50223"},"modified":"2022-02-19T14:17:59","modified_gmt":"2022-02-19T13:17:59","slug":"zischender-zustand-%c2%b7-mayroecker-time","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/12\/20\/zischender-zustand-%c2%b7-mayroecker-time\/","title":{"rendered":"Zischender Zustand \u00b7 Mayr\u00f6cker Time"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><i>Ja, ich f\u00fchle mich nur am Leben, wenn ich schreibe. Seit ich 15 bin, explodiert es jeden Tag in mir. Mein Kopf ist so voll, und alles muss raus, ich kann nicht anders<\/i>.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So oder \u00e4hnlich hat Friederike Mayr\u00f6cker sich immer wieder in Unterhaltungen mit Freunden, Kollegen, Redakteuren und anderen Zeitgenossen ge\u00e4u\u00dfert. Das per se nicht anzuzweifelnde Statement wird zus\u00e4tzlich \u203abeglaubigt\u2039 durch das F\u00fcllhorn publizierter B\u00fccher : Die 1924 geborene, in Wien lebende Schrift\u00adstellerin hat hundert und mehr Lyrik-, Prosa-, H\u00f6rspieltitel ver\u00f6ffent\u00adlicht und dabei Gedichte und Pro\u00ebmegeschrieben, die wortw\u00e4hrend an Dynamik, Komplexit\u00e4t, Lebendigkeit, Magie, Origi\u00adnalit\u00e4t, Verve gewonnen haben und sich wie selbst\u00adverst\u00e4ndlich auf dem Hochplateau globaler Dichtkunst behaupten.Nach 2000 erscheint in rascher Folge Buch um Buch, und das n\u00e4chste ist bereits \u2013 f\u00fcr 2018 \u2013 angek\u00fcndigt. Schon 1979 tut Ernst Jandl einen Ausspruch, der sich heute, wir schreiben derweil das Jahr 2017, als geradezu vision\u00e4r erweist :<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>W\u00e4hrend wir nun fast ein Vierteljahrhundert Hand in Hand dahinschreiten (wobei nicht verschwiegen werden soll, da\u00df sie mich zuweilen wie einen ungezogenen Jungen hinter sich herschleppen mu\u00df), ist ihre Kraft und Zuversicht gewachsen, und ihre Dichtung hat [&#8230;] eine meinen Hals ausrenkende H\u00f6he erreicht, die so sehr weiter zu steigern ihre Absicht ist, da\u00df sie das Alter von 150 zu erreichen proklamiert hat.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oder sollte das doch tollk\u00fchne Schw\u00e4rmerei des offenbar immer noch Hals \u00fcber Kopf verliebten Lebensgef\u00e4hrten gewesen sein? Von wegen! Ob <i>mein Herz, mein Zimmer, mein Name<\/i>von 1988 oder <i>br\u00fctt oder Die seufzenden G\u00e4rten<\/i>von 1998, ob <i>dieses J\u00e4ckchen (n\u00e4mlich) des Vogel Greif<\/i>von 2009 oder die 2013, 2014 und 2016 erschienene Trilogie <i>\u00e9tudes<\/i>\u00b7 <i>cahier<\/i>\u00b7 <i>fleurs<\/i>: Ein Wurf jagt den n\u00e4chsten. Mir geht es beim Lesen dieser B\u00fccher, <i>was f\u00fcr 1 Wahnsinn und Wahnwitz und Irrwitz<\/i>, (sowie den rund f\u00fcnfzig weiteren, die ich seit 1991 gelesen habe, als ich mit <i>Wintergl\u00fcck<\/i>erstmals die hohe Sprachkunst der Friederike Mayr\u00f6cker erlebe) wie Franz Schuh, der 1999 notiert :<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dem Ma\u00dfe, in dem das Schreiben f\u00fcr Mayr\u00f6cker eine Sucht ist, erzeugen ihre Schriften einen berauschenden Sog. Wer seine f\u00fcnf Sinne zusammenhalten will, kann diese Schriften hassen [&#8230;]. Ich finde in ihnen ein sch\u00f6nes Gleichgewicht von Einfach\u00adheit und Verr\u00fcckt\u00adheit. \u203aVerr\u00fcckt\u00adheit\u2039 meint die Erl\u00f6sung vom Normalsinn durch die Mesalliancen der poetischen Freiheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach 2000 nimmt die Zahl der B\u00fccher, die ich mir von Friederike Mayr\u00f6cker zu Gebl\u00fcte f\u00fchre, t\u00fcchtig zu, bis ich eines Tages Bensch und Kraus gegen\u00fcber einge\u00adstehen mu\u00df, s\u00fcchtig nach dem Mayr\u00f6cker\u00adsound zu sein, und so kommt es, wie es kommen mu\u00df, zu ersten feinen Explo\u00adsionen: Fasziniert von der Wortbild\u00adzwie\u00adsprache in <i>ich bin in der Anstalt<\/i>\u00b7 <i>Fusznoten zu einem unge\u00adschriebenen Werk<\/i>, beginne ich im August 2010 (plan- und vorsatz\u00adlos) den einen oder anderen Gedanken\u00adsplitter zum Gelesenen zu notieren, montiere auf diese zun\u00e4chst eher beil\u00e4ufige Art nach und nach den ersten Essay zum Werk Friederike Mayr\u00f6ckers nach 2000, f\u00fcr den ich als Titel das Mayr\u00f6cker\u00adzitat <i>Bettlerin des Wortes<\/i>w\u00e4hle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Folge verfertige ich weitere Essays und Gedichte, in denen die Lekt\u00fcre der nach 2000 geschriebenen Mayr\u00f6cker\u00adb\u00fccher sehr (oder weniger) un\/sicht\/bare Spuren hinterl\u00e4\u00dft. Diese sind zum gr\u00f6\u00dften Teil in den Literaturzeitschriften \u00bbFreibord\u00ab, \u00bbKritische Ausgabe\u00ab, \u00bbmanuskripte\u00ab, \u00bbMatrix\u00ab, \u00bbTri\u00ebdere\u00ab, in den Sammelb\u00e4nden \u00bbDem Meister des langen Atems \u00b7 Paulus B\u00f6hmer zu Ehren\u00ab, \u00bbFREUDEN\u00adALPHABET \u00b7 Eine Antho\u00adlogie kommuni\u00adzie\u00adrender Poesie\u00ab, \u00bbHAB DEN DER DIE DAS \u00b7 Friederike Mayr\u00f6cker zum 90. Geburtstag\u00ab, \u00bbVersnetze \u00b7 Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart\u00ab sowie den lite\u00adrarischen Online\u00adportalen \u00bbFixpoetry\u00ab, \u00bbKulturnotizen\u00ab und \u00bbPoetenladen\u00ab erschienen. Mit jedem neu ge\u00adschriebenen Text, jeder \u2013 insbesondere f\u00fcr dieses Buch ausgef\u00fchrten \u2013 Aktua\u00adlisierung, Erweiterung, \u00dcber\u00adarbeitung, Neufassung habe ich mehr und mehr erkannt, da\u00df die Essays und Gedichte zum einen als eigen\u00adst\u00e4ndige Elemente gelten, im Kern jedoch zusammenh\u00e4ngende Bausteine eines inter\u00adtextuell gepr\u00e4gten Gebildes sind,das mit dem Buch \u00bbZischender Zustand \u00b7 Mayr\u00f6cker Time\u00ab die ent:sprechende Form gefunden hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Zischender Zustand <sup>.<\/sup> Mayr\u00f6cker Time <\/strong>von Theo Breuer. Reihe Lesezeichen Band 1 &#8211; POP VERLAG, 2017<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=44855&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Cover.jpeg\" sizes=\"auto, (max-width: 186px) 100vw, 186px\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Cover.jpeg 529w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Cover-210x300.jpeg 210w\" alt=\"\" width=\"186\" height=\"266\" \/><\/a>Friederike Mayr\u00f6ckers Texte radikalisieren die Frage nach der Autorschaft. Sie suchen nicht nach einer Personalisierung, sondern f\u00fchren eine Bewegung in den Text ein, die den Ursprung der Rede \u00a0unbehaftet l\u00e4\u00dft. Bei ihr wird das Konzept der Herrschaft \u00fcber einen Text zugunsten einer un\u00fcberschaubaren \u2013 nur zeitweiligen \u2013 Perspektivierung aufgel\u00f6st. Mayr\u00f6ckers &#8222;Liebesspiel mit der Sprache&#8220; kennt keine logischen Grenzen, es sucht und findet &#8222;das z\u00e4rtliche Durchwachsensein grenz\u00fcberschreitender Honigkeiten&#8220;. Da\u00df diese sprachlich avancierte Lyrik eine starke Wirkung auch auf die j\u00fcngeren Autorengenerationen aus\u00fcbt, ist nicht verwunderlich. In sprachreflexiven Gedichten \u00f6sterreichischer und auch deutscher Lyriker (wie beispielsweise Thomas Kling und Sophie Reyer) ist ihr Einflu\u00df sp\u00fcrbar. In Mayr\u00f6ckers Texten ist Autorschaft keine in der Verkleidung einer Erz\u00e4hlung mit Figuren und deren Entwicklung verborgene Frage, sondern artikuliert sich in der Frage nach Herkunft, Status und Professionalit\u00e4t des Schreibens. Diese Befragung m\u00f6glicher Autorschaft wird von Theo Breuer in seinem <em>Gebrauchslesebuch<\/em> als Hyperautorschaft gelesen. Dieser\u00a0<em>Zischende Zustand<\/em> ist eine spektakul\u00e4re, hyperaktive Hommage, die zu explodieren scheint vor Einf\u00e4llen, Einsprengseln und Meta-Reflexionen und es doch immer wieder schafft, Inseln zum Verharren in den sprudelnden Textflu\u00df einzubauen. So elegant und witzig kann eine schreibende Selbstvergewisserung sein, und ebenso geistreich und anregend ist dieses journalistische Produkt. Die beim ersten Band in der Reihe LESEZEICHEN versammelten Texte sind literarische Kleinode und damit das Beste des Genres; kaum einer Reflexion gereicht das hohe Tempo, das typisch f\u00fcr das Feuilleton ist, zum Nachteil. Niemand wird an diesen essayistisch-poetischen Reflexen einer Mayr\u00f6ckerrezeption (und immer wieder dar\u00fcber hinaus) vorbeikommen \u2013 au\u00dfer Stan Libuda.<\/p>\n<h5>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf KUNO finden Sie auch den Rezensionsessay von Holger Benkel \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/12\/20\/wohnraeume-der-poesie\/\">Friederike Mayr\u00f6cker<\/a>. &#8211; Einen Essay \u00fcber das Tun von Theo Breuer lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12773\">hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ja, ich f\u00fchle mich nur am Leben, wenn ich schreibe. 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