{"id":50056,"date":"2018-08-06T00:01:49","date_gmt":"2018-08-05T22:01:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=50056"},"modified":"2022-02-18T20:42:31","modified_gmt":"2022-02-18T19:42:31","slug":"literarische-zeitdiagnostik-zum-werteverfall-der-gesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/08\/06\/literarische-zeitdiagnostik-zum-werteverfall-der-gesellschaft\/","title":{"rendered":"Literarische Zeitdiagnostik zum Werteverfall der Gesellschaft"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Vorbemerkung der Redaktion: <\/span>F\u00fcr das Projekt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/01\/18\/kollegengespraeche\/\">Kollegengespr\u00e4che<\/a> hat A.J. Weigoni einen Austausch zwischen Schriftstellern angeregt. Auf KUNO ist diese Reihe wieder aufgelebt. Zwei Romane sind der Anlass f\u00fcr ein Kollegengespr\u00e4ch von Ulrich Bergmann und A.J. Weigoni. Mannigfach sind die Bez\u00fcge, die &#8211; der vermeintlich kleine Roman &#8211; <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44177\"><em>Gionos L\u00e4cheln<\/em><\/a> von Bergmann spielerisch und oft auch sprachspielerisch er\u00f6ffnet:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Es ist ein Kurzroman zum Thema Tod, es geht um existenzialistische Probleme, um Jugendrausch, Rausch in der Jugend, Selbstbetrug, Drogen in geistigen Sinne, B\u00fccher, Musik, Liebe &#8230; Selbstfindung, selbst Verlust, Verlorenheit, Sinnsuche.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dichterische Sprache bleibt deutungsoffen, also weniger eindeutig, als uns Kritikaster suggerieren. Bei Weigonis <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=1355\"><em>Lokalhelden<\/em><\/a> muss man unweigerlich an Albert Camus denken, der sich als Existenzialist im Rheinland wahrscheinlich nicht fremd gef\u00fchlt h\u00e4tte, er hat den Aper\u00e7u gepr\u00e4gt:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Die Phantasie tr\u00f6stet die Menschen \u00fcber das hinweg, was sie nicht sein k\u00f6nnen &#8211; der Humor \u00fcber das, was sie sind.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und gerade im Rheinland sind Heimat und Humor Zwillinge. Die Poesie kommt dem Leser in diesen Romanen in den besten Momenten so vielschichtig vor, wie es eine freie Gesellschaft je sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<h4 style=\"text-align: right;\"><strong><span style=\"color: #999999;\"><span class=\"st\">&#8222;Als Luftver\u00e4nderung kann <em>Bonn<\/em> f\u00fcr Stunden Wunder wirken<wbr \/>.&#8220;<\/span><\/span><\/strong><\/h4>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Heinrich B\u00f6ll<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_50068\" style=\"width: 243px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/Weigoni.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-50068\" class=\"wp-image-50068 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/Weigoni.jpeg\" alt=\"\" width=\"233\" height=\"300\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-50068\" class=\"wp-caption-text\">Weigoni-Portr\u00e4t, Leonard Billeke.<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">A.J. Weigoni: Was man heutigentags mit dem unpr\u00e4zisen Sammelbegriff Migrant etikettiert, bezeichnete man fr\u00fcher als \u201eHeimatvertriebene\u201c. Was wir gemeinsam haben ist das Vertrieben-Sein. Die Familie meiner Mutter durfte auf der Flucht aus Ungarn mit ansehen, wie Dresden abgefackelt wurde, und landete dann einerseits in Aurich, Ostfriesland, sowie in Gelsenkirchen und in Essen. Drei meiner Onkel wurden Steiger. Der \u00e4lteste Bruder meiner Mutter ist im wahrsten Sinne des Wortes \u201eversch\u00fctt\u201c gegangen. Zwei weitere starben an Silikose (das ist der Weigoni-Beitrag zum Wiederaufbau der Bonner Republik). Sie stammen aus Halle an der Saale (und wie ich in Ihrem Roman <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/12\/02\/doppelhimmel\/\"><em>Doppelhimmel<\/em><\/a> lese, via Bochum kommend), sind also ein Imi (rheinisch nicht etwa f\u00fcr Imigrant, sondern f\u00fcr Imitiert) und sind schliesslich in Bonn sesshaft geworden. Sie waren als Lehrer u.a. am Gymnasium in Mechernich t\u00e4tig. In <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44177\"><em>Gionos L\u00e4cheln<\/em><\/a> kommen die Gelateria in Mehlem sowie der Petersberg und der Drachenfels vor. Als Germane sind Sie im r\u00f6mischen Teil des Rheinlands sozialisiert worden, wie hat die so genannte Bonner Republik Ihr Schreiben gepr\u00e4gt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ulrich Bergmann: Ich bin ein Gesamtdeutscher.\u00a0Ich bin kein Vertriebener. Ich war ein geteiltes Kind in Deutschland. Ich war kein Fl\u00fcchtling, im Gegensatz zu meinen Gro\u00dfeltern, die mich nach Westdeutschland mitnahmen. Es war mein Entschluss, als meine Mutter mich fragte, ob ich zum Vater im Westen will. Ich wusste ja 1955 kaum, was der Westen war. Da war ich 10. Und ich verliebte mich sofort in Bonn am Rhein, die der Stadt an der Saale so \u00e4hnlich erschien. Dort H\u00e4ndel, hier Bonn. Dort die Saale, hier der Rhein. Beide St\u00e4dte haben einen Petersberg in der N\u00e4he &#8230; Ich bin jetzt Bonner, ich f\u00fchle mich in Halle, meiner Mutterstadt, nicht mehr zu Hause, die Mentalit\u00e4t dort im Osten ist mir fremd, aber es gibt eine kleine Restidentit\u00e4t, die Kindheit betreffend.<\/p>\n<h4 style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><strong>&#8222;Man stelle sich\u00a0 vor, die Rheinl\u00e4nder h\u00e4tten nach 1848 anstelle der Preu\u00dfen ein Nationalbewusstsein entwickelt &#8211; wahrscheinlich w\u00e4re die Emanzipation nicht in Regression umgeschlagen.&#8220;<\/strong><\/span><\/h4>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Laik W\u00f6rtschel<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigoni: Um etwas auszuholen, der geographische Begriff \u201eRheinland\u201c wurde im 18. Jahrhundert noch gar nicht angewendet, entsprechend konnten die Bewohner dieser Gebiete auch keine \u201eRheinl\u00e4nder\u201c sein. Die Fremdenverkehrsbranche vermarktet heute den s\u00fcdlichen Teil des Mittelrheins von Bingen und R\u00fcdesheim bis Koblenz daher als \u201eTal der Loreley\u201c. Als \u201eKulturlandschaft Oberes Mittelrheintal\u201c wurde dieser Flussabschnitt 2002 zum UNESCO-Welterbe erkl\u00e4rt. &#8211; Kerngebiet des Niederrheins sind die Kreise Kleve, Wesel und Viersen sowie die St\u00e4dte Krefeld und Duisburg. Des Weiteren z\u00e4hlen am \u00f6stlichen und s\u00fcdlichen Rand Teile der St\u00e4dte Isselburg und Oberhausen, der Rhein-Kreis Neuss, die Stadt M\u00f6nchengladbach und der Kreis Heinsberg zum Niederrhein. &#8211; Im engeren Sinne meint man also den nordrhein-westf\u00e4lischen Teil, wenn vom Rheinland gesprochen wird, also der Region zwischen Bonn und D\u00fcsseldorf. Dies regte den in D\u00fcsseldorf lebenden Komponisten und Kapellmeister Robert Schumann dazu an, die Rheinische Sinfonie zu schreiben. Die euphorische Stimmung, in die der Umzug den Komponisten von Dresden nach D\u00fcsseldorf versetzt hatte, schl\u00e4gt sich in der lebensfrohen Grundstimmung des Werks nieder, das h\u00e4ufig als ein Spiegel \u201erheinischer Fr\u00f6hlichkeit\u201c interpretiert wird. Ein seltener Fall in der Musikgeschichte, eine Hymne f\u00fcr ein Land, das keins ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bergmann: Die Komponisten sind gerecht verteilt, w\u00e4hrend wir Schumann die Rheinische verdanken, hat der Bonner Beethoven mit der <span class=\"ILfuVd\"><span class=\"hgKElc\">&#8222;Ode an die Freude&#8220; aus seiner Neunten Symphonie die &#8211; inzwischen offizielle &#8211; Europahymne komponiert.<br \/>\n<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigoni: Wo wir gerade beim Thema Musik sind, bedanke mich f\u00fcr die hervorragende Einspielung von H\u00e4ndels \u201eMessiah\u201c, die Sie mir zusandten und die mich an eine Auff\u00fchrung in der D\u00fcsseldorfer Andreaskirche erinnerte. Nach dem <em>Halleluja\u00a0<\/em>verliessen die meisten Zuschauer, fast schon erl\u00f6st, die Kirche und str\u00f6mten in die Altstadt. Vor einem Drittel der Zuh\u00f6rer konnte dann das\u00a0Oratorium beendet werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bergmann: Das Erlebnis in der H\u00e4ndel-Kirche muss ein Movens f\u00fcr den Antirheinischen Roman gewesen sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">WEIGONI: Das\u00a0Erlebnis mir dem \u201eMessias&#8220; in der Andreas-Kirche ist nur eines von vielen. In diesem Fall habe es nicht in den Roman einfliessen lassen, aber es sagt viel \u00fcber das Kulturleben der Landeshauptst\u00e4dter aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bergmann: Ich teile mit den K\u00f6lnern ein gewisses rhenozentrisches Weltbild. Da beginnt rechtsrheinisch schon die DDR und n\u00f6rdlich von K\u00f6ln Holland \u2013 mir ist vollkommen klar: das ist nicht logozentrisch, sondern egozentrisch. Nur zum Beispiel: Im rechtsrheinischen Beuel entstand die Weiberfastnacht der Waschweiber (M\u00f6hnen). Und im rechtsrheinischen D\u00fcsseldorf wurde Henri Heine geboren &#8211; so einen hat K\u00f6ln nicht. Allerdings ging Heine sp\u00e4ter nach Bonn &#8230; (und dann \u00fcber G\u00f6ttingen nach Berlin, dann Paris &#8230;). Und K\u00f6lns Offenbach ging auch nach Paris. Wir sehen auch: Beide haben eine wunderbare westliche Leichtigkeit. Das verbindet K\u00f6ln und D\u00fcsseldorf. Und Bonn hat Beethoven! Da ist doch tats\u00e4chlich Holland rheingeschwappt &#8230; Parbleu! und Beethoven zog es auch weiter \u2013 nach S\u00fcdosten, nach Wien. Summa summarum sehen wir: \u00dcber das Rheinland l\u00e4sst es sich weder unterkomplex reden noch ohne jede Sentimentalit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigoni: Jede jeck is anders, das gilt f\u00fcr jede Region zwischen R\u00fcdesheim und Xanten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bergmann: In einer Mail hatte ich einmal den Niederrhein und das Ruhrgebiet in einen Topf geworfen. Das tut mir leid.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigoni: &#8222;lechts und rinks, das kann man nicht velwechsern.&#8220; (Jandl) Im 2. Weltkrieg wurde die K\u00f6lner Innenstadt zu 90, andere Stadtteile zu 80 Prozent zerst\u00f6rt, wohingegen D\u00fcsseldorf \u201enur\u201c zu 40 Prozent zerst\u00f6rt war und viele repr\u00e4sentative Geb\u00e4ude erhalten blieben. Dies und die N\u00e4he zum Ruhrgebiet bewogen das britische Kabinett 1946, D\u00fcsseldorf zur Hauptstadt des Bindestrichlandes Nordrhein-Westfalen zu bestimmen. Das haben die K\u00f6lner bis heute nicht verwunden. Und die Bonner haben bis heute nicht verwunden, dass sie nach der so genannten Wiedervereinigung von der Hauptstadt der BRD wieder zu einer Residenzstadt (\u00e4hnlich wie Weimar) zur\u00fcckgestuft wurden. Die \u201eBundesstadt\u201c Bonn und das Erzbistum K\u00f6ln haben auch nicht mehr gemeinsam als den gleichen Dialekt &#8211; aber in einem ist sich die Bev\u00f6lkerung einig, sie hassen die D\u00fcsseldorfer. Es ist also ein folkloristisches Schm\u00e4hen und Geschm\u00e4ht-Werden. Was mich irritiert ist, dass Sie als Imi von dieser lokalen Folklore nicht ganz unber\u00fchrt geblieben sind und mich an den Niederrhein verbannen wollen, der ist jedoch auch linksrheinisch. Man behauptet rheinaufw\u00e4rts beharrlich: \u201ek\u00f6lle is en jef\u00f6hl\u201c, sollten wir Erwachsenen nicht wissen, dass man auch Rationalit\u00e4t und Pragmatismus braucht, um durchs Leben zu kommen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bergmann: Ich will nicht aus unlauterer H\u00f6flichkeit verhehlen, dass die K\u00f6ln-Bonner Rheinpartie meinem Herzen n\u00e4her ist als der Niederrhein und Ihr Ruhrgebiet samt D\u00fcsseldorf bei K\u00f6ln. Nat\u00fcrlich ist K\u00f6ln ein kulturhistorisches Superschwergewicht im Vergleich zu D\u00fcsseldorf. Die k\u00f6lsche Verspottung D\u2019dorfs ist mehr spielerisch als ernst gemeint. Und trotzdem ist so ein Spiel letztlich dumm, und K\u00f6ln h\u00e4tte so etwas ebenso wenig n\u00f6tig wie Gelsenkirchen und Dortmund.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigoni: Der Vergleich ist fein gew\u00e4hlt, die Rivalit\u00e4t von S04 und dem BVB \u00e4hnelt der, der wahren <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25671\">B&#8217;russia<\/a> und dem Eff Ceh, chapeau! &#8211; Um ins Bindestrichland zu schauen. F\u00fchlen Sie sich als Nordrhein-Westfale, selbstverst\u00e4ndlich mit einer Lipper Rose im Knopfloch?<\/p>\n<div id=\"attachment_50074\" style=\"width: 260px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/csm_meckenheim__4__f731970bc5-1-e1523945296157.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-50074\" class=\"wp-image-50074 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/csm_meckenheim__4__f731970bc5-1-e1523945296157.jpg\" alt=\"\" width=\"250\" height=\"326\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-50074\" class=\"wp-caption-text\">Ulrich Bergmann, Photo privat<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bergmann: Ein bisschen schon, aber sp\u00e4testens n\u00f6rdlich von D\u00fcsseldorf oder im Bergischen, auch in Aachen, verblasst dieses Gef\u00fchl. Ich empfinde viel Sympathie mit dem Rheinland um K\u00f6ln und Bonn. Aber k\u00f6lsche Sentimentalit\u00e4t und Selbstverliebtheit ist mir zu d\u00fcnn, zu populistisch, oft auch d\u00fcmmlich.\u00a0Die Bonner Republik hat mich nat\u00fcrlich gepr\u00e4gt, vor allem im politischen Sinn. Ich erlebe seit meiner Kindheit ein kontinuierlich reifendes Klima demokratischen Bewusstseins, auch wenn dies durch Berlin, Rechtspopulismus und Parteienaufsplitterung derzeit ins Stolpern ger\u00e4t. In Bonn konnte man Politikern im Alltag begegnen. Ich erlebte Wirtschaftsminister Schiller im Contra-Kreis-Theater bei der Premiere von Handkes \u201eKaspar\u201c und fragte ihn in der Pause nach seiner Meinung zum St\u00fcck. Als die Notstandsgesetze zur Zeit der ersten Gro\u00dfen Koalition im Bundestag beschlossen werden sollten, als die kleine FDP allein in der Opposition war, bin ich mit dem SDS und vielen Tausenden \u00fcber die Kennedybr\u00fccke marschiert, um zu protestieren. Damals dachte ich einige Jahre lang marxistisch &#8211; aber es war viel Trotz im Spiel gegen die Generation unserer V\u00e4ter, und ich genoss die \u00c4sthetik des marxistischen Weltbilds (\u00dcberbau und Basis, Internationalismus und den Gedanken der Weltrevolution) \u00e4hnlich wie die christliche Theologie in den Bildern Michelangelos. Trotzdem war ich sp\u00e4ter f\u00fcr Berlin als Hauptstadt, der Fall der Mauer und das Ende des sowjetischen Besatzungsregimes waren f\u00fcr mich Heilung von den Wunden, die der Faschismus und der Weltkrieg geschlagen hatten. Die deutsche Teilung ging ja mitten durch meine Familie und spaltete auch mich selbst. Als mein f\u00fcr tot erkl\u00e4rter Vater 1954 als \u201eSchwerkriegsverbrecher\u201c aus der Sowjetunion zur\u00fcckkam, entlie\u00df mich meine neu verheiratete Mutter in den Westen. So kam ich nach Bonn, wo mein Vater sein 9 Jahre lang unterbrochenes Medizinstudium abschloss &#8230; Meine Antwort auf Ihre Frage, welche Rolle die Bonner Republik (1949-2000) auf mich als Schreibenden ausge\u00fcbt hat oder sogar immer noch aus\u00fcbt, kann ich nicht eindeutig formulieren. Ich bin ja auch Europ\u00e4er \u2013 je mehr, je l\u00e4nger ich lebe. Meine lokale Zugeh\u00f6rigkeit zu Deutschland oder zum r\u00f6mischen Rheinland spielt f\u00fcr mich als Schreibenden eine eher geringe Rolle. Meine Heimat habe ich in der (deutschen) Sprache. In den existentiellen Themen \u2013 Liebe und Tod, Realit\u00e4t und Dichtung. Bei meiner Frau, die aus Norddeutschland stammt. In meinen Erinnerungen, Reisen, in meinem Lehrerberuf, den ich sehr liebte \u2013 meine Heimat liegt also in mir selbst.<\/p>\n<h4 style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Bonn ist nicht Weimar<\/span><\/h4>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Fritz Ren\u00e9 Allemann<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigoni: Gedanken ohne Inhalt sind &#8211; gerade auch &#8211; im Rheinland leer, Anschauungen ohne Begriffe wie den einer \u201e<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21500\">geistig moralischen Wende<\/a>\u201c f\u00fchrten in der Bonner Republik fast zu Erblindung. Politiker, die Heimat politisch definieren, sie vermarkten und das Volkstum pflegen und sch\u00e4nden den Begriff. Ich habe die <em>Nation<\/em> Deutschland noch nie als meine Heimat begriffen. Das ist mir zu abstrakt f\u00fcr das Gef\u00fchl. Heimat hat f\u00fcr mich immer mit konkreter Erinnerung zu tun. Politische Literatur ist weder eine \u00e4sthetische Form von Statement und Eingriff, noch selber eine mehr oder weniger avantgardistische Form von Propaganda &#8211; selbstverst\u00e4ndlich f\u00fcr eine \u201egute Sache\u201c &#8211; sie kann beides immer nur auch sein, wenn sie es aber nur ist, dann ist sie keine Literatur mehr. Lehnen wir uns daher gelassen zur\u00fcck, Papier beruhigt und der Text kommt zu seinem Recht. Vieles bleibt in <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44177\"><em>Gionos L\u00e4cheln<\/em><\/a> offen und in der Schwebe, L\u00fccken tun sich auf und Leerstellen, man mag darin einen lyrischen Gestus erkennen. Ihre bevorzugte literarische Technik ist die Aufl\u00f6sung der Handlung in eine Folge von Tableaus, von denen viele nur aus einem Absatz bestehen. Das Allt\u00e4gliche wird bei Ihnen zum poetischen Ereignis, immer wieder gibt es Passagen, die das Wiederlesen und Nochmallesen lohnen. Poesie ist gerade dann, wenn man sie als Sprache der Wirklichkeit ernst nimmt, kein animistisches, vitalistisches Medium, sondern eine Verlebendigungsmaschine. Es geht bei den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34345\"><em>Lokalhelden<\/em><\/a> und auch bei <em>Gionos L\u00e4cheln<\/em> um nichts Geringeres als die Wiederentdeckung des Unverg\u00e4nglichen in der verg\u00e4nglichen Zeit, auch wenn es sich pathetisch anh\u00f6rt: des Seins in der Existenz. Die Tragik des Rheinl\u00e4nders liegt darin, dass er versucht die Sinnlichkeit des Pragmatischen und die Notwendigkeit des Logischen in der Urteilsbildung miteinander zu verkn\u00fcpfen. Als Wortarbeiter habe ich das sich aufl\u00f6sende Dasein der alten BRD in meinem zweiten Roman verdichtet und in Sprache verwandelt. Signore Bergmann, wie haben Sie das gemacht?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bergmann: Sie werfen hier mehrere Fragen auf: Zum Begriff der Heimat sollte man dem neuen CSU-Bundesinnenminister Seehofer das wunderbare Pl\u00e4doyer Zuckmayers in seinem Drama \u201eDes Teufels General\u201c vorhalten; Zuckmayer nennt das Rheinland die gro\u00dfe V\u00f6lkerm\u00fchle (da kommen Sie mit Ihren ungarischen Vorfahren auch vor) Zuckmayer nennt das Rheinland die Kelter Europas (Die ganze Passage finden Sie in Denis Ullrichs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=47226\">Rezensionsessay<\/a>). Die Tragik des Rheinl\u00e4nders, der die Vers\u00f6hnung der Sinnlichkeit des Pragmatischen mit der Logik sucht, ist ein globales Lebensproblem.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigoni: Da es einen Roman ist, geht es zuerst um Sprache. Und seinerzeit war ich vom proletarisch k\u00f6rpernahen des Rheinischen sehr angetan. Orientiert an Darstellungsweisen der Lyrik und den Kompositionsmitteln des Jazz, suche ich nach einzelnen W\u00f6rtern, die angeh\u00e4uft und ausgekostet werden sollten. Sie schreiben in einer mail von einer &#8222;Rheinlandvernichtung&#8220;, es ist jedoch eine Liebeserkl\u00e4rung an das Rheinland, wenn auch eine ruppige. Ich denke nicht, dass sich das Rheinland mehr zuspitzen sollte. In der Form von Literatur ist es f\u00fcr mich nurmehr als fluide Stimmenkomposition denkbar. Welche Leistung kaum jemand goutiert hat ist, einen Roman zu schreiben, der keine Hauptfigur hat und nur aus Nebenfiguren besteht. Aber das kommt vielleicht noch, in der Literaturgeschichte sind ja die Wiederentdeckungen nach dem &#8222;Tod des Autors\u201c (Enzensberger) geradezu ein Hobby der Germanisten. Ist es auch das Problem Ihres Romanhelden?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/Gionos-La\u0308cheln-1-e1523944578753.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-50066\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/Gionos-La\u0308cheln-1-e1523944578753.jpg\" alt=\"\" width=\"180\" height=\"263\" \/><\/a>Bergmann:<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44177\"><em> Gionos L\u00e4cheln<\/em><\/a> hat mit der Aufl\u00f6sung der alten Bonner Republik nichts zu tun, sondern mit den ewigen Mythen unseres Seins. W\u00e4hrend die Bonner Republik erwachsen wurde, schafft es mein Held nicht. Er bleibt stecken in seinem unreifen Versuch eines Lebensk\u00fcnstlertums. Der Ich-Erz\u00e4hler glaubt, dass sein Leben ein St\u00fcck ist, das er selbst schreibt. Aber er tut zu wenig daf\u00fcr. Und er entgeht, obwohl er noch so jung ist, nicht der Unausweichlichkeit des Todes, die ihn mental, psychisch und physisch begleitet. Wahrscheinlich redet hier der Autor. Der will dem Bewusstsein vom unausweichlichen Ende das Katastrophale nehmen. Damit der letzte Akt nicht in die Katastrophe f\u00fchrt, will er in dem St\u00fcck, das er mit seinem Leben schreibt, auch Regie f\u00fchren. Dazu fehlt ihm (noch) die Reife, die Tatkraft. Zu sehr regieren ihn, den Helden (und den Autor?) die Tr\u00e4ume und Parallelrealit\u00e4ten. er will sich im Tod in sein Werk retten &#8211; aber wo ist das Werk?<\/p>\n<h4 style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">&#8222;Berlin, ein <span class=\"searchmatch\">upgrade<\/span> von Bonn?&#8220;<\/span><\/h4>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">KUNO<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigoni: Seit Joyce <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=542\"><em>Ulysses <\/em><\/a>ist die Gattung Roman zu einem Esel geworden, dem man viel Packlasten aufb\u00fcrden kann. Mich interessiert bei den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=49303\"><em>Lokalhelden<\/em><\/a> die Innenschau, der Blick hinter die morsche Fassade einer Gesellschaft, die permanent auf ihre moralische Stabilit\u00e4t verweist. Dieser Roman gleicht einem \u00f6ffentlichen Verkehrsmittel, er bietet Platz f\u00fcr viele verschiedene Passagiere und funktioniert in einer offenen Struktur, ohne einen konstruierten Zusammenhang. Nichts im Leben hat einen Anfang, eine Mitte und ein Ende, nur Hollywood besteht darauf. Der Kategorisierungswahn hat dazu gef\u00fchrt, dass viele K\u00fcnstler sich in eine Marke verwandelt haben, weil sie etwas verkaufen oder ihren Lebensstil erhalten wollen. Und dabei geraten die Kunst und ihre Kraft zwangsl\u00e4ufig aus dem Blick. Es geht um die Aufsprengung des erz\u00e4hlerischen Kontinuums. Ihr Roman <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44177\"><em>Gionos L\u00e4cheln<\/em><\/a> erinnert an ein japanisches Faltkunstwerk. Es geht darum, aus etwas sehr Einfachem, Unbeschriebenem etwas Komplexes und Sch\u00f6nes zu machen. Zu finden sind dort rhetorische Exerzitien, die zuweilen als humorig \u00fcbersteigerte Stil\u00fcbungen daherkommen. In <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44177\"><em>Gionos L\u00e4cheln <\/em><\/a>haben Sie einen Ton f\u00fcr jene zwischen Saturiertheit und Utopiesehnsucht driftenden Sinnsucher gefunden. Zu lesen als eine von Erz\u00e4hllogik befreite Sph\u00e4re, die durch ineinander verschr\u00e4nkten Zeitebenen vorangetrieben wird, es ist eine Folge von Texten, die zwischen Essay und Erz\u00e4hlung, Novelle und Kurzgeschichte, Prosa und Lyrik changieren und Sie zeigen sich als Kurator der literarischen Moderne. Bei den mannigfaltigen Bez\u00fcgen, auf die Sie als Komplement\u00e4ranthologist anspielen, k\u00f6nnte man meinen, die wahre Welt geht erst durch die Kunsterfahrung auf &#8211; ist <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44177\">Gionos L\u00e4cheln<\/a> e<\/em>ine als Biographie getarnte Autofiktion oder eine Traumbiographie?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bergmann: Ja, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44177\"><em>Gionos L\u00e4cheln<\/em><\/a> ist partiell autobiografisch \u2013 aber ich f\u00fchre die schreibende Regie und lasse mich selbst scheitern, nicht um mich selbst, sondern das Problem des Scheiterns zu \u00fcberh\u00f6hen. Am Schluss gebe ich mir, Janus, noch eine Chance, indem ich Giono l\u00e4cheln lasse \u2013 aus der Gewissheit heraus, dass Scheitern zum Leben geh\u00f6rt und die Keimzelle ist, um sich selbst neu zu erschaffen. Wie stark da der Anteil eigener Regie ist, lasse ich offen. Vielleicht gibt es hier sogar Parallelit\u00e4ten zur Bonner Republik. Daran dachte ich beim Schreiben nicht. Ich dachte auch nicht an Sisyphos wie ein guter Freund von mir. In der Tat aber bin ich von Camus in jungen Jahren gepr\u00e4gt worden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigoni: Camus habe ich erst durch einen <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=KaTlUn8tmkI\">Song<\/a> von <em>Tuxedomoon<\/em> kennengelernt. Im Gegensatz zu Ihnen bin ich kein &#8222;B\u00fcrgerlicher&#8220;, sondern ein Prolet. Ich bin eher mit Didier Eribon verwandt und kann das von ihm beschriebene Gef\u00fchl der \u201eScham \u00fcber die soziale Herkunft\u201c nachvollziehen. Immer wenn ich in meine &#8222;Heimatstadt&#8220; in die Provinz fahre und meinen dementen Vater aufsuche, bin ich irritiert, wie es in diesem Kaff so lange aushalten konnte. \u00dcberall sind verrottete Spuren der Kleinb\u00fcrgerlichkeit zu finden, Arbeiter (inzwischen Rentner) die \u201eetwas besseres\u201c sein wollten, der kreditgetriebene Traum vom kleinen Aufstieg, erwies sich sp\u00e4testens nach dem Untergang der Bonner Republik als Sackgasse. Die Arbeiter von damals (inzwischen Rentner) f\u00fchlen sich nach der Hartz 4-Reform von ihrer Partei verraten und w\u00e4hlen nun die AFD.<\/p>\n<h4 style=\"text-align: right;\"><span class=\"st\" style=\"color: #999999;\">&#8222;Die Stadt D\u00fcsseldorf ist sehr sch\u00f6n, und wenn man in der Ferne an sie denkt und zuf\u00e4llig dort geboren ist, wird einem wunderlich zu Muthe.&#8220;<\/span><\/h4>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Heinrich Heine<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bergmann: Ihr Buch\u00a0sieht sch\u00f6n aus\u00a0mit dem Altbier auf dem Cover, das Titelbild ist eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=1355\">Provokation<\/a> f\u00fcr den K\u00f6lschtrinker &#8211; der ich ja nicht bin, ich bevorzuge Pils und jetzt, immer klarer, Rotwein (vom Kaiserstuhl). D\u2019r Zoch \u00f6m de H\u00e4user geht dann gleich weiter zu Pessoa und zu den rettenden Fremdw\u00f6rtern gleich zu Erz\u00e4hlbeginn &#8211; falls \u00fcberhaupt <em>erz\u00e4hlt<\/em> wird. In konventioneller Weise erz\u00e4hle ich ja auch nicht. Das verbindet uns.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigoni: Der von mir verwendete Begriff \u201e<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=45499\">Oberg\u00e4rig<\/a>\u201c bezieht sich auf die Brauweise. Als oberg\u00e4rige Hefe bezeichnet man die St\u00e4mme der Bierhefe <em>Saccharomyces cerevisiae<\/em>, die bei der G\u00e4rung Zellverb\u00e4nde bilden, in denen sich Bl\u00e4schen von G\u00e4rungsgas ansammeln, wodurch die Hefe nach der <em>Fermentation<\/em> als so genannter <em>Gest<\/em> auf der Oberfl\u00e4che des Jungbiers schwimmt. Die mit oberg\u00e4riger Hefe gebrauten Biere werden auch oberg\u00e4rige Biere genannt. Dazu z\u00e4hlt auch das K\u00f6lsch. W\u00e4hrend sich D\u00fcsseldorfer und K\u00f6lner durch den <em>gemeinsamen<\/em> Dialekt <em>unterscheiden<\/em>, ist das Bier durch den Farbton kenntlich, das Alt erinnert an das britische Ale, das K\u00f6lsch in seinem hellblonden Farbton an Pils. Das mag Ihnen marginal erscheinen, aber ebenso wie Walter Benjamin interessiere ich mich in meiner Prosa f\u00fcr das Randst\u00e4ndige, Absonderliche der Existenz, auff\u00e4llige Sozialcharaktere, die Eingeweide der Stadt, und f\u00fcr die Rehabilitierung des Nebens\u00e4chlichen. Und so richtet sich mein Blick auf die Landschaften der \u201ew\u00e4sserigen, weitschweifigen, nullen Epoche\u201c, um gewahr werden zu lassen, dass dort nicht \u201ealles unter einander ins Flache gezogen ward\u201c, wie good old Goethe es so mit seiner eigenen Ironie beschreibt. Vom \u201ew\u00e4sserigen\u201c dann doch lieber zur\u00fcck zum oberg\u00e4rig gebrauten Bier, bei einer Blindverkostung w\u00e4ren die meisten Biertrinker wahrscheinlich nicht in der Lage den Geschmack zwischen dem oberg\u00e4rigen Alt und dem oberg\u00e4rigen K\u00f6lsch zu unterscheiden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bergmann: Ihr Roman <em>Lokalhelden<\/em> will erz\u00e4hlerisch beweisen, was auf der letzten Seite als Fazit steht:\u00a0Heimat finden wir da, wo wir sie fliehen. Das klingt gut: G a, wie Voltaire Fr\u00e9d\u00e9ric le Grand antwortete, als der ihn nach Sanssouci zum Souper einlud: G grand a petit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigoni: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44177\"><em>Gionos L\u00e4cheln <\/em><\/a>war f\u00fcr mich eine Weile lang die optimale \u00d6PNV-Lekt\u00fcre (\u00d6PNV = \u00d6ffentlicher Personen Nahverkehr<span style=\"color: #999999;\">, die Red.<\/span>). Der kurz getaktete Nahverkehr bot das richtige Zeitma\u00df, um die unterschiedlichen Passagen zu erschlie\u00dfen. Ge\u00fcbt darin bin ich durch die Arbeit an den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12913\"><em>Zombies<\/em><\/a>, bei denen mir die Fahrg\u00e4ste mancherlei Anlass zu Reflexion boten. Die <em>Lokalhelden<\/em> sind ebenso wie der Band mit den Erz\u00e4hlungen kein Filigran des \u00c4sthetizismus, mein zweiter Roman ist gleichsam eine Reise durch die neun Kreise der H\u00f6lle des einfachen Volkes, das Rheinland ist so besehen ein Inferno besonderer Art: ein Panoptikum rheinischer Tragik und fataler Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung. Daher hat das Geschmacksurteil des \u201eSch\u00f6nen\u201c nach dem Ende der alten BRD keine Geltung mehr. Das Handeln ist im neuen Deutschland wesentlich bestimmt durch das &#8222;Herstellen, Verwenden, Umbauen und Entsorgen von Modulen des Menschseins&#8220;. In meinen Novellen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34359\"><em>Cyberspasz<\/em><\/a> habe ich beschrieben, wie die Beziehung zu den Gegenst\u00e4nden immer ungegenst\u00e4ndlicher wird. Zur\u00fcck zum \u00d6PNV, bei der n\u00e4chsten Fahrt mit der Bahn st\u00f6\u00dft man unter der Lekt\u00fcre bei Ihnen auf S\u00e4tze wie \u201eDie Handlung l\u00e4uft eigentlich schon\u201c. Was Sie bereits beeindruckend mit Ihren <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">Schlangegeschichten<\/a>,<\/em> den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\"><em>Arthurgeschichten<\/em><\/a> und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=17506\"><em>Kritische K\u00f6rper<\/em><\/a> betrieben haben, ist impressionistisches Nicht-Erz\u00e4hlen, poetische Momentaufnahmen wechseln sich ab mit Traumsequenzen. Kann sich richtige Literatur \u00fcber die Wirklichkeit erheben, und trotzdem immer noch ganz nah dran sein an dem, was sie f\u00fchlt und beschreibt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bergmann: Ja. Denn die Poesie fliegt \u00fcber jede Wirklichkeit hinaus, manchmal auch \u00fcber sich selbst. Es geht auch gar nicht anders. Denn was ist Wirklichkeit? Ist der Traum nicht wirklich? Ist ein Wunsch keine Wirklichkeit? Ist nur das N\u00fctzliche wirklich? Und was ist n\u00fctzlich? Nat\u00fcrlich muss jeder Mensch Wirklichkeiten hierarchisieren &#8211; denn er will ja in ihnen und von ihnen leben. Der schreibende Wirklichkeitserfinder wird auch einen Begriff von der Hierarchie der Wirklichkeiten haben. Aber er darf und er muss mit diesen Hierarchien spielen, denn nur so gelingt lebendiges Lesen und handelndes Leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigoni: Oft finden sich in <em>Gionos L\u00e4cheln<\/em> Abschnittseinstiege wie: \u201eKristallin\u201c, eine Technik, die ich auch gern in den <em>Lokalhelden<\/em> verwende, um snapshotartig einen Einstieg zu schaffen. Bei mir kommt das aus der Arbeit f\u00fcrs Radio, wo dem H\u00f6rer ein Wortbild vor das geistige Auge tritt; so entsteht auch Beschleunigung. Viel kommt auch aus der Filmsprache des 20. Jahrhunderts, da dem Leser der Schnitt und die \u00dcberblendung gel\u00e4ufig sind, braucht es auch keine Gew\u00f6hnung. Und durch das Eindringen des Dialekts wird der deutschen Sprache die semiotische Unschuld genommen. Man findet in <em>Gionos L\u00e4cheln<\/em> eine dichte, zwischen klugem Intellektualismus und juveniler \u00dcberhitztheit changierende Sprache. Immer wieder entdeckt man in Ihrer Prosa auch Wegbegleiter der eigenen Weltdurchdringung, beispielsweise Thomas Mann oder Jean-Paul Sartre. \u201eMein ganzes Leben ist die Inszenierung meines Sterbens.\u201c, ist ein Satz, \u00fcber den ich in <em>Gionos L\u00e4cheln<\/em> gestolpert bin. Inwieweit f\u00e4llt dem prosaischen Fl\u00f6zg\u00e4nger zuweilen der Lehrer Bergmann ins Wort?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bergmann: Das wei\u00df ich nicht so genau. Ich hoffe, dass jeder Schreiber verschiedene Rollen imaginiert, wo er sich befragt und zuweilen auch korrigiert. Mir f\u00e4llt schon lange auf, dass viele Autoren Germanistik oder Literatur oder Theater und Medien studiert haben. Eine Akademisierung der Literatur w\u00e4re schlimm. Derart gebildete B\u00fccher sind nicht deswegen schon gut, wenn sie durch und durch professionell daherkommen. Wenn aber ein Schreibender mit sich selbst wie ein guter Lehrer spricht, dann kann er sich zu gro\u00dfen Wagnissen ermutigen oder allzu unreife Versuche ausbremsen.<\/p>\n<p>Weigoni: Butter bei die Fische!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bergmann: In <em>Gionos L\u00e4cheln<\/em> spiele ich im Rahmen einer Gesamtidee einige Male, mal sichtbar, mal verborgener. Zu Beginn (<em>Ichung<\/em>, S. 14) steht eine poetische Beschreibung der Zellteilung. Es folgt eine (unironische) Heidegger-Parodie (S. 16f.). Die Seiten 24-30 entstanden aus der Besch\u00e4ftigung und mehrfachen Abwandlung eines fr\u00fchen Prosa-Texts von Helene Hegemann, den ich im Internet fand. Diese Variationen haben sich im Endergebnis von der Vorlage befreit, atmen aber noch ein wenig den Geist der Anregung. Es folgen Tr\u00e4ume und Traumdeutungen (S. 32-34, 39, 40, 54 oder S. 43f.). Es gibt Bez\u00fcge zu fr\u00fchen Prosatexten aus der Zeitschrift <em>Akzente<\/em>, die ich abwandelte. Es folgen reale Episoden aus meinem Leben, hier zugespitzt und eingewoben. Ich komponierte \u201aFortsetzungsaphorismen\u2019 oder fortgesetzte kleine Szenen, etwa die vom Schatten. Es gibt einen gr\u00f6\u00dferen Traum, den ich mit Motiven aus der biblischen Apokalypse vernetzte. Tr\u00e4ume, immer wieder Tr\u00e4ume. Und Wirklichkeitsfetzen und ganze Episoden aus einem ganzen Leben, nicht nur Jugend. Nebenfiguren treten auf, Freunde, eine Begegnung mit dem Organisten Peter Bares (<em>Sternblumen<\/em>), Tr\u00e4ume und Wahnvorstellungen anderer, darunter meine Mutter: <em>Die Glut<\/em> (der Koffer). Die Zikaden (S. 117) verdanke ich dem Biologen Mario Markus &#8230; Aber mehr verrate ich jetzt nicht.<\/p>\n<h4 style=\"text-align: right;\"><span class=\"st\" style=\"color: #999999;\">&#8222;Ich bin ein Berliner.&#8220;<\/span><\/h4>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">John F. Kennedy<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigoni: Die dialektale Fremdheit korrespondiert mit der menschlichen Fremdheit: Man versteht die Rheinl\u00e4nder oft nicht. Im Rheinland sieht man Niklas Luhmanns Satz, wonach Kommunikation unwahrscheinlich ist, tagt\u00e4glich best\u00e4tigt. Das Merkmal einer besonderen Intelligenz der Rheinl\u00e4nder ist die F\u00e4higkeit, kontr\u00e4re Ideen zur selben Zeit im eigenen Kopf zu haben und dabei immer noch zu\u00a0funktionieren. Diese Typen befinden sich im freien Spiel des Erkenntnisverm\u00f6gens, der Einbildungskraft und des Verstandes. Der Glaube dieser r\u00f6misch-christlichen Spezis bezieht sich auf Gott, die Liebe auf ihr Handeln in der globalisierten Welt und die Hoffnung auf das Geschick ihrer Seele, also drei spezielle Themen der Metaphysik. Als Francis Fukuyama das \u201eEnde der Geschichte\u201c verk\u00fcndet hatte, fehlte die anschauliche Grundlage, um wirkliche Erkenntnisse zu liefern, denn das Wissen der Rheinl\u00e4nder beschr\u00e4nkt sich auf das Gebiet der Natur, das bei der kritischen Vermessung des Umfangs und der jenseits der <em>sch\u00e4l Sick<\/em> als resistent erwiesen wurde; zu dieser Natur, die dieser Population in Raum und Zeit erscheint, geh\u00f6ren im s\u00e4kularen Zeitalter weder Gott noch die Freiheit des Handelns. Sie sind insgesamt keine Erscheinungen, also sind sie Dinge im Rheinland an sich: denkbar, aber nicht erkennbar. Nach Ihren &#8211; wenn man es so betrachtet &#8211; Stil\u00fcbungen mit den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\"><em>Schlangegeschichten<\/em><\/a> und den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\"><em>Arthurgeschichten<\/em><\/a> scheinen Sie mit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44177\"><em>Gionos L\u00e4cheln<\/em><\/a> dem poetologischen Verst\u00e4ndnis sehr nahe gekommen. Raum und Zeit, Erinnerungen und Gegenwart werden in diesem Roman vermessen und verwirbelt, er liest sich wie ein Psychogramm der besonderen Art. Was kann Poesie sonst noch leisten, ist sie noch ein Steuerungsinstrument f\u00fcr die Wahrnehmung gesellschaftlicher Widerspr\u00fcche?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bergmann: Sie erw\u00e4hnen Fukuyama und seine These vom Ende der Geschichte. Wenn wir tats\u00e4chlich eine letzte Synthese erreichen &#8211; was ich nicht glaube -, wird die Poesie \u00fcberfl\u00fcssig. Hegels Traum von einer dialektisch fortschreitenden Geschichte, deren Ziel der absolute Geist Gottes ist, die also in den Friedhof der Vernunft f\u00fchrt, ist eine vielleicht n\u00fctzliche Utopie. Ich habe vor einem Vierteljahrhundert Richard Rortys Pl\u00e4doyer gelesen, Politik als eine handelnde Form von Poesie zu begreifen (<em>Contingency, irony and solidarity<\/em>), eine Idee, die schon Joseph Beuys formulierte. \u2013 Die poetische Literatur unserer Zeit sollte nicht prim\u00e4r eine Philosophie der Hoffnung beinhalten, aber sie darf Hoffnung kreieren durch Anregungen und Denkweisen bis hin zum Entwerfen des Unm\u00f6glichen. Belletristik wird wohl weiterhin das bleiben, was sie immer schon war: n\u00fctzliche Unterhaltung, Kompensation und Trost, Hilfe zur Bewusstmachung der Welt und der Lebensverh\u00e4ltnisse, Kritik und Selbsterkenntnis, Ansto\u00df zum Denken und Weiterdenken. Und das ist nicht wenig. &#8211; Ob Literatur dies leistet in einem Internet-Blog oder gedruckt in einem Buch oder geschrieben auf Papier oder in einem Brief &#8211; das ist egal. Ich bleibe optimistisch. Seit es das Internet gibt, explodieren die Literaturseiten und die Zeitschriften, auch die gedruckten. Noch nie gab es so viele Schreibende. Und wahrscheinlich gab es auch noch nie so viele verst\u00e4ndige Leser wie heute.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigoni: Der rheinische Humor hat die Funktion eines Korrektivs, er fordert ein augenzwinkerndes Einverst\u00e4ndnis mit dem \u00adLeser, dass man zwischen Bonn und D\u00fcsseldorf, gelegentlicher metaphysischer Entr\u00fccktheiten ungeachtet, immer noch die gleiche dialektale Sprachf\u00e4rbung hat. Im Rheinland siegt die r\u00f6misch-christliche Beschuldigungskultur. Der christliche Vergebungsprozess ist hier gewaltsam gegen das Ich und immer an den Kl\u00fcngel, also unweigerlich an Konditionen gebunden. Es kommt diesen Hochkomikschn\u00f6seln nicht darauf an, eine menschliche Einstellung gegen\u00fcber anderen zu wagen oder Recht, G\u00fcte, Vergehen und menschliche Schw\u00e4che gegeneinander abzuw\u00e4gen, sondern zu beschuldigen und ihr Projekt ins Recht zu setzen. Die Romantik hat, in sehr widerspr\u00fcchlicher Weise versucht, genau dieses &#8222;Staatlichkeitsdenken&#8220; in die neue Richtung einer religi\u00f6sen Fundierung, einer gemeinschaftsstiftenden \u201eNeuen Mythologie\u201c zu \u00fcberwinden, und das auf der Basis einer Gerechtigkeitsreligion. Der Dialekt ist austauschbar, weil es f\u00fcr unser Verhalten keinen Unterschied macht, ob wir das Rheinland als eine Ansammlung von B\u00e4umen, B\u00fcchern und Menschen verstehen oder uns diese Region als ein Aggregat von formlosen und farblosen Korrelaten vorstellen. Auch der Rhein folgt einem Flussbett und nicht den freitreibenden Wegen der Ontologie. \u00c4hnlich wie Venedig von Thomas Mann &#8222;zur Illustration von Aschenbachs moralischem Niedergang&#8220; genutzt wird, erkunde ich das Ende der Bonner Republik und den Bodensatz des Rheinlands zwischen dem 9. November 1989 und dem 11. September 2001. Im Rheinland klingen die Echos der Intertextualit\u00e4t seit der <em>Loreley<\/em> und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=28538\"><em>Deutschland. Ein Winterm\u00e4rchen<\/em><\/a> besonders laut und vielstimmig. Der Problematik der Traditionsm\u00e4chtigkeit bin ich mir bewusst, was l\u00e4sst sich noch Neues \u00fcber das Rheinland sagen, und wie kann man vor Heinrich Heine bestehen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bergmann: Das Ende der Bonner Republik ist bisher kein lautes Thema meines Schreibens. Die Welt wandelt sich, das ist wahr. Die Berliner Republik reagiert auf Ver\u00e4nderungen in der Welt wie die Bonner Republik. Andererseits, die ersten 50 Jahre der deutschen Nachkriegsgeschichte inklusive Mauerfall und Wiedervereinigung waren eine Zeit im Windschatten der Weltgeschichte. Der Kalte Krieg gewinnt aufgrund seiner Ruhe und Stabilit\u00e4t (wenn man von der Kuba-Krise 1962 absieht) romantische Sehnsuchtsaspekte, weil die Globalisierung und gewaltige Migrationen vor allem die gewohnte europ\u00e4ische Sicherheit irritieren und gef\u00e4hrden. &#8211; Ich habe zum 11.9.2001 eine Geschichte geschrieben &#8211; <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13421\">Das Konzert<\/a> -, darin habe ich Stockhausens These verarbeitet, dass der terroristische Akt die gleiche Pr\u00e4zision und Unbedingtheit verlangt wie ein Kunstwerk. Weigoni schreibt einen \u201aessayistischen Roman\u2019 \u00fcber das Ende einer weltgeschichtlichen Zeit am Beispiel des n\u00f6rdlichen Rheinlands parallel zum Ende der Bonner Republik. Das ist ein wichtiges Thema.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigoni: Die Vorstellung der Funktion einer eigenwilligen Literatur in <em>Lokalhelden<\/em> ist die, eine Weltenwende nach 1989 darzustellen, denken Sie an die Kopernikanische Revolution, ich habe in der sinnlichen Anschauung des Rheinlands eine Formalstruktur entdeckt, die der poetischen Erfassung zug\u00e4nglich ist, die Formalstruktur von Raum und Zeit und einer apriorischen Zeitgenossenschaft auf der einen Seite und die Formalstruktur des dialektalen Denkens auf der anderen Seite; dies ergibt eine Form des Romans, der auf Hauptfiguren verzichtet und aus lauter Nebenfiguren besteht. Die Tage des Strudels der gesellschaftlichen Zerstreuungen nach dem Fall der Mauer gingen auch im Rheinland zu Ende, nicht auf ein Mal, sondern langsam, bis die Angriffe auf das Pentagon und die Twin Towers der Leichtigkeit ein Ende setzten. Die permanente Ein\u00fcbung des Denkens zeigt in Ihrem Roman, <em>Gionos L\u00e4cheln<\/em>, dass Wahrnehmung ohne mentale Einmischung \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist. Hinzu kommt, dass die Identifikation des Lesers mit den wechselnden Gedankenvorg\u00e4ngen selbst, die Wahrnehmung eines klaren Bewusstseins erschweren kann. Zeilen wie \u201eWortgef\u00fcge und Sinnf\u00fcge\u201c verweisen auf etwas sehr einfaches, was eigentlich selten erw\u00e4hnt wird: die Sprache. Macht die Kunst der Wiederholung aus dem Rheinland einen transzendenten Ort, und aus seinen Einwohnern somit Weltenb\u00fcrger?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bergmann: Warum nicht. Jahrzehntelang lasen wir amerikanische Romane, die in New York oder auch kleineren St\u00e4dten der USA spielten. Oder in London. Schon lange gibt es eine s\u00fcdamerikanische Literatur von Bedeutung, es gibt t\u00fcrkische Romane, \u00e4gyptische, griechische, israelische, persische, indische, spanische, franz\u00f6sische, polnische etc. Die Welt zeigt sich in nuce auch im Rheinland. Heute noch mehr als anno dazumal, wo nur Berlin, M\u00fcnchen und Hamburg weltliterarische Bedeutung erlangen konnten. Allerdings auch Danzig oder K\u00f6ln. Aber das sind Nobelpreistr\u00e4ger-Ausnahmen.<\/p>\n<h4 style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">&#8222;Berlin bleibt doch Berlin!&#8220;<\/span><\/h4>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Ronald Reagan<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_50088\" style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/Sammelgebiet_Cover-1-e1523975024523.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-50088\" class=\"wp-image-50088 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/Sammelgebiet_Cover-1-e1523975024523.jpeg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"309\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-50088\" class=\"wp-caption-text\">Postwertzeichen erschienen zum 20. Jahrestag der DDR. Entwertet am 9. November 1989<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigoni: Wie ich bereits in meinem ersten Roman <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24403\"><em>Abgeschlossenes Sammelgebiet<\/em><\/a> schrieb, war die alte BRD verstrickt in Schuldzusammenh\u00e4nge, ein mit einem bisschen Kosmetik \u00fcbert\u00fcnchtes Nazi-Land; auch das Bindestrichland NRW war ein durch die Alliierten installiertes Gebilde, das seine braune Ideengeschichte lange Zeit nicht los wurde. Diese \u201eBonner Republik\u201c musste sich emanzipieren, und dies nicht nur von den Nazis sondern auch von RAF. Dem Anspruch, festgefahrene Dogmen zu sprengen, wohnt in <em>Lokalhelden<\/em> ein intellektuell-vergn\u00fcgliches Moment inne. Symptomatisch ist, welche Fraktionen im rheinischen Kulturkampf zwischen Bonn und D\u00fcsseldorf aufeinander treffen: es ist nicht mehr der alte Kampf zwischen Germanen vs. R\u00f6mer, den Katholiken und Protestanten, es sind nun provinzialistische Gentrifizierungsgegner gegen die postkolonial orientierten Imis, denen vorgeworfen wird, das Gesch\u00e4ft des Neoliberalismus zu betreiben; in dieser Auseinandersetzung steckt noch viel drin, sie wird nicht offen genug gef\u00fchrt. &#8211; Etwas Nebens\u00e4chliches, trinkt man in der Bundesstadt Bonn eigentlich noch <em>Steffi oberg\u00e4rig<\/em>?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bergmann: Beim Recherchieren nach der Steffens-Brauerei stie\u00df ich auf den Begriff der Fernseh-Biere. Neben der Dynamik der Globalisierung gibt es &#8211; leider &#8211; auch die global-kapitalistische Reduzierung auf wenige erfolgreiche Produkte. Es soll im Bonn-Siegburger Raum noch 40 Steffi-Kunden geben, so der Bonner General-Anzeiger. Mir ist in Bonn noch nie ein Steffi oberg\u00e4rig aufgefallen. K\u00f6lsch und Alt gibt es aber reichlich, vor allem K\u00f6lsch. Und Pils. Was mich betrifft, so bin ich immer mehr zum Weintrinker geworden. Daran ist Franz-Josef Degenhardt nicht schuld. Immerhin haben wir unweit von Bonn &#8211; am Drachenfels und in Oberdollendorf &#8211; den n\u00f6rdlichsten Weinanbau am Rhein. Und das unterscheidet uns dann doch ziemlich von D\u00fcsseldorf &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigoni: Um dem Scheidgen-Riesling beneidige ich Sie besonders;-) &#8211; Widmen wir uns zuletzt dem Spannungsfeld zwischen Provinzialit\u00e4t und Weltgef\u00fchl. Die dem Rheinl\u00e4nder stets angedichtete Leichtigkeit des Seins paart sich zuweilen mit einer gewissen Unbedarftheit der Wahrnehmung. Ich sch\u00e4tze ihren Anti-Establishment-Individualismus. Nach <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24412\"><em>Abgeschlossenes Sammelgebiet<\/em><\/a> geht es auch in den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=1355\"><em>Lokalhelden<\/em><\/a> um Vergessen, Verlorenheit, Heimatlosigkeit beziehungsweise um den Versuch, im Schreiben eine Heimat zu finden. Wir alle leben geistig von dem, was uns Menschen in bedeutungsvollen Stunden unseres Lebens weitergegeben haben. Steht zu hoffen, dass meine ruppige Liebeserkl\u00e4rung an das Rheinland so verstanden wird, wie sie angelegt ist. Als <em>Absacker<\/em> an Sie die letzte Frage: Ist Lekt\u00fcre ein Textgenre?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bergmann: Klar. Rheinisch gesehen geht das in Ordnung. Vor allem Texte, die auf den Bierdeckel passen, also die Strichliste der Bierchen, ein Liebesbriefchen oder die Steuererkl\u00e4rung. Zum Beispiel.<\/p>\n<p>Weigoni: bedanke mich, bis dahin.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"center\"><strong>Gionos L\u00e4cheln<\/strong> von Ulrich Bergmann, KID-Verlag Bonn 2017<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Lokalhelden,<\/strong> Roman von A. J. Weigoni, Edition Das Labor, M\u00fclheim 2018 &#8211; Limitierte und handsignierte Ausgabe des Buches als Hardcover.<\/p>\n<div style=\"width: 196px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=50056&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/CoverLokalhelden-Kopie.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 186px) 100vw, 186px\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/CoverLokalhelden-Kopie.jpg 832w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/CoverLokalhelden-Kopie-210x300.jpg 210w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/CoverLokalhelden-Kopie-768x1098.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/CoverLokalhelden-Kopie-717x1024.jpg 717w\" alt=\"\" width=\"186\" height=\"266\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Coverphoto. Jo Lurk<\/p><\/div>\n<p><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesenswert das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34345\">Nachwort<\/a> von Peter Meilchen sowie eine\u00a0bundesdeutsche <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34388\">Sondierung<\/a> von Enrik Lauer. Ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=49303\"><em>Lektoratsgutachten<\/em><\/a> von Holger Benkel und ein Blick in das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=31462\">Pre-Master<\/a> von Betty Davis. Die Brauereifachfrau Martina Haimerl liefert <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44781\">Hintergrundmaterial<\/a>. Ein <em>Kollegengespr\u00e4ch<\/em> mit Ulrich Bergmann, bei dem Weigoni sein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=50056\">Recherchematerial<\/a> ausbreitet. Constanze Schmidt \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34331\">Ethnographie<\/a> des Rheinlands. Ren\u00e9 Desor mit einer Au\u00dfensicht auf die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=30641\">Bonner<\/a> Republik. Jo Wei\u00df \u00fcber den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34337\">Nachschl\u00fcsselroman<\/a>. Margaretha Schnarhelt \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34340\">kulturelle Polyphonie<\/a> des Rheinlands. Karl Feldkamp liest einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=52088\">Heimatroman der tiefsinnigeren Art<\/a>. Walther Stonet lotet <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=54020\">Altbierperspektiven<\/a> aus. Conny Nordhoff erkundet die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34295\">Kartografie<\/a>. Zuletzt, ein\u00a0 <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=47226\">Rezensionsessay<\/a> von Denis Ullrich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorbemerkung der Redaktion: F\u00fcr das Projekt Kollegengespr\u00e4che hat A.J. Weigoni einen Austausch zwischen Schriftstellern angeregt. Auf KUNO ist diese Reihe wieder aufgelebt. Zwei Romane sind der Anlass f\u00fcr ein Kollegengespr\u00e4ch von Ulrich Bergmann und A.J. Weigoni. Mannigfach sind die Bez\u00fcge,&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/08\/06\/literarische-zeitdiagnostik-zum-werteverfall-der-gesellschaft\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":41,"featured_media":98379,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[628,2811,917,853,552,307,866],"class_list":["post-50056","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-a-j-weigoni","tag-fritz-rene-allemann","tag-heinrich-boll","tag-heinrich-heine","tag-john-f-kennedy","tag-laik-wortschel","tag-ulrich-bergmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/50056","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/41"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=50056"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/50056\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":98451,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/50056\/revisions\/98451"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98379"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=50056"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=50056"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=50056"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}