{"id":49591,"date":"2023-07-30T00:01:43","date_gmt":"2023-07-29T22:01:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=49591"},"modified":"2022-02-25T17:57:01","modified_gmt":"2022-02-25T16:57:01","slug":"die-reise-nach-philippi","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/07\/30\/die-reise-nach-philippi\/","title":{"rendered":"DIE REISE NACH PHILIPPI"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">ich fahre nach philippi, usa, wo eine freundin eine gotische kirche erbauen soll, weil die amerikaner so etwas nicht haben und den kinderkreuzzug nach jerusalem inszenieren wollen. ich wurde beauftragt, die dramaturgen zum satanskult zu beraten, und nahm diesen auftrag an, obwohl ich anfangs sagte, hier gehe historisch doch einiges durcheinander. der vater der freundin, deren familie samt gro\u00dfmutter bereits in philippi weilt, ist mit der gestaltung der decke und des altars der kirche betraut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">ich habe inzwischen amerika erreicht, stehe in einer bahnhofshalle und will mir einen fahrschein kaufen, scheitere aber beim bedienen der automaten. daraufhin gehe ich zum schalter und erhalte die auskunft, da\u00df die fahrpreise personenbezogen errechnet werden. ich mu\u00df einen fragebogen ausf\u00fcllen und meinen ddr-ausweis vorlegen, der das schalterpersonal erst erstaunt und dann entsetzt. und aufgrund meines alters und der herkunft, j\u00fcngere menschen und ausl\u00e4nder zahlen mehr, wird der preis enorm hoch und \u00fcbersteigt meine dollarvorr\u00e4te. ich durchw\u00fchle meine umh\u00e4ngetasche, hoffend, darin l\u00e4ge noch geld. und finde, was mir bis dahin verborgen geblieben war, im umschlag eines briefes, den mir die freundin aus philippi geschickt hatte, eingeklebt zehn dollar, die ich vom \u00fcbrigen papier abl\u00f6se. auf der umschlaginnenseite steht, von der mutter der freundin geschrieben: \u00bbdem guten holger zum gedenken\u00ab. das geld reicht gerade f\u00fcr die fahrkarte. ich verlange nochmal: einmal philippi, und bekomme mein billett.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">unterdessen haben dutzende ddr-touristen die schalterhalle betreten und debattieren erregt \u00fcber die art, wie man hier fahrpreise berechnet. ein \u00e4lterer herr ruft: \u00bbder reinste manchester-kapitalismus. nichts als auspl\u00fcnderung.\u00ab, und ich erg\u00e4nze: \u00bbwo jeder kalt und kalkulierend seinen privatinteressen folgt, entstehen am ende neue totalit\u00e4re massen.\u00ab, worauf der herr mich umarmt. die ddr-touristen f\u00fcllen brav ihre formulare aus. und erst das vorzeigen ihrer ausweise ruft den aufmarsch einer ganzen kompanie uniformierter polizisten hervor, die sich jedoch ruhig verhalten und nur abwartend dastehn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">endlich sitzen wir im zug. der \u00e4ltere herr springt w\u00e4hrend der fahrt mehrmals erz\u00fcrnt auf und bedeutet mir, zum fenster weisend: \u00bbschau hin, schon wieder elendsviertel.\u00ab, derweil er beim anblick sanfter h\u00fcgel blo\u00df abf\u00e4llig bemerkt: \u00bbedelkitsch aus natur, zivilisationsstaffage, lifestyle mit b\u00e4umen.\u00ab unvermittelt beginnt er die \u00bbinternationale\u00ab zu singen, bis auch die anderen touristen, nach einigem z\u00f6gern, die melodie mitsummen. der schaffner kommt und fragt, ob es sich um deutsches liedgut handelt. \u00bbdies ist das allererste volkslied der ganzen welt.\u00ab, antwortet der herr. und zeigt dabei vorwurfsvoll auf eben vor\u00fcberfahrende blechh\u00fctten. der schaffner erwidert, etwas verlegen, \u00bbwissen sie, die sind f\u00fcr mich genauso weit entfernt wie afrika.\u00ab, und der herr entgegnet: \u00bbda h\u00f6rt ihrs\u00ab. der schaffner k\u00fcndigt an, ein deutsches m\u00e4rchen zu erz\u00e4hlen, womit er umgehend anf\u00e4ngt: \u00bbtreffen sich der gro\u00dfe riese, hoch wie ein gletscher, der nach s\u00fcden driftet, und der kleine riese, der sich an dessen schulter lehnt. sagt gro\u00dfer riese: wenn ich dich nur sehe, hab ich dich zum fressen gern. und kleiner riese: oh, wie mich das freut. bei\u00dft gro\u00dfer riese kleinem riesen ohren, nase und finger ab. und wenn sie nicht gestorben sind, dann bei\u00dft er noch heute.\u00ab betretenes schweigen. \u00bbdeutsches m\u00e4rchen.\u00ab, erkl\u00e4rt der schaffner, \u00bbeher amerikanischer witz.\u00ab, antwortet der \u00e4ltere herr. ein b\u00fcffet wird herangefahren. der verk\u00e4ufer fordert uns auf, erwas zu kaufen. \u00bbwir sind keine s\u00e4kularisierten epikur\u00e4er. wir pflegen keinen kulinarischen lebensstil.\u00ab, kontert der herr. der verk\u00e4ufer f\u00e4hrt irritiert weiter. \u00bbmarx hat immerhin \u00fcber epikur promoviert.\u00ab, wende ich ein. darauf der herr: \u00bbja, verdammt, aber hats genutzt?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">in der ferne erkenne ich eine insel mit rot leuchtenden apfelb\u00e4umen und lese an der stra\u00dfe parallel zur bahnlinie das schild \u00bbwillkommen in philippi\u00ab, als ein unwetter losbricht. wir \u00fcberqueren auf einer eisenbahnbr\u00fccke direkt vorm bahnhof noch einen sund. ich schaue ins wasser, das die herabfallenden blitze spiegelt, sehe darin eine wisentherde laufen und ahne, da\u00df wir niemals ankommen werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Traumnotate<\/strong> von Holger Benkel, KUNO, 2023<\/p>\n<div style=\"width: 186px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Goya.jpg\" alt=\"\" width=\"176\" height=\"266\" \/><p class=\"wp-caption-text\">Radierung von Francisco de Goya<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Frage nach der besonderen Kompetenz der Dichter f\u00fcr die Sprache und die Botschaft der Tr\u00e4ume wurde durch Siegmund Freud fundamental neu gestellt. Im 21. Jahrhundert ist die Akzeptanz des Tr\u00e4umens und des Tagtr\u00e4umens weitaus gr\u00f6\u00dfer als noch vor hundert Jahren. Tr\u00e4umen wird nicht mehr nur den Schamanen oder Dichter-Sehern, als bedeutsam zugemessen, sondern praktisch jedermann. Gleichwohl wird den Dichtern noch immer eine &#8218;eigene&#8216; Kompetenz auf dem Gebiet des Traums zugesprochen &#8211; Freud sah sie sogar als seine Gew\u00e4hrsm\u00e4nner an, mit Modellanalysen versuchte er diese Kompetenz zu best\u00e4tigen. Die <em>Traumnotate<\/em> von Holger Benkel sind von \u00fcbern\u00e4chtigter, schillernd scharfkantiger Komplexit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Weiterf\u00fchrend <\/b><b>\u2192<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29373\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> ergr\u00fcndeln Holger Benkel und A.J. Weigoni das Wesen der Poesie &#8211; und ihr allm\u00e4hliches Verschwinden. Das erste Kollegengespr\u00e4ch zwischen Holger Benkel und Weigoni finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29373\">hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gedanken, die um Ecken biegen<\/strong>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=10304\">Aphorismen<\/a> von Holger Benkel, Edition Das Labor, M\u00fclheim 2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Essays<\/b> von Holger Benkel, Edition Das Labor 2014 \u2013 Einen Hinweis auf die in der Edition Das Labor erschienen Essays finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21478\">hier<\/a>.\u00a0Auf KUNO portr\u00e4tierte Holger Benkel die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=11282\">Br\u00fcder Grimm<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Ulrich Bergmann<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=11284\">A.J. Weigoni<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=11279\">Uwe Albert<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15177\">Birgitt Lieberwirth<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15179\">Sabine Kunz<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Seelenland<\/b>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29369\">Gedichte<\/a> von Holger Benkel<b> <\/b>, Edition Das Labor 2015<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; ich fahre nach philippi, usa, wo eine freundin eine gotische kirche erbauen soll, weil die amerikaner so etwas nicht haben und den kinderkreuzzug nach jerusalem inszenieren wollen. ich wurde beauftragt, die dramaturgen zum satanskult zu beraten, und nahm diesen&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/07\/30\/die-reise-nach-philippi\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":36,"featured_media":97946,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[94],"class_list":["post-49591","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-holger-benkel"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/49591","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/36"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=49591"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/49591\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100661,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/49591\/revisions\/100661"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97946"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=49591"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=49591"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=49591"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}