{"id":49569,"date":"2022-07-30T00:01:37","date_gmt":"2022-07-29T22:01:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=49569"},"modified":"2022-02-24T14:22:36","modified_gmt":"2022-02-24T13:22:36","slug":"blick-auf-wald-und-meer","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/07\/30\/blick-auf-wald-und-meer\/","title":{"rendered":"BLICK AUF WALD UND MEER"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">ich laufe in einer uferstra\u00dfe an zerfallenen h\u00e4usern mit wendeltreppen, terrassen und balkonen entlang, die jeden moment einzust\u00fcrzen drohen. nirgends sehe ich menschen. pl\u00f6tzlich bricht knirschend die gu\u00dfeiserne verzierung eines balkons herab und zerplatzt direkt neben mir. ich gehe weiter und erkenne an manchen inschriften der fassaden noch, was die geb\u00e4ude einmal waren: hotels, caf\u00e9s, villen, pensionen. die fensterscheiben sind fast \u00fcberall zerschlagen, w\u00e4nde und balken teils zerbrochen, vermodert und herausgerissen. an einem der h\u00e4user lese ich das verblichene schild \u00bbblick auf wald und meer\u00ab. ich steige \u00fcber schuttberge, \u00f6ffne eine hintert\u00fcr des hauses, gehe hinein und stehe in einer verlassenen hotelk\u00fcche, in der ein k\u00e4fig mit einem eichh\u00f6rnchen an der wand h\u00e4ngt. weil ich keinen aufgang zur oberen etage finde, betrete ich ein f\u00f6rderband, das sich von selbst einschaltet und mich langsam nach oben schiebt, wobei ich meinen puls pochen h\u00f6re. w\u00e4hrenddessen schie\u00dft eine schar ratten, die in der k\u00fcche im kreis sitzt, mit steinschleudern \u00e4pfel, eier und kartoffeln nach mir. schlie\u00dflich f\u00e4hrt mich das band zur n\u00e4chsth\u00f6heren etage und ohne halt weiter zum dach, das an einem berghang liegt, den ich \u00fcber ger\u00f6ll hinauflaufe. oben angelangt, kommt mir von der anderen seite eine wei\u00dfgekleidete frau mit langen struppigen haaren entgegen, die ein schwert tr\u00e4gt und einen mit einer gummihaut \u00fcberzogenen esel f\u00fchrt. sie ruft mich zu sich und ich sehe, da\u00df ihre haare aus brombeerdornen sind und ihr gesicht aus wachs ist. der esel n\u00e4hert sich mir sofort zutraulich, was mich befremdet und abst\u00f6\u00dft. die frau legt mir einen efeukranz um, den gleich darauf bienen umschwirren. ich fliehe und kehre \u00fcbers ger\u00f6ll zur hotelk\u00fcche zur\u00fcck, wo ich jedoch nur noch einen h\u00fchnerstall finde. ich setze mich auf dessen dach, lasse die beine herunterh\u00e4ngen und greife neben mir eine der steinschleudern, mit denen mich die ratten beschossen hatten, habe aber nicht die geringste lust, die h\u00fchner zu beschie\u00dfen, die unter mir umherlaufen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Traumnotate<\/strong> von Holger Benkel, KUNO, 2022<\/p>\n<div style=\"width: 186px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Goya.jpg\" alt=\"\" width=\"176\" height=\"266\" \/><p class=\"wp-caption-text\">Radierung von Francisco de Goya<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Frage nach der besonderen Kompetenz der Dichter f\u00fcr die Sprache und die Botschaft der Tr\u00e4ume wurde durch Siegmund Freud fundamental neu gestellt. Im 21. Jahrhundert ist die Akzeptanz des Tr\u00e4umens und des Tagtr\u00e4umens weitaus gr\u00f6\u00dfer als noch vor hundert Jahren. Tr\u00e4umen wird nicht mehr nur den Schamanen oder Dichter-Sehern, als bedeutsam zugemessen, sondern praktisch jedermann. Gleichwohl wird den Dichtern noch immer eine &#8218;eigene&#8216; Kompetenz auf dem Gebiet des Traums zugesprochen &#8211; Freud sah sie sogar als seine Gew\u00e4hrsm\u00e4nner an, mit Modellanalysen versuchte er diese Kompetenz zu best\u00e4tigen. Die <em>Traumnotate<\/em> von Holger Benkel sind von \u00fcbern\u00e4chtigter, schillernd scharfkantiger Komplexit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Weiterf\u00fchrend <\/b><b>\u2192<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29373\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> ergr\u00fcndeln Holger Benkel und A.J. Weigoni das Wesen der Poesie &#8211; und ihr allm\u00e4hliches Verschwinden. Das erste Kollegengespr\u00e4ch zwischen Holger Benkel und Weigoni finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29373\">hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gedanken, die um Ecken biegen<\/strong>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=10304\">Aphorismen<\/a> von Holger Benkel, Edition Das Labor, M\u00fclheim 2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Essays<\/b> von Holger Benkel, Edition Das Labor 2014 \u2013 Einen Hinweis auf die in der Edition Das Labor erschienen Essays finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21478\">hier<\/a>.\u00a0Auf KUNO portr\u00e4tierte Holger Benkel die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=11282\">Br\u00fcder Grimm<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Ulrich Bergmann<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=11284\">A.J. Weigoni<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=11279\">Uwe Albert<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15177\">Birgitt Lieberwirth<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15179\">Sabine Kunz<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Seelenland<\/b>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29369\">Gedichte<\/a> von Holger Benkel<b> <\/b>, Edition Das Labor 2015<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; ich laufe in einer uferstra\u00dfe an zerfallenen h\u00e4usern mit wendeltreppen, terrassen und balkonen entlang, die jeden moment einzust\u00fcrzen drohen. nirgends sehe ich menschen. pl\u00f6tzlich bricht knirschend die gu\u00dfeiserne verzierung eines balkons herab und zerplatzt direkt neben mir. ich gehe&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/07\/30\/blick-auf-wald-und-meer\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":36,"featured_media":97946,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[94],"class_list":["post-49569","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-holger-benkel"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/49569","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/36"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=49569"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/49569\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100199,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/49569\/revisions\/100199"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97946"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=49569"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=49569"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=49569"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}