{"id":49562,"date":"2022-03-26T00:01:27","date_gmt":"2022-03-25T23:01:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=49562"},"modified":"2022-02-20T17:26:50","modified_gmt":"2022-02-20T16:26:50","slug":"bahnhof","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/03\/26\/bahnhof\/","title":{"rendered":"Bahnhof"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">ich bin als kind mit meinen eltern am ende eines urlaubs auf dem hauptbahnhof stralsund, wo st\u00e4ndig ver\u00e4nderte zeiten und bahnsteige f\u00fcr die abfahrt der z\u00fcge durchgesagt werden, so da\u00df die reisenden aufgeregt hin und her laufen. endlich finden wir einen zug, der nach leipzig \u00fcber magdeburg f\u00e4hrt. doch pl\u00f6tzlich fehlen unsere koffer, die wir in der gep\u00e4ckaufbewahrung vergessen haben. meine eltern schicken mich los, die koffer zu holen. im n\u00e4chsten moment befinde ich mich auf einem anderen bahnhof, der dem leipziger hauptbahnhof gleicht, und fahre mit einem paternoster, wie ihn die universit\u00e4t leipzig hat, in die zehnte etage, wo es aber keine gep\u00e4ckaufbewahrung gibt. statt dessen steht dort der \u00bbpergamon-altar\u00ab, vor dem gerade eine f\u00fchrung beginnt. ich m\u00f6chte zwar verweilen, mu\u00df jedoch zur\u00fcckfahren, weil ich meinen auftrag erf\u00fcllen und den zug rechtzeitig erreichen will. als ich eine rolltreppe betrete, durchquert diese mehrere etagen mit gro\u00dfb\u00fcros, deren mitarbeiter erstaunt aufschauen oder kurz aufschreien, w\u00e4hrend ich \u00fcber ihre schreibtische hinweg fahre.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">zuletzt f\u00e4hrt die rolltreppe direkt zum strand der ostsee und bremst abrupt ab, so da\u00df ich ins ufernahe wasser rutsche, auf einen gestrandeten wal zu, der in einem blutr\u00f6tlichen licht liegt und mit den flossen schl\u00e4gt, w\u00e4hrend ein kindlicher junge, der einen feuerrot gl\u00e4nzenden eisenpanzer tr\u00e4gt, mit wildentschlossenem blick und offenbar v\u00f6llig unbek\u00fcmmert auf dem atemloch reitet, bis das tier verendet. ich sage vor mich hin: da brat mir einen fisch, worauf der wal unter einem feuerzeichen am himmel aufplatzt wie ein abst\u00fcrzendes flugzeug, und leichen von menschen wie maden aus seinem rumpf hervorquellen. der junge, der fr\u00fch genug vom wal abspringen konnte, tr\u00e4gt nun einen koffer in der hand, in dem sich meine b\u00fccher befinden, und reicht ihn mir. im n\u00e4chsten moment bin ich wieder auf dem hauptbahnhof stralsund. meine eltern nehmen den koffer entgegen, jener mit der kleidung aber fehlt weiter. mein vater l\u00e4uft erregt gestikulierend am bahnsteig entlang und klagt laut dar\u00fcber, da\u00df ausgerechnet der kleiderkoffer verloren ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Traumnotate<\/strong> von Holger Benkel, KUNO, 2022<\/p>\n<div style=\"width: 186px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Goya.jpg\" alt=\"\" width=\"176\" height=\"266\" \/><p class=\"wp-caption-text\">Radierung von Francisco de Goya<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Frage nach der besonderen Kompetenz der Dichter f\u00fcr die Sprache und die Botschaft der Tr\u00e4ume wurde durch Siegmund Freud fundamental neu gestellt. Im 21. Jahrhundert ist die Akzeptanz des Tr\u00e4umens und des Tagtr\u00e4umens weitaus gr\u00f6\u00dfer als noch vor hundert Jahren. Tr\u00e4umen wird nicht mehr nur den Schamanen oder Dichter-Sehern, als bedeutsam zugemessen, sondern praktisch jedermann. Gleichwohl wird den Dichtern noch immer eine &#8218;eigene&#8216; Kompetenz auf dem Gebiet des Traums zugesprochen &#8211; Freud sah sie sogar als seine Gew\u00e4hrsm\u00e4nner an, mit Modellanalysen versuchte er diese Kompetenz zu best\u00e4tigen. Die <em>Traumnotate<\/em> von Holger Benkel sind von \u00fcbern\u00e4chtigter, schillernd scharfkantiger Komplexit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Weiterf\u00fchrend <\/b><b>\u2192<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29373\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> ergr\u00fcndeln Holger Benkel und A.J. Weigoni das Wesen der Poesie &#8211; und ihr allm\u00e4hliches Verschwinden. Das erste Kollegengespr\u00e4ch zwischen Holger Benkel und Weigoni finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29373\">hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gedanken, die um Ecken biegen<\/strong>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=10304\">Aphorismen<\/a> von Holger Benkel, Edition Das Labor, M\u00fclheim 2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Essays<\/b> von Holger Benkel, Edition Das Labor 2014 \u2013 Einen Hinweis auf die in der Edition Das Labor erschienen Essays finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21478\">hier<\/a>.\u00a0Auf KUNO portr\u00e4tierte Holger Benkel die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=11282\">Br\u00fcder Grimm<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Ulrich Bergmann<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=11284\">A.J. Weigoni<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=11279\">Uwe Albert<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15177\">Birgitt Lieberwirth<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15179\">Sabine Kunz<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Seelenland<\/b>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29369\">Gedichte<\/a> von Holger Benkel<b> <\/b>, Edition Das Labor 2015<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; ich bin als kind mit meinen eltern am ende eines urlaubs auf dem hauptbahnhof stralsund, wo st\u00e4ndig ver\u00e4nderte zeiten und bahnsteige f\u00fcr die abfahrt der z\u00fcge durchgesagt werden, so da\u00df die reisenden aufgeregt hin und her laufen. endlich finden&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/03\/26\/bahnhof\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":36,"featured_media":97946,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[94],"class_list":["post-49562","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-holger-benkel"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/49562","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/36"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=49562"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/49562\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":98883,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/49562\/revisions\/98883"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97946"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=49562"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=49562"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=49562"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}