{"id":49308,"date":"2024-02-13T00:01:31","date_gmt":"2024-02-12T23:01:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=49308"},"modified":"2023-12-18T17:24:59","modified_gmt":"2023-12-18T16:24:59","slug":"kritik-und-postulat","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/02\/13\/kritik-und-postulat\/","title":{"rendered":"Kritik und Postulat"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Eine weitere Erinnerung an die<\/span> <span style=\"color: #ff0000;\">\u201e<a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/09\/11\/dirty-speech\/\">Dirty Speech<\/a><\/span>\u201c<span style=\"color: #999999;\">-Bewegung in der BRD, die 1969 mit der Rolf Dieter Brinkmanns \u201eAcid\u201c zu verorten ist. Es war eine Anthologie amerikanischer Beatliteratur, gesammelt und damit den Versuch er\u00f6ffnend, auch in der deutschen Dichtung die b\u00fcrgerliche Moral zu br\u00fcskieren, lyrische Formen zu banalisieren, den Alltag zum Thema zu machen und Sex, Brutalit\u00e4t, Perversion als Sujets zu akzeptieren. Vor zehn Jahren erschien:<\/span> <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/05\/trash-lyrik\/\"><span style=\"color: #ff0000;\">M<span id=\"productTitle\" class=\"a-size-large\">etamotivation ist m\u00f6glich<\/span><\/span><\/a>, <span style=\"color: #999999;\">Manifeste und Antiprosa.<\/span><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">der band von tom de toys, geboren 1968, enth\u00e4lt manifeste und essayistische texte, die zwischen 1990 und 2014 entstanden sind, wobei die manifeste teils gedichtform haben. gegner intellektueller lyrik finden hier vielleicht ihre unfreude.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">lateinisch manifestus bedeutet handgreiflich, sichtbar, deutlich, offenbar, augenscheinlich, sp\u00e4tlateinisch manifest\u0101tio offenbarung.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">gleich der erste text ist erich fromm gewidmet, dessen \u00bbHaben oder Sein\u00ab de toys, neben anderem, beeinflu\u00dft haben k\u00f6nnte. mitunter f\u00fchlt man sich an die manifeste der surrealisten erinnert. auch bezieht er erkenntnisse der neurobiologie und gehirnforschung ein. \u00bbich hatte das sprechen dank meiner eltern gelernt und das schreiben dank meiner lehrer. das denken mu\u00dfte ich mir selbst beibringen. und dieses denken sollte ein sprachkritisches sein, denn meine fragen kamen nicht aus dem wasser, sie kamen direkt aus meinem gehirn!\u00ab, hei\u00dft es. viele der gedanken wirken essayistisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Essayist ist man, weil man ein Kopfmensch ist.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Roland Barthes<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">de toys fordert einen \u00bbtabulosen tiefgang\u00ab jenseits von vulg\u00e4rmaterialismus und dualismus. immer wieder kritisiert er entfremdungen und verflachungen der vorherrschenden lebensunddenkformen, wobei es auch ironische passagen gibt. \u00bbtags\u00fcber zerst\u00f6ren \u2212 abends verzweifeln \u2212 nachts vergessen \u2212 \/ morgens wieder verdr\u00e4ngen \u2212 und weiter geht das spiel &#8230;\u00ab, schrieb er bereits 1990, \u00bbnichts kann die realit\u00e4t ver\u00e4ndern solange nur das reale gilt.\u00ab 2004. 2014 konstatierte er: \u00bbSowohl wissenschaft als auch kunst und spiritualit\u00e4t dienen nicht mehr der direkten selbsterfahrung und selbsterkenntnis, sondern nur noch als symbolistische kommunikationssysteme zur legitimierung von datenfl\u00fcssen, die unsere identit\u00e4t von au\u00dfen definieren.\u00ab. 2006 mutma\u00dfte er: \u00bbes kommt der tag an dem die uhren nicht mehr ticken.\u00ab vielleicht geschieht jedoch auch das gegenteil und manche uhren ticken noch nach der existenz des menschen. einstweilen bleibt die erkenntnis, da\u00df symbolistische substantive vielfach sinnliche sachen ersetzen: \u00bbWer ohne SOZIALE SYMBOLE lebt, f\u00e4llt durch die maschen des neurotischen netzes und landet im abseits, das kein heiliges jenseits bereith\u00e4lt: die echte, prim\u00e4re realit\u00e4t im <strong>diesseits ohne dualistische abschreckung<\/strong>.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">eines der nachdenklichsten gedichte ist f\u00fcr mich \u00bb1. Antitouristisches Manifest\u00ab von 1999, das so beginnt: \u00bbkein einziger mensch m\u00f6chte austauschbar sein \/ als tourist wirst du abgefertigt wie alle \/ kein einziger mensch m\u00f6chte heimatlos sein \/ der tourist verl\u00e4uft sich im unbekannten \/ kein einziger mensch m\u00f6chte einsam sein \/ der tourist geht in der masse unter \/ kein einziger mensch m\u00f6chte wichtiges verpassen \/ die touristen JAGEN durch das angebot \/ kein einziger mensch m\u00f6chte fehl am platz sein \/ die touristen m\u00fcssen sich st\u00e4ndig in szene setzen \/ kein einziger mensch m\u00f6chte belogen werden \/ als tourist kennst du nie den wahrhaftigen wert \/ kein einziger mensch m\u00f6chte falsches SAMMELN \/ touristen kaufen vorsichtshalber alles \/ kein einziger mensch m\u00f6chte abh\u00e4ngig sein \/ als tourist l\u00e4\u00dft du dich pausenlos abf\u00fcllen\u00ab. wer nicht vertieft, mu\u00df sich auch nicht verbreiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">historisch betrachtet sind urlaubsreisen sublimierte nachfolgeformen von v\u00f6lkerwanderungen und kriegsz\u00fcgen. das zeigen auch die wortbedeutungen. mittelhochdeutsch reise bedeutete aufbruch, zug, reise, heereszug, kriegszug, und reisen eine reise tun, reisen, vor allem aber einen kriegszug unternehmen, ins feld ziehen, pl\u00fcndern, rauben. reisiger nannte man im mittelalter die berittenen krieger und sp\u00e4ter landsknechte. reisic meinte, bezogen aufs berittene und bewaffnete kriegsvolk, kriegsbereit, gewappnet, ger\u00fcstet sein. die erscheinungsformen der eroberungen und troph\u00e4en haben sich freilich ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">in den sechziger, siebziger jahren des 20. jahrhunderts war \u00bbTourist\u00ab auch ein schimpfwort. im sommer 2015 h\u00e4tte man sagen k\u00f6nnen \u00bbTourist oder Fl\u00fcchtling, das ist hier die Frage.\u00ab der fl\u00fcchtling will der not entkommen, der tourist sich selber wichtig vorkommen. als \u00e4gyptische terroristen 1997 nahe der tempelanlagen von luxor 58 westliche touristen erschossen, dachten andere europ\u00e4er und nordamerikaner, die einige hundert meter entfernt standen und die ermordungen beobachteten, man w\u00fcrde dort einen spielfilm drehen und das schie\u00dfen geh\u00f6re zur filmszene. die touristen verwechselten also das reale mit dem inszenierten, w\u00e4hrend selbstmordattent\u00e4ter, und \u00e4hnlich amokl\u00e4ufer, beides genau umgekehrt vertauschen. und irgendwie passen diese irrt\u00fcmer aufgrund ihrer seitenverkehrheit sogar zueinander.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">kritik und postulat geh\u00f6ren bei tom de toys zusammen, dessen gedanken h\u00e4ufig einen programmatischen ansatz haben. reflexive und missionarisch anmutende passagen wechseln einander ab. das permanente postulieren, inbegriffen die vielen ausrufezeichen, k\u00f6nnte auch folge von glaubenspr\u00e4gungen sein, die der autor zugleich zu \u00fcberwinden versucht. hierzu pa\u00dft das wort intention, das seiner vehemenz entspricht.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">intention ist verwandt mit deutsch intensiv sowie lateinisch int\u0113nsus = heftig, stark, gespannt, aufmerksam und intenti\u014d = gespanntsein, spannung, anstrengung, vorhaben, absicht, sorge, sorgfalt, anklage, beschuldigung. vor allen idealisten steht,<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">sofern sie nicht fr\u00fch zugrundegehn, die frage, ob sie ihren hei\u00dfen utopischen kern abk\u00fchlen k\u00f6nnen, ohne selber zu erstarren. jedes idealistische denken hat die neigung, das leben zu vergeistigen, das dann, aus dem seelenerleben heraus, das von \u00e4u\u00dferen zw\u00e4ngen absehen kann, wieder versinnlicht werden mu\u00df, wof\u00fcr de toys vorschl\u00e4ge macht, indem er auf die eigene innere stimme h\u00f6rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">der kritik am vorgefundenen folgt nach 2000 zunehmend die suche nach alternativen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die tendenz geht dabei vom intellektuellen zum meditativen. er ermutigt zu einem ganzheitlichen sinnlichen leben, wobei er anmerkt: \u00bbWir m\u00fcssen die stelle in unserem bewu\u00dftsein erst finden, wo sich DAS GANZE \u00fcberhaupt denken l\u00e4sst!\u00ab, sowie zur bewu\u00dftseinserweiterung aufruft: \u00bbAb heute nenne ich nur noch NORMAL, was die Unendlichkeit des Universums ins Denken UND Handeln mit einbezieht! Darunter tun wir&#8217;s nicht mehr! Dazu lieben wir das Ganze zu sehr&#8230;\u00ab und \u00bbder mensch m\u00f6chte der bodenlosen unruhe der bewegung des seins entkommen und projiziert seine sehnsucht nach erl\u00f6sung in eine metaphysische urruhe anstatt zu versuchen, IN SICH SELBST als bewegte materie zu ruhen, indem er sich mit dem verb\u00fcndet, was ihm sowieso am allern\u00e4chsten ist: dem augenblick als totales, immerw\u00e4hrendes flie\u00dfendes jetzt, absoluter moment der verg\u00e4nglichkeit, der einen niemals im stich l\u00e4sst, weil man darin schwimmt wie ein molek\u00fcl in seinem eigenen kraftfeld.\u00ab ganzheitliche erfahrungen, wahrscheinlich die urspr\u00fcnglichen, die entgrenzungen verlangen, sind oft grenzerfahrungen, die auch schmerzhaft sein k\u00f6nnen. der buchtitel ist ziemlich optimistisch gedacht. man darf heute bezweifeln, da\u00df sich der mensch schon bis zum 23. jahrhundert grundlegend ge\u00e4ndert hat und eine humane menschheit entstanden ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>jede wahrheit sei gr\u00f6\u00dfer als ihre theorie<\/em>, hei\u00dfts bei tom de toys.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die eigentliche geschichte besteht im ungelebten. utopien halten ungelebtes lebendig. und nur permanente alternativen verhindern notbremsungen der geschichte. wenn der mensch nicht mehr wert w\u00e4re als seine wirklichkeit, g\u00e4be es kaum einen grund zum \u00fcberleben. der analytiker kann nur kritiker des bestehenden sein, wenn er visionen vom anderen hat. wer indes aus der analyse des zustands der welt geradewegs ein programm entwickeln wollte, m\u00fc\u00dfte die menschheit abschaffen. humanit\u00e4t und skepsis bedingen einander. die skepsis ist die andere seite des idealistischen anspruchs. die gr\u00f6\u00dften irrt\u00fcmer der gebildeten sind ihre hoffnungen. zugleich haben idealisten die funktion, das unheil der andern zu versch\u00f6nern. was das eine jahrhundert utopisch vorwegnimmt, realisiert das n\u00e4chste, als verflachung oder perversion. der mensch mu\u00df immer mehr bewahren, woran er nicht mehr glauben kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor zehn Jahren erschien: <strong>M<span id=\"productTitle\" class=\"a-size-large\">etamotivation ist m\u00f6glich<\/span><\/strong>, Manifeste und Antiprosa von Tom de Toys, Books on Demand, 2014<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-104590 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Metamotivation-232x300.jpg\" alt=\"\" width=\"232\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Metamotivation-232x300.jpg 232w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Metamotivation-160x207.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Metamotivation.jpg 242w\" sizes=\"auto, (max-width: 232px) 100vw, 232px\" \/>Inzwischen ist eine \u00fcberarbeitete Ausgabe erschienen. Das vorliegende Buch ist eine Very-Best-Of Auswahl aus all seinen 27 Publikationen &#8211; aber vorallem als <span class=\"\">Kernst\u00fcck<\/span> die 24 Manifeste aus der fr\u00fcheren Originalausgabe. Das Best-Of-Poemie-Buch &#8222;METAMOTIVATION IST M\u00d6GLICH!&#8220; des 1968 geborenen Autors Tom de Toys enth\u00e4lt eine umfangreiche Auswahl-Sammlung seiner wichtigsten poetischen Erkenntnisberichte. Dieser Buch ist allem empfohlen, die einen Einstieg in diese Werk suchen. Seine Texte in seinem wahrscheinlich wuchtigsten Band <i>METAMOTIVATION IST M\u00d6GLICH<\/i> besitzen einen rasenden Pulsschlag (<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44449\">dazu mehr auf KUNO an anderer Stelle<\/a>), auch wenn sie mal danebengehen \u2013 und von wie vielen deutschen Off-Autoren kann man das behaupten?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>KUNO verlieh dem Autor f\u00fcr den Band <em>Das Gesp\u00fcr f\u00fcr die Welt<\/em> den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/07\/polyphone-ich-erzaehlungen\/\">Twitteraturpreis 2015<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine weitere Erinnerung an die \u201eDirty Speech\u201c-Bewegung in der BRD, die 1969 mit der Rolf Dieter Brinkmanns \u201eAcid\u201c zu verorten ist. 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