{"id":49072,"date":"2021-04-10T00:01:05","date_gmt":"2021-04-09T22:01:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=49072"},"modified":"2021-04-09T12:49:44","modified_gmt":"2021-04-09T10:49:44","slug":"vom-uebersiedeln-in-eine-geistige-wirklichkeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/04\/10\/vom-uebersiedeln-in-eine-geistige-wirklichkeit\/","title":{"rendered":"Vom \u00dcbersiedeln in eine geistige Wirklichkeit"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>A text that alludes to Eliot\u2019s Waste Land, was set to music by Tom T\u00e4ger, using minimalist techniques and sound effects like the rustle of paper.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Judith Ryan \u00b7 The Long German Poem in the Long Twentieth Century<\/span><\/p>\n<div style=\"width: 127px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=49072&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/Bibiana.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 117px) 100vw, 117px\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/Bibiana.jpg 392w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/Bibiana-132x300.jpg 132w\" alt=\"\" width=\"117\" height=\"266\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Bibiana Heimes in der Rolle von Jo Chang<\/p><\/div>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\">Einst nannte man sie <span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Heimatvertriebener_(Bundesvertriebenengesetz)\">Heimatvertriebene<\/a><\/span>, in der Sprache der Gutmenschen nennt man den Sachverhalt: Migration. Heimatverlust und permanentes Unbehaustsein, Identit\u00e4t und Fremdheit, Lebensferne und Lebenshunger, Verwundbarkeit und Kompromisslosigkeit, Zorn und Z\u00e4rtlichkeit, Bitterkeit und Sehnsucht \u00f6ffneten provokativ und produktiv bei Jo Chang einen inneren Gespr\u00e4chsraum mit der Sprache. Aus diesem Gespr\u00e4ch mit der Sprache lebt dieses Langgedicht, ihm entspringt es. Sprechen bedeutete f\u00fcr die Artistin das Erfinden und Finden im Wort, auch existentiell sowohl verstanden als Leben, als auch als \u00dcberleben. Unbehaust ist ein lyrisches Monodram mit einer aus Distanz erinnerter, einer gelebten wie getr\u00e4umten Wirklichkeit bedingt einen hohen Grad an Performanz. W\u00e4hrend viele ihrer ins Exil getriebene in Verzweiflung, Resignation und Selbstaufgabe verfielen, artikuliert sie das Sprechen, um zu \u00fcberleben, zu einer Selbstbehauptung und Widerstandskraft, zu einem unerm\u00fcdlichen, ungebrochenen Tun, zu einer Erwiderung auf existentielle Fragen. Sprache ist die letzte verbleibende Heimat und Behausung geblieben. Folgt man den Gedanken Weigonis, ist die H\u00f6rspielfassung von Unbehaust ein St\u00fcck \u00fcber die (m\u00f6gliche) Freiheit des Einzelnen innerhalb der Unfreiheit der Bedingungen. Jeder tr\u00e4umt den autonom-autistischen Traum vom Leben als Held. Jo Chang, die Heldin, mi\u00dftraut diesem Traum. Sie f\u00fchrt ihn vor, destabilisiert, zerrei\u00dft ihn. Das Leben bietet andere Realit\u00e4ten. Und mehr noch, eine partielle interkulturelle Andersartigkeit. Das Formganze dieses Monodrams wird nicht durch metronomgenaues Durchschlagen der Poesie von au\u00dfen \u00fcbergest\u00fclpt, sondern entwickelt sich bruchhaft und widerspruchsvoll gerade aus der Verschiedenheit ihrer Bestandteile. Kongenial begleitet durch den Komponisten Tom T\u00e4ger, der f\u00fcr seine Komposition ausschlie\u00dflich Papierger\u00e4usche verwendet hat. Es geht um das Entkolonisieren der Zeit, das Ausbrechen aus der westlich gepr\u00e4gten Hegemonie der Linearit\u00e4t. Diese Musik verzichtet auf das in europ\u00e4ischer Musiktradition typische Metrum, den Taktschlag, nicht aber auf einen Puls, dieser bildet den Ausgangspunkt f\u00fcr die Klangerforschung. Dieser Klang hat einen psychotropen Effekt, er \u00f6ffnet ein neues Fenster im Wahrnehmungssystem.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Poesie ist eine alchemistische Kunst.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Holger Benkel<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das H\u00f6rspiel ist gleichsam ein Wassertropfen, in dem sich die Welt spiegelt. Erfahrung einatmen, Poesie ausatmen. Der Autor erhebt Satzschachtelungen, Paraphrasen und fragmentarische Wiederholungen zur Kunstform. Die Schauspielerin Bibiana Heimes erzeugt einen geradezu k\u00f6rperlichen Rhythmus von Umkreisen, von Innehalten und Weiterspinnen. Leben und Dichtung sind nicht getrennte Bereiche, sie entwickeln sich miteinander in Verantwortung und Zeugenschaft. Stenografische Spontaneit\u00e4t und szenografisches Geschick sind in diesem St\u00fcck kein\u00a0 Widerspruch.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>A.J. Weigoni stellt mit einen H\u00f6rspiel unser Zeitempfinden und unsere Vorstellung von Identit\u00e4t auf die Probe. Der vielfach ausgezeichnete ungarisch-deutsche Schriftsteller und\u00a0 Medienp\u00e4dagoge Weigoni schafft mit seinem Text, Papierger\u00e4uschen und der Stimme von Bibiana Heimes\u00a0 eine Atmosph\u00e4re, die uns einem Gedanken ganz schnell auf den Pelz r\u00fccken l\u00e4sst: wir sind alle Gefangene unserer selbst.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Buchpiloten, Radio Bremen<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Langgedicht schraubt sich wie Tunnelbohrer durch zeitgen\u00f6ssische Erfahrungsr\u00e4ume. Ob dieses Monodram etwas bedeuten soll, ist zweitrangig. Entscheidend ist, da\u00df sie sich ereignet. Diese Lyrik ist ein Sprachgeschehen, das die Leser synchron miterleben k\u00f6nnen, vorausgesetzt, er ist bereit, den sprunghaften Wechsel zwischen symbolistischen und gegenst\u00e4ndlichen Weltbeschreibungen mitzuvollziehen. Es ist ein intellektuelles Vergn\u00fcgen sich an dem eigenwilligen Umgang mit literarischen Formen und Tonarten zu erfreuen. Weigoni liefert in seinem Monodram ein subtiles Kammerspiel eines inneren Monologs. Die Schauspielerin Bibiana Heimes ist Silbe f\u00fcr Silbe auf der Suche nach dem Kern und sieht darin eine Metapher zu den Bekleidungen der eigenen Identit\u00e4t. Sie gestaltet feine Z\u00e4suren im Redefluss mit einer freien, reinen Gelenkigkeit als Sprecherin, eine locker schraffierte Haltung, \u00fcberhaupt das Skizzenhafte, die hingehauchte, nie vollends auserkl\u00e4rte Figur. Jo Chang laboriert mit Methoden zum Einfangen irrationaler Verbindungen mittels der \u201e\u00e9criture automatique, sie erkennt die seelischen Verkr\u00fcppelungen, Restriktionen und kommunikativen Verarmungen, das Orientierungsdefizit der Mitmenschen, ihre autistischen Tendenzen, Doppelmoral, Neurosen und den Lebensverzicht. Vertreibung, Heimatlosigkeit, Unterwegssein, Fremdsein und innere wie \u00e4u\u00dfere Entfremdung ist erinnertes Schicksal. Jo Chang ist die Sprache die letzte verbleibende Behausung geblieben. Diese Perspektive birgt reizvolle Chancen f\u00fcr kleine Grausamkeiten und unerwartete Wahrheiten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"center\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"center\"><em>Unbehaust<\/em> ist enthalten in: <b>D<\/b><strong>er Schuber<\/strong>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=395\">Werkausgabe<\/a> der s\u00e4mtlichen Gedichte von A.J. Weigoni. Edition Das Labor, M\u00fclheim 2017<\/p>\n<div id=\"attachment_46607\" style=\"width: 1290px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/Schuber.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-46607\" class=\"wp-image-46607 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/Schuber.jpeg\" alt=\"\" width=\"1280\" height=\"854\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/Schuber.jpeg 1280w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/Schuber-300x200.jpeg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/Schuber-768x512.jpeg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/Schuber-1024x683.jpeg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 1280px) 100vw, 1280px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-46607\" class=\"wp-caption-text\">Der Schuber wurde handgefertigt von Olaf Grevels (Vorwerk Kartonagen) \u2013 Photo: Jesko Hagen<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die f\u00fcnf Gedichtb\u00e4nde erscheinen in einer limitierten und handsignierten Ausgabe von 100 Exemplaren. Mit dem Holzschnitt pr\u00e4sentiert Haimo Hieronymus eine handwerkliche Drucktechnik, er hat sie auf die jeweiligen Cover der Gedichtb\u00e4nde von A.J. Weigoni gestanzt hat. Bei dieser k\u00fcnstlerischen Gestaltung sind &#8222;Gebrauchsspuren&#8220; geradezu Voraussetzung. Man kann den Auftrag der Farbe auf dem jeweiligen Cover direkt nachvollziehen, der Schuber selber ist genietet. Und es gibt keinen Grund diese Handarbeit zu verstecken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle Exemplare sind zusammen mit dem auf vier CDs erweiterten H\u00f6rbuch in einem hochwertigen Schuber aus schwarzer Kofferhartpappe erh\u00e4ltlich.<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Mehr zur <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/schuber.html\">handwerklichen Verfertigung <\/a>auf <em>vordenker<\/em>. Eine W\u00fcrdigung des Lyrik-Schubers von A.J. Weigoni durch Jo Wei\u00df findet sich auf <a href=\"http:\/\/www.kultura-extra.de\/literatur\/spezial\/essay_weigoni_lyrik.php\">kultura-extra<\/a>. Margeratha Schnarhelt ergr\u00fcndelt auf fixpoetry die sinnf\u00e4llige <a href=\"http:\/\/www.fixpoetry.com\/feuilleton\/portrait\/die-essenz-eines-kreativen-schaffens\/ueber-die-sinnfaellige-werkausgabe-der-saemtlichen-gedichte-von-aj\">Werkausgabe<\/a>. Lesen Sie auch Jens Pacholskys Interview: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=16348\">H\u00f6rb\u00fccher sind die herausgestreckte Zunge des Medienzeitalters<\/a>. Einen Artikel \u00fcber das akutische\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=28660\">\u0152uvre<\/a>,\u00a0 mit den H\u00f6rspielbearbeitungen der Monodramen durch den Komponisten Tom T\u00e4ger \u2013 last but not least: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25524\"><em>VerDichtung \u2013 \u00dcber das Verfertigen von Poesie<\/em><\/a>, ein Essay von A.J. Weigoni in dem er dichtungstheoretisch die poetologischen Grunds\u00e4tze seines Schaffens beschreibt.<\/div>\n<div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>H\u00f6rbproben \u2192 <\/strong>Probeh\u00f6ren kann man Ausz\u00fcge der <a href=\"http:\/\/vordenker.de\/weigoni\/schmauchspuren.html\">Schmauchspuren<\/a>, von <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/neige.html\">An der Neige<\/a> und des Monodrams <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/taeger\/senora_nada.htm\">Se\u00f1ora Nada<\/a> in der Reihe <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=17799\">MetaPhon<\/a>.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>A text that alludes to Eliot\u2019s Waste Land, was set to music by Tom T\u00e4ger, using minimalist techniques and sound effects like the rustle of paper. 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