{"id":49067,"date":"2020-02-07T00:01:00","date_gmt":"2020-02-06T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=49067"},"modified":"2022-02-27T15:20:30","modified_gmt":"2022-02-27T14:20:30","slug":"gewahrte-erinnerung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/02\/07\/gewahrte-erinnerung\/","title":{"rendered":"Gewahrte Erinnerung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\" align=\"right\">Vor zehn Jahren starb Ioona Rauschan. KUNO ruft sie an als Regisseurin in Erinnerung, die Redaktion will sie darauf aber nicht reduzieren:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Filmemachen ist mein Brotberuf, Gestaltung meiner Denkweise, Literatur mein intimstes Dasein. Ich m\u00f6chte mich durch das, was ich geschrieben habe, irgendwann definieren lassen k\u00f6nnen. Nun ist das Internet eine virtuelle Babelbibliothek, eine &#8211; zugegeben &#8211; kuriose, unerwartete Abwandlung der Borgesschen Vision. F\u00fcr Borges war Literatur ein unendlicher Fluss und Schriftsteller die anonymen Quellen, die diesen st\u00e4ndig ern\u00e4hren<\/em>.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\"><span style=\"color: #999999;\">Ioona Rauschan (1955 &#8211; 2010)<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Ioona.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-9071\" title=\"Ioona\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Ioona.jpg\" alt=\"\" width=\"140\" height=\"140\" \/><\/a><\/em>Die Novelle<em> Die sch\u00f6ne Strickerin<\/em> ist das sp\u00e4te Deb\u00fct von Ioona Rauschan, das Werner Kunstleben 1995 in der D\u00fcsseldorfer <em>Edition Biograph<\/em> herausbringt. Eine Preziose, die Kenner aufhorchen lie\u00df. Hier deutete sich bereits auf der kurzen Strecke an, was sich in ihrem Roman <em>Abhauen<\/em> ausformulierte. Es ist alles vorbei, das Panorama ist l\u00e4ngst vollst\u00e4ndig \u2013 doch der Blick f\u00e4chert sich schnell auf, es gibt viele Spiegelungen und Brechungen, und wenn man an einer Stelle genauer hinschaut, wird sie ungenau und nimmt verschiedene Schattierungen an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was der Schriftsteller Norman Manea in der FR zu Protokoll gabe d\u00fcrfte auch auf Ioona Rauschan zutreffen, dem Versuch, wenigstens innerlich der rum\u00e4nischen Diktatur Ceau\u015fescus zu entkommen und in die Literatur zu fl\u00fcchten:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Es war sicher ein Versuch, die direkte Konfrontation mit dem System zu vermeiden. Ich geh\u00f6rte nicht zu den Dissidenten, die auf die Stra\u00dfe gingen. Mein Widerstand war \u00e4sthetischer Natur. Ich schrieb nicht \u00fcber Helden, wie sie sich das System w\u00fcnschte. Meine Helden sind Versager. Menschen, die vom System besiegt worden sind und sich in ihre Einsamkeit, in ihr eigenes Gef\u00e4ngnis zur\u00fcckziehen, um ein Mindestma\u00df an Authentizit\u00e4t zur\u00fcckzugewinnen, an realem Denken und F\u00fchlen.<\/em><\/span><\/p>\n<h4 style=\"text-align: justify;\">Versuchsanordnungen der Geschichte<\/h4>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Das Buch zeigt nicht, wie schwer es ist zu sterben. Es zeigt, wie schwer es ist, zu leben, sobald man verstanden hat, was es bedeutet zu sterben.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\"><span style=\"color: #999999;\">Raluca Ciortan<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Abhauen<\/em> ist eine Versuchanordnung mit sechs unterschiedlichen Menschen, zwei Frauen und vier M\u00e4nnern, deren Schicksale miteinander verkn\u00fcpft sind. Sie werden an einem Februarsonntag im ersten Jahr des neuen Millenniums durch verh\u00e4ngnisvolle Zuf\u00e4lle gezwungen, dem Tod in die Augen zu sehen. Aufruhr und Konfrontation \u00fcberraschen sie an den Wegkreuzungen des Lebens, wo sie sich fragen, wer sie sind, was sie sind und weshalb sie sind, falls sie tats\u00e4chlich sind. Sie f\u00fchlen sich in ihrer Haut nicht mehr wohl, m\u00fcssen sich von der Stelle r\u00fchren, um einsam und unruhig durch eine neue, fremde Ich-Landschaft zu ziehen, die sich der \u00e4u\u00dferen nicht f\u00fcgen will.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sechs Nichtangepasste, die in einer Zeit verordneter Zielstrebigkeit keinen Halt finden und diesen auch nicht anstreben. Zwischen Versagen und Entsagung, Scheitern und Rebellion bleiben sie nicht nur sexuell zwitterhaft, androgyn. Sie entziehen sich jeglicher Zugeh\u00f6rigkeit, finden keine Bestimmung, sind noch immer auf der Suche nach einer kulturellen, sexuellen oder intellektuellen Identit\u00e4t. Es k\u00f6nnte auch alles anders gewesen sein. Da\u00df die Geschichte einen anderen Verlauf h\u00e4tte nehmen k\u00f6nnen, da\u00df es oft nur auf Zuf\u00e4lle ankommt, da\u00df man sich auf nichts verlassen kann \u2013 verschiedene Optionen werden von Rauschan radikal durchgespielt. Die Frage nach der Rolle und den M\u00f6glichkeiten des Einzelnen tritt ins Scheinwerferlicht, und der Roman scheint dabei gar keine ausdr\u00fcckliche Antwort geben zu m\u00fcssen.<\/p>\n<h4 style=\"text-align: justify;\">\u00dcber den narrativen Gehalt hinaus<\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/AbhauenCover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-9073\" title=\"AbhauenCover\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/AbhauenCover-219x300.jpg\" alt=\"\" width=\"153\" height=\"210\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/AbhauenCover-219x300.jpg 219w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/AbhauenCover.jpg 475w\" sizes=\"auto, (max-width: 153px) 100vw, 153px\" \/><\/a>In der Struktur des Romans finden sich die M\u00e4ander dieser Sinnsuche in der Konfrontation mit dem Schreiben selbst und der dadurch verursachten Aufruhr der Niederschrift wieder. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Verr\u00fccktheiten. Im Dialog mit dem Unsinn entsteht oft erst der Sinn. Oder vielmehr das, was man gemeinhin daf\u00fcr h\u00e4lt. Denn Sinn ist eben mehr als die Summe folgerichtiger Denkschritte. Diese logische Unsch\u00e4rfe ist die Bedingung der M\u00f6glichkeit von Poesie. In drei Teile gegliedert, die in jeweils vier Kapiteln vier der zw\u00f6lf Stunden des Tages beschreiben, flie\u00dft der Roman von einem Zeitraum zum n\u00e4chsten, so wie dies von den sechs unterschiedlichen Charakteren wahrgenommen und erlebt wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das alles ist ein existenzphilosophisches Gedankenexperiment, das der Annahme folgt, da\u00df der einzelne Mensch zwar aufgrund individueller Veranlagung geneigt sein mag, den einen Weg eher einzuschlagen als den anderen, da\u00df aber ein entscheidender Moment oder eine Verkettung von Zuf\u00e4llen in der Lage sind, ein Schicksal grundlegend zu ver\u00e4ndern \u2013 oder zu beenden.<\/p>\n<h4 style=\"text-align: justify;\">Eine ausgedehnte Unzeit<\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\">empfindet eine der Figuren im Roman\u00a0\u2013 die endliche Unendlichkeit der zw\u00f6lf Stunden in der unendlichen Endlichkeit eines Lebens. Die lineare Romanchronologie entgleist immer wieder, um Bruchst\u00fccken einer fremden, dem Roman nicht zugeh\u00f6rigen Erz\u00e4hlsynchronie einen erneuerten, sich stets weiterschreibenden Zeitraum zu verschaffen. Traumwandlerisch durchquert die Autorin poetischer Blick die Wirklichkeitsebenen, sie sammelt W\u00f6rter, Ideen und Widerspr\u00fcche, um die disparate Vielfalt mit leichter Hand zusammenzuf\u00fchren. Durch das Erz\u00e4hlen wird jede dieser Varianten wirklich. Siebenmal bricht die Geschichte der sechs Charaktere entzwei, sieben surreale, <em>Bild<\/em> genannte Erz\u00e4hlelemente brechen in die Ist-Zeit des Romans ein, um gleichberechtigte Sein-Zeiten anderer wahrscheinlicher Romane zu \u00f6ffnen. Ob dies Fenster oder reflektierende Spiegel sind, ist f\u00fcr die einzelnen Geschichten weniger relevant als f\u00fcr den Roman selbst. Die emotionale Kraft von Rauschans eindringlicher Sprache ist ungebrochen, wird jedoch zum Teil aufgehoben durch den dominierenden gedanklichen \u00dcberbau. Es ist ein f\u00fcr einen Roman recht ungew\u00f6hnliches Spannungsverh\u00e4ltnis zwischen Narration und Reflexion, in dem nicht der philosophische Anteil aus dem Erz\u00e4hlten erw\u00e4chst, sondern eher umgekehrt.<\/p>\n<h4 style=\"text-align: justify;\">Bruchst\u00fcck der fortsetzbaren Niederschrift<\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Abhauen<\/em> transzendiert die Beschr\u00e4nkungen einer einzelnen Existenz, einer einzelnen Erz\u00e4hlung, an die wir, im Leben wie im Lesen, gew\u00f6hnt sind, und erweitert die Wahrnehmung des menschlichen Daseins um den M\u00f6glichkeitsmodus. Obwohl die sieben <em>Bilder<\/em> mit ihm in keinem direkten inhaltlichen Zusammenhang stehen, sind sie ein Teil von ihm, der ihn bestimmt und definiert. Man k\u00f6nnte <em>Abhauen<\/em> als einen Roman lesen, der sich siebenfach in sieben Geschichten niederschreiben lie\u00dfe. So w\u00e4re er blo\u00df ein Bruchst\u00fcck der fortsetzbaren Niederschrift seiner selbst, die er mutig und respektvoll der Fantasie des Lesers \u00fcberl\u00e4\u00dft. Rauschans wachsame, im Erz\u00e4hl-Augenblick so genau beobachtende Prosa vergegenw\u00e4rtigt jedes dieser literarisch m\u00f6glichen Leben so intensiv, da\u00df sich niemals das Gef\u00fchl eines blo\u00df spielerischen <em>Als ob<\/em> einstellt. Jedes m\u00f6gliche Leben ist in dem Moment wahr, da es erz\u00e4hlt wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u00a0* * *<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Abhauen<\/strong>, Roman von Ioona Rauschan, 336 Seiten, Pop Verlag, Ludwigsburg 2008.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Auf der Schwelle<\/strong>. Ein Filmessay \u00fcber Heinrich Heine von Ioona Rauschan. Edition Biograph, 1997<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die sch\u00f6ne Strickerin<\/strong>, Novelle von Ioona Rauschan, Edition Biograph, D\u00fcsseldorf 1995. (Antiquarisch erh\u00e4ltlich).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-98948\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Kollegengespra\u0308che-e1645774341261.jpeg\" alt=\"\" width=\"250\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/06\/09\/die-liaison-zwischen-text-und-publikum\/\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Ioona Rauschan findet sich hier<em>. <\/em>Das Live-H\u00f6rspiel <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/05\/10\/5-oder-die-elemente\/\"><em>5 oder die Elemente <\/em><\/a>wurde in der Regie von Ioona Rauschan mit Marion Haberstroh und Kai M\u00f6nnich im Gutenberg-Museum zu Mainz uraufgef\u00fchrt. Probeh\u00f6ren kann man das Monodram <em><a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/taeger\/senora_nada.htm\">Se\u00f1ora Nada<\/a><\/em> (Regie Ioona Rauschan) in der Reihe MetaPhon. Das H\u00f6rbuch <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=28660\"><em>Gedichte<\/em> <\/a>mit einer Klangkomposition von Tom T\u00e4ger auf CD erh\u00e4ltlich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor zehn Jahren starb Ioona Rauschan. KUNO ruft sie an als Regisseurin in Erinnerung, die Redaktion will sie darauf aber nicht reduzieren: Filmemachen ist mein Brotberuf, Gestaltung meiner Denkweise, Literatur mein intimstes Dasein. 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