{"id":48819,"date":"2010-12-19T00:01:00","date_gmt":"2010-12-18T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=48819"},"modified":"2021-09-30T17:24:06","modified_gmt":"2021-09-30T15:24:06","slug":"das-bucklichte-maennlein","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/12\/19\/das-bucklichte-maennlein\/","title":{"rendered":"Das bucklichte M\u00e4nnlein"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Solange ich klein war, sah ich beim Spazierengehen gern durch jene waagerechten Gatter, die auch dann erlaubten, vor einem Schaufenster sich aufzustellen, wenn gerade unter ihm ein Schacht sich auftat, welcher dazu diente, mit etwas Licht und Luft die Kellerluken, die in der Tiefe sich befanden, zu versorgen. Die Luken gingen kaum ins Freie, sondern eher ins Unterirdische. Daher die Neugier, mit der ich durch die St\u00e4be jedes Gatters, auf dem ich gerade fu\u00dfte, niedersah, um aus dem Souterrain den Anblick eines Kanarienvogels, einer Lampe oder eines Bewohners mit davonzutragen. Es war nicht immer m\u00f6glich. Wenn ich aber bei Tage dem vergebens nachgetrachtet hatte, so konnte es geschehen, da\u00df sich nachts der Spie\u00df umkehrte und ich selbst im Traum dingfest gemacht wurde von Blicken, die aus solchen Kellerl\u00f6chern nach mir zielten. Gnomen mit spitzen M\u00fctzen warfen sie. Doch kaum war ich vor ihnen bis ins Mark erschrocken, waren sie schon wieder fort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht streng geschieden war f\u00fcr mich die Welt, welche bei Tage diese Fenster bev\u00f6lkerte, von der, die nachts dort auf der Lauer lag, um mich in meinem Traum zu \u00fcberfallen. Ich wu\u00dfte darum gleich, woran ich war, als ich in meinem \u00bbDeutschen Kinderbuch\u00ab von Georg Scherer auf die Stelle stie\u00df: \u00bbWill ich in mein Keller gehn \/ Will mein Weinlein zapfen; \/ Steht ein bucklicht M\u00e4nnlein da, \/ T\u00e4t mir &#8217;n Krug wegschnappen.\u00ab Ich kannte jene Sippe, die auf Schaden und Schabernack versessen war, und da\u00df sie sich im Keller zu Hause f\u00fchlte, war nicht wunderlich. \u00bbLumpengesindel\u00ab war es. Und gleich erinnerte ich mich der Nachtgesellen, die, so sp\u00e4t, drau\u00dfen zum H\u00fchnchen und zum H\u00e4hnchen sto\u00dfen: der N\u00e4hnadel sowie der Stecknadel, die beide rufen, \u00bbes w\u00fcrde gleich stichdunkel werden\u00ab. Was sie sodann am Wirt, der sie des Nachts aufnahm, ver\u00fcbten, d\u00fcnkte sie wohl nur ein Spa\u00df. Mich aber grauste es. Von ihrem Schlage war der Bucklige. Doch kam er mir nicht n\u00e4her. Erst heute wei\u00df ich, wie er gehei\u00dfen hat. Meine Mutter verriet mir&#8217;s, ohne es zu wissen. \u00bbUngeschickt l\u00e4\u00dft gr\u00fc\u00dfen\u00ab, sagte sie mir immer, wenn ich etwas zerbrochen hatte oder hingefallen war. Und nun verstehe ich, wovon sie sprach. Sie sprach vom bucklichten M\u00e4nnlein, welches mich angesehen hatte. Wen dieses M\u00e4nnlein ansieht, gibt nicht acht. Nicht auf sich selbst und auf das M\u00e4nnlein auch nicht. Er steht verst\u00f6rt vor einem Scherbenhaufen: \u00bbWill ich in mein K\u00fcchel gehn, \/ Will mein S\u00fcpplein kochen; \/ Steht ein bucklicht M\u00e4nnlein da, \/ Hat mein T\u00f6pflein brochen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wo es erschien, da hatte ich das Nachsehn. Ein Nachsehn, dem die Dinge sich entzogen, bis aus dem Garten \u00fcbers Jahr ein G\u00e4rtlein, ein K\u00e4mmerlein aus meiner Kammer und ein B\u00e4nklein aus der Bank geworden war. Sie schrumpften, und es war, als w\u00fcchse ihnen ein Buckel, der sie selber nun der Welt des M\u00e4nnleins f\u00fcr sehr lange einverleibte. Das M\u00e4nnlein kam mir \u00fcberall zuvor. Zuvorkommend stellte sich&#8217;s in den Weg. Doch sonst tat er mir nichts, der graue Vogt, als von jedwedem Ding, an das ich kam, den Halbpart des Vergessens einzutreiben: \u00bbWill ich in mein St\u00fcblein gehn, \/ Will mein M\u00fcslein essen: \/ Steht ein bucklicht M\u00e4nnlein da, \/ Hat&#8217;s schon halber &#8218;gessen.\u00ab So stand das M\u00e4nnlein oft. Allein, ich habe es nie gesehn. Es sah nur immer mich. Und desto sch\u00e4rfer, je weniger ich von mir selber sah.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich denke mir, da\u00df jenes \u00bbganze Leben\u00ab, von dem man sich erz\u00e4hlt, da\u00df es vorm Blick der Sterbenden vorbeizieht, aus solchen Bildern sich zusammensetzt, wie sie das M\u00e4nnlein von uns allen hat. Sie flitzen rasch vorbei wie jene Bl\u00e4tter der straff gebundenen B\u00fcchlein, die einmal Vorl\u00e4ufer unserer Kinematographen waren. Mit leisem Druck bewegte sich der Daumen an ihrer Schnittfl\u00e4che entlang; dann wurden sekundenweise Bilder sichtbar, die sich voneinander fast nicht unterschieden. In ihrem fl\u00fcchtigen Ablauf lie\u00dfen sie den Boxer bei der Arbeit und den Schwimmer, wie er mit seinen Wellen k\u00e4mpft, erkennen. Das M\u00e4nnlein hat die Bilder auch von mir. Es sah mich im Versteck und vor dem Zwinger des Fischotters, am Wintermorgen und vor dem Telephon im Hinterflur, am Brauhausberge mit den Faltern und auf meiner Eisbahn bei der Blechmusik, vorm N\u00e4hkasten und \u00fcber meinem Schubfach, im Blumeshof und wenn ich krank zu Bett lag, in Glienicke und auf der Bahnstation. Jetzt hat es seine Arbeit hinter sich. Doch seine Stimme, welche an das Summen des Gasstrumpfs anklingt, wispert \u00fcber die Jahrhundertschwelle mir die Worte nach: \u00bbLiebes Kindlein, ach, ich bitt, \/ Bet f\u00fcrs bucklicht M\u00e4nnlein mit.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-61440 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-245x300.jpg\" alt=\"\" width=\"245\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-245x300.jpg 245w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-560x686.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-260x318.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-160x196.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896.jpg 588w\" sizes=\"auto, (max-width: 245px) 100vw, 245px\" \/><\/a>Berliner Kindheit um neunzehnhundert<\/b> ist eine Sammlung autobiografischer Skizzen. Die einzelnen Texte verbinden sich nicht zu einer zusammenh\u00e4ngenden Erz\u00e4hlung, sondern geben eher einzelne Bilder und Erinnerungs-Bruchst\u00fccke wieder, etwa das Schlittschuhlaufen auf einem zugefrorenen Teich oder den N\u00e4hkasten seiner Mutter. Dabei versucht Walter Benjamin, sich in die noch unwissende, staunende Haltung des Kindes zur\u00fcckzuversetzen und dessen Weltsicht in kunstvollen sprachlichen Bildern und Vergleichen wiederzugeben.<\/p>\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: justify;\">Zum 90. Todestag von Walter Benjamin erinnert KUNO an diesen undogmatischen Denker und l\u00e4\u00dft die Originalit\u00e4t und Einzigartigkeit seiner Gedanken aufscheinen. Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist. Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>ein Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur<\/em><\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Solange ich klein war, sah ich beim Spazierengehen gern durch jene waagerechten Gatter, die auch dann erlaubten, vor einem Schaufenster sich aufzustellen, wenn gerade unter ihm ein Schacht sich auftat, welcher dazu diente, mit etwas Licht und Luft die&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/12\/19\/das-bucklichte-maennlein\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":72,"featured_media":61440,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[428],"class_list":["post-48819","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-walter-benjamin"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/48819","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/72"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=48819"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/48819\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=48819"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=48819"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=48819"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}