{"id":48817,"date":"2020-07-01T00:01:00","date_gmt":"2020-06-30T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=48817"},"modified":"2021-07-13T09:09:25","modified_gmt":"2021-07-13T07:09:25","slug":"der-mond","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/07\/01\/der-mond\/","title":{"rendered":"Der Mond"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Licht, welches vom Mond herunterflie\u00dft, gilt nicht dem Schauplatz unseres Tagesdaseins. Der Umkreis, den es zweifelhaft erhellt, scheint einer Gegen- oder Nebenerde zu geh\u00f6ren. Sie ist nicht mehr die, der der Mond als Satellit folgt, sondern die selbst in einen Mondtrabanten verwandelte. Ihr breiter Busen, deren Atemzug die Zeit war, r\u00fchrt sich nicht mehr; endlich ist die Sch\u00f6pfung heimgekehrt und darf nun wieder den Witwenschleier antun, den der Tag ihr fortgerissen hatte. Der blasse Strahl, der durch die Bretterjalousie zu mir hereindrang, gab mir das zu verstehen. Mein Schlaf fiel unruhig aus; der Mond zerschnitt ihn mit seinem Kommen und mit seinem Gehen. Wenn er im Zimmer stand und ich erwachte, so war ich ausquartiert, denn es schien niemand als ihn bei sich beherbergen zu wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das erste, worauf dann mein Blick fiel, waren die beiden cremefarbenen Becken des Waschgeschirrs. Bei Tage kam ich nie darauf, mich \u00fcber sie aufzuhalten. Im Mondschein aber war das blaue Band, das durch den oberen Teil der Becken sich hindurchzog, ein \u00c4rgernis. Es t\u00e4uschte ein gewebtes vor, das sich durch einen Saum hindurchschlang. Und in der Tat \u2013 der Rand der Becken war gef\u00e4ltelt wie eine Krause. Beh\u00e4bige Kannen standen in der Mitte der beiden, aus dem gleichen Porzellan, das gleiche Blumenmuster tragend. Wenn ich aus meinem Bett stieg, klirrten sie, und dieses Klirren pflanzte auf dem Marmorbelag des Waschtischs sich zu Schalen und N\u00e4pfen, Gl\u00e4sern und Karaffen fort. So froh ich aber war, ein Lebenszeichen \u2013 sei es auch nur das Echo meines eigenen \u2013 der n\u00e4chtlichen Umgebung abzulauschen, so war es doch ein unverl\u00e4\u00dfliches und wartete darauf, als falscher Freund mich in dem Augenblick zu \u00fcberlisten, in dem ich mich&#8217;s am wenigsten versah. Das war, wenn ich die Hand mit der Karaffe erhob, um Wasser in ein Glas zu schenken. Das Glucksen dieses Wassers, das Ger\u00e4usch, mit dem ich erst die Karaffe, dann das Glas abstellte \u2013 alles schlug an mein Ohr als Wiederholung. Denn alle Stellen jener Nebenerde, auf welche ich entr\u00fcckt war, schien das Einst bereits besetzt zu halten. So kam mir jeder Laut und Augenblick als Doppelg\u00e4nger seiner selbst entgegen. Und wenn ich das f\u00fcr eine Weile hatte \u00fcber mich ergehen lassen, so n\u00e4herte ich mich meinem Bette voller Furcht, mich selbst schon darin ausgestreckt zu finden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ganz legte sich die Angst erst, wenn ich wieder im R\u00fccken die Matratze f\u00fchlte. Dann schlief ich ein. Das Mondlicht r\u00fcckte langsam aus meiner Stube. Und oft lag sie bereits im Dunkeln, wenn ich ein zweites oder drittes Mal erwachte. Die Hand mu\u00dfte als erste sich beherzen, \u00fcber den Grabenrand des Schlafs zu tauchen, in dem sie Deckung vor dem Traum gefunden hatte. Und wie noch nach Gefechtsschlu\u00df einer manchmal von einem Blindg\u00e4nger ereilt wird, blieb die Hand gew\u00e4rtig, unterwegs versp\u00e4tet einem Traum anheimzufallen. Wenn dann das Nachtlicht, flackernd, sie und mich beschwichtigt hatte, stellte sich heraus, da\u00df von der Welt nichts mehr vorhanden war als eine einzige verstockte Frage. Mag sein, da\u00df diese Frage in den Falten des Vorhangs sa\u00df, welcher vor meiner T\u00fcr, um die Ger\u00e4usche abzuhalten, hing. Mag sein, sie war nichts als ein R\u00fcckstand vieler vergangener N\u00e4chte. Endlich mag es sein, da\u00df sie die andere Seite des Befremdens war, das der Mond in mir verbreitet hatte. Sie lautete: warum denn etwas auf der Welt, warum die Welt sei? Mit Staunen stie\u00df ich darauf, nichts in ihr k\u00f6nne mich n\u00f6tigen, die Welt zu denken. Ihr Nichtsein w\u00e4re mir um keinen Deut fragw\u00fcrdiger vorgekommen als ihr Sein, welches dem Nichtsein zuzublinzeln schien. Der Mond hatte ein leichtes Spiel mit diesem Sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kindheit lag schon beinahe hinter mir, da endlich schien er gewillt, den Anspruch auf die Erde, den er sonst nur bei Nacht erhoben hatte, vor ihrem Tagesantlitz anzumelden. Hoch \u00fcberm Horizont, gro\u00df, aber bla\u00df, stand er am Himmel eines Traumes \u00fcber den Stra\u00dfen von Berlin. Es war noch hell. Die meinigen umgaben mich, ein wenig starr, wie auf einer Daguerreotypie. Nur meine Schwester fehlte. \u00bbWo ist Dora?\u00ab h\u00f6rte ich meine Mutter rufen. Der Mond, der voll am Himmel gestanden hatte, war pl\u00f6tzlich immer schneller angewachsen. N\u00e4her und n\u00e4her kommend, ri\u00df er den Planeten auseinander. Das Gel\u00e4nder des eisernen Balkons, auf dem wir alle \u00fcber der Stra\u00dfe Platz genommen hatten, zerfiel in St\u00fccken, und die Leiber, die ihn bev\u00f6lkert hatten, br\u00f6ckelten geschwind nach allen Seiten auseinander. Der Trichter, den der Mond im Kommen bildete, sog alles in sich ein. Nichts konnte hoffen, unverwandelt durch ihn hindurchzugehen. \u00bbWenn es jetzt Schmerz gibt, gibt es keinen Gott\u00ab, h\u00f6rte ich mich erkennen, und sammelte zugleich, was ich hin\u00fcbernehmen wollte. Alles tat ich in einen Vers. Er war mein Abschied. \u00bbO Stern und Blume, Geist und Kleid, Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit!\u00ab Jedoch, indem ich diesen Worten mich anheimzugeben suchte, war ich schon erwacht. Und nun erst schien das Grauen, mit dem eben der Mond mich \u00fcberzogen hatte, sich auf ewig, trostlos, bei mir einzunisten. Denn dies Erwachen steckte nicht, wie andere, dem Traum sein Ziel, sondern verriet mir, da\u00df es ihm entgangen und das Regiment des Mondes, welches ich als Kind erfahren hatte, f\u00fcr eine weitere Weltzeit gescheitert war.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Berliner Kindheit um neunzehnhundert<\/b> ist eine Sammlung autobiografischer Skizzen. Die einzelnen Texte verbinden sich nicht zu einer zusammenh\u00e4ngenden Erz\u00e4hlung, sondern geben eher einzelne Bilder und Erinnerungs-Bruchst\u00fccke wieder, etwa das Schlittschuhlaufen auf einem zugefrorenen Teich oder den N\u00e4hkasten seiner Mutter. Dabei versucht Walter Benjamin, sich in die noch unwissende, staunende Haltung des Kindes zur\u00fcckzuversetzen und dessen Weltsicht in kunstvollen sprachlichen Bildern und Vergleichen wiederzugeben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Das Licht, welches vom Mond herunterflie\u00dft, gilt nicht dem Schauplatz unseres Tagesdaseins. Der Umkreis, den es zweifelhaft erhellt, scheint einer Gegen- oder Nebenerde zu geh\u00f6ren. Sie ist nicht mehr die, der der Mond als Satellit folgt, sondern die selbst&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/07\/01\/der-mond\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":72,"featured_media":61440,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[428],"class_list":["post-48817","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-walter-benjamin"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/48817","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/72"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=48817"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/48817\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=48817"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=48817"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=48817"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}