{"id":48815,"date":"2022-07-16T00:01:00","date_gmt":"2022-07-15T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=48815"},"modified":"2022-02-24T14:00:59","modified_gmt":"2022-02-24T13:00:59","slug":"pfaueninsel-und-glienicke","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/07\/16\/pfaueninsel-und-glienicke\/","title":{"rendered":"Pfaueninsel und Glienicke"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Sommer r\u00fcckte mich an die Hohenzollern heran. In Potsdam waren es das Neue Palais und Sanssouci, Wildpark und Charlottenhof, in Babelsberg das Schlo\u00df und seine G\u00e4rten, die unseren Sommerwohnungen benachbart waren. Die N\u00e4he dieser dynastischen Anlagen st\u00f6rte mich beim Spielen nie, indem ich mir die Gegend, die im Schatten der k\u00f6niglichen Bauten lag, zu eigen machte. Man h\u00e4tte die Geschichte meiner Herrschaft schreiben k\u00f6nnen, die von meiner Investitur durch einen Sommertag bis zu dem R\u00fcckfall meines Reiches an den Sp\u00e4therbst sich erstreckte. Auch ging mein Dasein ganz in K\u00e4mpfen um dieses Reich dahin. Sie hatten es mit keinem Gegenkaiser sondern mit dieser Erde selbst und mit den Geistern, welche sie gegen mich entbot, zu tun.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war an einem Nachmittage auf der Pfaueninsel, da\u00df ich mir meine schwerste Niederlage holte. Man hatte mir gesagt, ich m\u00fcsse dort im Grase mich nach Pfauenfedern umsehen. Wieviel verlockender erschien mir nun die Insel als Fundort so bezaubernder Troph\u00e4en. Doch als ich dann die Rasenpl\u00e4tze kreuz und quer vergeblich nach dem Versprochenen durchst\u00f6bert hatte, beschlich mich, mehr als Groll gegen die Tiere, die mit ihrem unversehrten Federschmuck vor den Volieren hin und her spazierten, Trauer. Funde sind Kindern, was Erwachsenen Siege. Ich hatte etwas gesucht, was mir die Insel ganz zu eigen gegeben, sie ausschlie\u00dflich mir er\u00f6ffnet h\u00e4tte. Mit einer einzigen Feder h\u00e4tte ich sie in Besitz genommen \u2013 nicht nur die Insel, auch den Nachmittag, die \u00dcberfahrt von Sakrow mit der F\u00e4hre, all dieses w\u00e4re erst mit meiner Feder mir ganz und unbestreitbar zugefallen. Die Insel war verloren und mit ihr ein zweites Vaterland: die Pfauenerde. Und nun erst las ich in den blanken Fenstern des Schlo\u00dfhofs vorm Nachhausegehen die Schilder, welche der Glast der Sonne in sie schob: ich solle heute nicht ins Innere treten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie damals mein Schmerz kein so untr\u00f6stlicher gewesen w\u00e4re, h\u00e4tte ich nicht mit einer Feder, welche mir entging, ein angestammtes Land verloren, w\u00e4re ein andermal die Seligkeit, radeln gelernt zu haben, nicht so gro\u00df gewesen, wenn ich nicht damit neue Territorien mir erobert h\u00e4tte. Das war in einer jener asphaltierten Hallen, wo in der Modezeit des Radfahrsports die Kunst, die heut ein Kind vom andern lernt, so umst\u00e4ndlich wie Autofahren unterrichtet wurde. Die Halle lag auf dem Land bei Glienicke; sie stammt aus einer Zeit, der Sport und Freiluft noch nicht unzertrennlich gewesen waren. Auch hatten sich die verschiedenen Arten des Trainings damals noch nicht gefunden. Eifers\u00fcchtig war jede einzelne darauf bedacht, durch eigene R\u00e4ume und ein drastisches Kost\u00fcm sich von den \u00fcbrigen zu unterscheiden. Weiterhin war es dieser Fr\u00fchzeit eigen, da\u00df im Sport \u2013 zumal in dem, der hier getrieben wurde \u2013 die Exzentrizit\u00e4ten tonangebend waren. Daher bewegten sich in dieser Halle neben den Herren-, Damen-, Kinderr\u00e4dern modernere Gestelle, deren Vorderrad vier-, f\u00fcnfmal gr\u00f6\u00dfer als das hintere und deren luftiger Hochsitz das Gest\u00fchl von Akrobaten war, die ihre Nummer \u00fcbten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Badeanstalten weisen oft getrennte Bassins f\u00fcr Nichtschwimmer und Schwimmer auf; so konnte auch hier von einer Scheidung die Rede sein. Und zwar verlief sie zwischen denen, die auf dem Asphalt sich \u00fcben mu\u00dften, und den andern, die die Halle verlassen und im Garten radeln durften. Es dauerte eine Weile, bis ich in diese zweite Gruppe r\u00fcckte. An einem sch\u00f6nen Sommertage aber entlie\u00df man mich ins Freie. Ich war bet\u00e4ubt. Der Weg ging \u00fcber Kies; die Steinchen knirschten; zum ersten Male gab es keinen Schutz vor einer Sonne, die mich blendete. Der Asphalt war schattig, weglos und bequem gewesen. Hier aber lauerten Gefahren in jeder Kurve. Das Rad, obwohl es keinen Freilauf hatte und der Weg noch eben war, ging wie von selbst. Mir aber war, als h\u00e4tte ich noch nie auf ihm gesessen. Ein eigener Wille begann in seiner Lenkstange sich anzumelden. Jeder Buckel war im Begriffe, mir mein Gleichgewicht zu rauben. Ich hatte l\u00e4ngst verlernt zu fallen, aber nun geschah es, da\u00df die Schwerkraft einen Anspruch, auf den sie jahrelang verzichtet hatte, geltend machte. Mit einmal sank, nach einer kleinen Steigung, der Weg unversehens ab, die Bodenwelle, die mich von ihrem Kamme gleiten lie\u00df, zerstob vor meinem Gummireif zu einer Wolke von Staub und Kieseln, Zweige sausten mir im Vor\u00fcbereilen ins Gesicht, und als ich alle Hoffnung, mich zu halten, schon fahren lassen wollte, winkte pl\u00f6tzlich die sanfte Schwelle vor der Einfahrt mir. Herzklopfend, aber mit dem ganzen Schwunge, den der eben zur\u00fcckgelassene Abhang mir noch mitgegeben hatte, tauchte ich auf dem Rade in dem Schatten der Halle ein. Als ich absprang, war es mit der Gewi\u00dfheit, da\u00df f\u00fcr diesen Sommer Kohlhasenbr\u00fcck mit seiner Bahnstation, der Griebnitzsee mit den gew\u00f6lbten Lauben, die zu den Landungsstegen niedergleiten, Schlo\u00df Babelsberg mit seinen ernsten Zinnen und die duftenden Bauerng\u00e4rten von Glienicke durch die Verm\u00e4hlung mit der H\u00fcgelwelle so m\u00fchelos in meinen Scho\u00df gefallen seien wie Herzogt\u00fcmer oder K\u00f6nigreiche durch Heirat an die kaiserliche Hausmacht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-61440 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-245x300.jpg\" alt=\"\" width=\"245\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-245x300.jpg 245w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-560x686.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-260x318.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-160x196.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896.jpg 588w\" sizes=\"auto, (max-width: 245px) 100vw, 245px\" \/><\/a>Berliner Kindheit um neunzehnhundert<\/b> ist eine Sammlung autobiografischer Skizzen. Die einzelnen Texte verbinden sich nicht zu einer zusammenh\u00e4ngenden Erz\u00e4hlung, sondern geben eher einzelne Bilder und Erinnerungs-Bruchst\u00fccke wieder, etwa das Schlittschuhlaufen auf einem zugefrorenen Teich oder den N\u00e4hkasten seiner Mutter. Dabei versucht Walter Benjamin, sich in die noch unwissende, staunende Haltung des Kindes zur\u00fcckzuversetzen und dessen Weltsicht in kunstvollen sprachlichen Bildern und Vergleichen wiederzugeben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der Sommer r\u00fcckte mich an die Hohenzollern heran. In Potsdam waren es das Neue Palais und Sanssouci, Wildpark und Charlottenhof, in Babelsberg das Schlo\u00df und seine G\u00e4rten, die unseren Sommerwohnungen benachbart waren. Die N\u00e4he dieser dynastischen Anlagen st\u00f6rte mich&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/07\/16\/pfaueninsel-und-glienicke\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":72,"featured_media":98124,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[428],"class_list":["post-48815","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-walter-benjamin"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/48815","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/72"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=48815"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/48815\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100179,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/48815\/revisions\/100179"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98124"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=48815"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=48815"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=48815"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}