{"id":48813,"date":"2020-05-06T00:01:00","date_gmt":"2020-05-05T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=48813"},"modified":"2020-05-01T19:55:17","modified_gmt":"2020-05-01T17:55:17","slug":"krumme-strasse","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/05\/06\/krumme-strasse\/","title":{"rendered":"Krumme Strasse"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Das M\u00e4rchen redet manchmal von Passagen und Galerien, die beiderseits mit Buden voller Lockung und Gefahr bestellt sind. Als Knabe war mir so ein Gang gel\u00e4ufig; er hie\u00df die Krumme Stra\u00dfe. Wo sie den sch\u00e4rfsten Knick hat, lag ihr finsterstes Gela\u00df: das Schwimmbad mit seinen rotglasierten Ziegelmauern. Mehrmals die Woche wurde das Wasser im Bassin erneuert. Dann hie\u00df es am Portal \u00bbVor\u00fcbergehend geschlossen\u00ab und ich geno\u00df eine Galgenfrist. Ich tat mich vor den Ladenfenstern um und n\u00e4hrte mein Gebl\u00fct aus einer F\u00fclle von abgelebten Dingen in ihrer Hut. Dem Schwimmbad gegen\u00fcber lag eine Pfandleihe. Den B\u00fcrgersteig bedr\u00e4ngten Tr\u00f6dler mit ihrem Hausrat. Es war der Strich, auf dem auch die Monatsgarderoben zu Hause waren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wo die Krumme Stra\u00dfe im Westen auslief, gab es einen Laden f\u00fcr Schreibbedarf. Uneingeweihte Blicke in sein Fenster fingen sich an den billigen Nick-Carter-Heften. Ich wu\u00dfte aber, wo ich im Hintergrunde die anst\u00f6\u00dfigen Schriften zu suchen hatte. An dieser Stelle war kein Verkehr. Ich konnte lange durch die Scheibe starren, um erst bei Kontob\u00fcchern, Zirkeln und Oblaten mir ein Alibi zu schaffen, dann aber unvermittelt in den Scho\u00df dieser papierenen Sch\u00f6pfung vorzusto\u00dfen. Der Trieb err\u00e4t, was sich am z\u00e4hesten in uns erweisen wird; mit dem verschmilzt er. Rosetten und Lampions im Ladenfenster feierten das verf\u00e4ngliche Ereignis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht weit vom Schwimmbad lag der st\u00e4dtische Lesesaal. Mit seinen eisernen Emporen war er mir nicht zu hoch und nicht zu frostig. Ich witterte mein eigentliches Revier. Denn sein Geruch ging ihm voraus. Er wartete wie unter einer d\u00fcnnen, bergenden Schicht unter dem feuchten, kalten, der mich im Stiegenhaus empfing. Ich stie\u00df die Eisent\u00fcr nur sch\u00fcchtern auf. Doch kaum im Saal, begann die Stille meiner Kr\u00e4fte sich anzunehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Schwimmbad widerte mich der Stimmenl\u00e4rm, der sich in das Brausen der Leitungen mischte, am meisten an. Er drang schon aus der Vorhalle, wo ein jedes die beinernen Bademarken erstehen mu\u00dfte. Den Fu\u00df \u00fcber die Schwelle setzen bedeutete, von der Oberwelt Abschied nehmen. Danach bewahrte einen nichts mehr vor der \u00fcberw\u00f6lbten Wassermasse im Innern. Sie war der Sitz einer scheelen G\u00f6ttin, die darauf aus war, uns an die Brust zu legen und aus den kalten Kammern uns zu tr\u00e4nken, bis dort oben nichts mehr an uns erinnern werde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Winter brannte schon das Gas, wenn ich aus der Badeanstalt nach Hause ging. Das konnte mich nicht hindern, einen Umweg zu machen, der mich hinterr\u00fccks, als wollte ich sie auf frischer Tat ertappen, wieder auf meine Ecke f\u00fchrte. Auch in dem Laden brannte Licht. Ein Teil davon fiel auf die ausgestellte Ware und vermischte sich mit jenem der Laternen. In solchem Zwielicht verhie\u00df das Schaufenster noch mehr als sonst. Denn nun verst\u00e4rkte sich der Bann, den die auf Scherzpostkarten und Brosch\u00fcren fa\u00dflich dargestellte Unzucht um mich legte, durch das Bewu\u00dftsein, mit der Tagesarbeit f\u00fcr heute Schlu\u00df gemacht zu haben. Was in mir vorging, konnte ich behutsam nach Hause unter meine Lampe tragen. Ja, noch das Bett geleitete mich oft zum Laden und zum Menschenstrom zur\u00fcck, der durch die Krumme Stra\u00dfe geflutet war. Burschen begegneten mir, die mich stie\u00dfen. Aber der Hochmut, den sie unterwegs in mir hervorgerufen hatten, kam nicht mehr auf. Der Schlaf gewann der Stille meines Zimmers ein Rauschen ab, das mich f\u00fcr das verha\u00dfte der Badeanstalt in einem Augenblick entsch\u00e4digt hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Berliner Kindheit um neunzehnhundert<\/b> ist eine Sammlung autobiografischer Skizzen. Die einzelnen Texte verbinden sich nicht zu einer zusammenh\u00e4ngenden Erz\u00e4hlung, sondern geben eher einzelne Bilder und Erinnerungs-Bruchst\u00fccke wieder, etwa das Schlittschuhlaufen auf einem zugefrorenen Teich oder den N\u00e4hkasten seiner Mutter. Dabei versucht Walter Benjamin, sich in die noch unwissende, staunende Haltung des Kindes zur\u00fcckzuversetzen und dessen Weltsicht in kunstvollen sprachlichen Bildern und Vergleichen wiederzugeben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das M\u00e4rchen redet manchmal von Passagen und Galerien, die beiderseits mit Buden voller Lockung und Gefahr bestellt sind. Als Knabe war mir so ein Gang gel\u00e4ufig; er hie\u00df die Krumme Stra\u00dfe. 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