{"id":48810,"date":"2020-04-03T00:01:30","date_gmt":"2020-04-02T22:01:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=48810"},"modified":"2020-03-01T21:16:42","modified_gmt":"2020-03-01T20:16:42","slug":"loggien","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/04\/03\/loggien\/","title":{"rendered":"Loggien"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Wie eine Mutter, die das Neugeborene an ihre Brust legt, ohne es zu wecken, verf\u00e4hrt das Leben lange Zeit mit der noch zarten Erinnerung an die Kindheit. Nichts kr\u00e4ftigte die meine inniger als der Blick in H\u00f6fe, von deren dunklen Loggien eine, die im Sommer von Markisen beschattet wurde, f\u00fcr mich die Wiege war, in die die Stadt den neuen B\u00fcrger legte. Die Karyatiden, die die Loggia des n\u00e4chsten Stockwerks trugen, mochten ihren Platz f\u00fcr einen Augenblick verlassen, um an dieser Wiege ein Lied zu singen, das zwar fast nichts von dem enthielt, was sp\u00e4ter auf mich wartete, daf\u00fcr jedoch den Spruch, durch den die Luft der H\u00f6fe mir auf immer berauschend blieb. Ich glaube, da\u00df ein Beisatz dieser Luft noch um die Weinberge von Capri war, in denen ich die Geliebte umschlungen hielt; und es ist eben diese Luft, in der die Bilder und Allegorien stehen, die \u00fcber meinem Denken herrschen wie die Karyatiden auf der Loggienh\u00f6he \u00fcber die H\u00f6fe des Berliner Westens.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Takt der Stadtbahn und des Teppichklopfens wiegte mich da in Schlaf. Er war die Mulde, in der sich meine Tr\u00e4ume bildeten. Zuerst die ungestalten, die vielleicht vom Schwall des Wassers oder dem Geruch der Milch durchzogen waren; dann die langgesponnenen: Reise- und Regentr\u00e4ume; endlich die geweckteren: vom n\u00e4chsten Murmelspiel im Zoo, vom Sonntagsausflug. Der Fr\u00fchling hi\u00dfte hier die ersten Triebe vor einer grauen R\u00fcckfront; und wenn sp\u00e4ter im Jahr ein staubiges Laubdach tausendmal am Tage die Hauswand streifte, nahm das Schl\u00fcrfen der Zweige mich in eine Lehre, der ich noch nicht gewachsen war. Denn alles wurde mir im Hof zum Wink. Wieviele Botschaften sa\u00dfen nicht im Gepl\u00e4nkel gr\u00fcner Rouleaux, die hochgezogen wurden, und wieviele Hiobsposten lie\u00df ich klug im Poltern der Roll\u00e4den uner\u00f6ffnet, die in der D\u00e4mmerung niederdonnerten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am tiefsten aber konnte mich die Stelle betreffen, wo der Baum im Hofe stand. Sie war im Pflaster ausgespart, in das ein breiter Eisenring versenkt war. St\u00e4be durchzogen ihn derart, da\u00df er ein Gitter vorm nackten Erdreich bildete. Es schien mir nicht umsonst so eingefa\u00dft; manchmal sann ich dem nach, was in der schwarzen Kute, aus der der Stamm kam, vorging. Sp\u00e4ter dehnte ich diese Forschung auf die Droschkenhaltestellen aus. Die B\u00e4ume dort wurzelten \u00e4hnlich, doch sie waren noch dazu umz\u00e4unt, und Kutscher hingen an die Umz\u00e4unung ihre Pelerinen, w\u00e4hrend sie f\u00fcr den Gaul das Pumpenbecken, welches ins Trottoir gesenkt war, mit dem Strahl f\u00fcllten, der Heu- und Haferreste wegtrieb. Mir waren diese Wartepl\u00e4tze, deren Ruhe nur selten durch den Zuwachs oder Abgang von Wagen unterbrochen wurde, entlegenere Provinzen meines Hofes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Viel war an seinen Loggien abzulesen: der Versuch, der abendlichen Mu\u00dfe nachzuh\u00e4ngen; die Hoffnung, das Familienleben ins Gr\u00fcne vorzuschieben; das Bestreben, den Sonntag ohne R\u00fcckstand auszusch\u00f6pfen. Aber am Ende war das alles eitel. Nichts lehrte der Zustand dieser eines \u00fcberm anderen befindlichen Gevierte, als wieviel beschwerliche Gesch\u00e4fte jeder Tag dem folgenden vererbte. W\u00e4scheleinen liefen von einer Wand zur anderen; die Palme sah um so obdachloser aus, als l\u00e4ngst nicht mehr der dunkle Erdteil, sondern der benachbarte Salon als ihre Heimat empfunden wurde. So wollte es das Gesetz des Ortes, um den einst die Tr\u00e4ume der Bewohner gespielt hatten. Doch ehe er der Vergessenheit verfiel, hatte bisweilen die Kunst ihn zu verkl\u00e4ren unternommen. Bald stahl sich eine Ampel, bald eine Bronze, bald eine Chinavase in sein Bereich. Und wenn auch diese Altert\u00fcmer selten dem Orte Ehre machten, so gewann auf diesen Loggien der Zeitverlauf selbst etwas Altert\u00fcmliches. Das pompejanische Rot, das sich so oft in breitem Bande an der Wand entlangzog, war der gegebene Hintergrund der Stunden, welche in dieser Abgeschiedenheit sich stauten. Die Zeit veraltete in diesen schattenreichen Gelassen, die sich auf die H\u00f6fe \u00f6ffneten. Und eben darum war der Vormittag, wenn ich auf unserer Loggia auf ihn stie\u00df, so lange schon Vormittag, da\u00df er mehr er selbst schien als auf jedem anderen Fleck. So auch die ferneren Tageszeiten. Nie konnte ich sie hier erwarten; immer erwarteten sie mich bereits. Sie waren schon lange da, ja gleichsam aus der Mode, wenn ich sie endlich dort aufst\u00f6berte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sp\u00e4ter entdeckte ich vom Bahndamm aus die H\u00f6fe neu. Und wenn ich dann an schw\u00fclen Sommernachmittagen aus dem Abteil auf sie heruntersah, schien sich der Sommer in sie eingesperrt und von der Landschaft losgesagt zu haben. Und die Geranien, die mit roten Bl\u00fcten aus ihren K\u00e4sten sahen, pa\u00dften weniger zu ihm als die roten Matratzen, die am Vormittag zum L\u00fcften \u00fcber den Br\u00fcstungen gehangen hatten. Abende, die auf solche Tage folgten, sahen uns \u2013 mich und meine Kameraden \u2013 manchmal am Tisch der Loggia versammelt. Eiserne Gartenm\u00f6bel, die geflochten oder von Schilf umwunden schienen, waren die Sitzgelegenheit. Und auf die Reclamhefte schien aus einem rot- und gr\u00fcngeflammten Kelch, in dem der Strumpf summte, das Gaslicht nieder: Lesekr\u00e4nzchen. Romeos letzter Seufzer strich durch unsern Hof auf seiner Suche nach dem Echo, das ihm die Gruft der Julia in Bereitschaft hielt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seitdem ich Kind war, haben sich die Loggien weniger ver\u00e4ndert als die anderen R\u00e4ume. Doch nicht nur darum sind sie mir noch nah. Es ist vielmehr des Trostes wegen, der in ihrer Unbewohnbarkeit f\u00fcr den liegt, der selber nicht mehr recht zum Wohnen kommt. An ihnen hat die Behausung des Berliners ihre Grenze. Berlin \u2013 der Stadtgott selber \u2013 beginnt in ihnen. Er bleibt sich dort so gegenw\u00e4rtig, da\u00df nichts Fl\u00fcchtiges sich neben ihm behauptet. In seinem Schutze finden Ort und Zeit zu sich und zueinander. Beide lagern sich hier zu seinen F\u00fc\u00dfen. Das Kind jedoch, das einmal mit im Bunde gewesen war, h\u00e4lt sich, von dieser Gruppe eingefa\u00dft, auf seiner Loggia wie in einem l\u00e4ngst ihm zugedachten Mausoleum auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Berliner Kindheit um neunzehnhundert<\/b> ist eine Sammlung autobiografischer Skizzen. Die einzelnen Texte verbinden sich nicht zu einer zusammenh\u00e4ngenden Erz\u00e4hlung, sondern geben eher einzelne Bilder und Erinnerungs-Bruchst\u00fccke wieder, etwa das Schlittschuhlaufen auf einem zugefrorenen Teich oder den N\u00e4hkasten seiner Mutter. Dabei versucht Walter Benjamin, sich in die noch unwissende, staunende Haltung des Kindes zur\u00fcckzuversetzen und dessen Weltsicht in kunstvollen sprachlichen Bildern und Vergleichen wiederzugeben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie eine Mutter, die das Neugeborene an ihre Brust legt, ohne es zu wecken, verf\u00e4hrt das Leben lange Zeit mit der noch zarten Erinnerung an die Kindheit. 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