{"id":48808,"date":"2020-03-03T00:01:27","date_gmt":"2020-03-02T23:01:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=48808"},"modified":"2020-03-01T20:37:50","modified_gmt":"2020-03-01T19:37:50","slug":"ungluecksfaelle-und-verbrechen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/03\/03\/ungluecksfaelle-und-verbrechen\/","title":{"rendered":"Ungl\u00fccksf\u00e4lle und Verbrechen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Die Stadt versprach sie mir mit jedem Tag aufs neue und am Abend war sie sie schuldig geblieben. Tauchten sie auf, so waren sie, wenn ich an Ort und Stelle kam, schon wieder fort, wie G\u00f6tter, die nur Augenblicke f\u00fcr die Sterblichen \u00fcbrig haben. Ein ausgeraubtes Schaufenster, das Haus, aus dem man einen Toten getragen hatte, die Stelle auf dem Fahrdamm, wo ein Pferd gest\u00fcrzt war \u2013 ich fa\u00dfte vor ihnen Fu\u00df, um an dem fl\u00fcchtigen Hauch, den dies Geschehn zur\u00fcckgelassen hatte, mich zu s\u00e4ttigen. Da war er auch schon wieder hin \u2013 zerstreut und fortgetragen von dem Haufen Neugieriger, die sich in alle Winde verlaufen hatten. Wer konnte es mit der Feuerwehr aufnehmen, die von ihren Rennern zu unbekannten Brandst\u00e4tten bef\u00f6rdert wurde, wer durch die Milchglasscheiben in das Innere der Krankenwagen blicken? Auf diesen Wagen glitt und st\u00fcrzte Ungl\u00fcck, dessen F\u00e4hrte ich nicht erhaschen konnte, durch die Stra\u00dfen. Doch hatte es noch seltsamere Vehikel, die freilich ihr Geheimnis eigensinnig wie die Zigeunerwagen h\u00fcteten. Und auch an ihnen waren es die Fenster, in denen es mir nicht geheuer schien. Eiserne St\u00e4bchen hielten sie verwahrt. Und wenn ihr Abstand auch so winzig war, da\u00df keinesfalls ein Mensch sich durch sie h\u00e4tte zw\u00e4ngen k\u00f6nnen, hing ich doch immer den Misset\u00e4tern nach, die drinnen, wie ich mir erz\u00e4hlte, gefangen sa\u00dfen. Ich wu\u00dfte damals nicht, da\u00df das nur Wagen f\u00fcr die Bef\u00f6rderung von Akten waren, begriff sie aber darum nur noch besser als stickige Beh\u00e4ltnisse des Unheils. Auch der Kanal, in dem das Wasser doch so dunkel und so langsam trieb, als sei es mit allem Traurigen auf Du und Du, hielt mich von einem Mal zum andern hin. Umsonst war jede seiner vielen Br\u00fccken mit einem Rettungsring dem Tod verlobt. So oft ich sie passierte, fand ich sie jungfr\u00e4ulich. Und am Ende lernte ich, mich mit den Tafeln zu begn\u00fcgen, die Wiederbelebungsversuche an Ertrunkenen zeigen. Doch diese Akte blieben mir so fern wie die steinernen Krieger des Pergamon-Museums.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr das Ungl\u00fcck war \u00fcberall vorgesorgt; die Stadt und ich h\u00e4tten es weich gebettet, aber nirgends lie\u00df es sich sehn. Ja, wenn ich durch die festgeschlossenen Laden in das Elisabeth-Krankenhaus h\u00e4tte blicken k\u00f6nnen! Es war mir, wenn ich durch die L\u00fctzowstra\u00dfe kam, aufgefallen, da\u00df manche Laden hier am hellen Tage geschlossen waren. Auf meine Frage hatte ich erfahren, in solchen Zimmern l\u00e4gen \u00bbdie Schwerkranken\u00ab. Die Juden, wenn sie von dem Todesengel erz\u00e4hlen h\u00f6rten, der mit seinem Finger die H\u00e4user der \u00c4gypter bezeichnete, deren Erstgeburt sterben sollte, m\u00f6gen sich diese H\u00e4user so mit Grauen vergegenw\u00e4rtigt haben wie ich mir die Fenster, deren Laden geschlossen blieben. Aber tat er wirklich sein Werk \u2013 der Todesengel? Oder gingen dann eines Tages doch die Laden auf, und legte sich der Schwerkranke als Genesender ins Fenster? H\u00e4tte man ihm nicht nachhelfen m\u00f6gen dem Tod, dem Feuer oder auch nur dem Hagel, der gegen meine Scheiben trommelte, ohne jemals sie zu durchschlagen? Und ist es wunderbar, da\u00df, als nun endlich Ungl\u00fcck und Verbrechen zur Stelle waren, dieses Erlebnis alles um sich her \u2013 ja auch die Schwelle zwischen Traum und Wirklichkeit \u2013 zunichte machte? So wei\u00df ich nicht mehr, ob es einem Traum entstammt oder nur vielfach in ihm wiederkehrte. In jedem Fall war es im Augenblick bei der Ber\u00fchrung mit der \u00bbKette\u00ab gegenw\u00e4rtig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbVergi\u00df nicht, erst die Kette vorzumachen\u00ab hie\u00df es, wenn mir gestattet worden war, die T\u00fcr zu \u00f6ffnen. Die Angst vor einem Fu\u00dfe, der sich in die T\u00fcr stemmt, ist mir durch meine Kindheit treu geblieben. Und in der Mitte dieser \u00c4ngste dehnt sich endlos wie die H\u00f6llenqual das Schrecknis, das offenbar nur eingetreten war, weil nicht die Kette vorlag. Im Arbeitszimmer meines Vaters steht ein Herr. Er ist nicht schlecht gekleidet, und er scheint die Gegenwart der Mutter gar nicht zu bemerken, spricht \u00fcber sie hinweg, als ob sie Luft w\u00e4re. Erst recht ist meine Gegenwart im Nebenzimmer f\u00fcr ihn unbetr\u00e4chtlich. Der Ton, in dem er spricht, ist vielleicht h\u00f6flich und wohl kaum sehr drohend. Gef\u00e4hrlicher ist eine Stille, wenn er schweigt. In dieser Wohnung ist kein Telefon. Das Leben meines Vaters h\u00e4ngt an einem Haar. Vielleicht wird er das nicht erkennen und, indem er vom Sekret\u00e4r, den zu verlassen er noch gar nicht Zeit fand, aufsteht, um den Herrn, der eindrang und l\u00e4ngst Fu\u00df gefa\u00dft hat, hinauszuweisen, wird dieser ihm zuvorgekommen sein, abschlie\u00dfen und den Schl\u00fcssel an sich nehmen. Dem Vater ist der R\u00fcckzug abgeschnitten, und mit der Mutter hat der andre es auch weiter nicht zu tun. Ja das Entsetzlichste an ihm ist seine Weise, sie zu \u00fcbersehen, als wenn sie mit ihm, dem M\u00f6rder und Erpresser, im Bunde w\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weil auch diese finstere Heimsuchung ging, ohne mir ihr R\u00e4tselwort zu hinterlassen, habe ich immer den verstanden, der zum ersten besten Feuermelder fl\u00fcchtet. Sie stehen als Alt\u00e4re an der Stra\u00dfe, vor denen man zur Ungl\u00fccksg\u00f6ttin fleht. Dann stellte ich mir, noch erregender als das Erscheinen des Wagens, die Minute vor, in der man als einziger Passant sein noch entferntes Sturmsignal erlauscht. Fast immer aber hatte man an ihm den besten Teil des Unheils schon dahin. Denn selbst im Falle, da\u00df es brannte, war vom Feuer nichts zu sehn. Es schien, als ob die Stadt die seltene Flamme mit Eifersucht betreue, tief im Innern des Hofes oder Dachgest\u00fchls sie n\u00e4hre und jedermann den Anblick dieses hitzigen, pr\u00e4chtigen Gefl\u00fcgels, das sie sich da gezogen hatte, neide. Feuerwehrleute kamen ab und zu von drinnen, doch sie sahen nicht aus als seien sie den Anblick wert, von dem sie voll sein mu\u00dften. Wenn dann ein zweiter Zug mit Schl\u00e4uchen, Leitern und Boilern vorgefahren kam, so schien er nach den ersten eiligen Man\u00f6vern sich in den gleichen Schlendrian hineinzufinden und der robuste und behelmte Nachschub mehr H\u00fcter eines unsichtbaren Feuers als sein Feind. Meist aber kamen keine Wagen nach, sondern auf einmal merkte man, da\u00df auch die Polizei verschwunden und das Feuer abgel\u00f6scht war. Keiner wollte einem best\u00e4tigen, es sei angelegt gewesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Berliner Kindheit um neunzehnhundert<\/b> ist eine Sammlung autobiografischer Skizzen. Die einzelnen Texte verbinden sich nicht zu einer zusammenh\u00e4ngenden Erz\u00e4hlung, sondern geben eher einzelne Bilder und Erinnerungs-Bruchst\u00fccke wieder, etwa das Schlittschuhlaufen auf einem zugefrorenen Teich oder den N\u00e4hkasten seiner Mutter. Dabei versucht Walter Benjamin, sich in die noch unwissende, staunende Haltung des Kindes zur\u00fcckzuversetzen und dessen Weltsicht in kunstvollen sprachlichen Bildern und Vergleichen wiederzugeben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Stadt versprach sie mir mit jedem Tag aufs neue und am Abend war sie sie schuldig geblieben. Tauchten sie auf, so waren sie, wenn ich an Ort und Stelle kam, schon wieder fort, wie G\u00f6tter, die nur Augenblicke f\u00fcr&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/03\/03\/ungluecksfaelle-und-verbrechen\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":72,"featured_media":61440,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[428],"class_list":["post-48808","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-walter-benjamin"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/48808","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/72"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=48808"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/48808\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=48808"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=48808"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=48808"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}