{"id":48802,"date":"2020-02-01T00:01:44","date_gmt":"2020-01-31T23:01:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=48802"},"modified":"2020-01-31T10:31:59","modified_gmt":"2020-01-31T09:31:59","slug":"der-naehkasten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/02\/01\/der-naehkasten\/","title":{"rendered":"Der N\u00e4hkasten"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Die Spindel kannten wir nicht mehr, die das Dornr\u00f6schen stach und es in hundertj\u00e4hrigen Schlaf versenkte. Aber wie Schneewittchens Mutter, die K\u00f6nigin, am Fenster sa\u00df, wenn es schneite, so hat auch unsere Mutter mit dem N\u00e4hzeug am Fenster gesessen, und nur darum fielen keine drei Tropfen Blut, weil sie einen Fingerhut bei der Arbeit trug. Daf\u00fcr war dessen Kuppe selbst von blassem Rot, und kleine Vertiefungen wie Spuren fr\u00fcherer Stiche verzierten sie. Hielt man ihn aber gegens Licht, so gl\u00fchte er am Ende seiner finsteren H\u00f6hlung, in der unser Zeigefinger so gut Bescheid wu\u00dfte. Denn gern bem\u00e4chtigten wir uns der kleinen Krone, die im Verborgenen uns bekr\u00f6nen k\u00f6nnte. Wenn ich sie auf den Finger schob, begriff ich, wie meine Mutter f\u00fcr die Dienstm\u00e4dchen hie\u00df. Sie meinten \u00bbgn\u00e4dige Frau\u00ab, verst\u00fcmmelten jedoch das erste Wort, so schien mir lange, da\u00df sie N\u00e4h-Frau sagten. Man h\u00e4tte keinen Titel finden k\u00f6nnen, in welchem sich die Machtvollkommenheit der Mutter einleuchtender f\u00fcr mich bekundet h\u00e4tte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie alle echten Herrschersitze hatte auch der ihre am N\u00e4htisch seinen Bannkreis. Und bisweilen bekam ich ihn zu sp\u00fcren. Unbeweglich, mit angehaltenem Atem stand ich drin. Die Mutter aber hatte gerade eben entdeckt, es sei, eh ich sie auf Besuch oder zu Eink\u00e4ufen begleiten d\u00fcrfe, an meinem Anzug etwas auszubessern. Und nun hielt sie den \u00c4rmel meiner Matrosenbluse, in welchem ich den Arm schon stecken hatte, in der Hand, um den blauwei\u00dfen Aufschlag festzun\u00e4hen oder sie gab mit ein paar schnellen Stichen dem seidenen Schifferknoten seinen \u00bbPli\u00ab. Ich aber stand dabei und kaute an dem schwei\u00dfigen Gummibande meiner M\u00fctze, das mir sauer schmeckte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In solchen Augenblicken, da das N\u00e4hzeug am strengsten \u00fcber mich gebot, begann Trotz und Emp\u00f6rung sich in mir zu melden. Nicht nur, weil diese Sorge f\u00fcr den Anzug, den ich doch schon am K\u00f6rper hatte, die Geduld auf eine allzu harte Probe stellte, nein, mehr noch, weil, was mit mir vorgenommen wurde, nicht in dem mindesten Verh\u00e4ltnis stand zu dem vielfarbigen Aufgebot der Seiden, den feinen Nadeln und den Scheren in verschiedenen Gr\u00f6\u00dfen, welche vor mir lagen. Zweifel beschlichen mich, ob dieser Kasten von Haus aus \u00fcberhaupt zum N\u00e4hen sei \u2013 sie waren denen \u00e4hnlich, die mich jetzt manchmal auf offener Stra\u00dfe \u00fcberfallen, wenn ich von weitem nicht entscheiden kann, ob ich vor Augen eine Konfiserie oder eine Friseurauslage habe. Und schwerlich h\u00e4tte ich mich sehr gewundert, wenn bei den Spulen eine redende, die Spule Odradek, gelegen h\u00e4tte, die ich fast vierzig Jahre sp\u00e4ter kennen lernte. Zwar nennt der Dichter diese redende und r\u00e4tselhafte, welche auf den Treppen und in den Zimmerecken sich herumtreibt, \u00bbdie Sorge des Hausvaters\u00ab. Das wird aber der Vorstand einer jener zweideutigen Familien sein, bei denen sich die Geschlechtsverh\u00e4ltnisse verkehren. Soviel zumindest sp\u00fcrte ich schon damals, da\u00df die Zwirn- und Garnrollen mich mit verrufener Lockung peinigten. Und zwar war deren Sitz in ihrem Hohlraum, in dem fr\u00fcher die Achse kreiste, deren schnelle Drehung den Faden auf die Rolle wickelte. Nachher verschwand dies Loch auf beiden Seiten unter der Oblate, die meistens schwarz war und mit goldenem Aufdruck den Firmennamen und die Nummer trug. Zu gro\u00df war die Versuchung, meine Fingerspitzen gegen die Mitte der Oblate anzustemmen, zu innig die Befriedigung, wenn sie ri\u00df und ich das Loch darunter tastete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neben der oberen Region des Kastens, wo diese Rollen beieinanderlagen, die schwarzen Nadelb\u00fccher blinkten, und die Scheren jede in ihrer Lederscheide steckten, gab es den finstern Untergrund, den Wust, in dem der aufgel\u00f6ste Kn\u00e4uel regierte, Reste von Gummib\u00e4ndern, Haken, \u00d6sen und Seidenfetzen beieinanderlagen. Auch Kn\u00f6pfe waren unter diesem Ausschu\u00df; manche von solcher Form, wie man sie nie an irgend einem Kleid gesehen hat. \u00c4hnliche fand ich sehr viel sp\u00e4ter wieder: da waren es die R\u00e4der an dem Wagen des Donnergottes Thor, wie ihn ein kleiner Magister um die Mitte des Jahrhunderts in einem Schulbuch abgebildet hat. Soviele Jahre also brauchte es, bis sich mein Argwohn, dieser ganze Kasten sei anderem vorbestimmt als N\u00e4harbeiten, vor einem blassen Bildchen best\u00e4tigt hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schneewittchens Mutter n\u00e4ht und drau\u00dfen schneit es. Je stiller es im Land wird, desto mehr kommt dieses stillste Hausgesch\u00e4ft zu Ehren. Je fr\u00fcher am Tag es dunkel wurde, desto \u00f6fter erbaten wir die Schere. Eine Stunde verbrachten nun auch wir mit unsern Augen der Nadel folgend, von der trag ein dicker, wollener Faden herunterhing. Denn ohne es zu sagen, hatte jedes sich seine Ausn\u00e4hsachen vorgenommen \u2013 Pappteller, Tintenwischer, Futterale \u2013, in die es nach der Zeichnung Blumen n\u00e4hte. Und w\u00e4hrend das Papier mit leisem Knacken der Nadel ihre Bahn freimachte, gab ich hin und wieder der Versuchung nach, mich in das Netzwerk auf der Hinterseite zu vergaffen, das mit jedem Stich, mit dem ich vorn dem Ziele n\u00e4herkam, verworrener wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Berliner Kindheit um neunzehnhundert<\/b> ist eine Sammlung autobiografischer Skizzen. Die einzelnen Texte verbinden sich nicht zu einer zusammenh\u00e4ngenden Erz\u00e4hlung, sondern geben eher einzelne Bilder und Erinnerungs-Bruchst\u00fccke wieder, etwa das Schlittschuhlaufen auf einem zugefrorenen Teich oder den N\u00e4hkasten seiner Mutter. Dabei versucht Walter Benjamin, sich in die noch unwissende, staunende Haltung des Kindes zur\u00fcckzuversetzen und dessen Weltsicht in kunstvollen sprachlichen Bildern und Vergleichen wiederzugeben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Spindel kannten wir nicht mehr, die das Dornr\u00f6schen stach und es in hundertj\u00e4hrigen Schlaf versenkte. 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