{"id":48714,"date":"2019-09-12T00:01:11","date_gmt":"2019-09-11T22:01:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=48714"},"modified":"2019-09-12T06:19:56","modified_gmt":"2019-09-12T04:19:56","slug":"hoerzu","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/09\/12\/hoerzu\/","title":{"rendered":"H\u00d6RZU"},"content":{"rendered":"<p class=\"autor\" style=\"text-align: right;\" align=\"left\"><span style=\"color: #999999;\">oder: Warum viele K\u00fcnstler leider weiter am <a href=\"https:\/\/marjorie-wiki.de\/wiki\/Das_Hungertuch_(K%C3%BCnstlerpreis)#cite_note-1\"><span style=\"color: #ff0000;\">Hungertuch<\/span> <\/a>nagen m\u00fcssen<\/span><\/p>\n<p class=\"fliesstext1\" style=\"text-align: justify;\">Der Komponist Jean Sibelius soll einmal ge\u00e4ussert haben, Sinn f\u00fcr Musik habe er \u201eeigentlich immer nur bei Bankiers gefunden, h\u00f6chst selten bei K\u00fcnstlern, die lieber \u00fcber Geld reden.\u201c Ein bemerkenswertes Bonmot f\u00fcr einen K\u00fcnstler. Geh\u00f6rt es doch seit der Antike zu den Standards ihrer Rhetorik, das Geld, seine korrumpierende Macht und seine \u00e4sthetisch meist ignoranten Besitzer auf das \u00fcbelste zu beschimpfen. Die Freuden des Golf\u2013Fahrens oder die Vorz\u00fcge edler Markenkleidung zu besingen, mag wohl kurzfristigen Ruhm als Popliterat begr\u00fcnden und hohe Verkaufszahlen bescheren \u2013 unter Kunstverdacht steht es kaum. Wer gegen Bares das Foyer der Deutschen Bank ausmalt, hat noch seine subversivsten Bildbotschaften an die Macht des Kapitals verraten. Und zur Legende des genialen Mozart passte es einfach besser, h\u00e4tte er sein Requiem in totaler Verarmung komponiert statt in ausk\u00f6mmlichen Verh\u00e4ltnissen, wenngleich mit saftigen Spielschulden.<\/p>\n<p class=\"fliesstext1\" style=\"text-align: justify;\">Den schweren Dienst am Wahren, Guten, Sch\u00f6nen beglaubigen K\u00fcnstler besser durch karge Existenzbedingungen. Das Leben der Boheme soll arm, aber aufrecht sein. Denn ob Geld in Form von Direkt\u00fcberweisungen, neofeudaler Protektion oder von Verkaufserfolgen ins Spiel kommt, ist eigentlich ziemlich wurscht. Der Tausch von Kunst gegen Kohle begr\u00fcndet zuverl\u00e4ssig stets einen Verdacht: dass hier jemand ideelle Motive schn\u00f6dem weltlichen Profit geopfert habe. Kommerzieller Erfolg stellt Kunstanspr\u00fcche grunds\u00e4tzlich in Frage.<\/p>\n<p class=\"fliesstext1\" style=\"text-align: justify;\">Allein: Wer sein Leben der Kunst weiht, hat leider oft einen ausgepr\u00e4gten Sinn auch f\u00fcr die sch\u00f6nen irdischen Dinge. Leonardo liebte edle Stoffe und s\u00fcndhaft teure Gew\u00fcrze ebenso wie die K\u00fcnste und Wissenschaften. Richard Wagner hinterliess allein 48 seidene Morgenr\u00f6cke. Selbst der wackere Karl Marx bestellte lieber ein paar Kisten Rheingauer Riesling oder ein Klavier, statt mit Friedrich Engels\u2018 Schecks die Miete oder seinen Beitrag an die 1. Internationale zu bezahlen.<\/p>\n<p class=\"fliesstext1\" style=\"text-align: justify;\">Lassen wir die radikale Fraktion der wahren Asketen aussen vor. Vorzugsweise \u00fcber Geld reden am liebsten jene K\u00fcnstler, die seine Quellen zwar recht ordentlich verachten, den Zaster aber lustig verprassen, statt ihn wie der Bourgeois \u00e4ngstlich zu horten. Warum nicht die Taschen der reichen Spiesser und der M\u00e4chtigen so weit wie m\u00f6glich leeren? Verschafft man diesen damit doch Entlastung von ihrem notorisch schlechten Gewissen \u2013 und f\u00fchrt zugleich den angeeigneten gesellschaftlichen Reichtum wieder edleren Verwendungen zu.<\/p>\n<p class=\"fliesstext1\" style=\"text-align: justify;\">Steigen wir nun ein wenig auf aus dem Tal gut abgehangener Vorurteile und blicken wir von oben auf die Szene. Ich hoffe, der Soziologe Niklas Luhmann dreht sich angesichts meines hoffnungslos unterkomplexen Gebrauches seiner Theorie nicht im Grabe herum. Doch nicht nur durch die Brille der Systemtheorie erkennt man schnell eine bemerkenswerte strukturelle Gemeinsamkeit von Kunst und Geld: beide leisten symbolische Zweitcodierungen der Welt. Ihre Zeichensysteme treffen gegen\u00fcber der unendlichen Komplexit\u00e4t der Welt Unterscheidungen, mit denen man arbeiten kann. Geld wie Kunst stiften Ordnungssinn und geben der Kommunikation in der und \u00fcber die Welt eine Struktur. Zugegeben: eine \u00fcberaus abstrakte Gemeinsamkeit. Aber das war\u2019s dann auch schon.<\/p>\n<p class=\"fliesstext1\" style=\"text-align: justify;\">Viel interessanter ist die entscheidende Differenz von Kunstsystem und Wirtschaftssystem. Das \u201eProblem\u201c der Wirtschaft heisst \u2013 Knappheit.<\/p>\n<p class=\"fliesstext1\" style=\"text-align: justify;\">Die Menge der G\u00fcter (\u00fcbrigens auch die der Bilder) und der Dienstleistungen (auch die der Symphoniekonzerte) ist prinzipiell begrenzt. Die Menge der W\u00fcnsche, auf diese G\u00fcter zuzugreifen, prinzipiell nicht. Die geniale L\u00f6sung besteht in der Verdoppelung dieser realen Knappheiten durch eine k\u00fcnstlich erzeugte Knappheit: Geldknappheit. Wer entsprechend zahlt, der bekommt widerstandslos vom B\u00e4cker ein Brot, von Armani einen Anzug oder vom Galeristen ein Gem\u00e4lde.<\/p>\n<p class=\"fliesstext1\" style=\"text-align: justify;\">Knappheit reguliert geldgesteuerte Wirtschaftssysteme aber noch auf einer anderen Ebene. Denn Geld verknappt ganz extrem die M\u00f6glichkeiten und Notwendigkeiten der Kommunikation. Genau genommen auf eine einzige, k\u00fchle, technische Unterscheidung: zahlen oder nicht zahlen. Den B\u00e4cker muss es nicht interessieren, ob ich sein Brot esse oder damit n\u00e4chste Woche eine Scheibe einwerfe. Armani darf es herzlich egal sein, ob Ihnen ein italienischer Anzug wirklich steht. Und die Motive eines Galeristen, einen bestimmten Maler auszustellen, m\u00fcssen mich ebenso wenig bewegen, wie diesen die Frage, ob ich den Kaufpreis eines Bildes durch Steuerhinterziehung oder Steuerberatung aufgebracht habe. Mit einem Wort: Geld kappt \u2013 bis auf Zahlungsakte oder Zahlungsverweigerungen \u2013 alle kommunikativen Anschlussm\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p class=\"fliesstext1\" style=\"text-align: justify;\">Jede Vernissage, jeder Theaterabend und jede beliebige Feuilletondebatte beweisen uns schlagend, dass im Kunstsystem, dem so genannten Kulturbetrieb schlechthin das Gegenteil beabsichtigt ist: n\u00e4mlich kommunikative Anschlu\u00dfm\u00f6glichkeiten geradezu unendlich zu vermehren. Hier gilt:<\/p>\n<p class=\"fliesstext1\" style=\"text-align: justify;\">\u201eBin die Verschwendung, bin die Poesie; \/ Bin der Poet, der sich vollendet, \/ Wenn er sein eigenst Gut verschwendet\u201c (um mit Johann Wolfgang von Goethe mal einen wohlhabenden Dichter zu zitieren). Die Systemleistung der Kunst besteht n\u00e4mlich darin, Alternativversionen der eingespielten Realit\u00e4t pr\u00e4sent zu halten. Einfacher gesagt: uns dauernd zu zeigen, dass alles auch ganz anders sein k\u00f6nnte. Durch permanente Sinn\u00fcberflutung sorgt die Kunst daf\u00fcr, dass andere Systeme irrtums\u2013 und st\u00f6ranf\u00e4llig bleiben. Entgegen ersten Vermutungen ist dies n\u00e4mlich eine Grundbedingung ihres Fortbestandes. Ohne Crash keine B\u00f6rse, ohne Konjunkturkrise keine Wirtschaft, ohne Demos keine Politik, ohne Verbrechen kein Recht \u2013 und ohne Theaterskandal keine \u201e\u00d6ffentlichkeit\u201c.<\/p>\n<p class=\"fliesstext1\" style=\"text-align: justify;\">Also: Kunst produziert alternative Weltsichten. Kommunikatives St\u00f6rfeuer gewissermassen. Im Gegensatz zu Rezessionen oder Mordprozessen gilt hier freilich die Regel: No limits! In der Politik sind Ritualmorde keine zugelassene Handlungsalternative. Im Theater darf man das W\u00fcten Antigones oder Penthesileas nach wie vor mit allen Farben des Schreckens ausmalen. Ein weisses Quadrat auf weissem Grund ist keine zustimmungsf\u00e4hige Aussage unter Physikern. In der Kunst war es eine grundst\u00fcrzende Botschaft. Wenn jemand auf der Jahrestagung des Arbeitgeberverbandes drei Minuten und 37 Sekunden schweigt und dabei zweimal seinen Aktenkoffer auf\u2013 und zuklappt, dann wird irgend jemand einen Arzt rufen. Wenn ein Pianist das gleiche mit einem Fl\u00fcgel tut, dann ist es ein St\u00fcck von John Cage und zumindest beim ersten Mal eine \u00e4sthetische Provokation. Zugleich jedoch kann man auch nach Malewitsch gegenst\u00e4ndlich malen und nach Sch\u00f6nberg ein tonales Streichquartett komponieren. Das Schauspielhaus wird Dienstags das Publikum mit einem heiteren Salonst\u00fcck am\u00fcsieren und Mittwochs die Schauspieler mit heiligem Ernst Handkes Verse rezitieren lassen. Ein bestimmtes Gem\u00e4lde versenkt Frau Meier in mystische Meditation. Herr Meier findet nur, dass es gut zum Sofabezug passt. Anything goes!<\/p>\n<p class=\"fliesstext1\" style=\"text-align: justify;\">Besteht die Grundfunktion der Kunst in \u00e4sthetischer Sinn\u00fcberflutung der Gesellschaft, dann stellen sich fr\u00fcher oder sp\u00e4ter ernste Folgeprobleme ein. Erstens: \u00e4sthetische \u00dcberproduktion. Zweitens: Verlust der Differenzierungssicherheit. Wenn scheinbar alles geht \u2013 eben auch das Gegenteil \u2013 und wenn man alles so oder auch ganz anders sehen kann, dann drohen nicht allein systeminterne \u00e4sthetische Differenzen wie sch\u00f6n \/ h\u00e4\u00dflich, gelungen \/ mi\u00dflungen, oder alt \/ neu einzubrechen, sondern auch die Differenz zwischen System und Umwelt selbst. Sprich: zwischen der Kunst und allem was nicht Kunst ist. So wird dann zum Beispiel beim Betrachter Unsicherheit dar\u00fcber erzeugt, ob ein Feuerl\u00f6scher im Museum schlicht ein Feuerl\u00f6scher ist oder doch ein Kunstobjekt. Eine situationistische Wiener Theatertruppe kann, so geschehen beim Weltwirtschaftsgipfel in Genua, von der Polizei mehr oder minder versehentlich dem Schwarzen Block zugerechnet, brutal verhaftet und wochenlang inhaftiert werden.<\/p>\n<p class=\"fliesstext1\" style=\"text-align: justify;\">Richtig spannend wird die Lage, wenn Kunst und Geld wieder aufeinanderstossen. Denn auch die Kunst nimmt nat\u00fcrlich Systemleistungen der Wirtschaft in Anspruch. Es wird Geld gezahlt \u2013 oder auch nicht. Das nennt man dann Kunstmarkt, B\u00fcchnerpreis, Eintrittskarte, Subventionskultur oder public private partnership. Eines f\u00e4llt dabei allerdings sofort und durchg\u00e4ngig auf: Speist man Kunstwerke \u2013 egal an welcher Stelle \u2013 in den Wirtschaftskreislauf ein, dann bekommt man bloss Geld oder kein Geld. Antworten jedoch auf all die bewegenden Fragen nach Wahrheit und L\u00fcge, Kunst oder Unterhaltung, Sch\u00f6nheit und H\u00e4sslichkeit oder Sein versus Design bekommt man nicht.<\/p>\n<p class=\"fliesstext1\" style=\"text-align: justify;\">Die Zahlungsbereitschaft von Individuen und Institutionen f\u00fcr Kunst ist nat\u00fcrlich auf nicht\u00f6konomische Motive angewiesen. Aber das gilt f\u00fcr jeden Kauf. Nur: Der n\u00fcchterne Zahlungsvorgang verr\u00e4t bei Kunstwerken \u00fcber diese Motive genauso wenig wie bei Automobilen. Preise dr\u00fccken Pr\u00e4ferenzen aus. Aber die lustigen Banalit\u00e4ten eines<\/p>\n<p class=\"fliesstext1\" style=\"text-align: justify;\">Jeff Koons erzielen im Zweifelsfall bei einer Auktion denselben Preis wie die tiefernsten Meditationen eines Barnett Newman. Mag wohl sein, dass der Stadtrat die B\u00f6rse zur Subventionierung eines neuen Musicaltheaters gerne etwas weiter \u00f6ffnet als f\u00fcr eine experimentelle<\/p>\n<p class=\"fliesstext1\" style=\"text-align: justify;\">Alternativb\u00fchne. Aber am Ende fliesst die \u201eStaatsknete\u201c in beide Richtungen. Nat\u00fcrlich bekommt John Grisham h\u00f6here Vorsch\u00fcsse als Botho Strau\u00df. Aber am Ende kosten beide B\u00fccher 39,90. Und \u2013 glauben sie dies einem Lektor \u2013 auf jeden schwer verk\u00e4uflichen Gedichtband kommen mindestens zehn gefloppte Schmonzetten und f\u00fcnf Ratgeber mit weniger als 3000 verkauften Exemplaren.<\/p>\n<p class=\"fliesstext1\" style=\"text-align: justify;\">Ich komme nun zu meiner Schlussthese. Und damit zur\u00fcck zur Ausgangsfrage, warum viele K\u00fcnstler leider am Hungertuch nagen. Nur um kurz zu res\u00fcmieren: Die funktionale Leistung der Kunst besteht in einer \u00e4sthetischen Sinn\u00fcberflutung der Gesellschaft: einem Dauerangebot alternativer Weltsichten und vulgo alternativer kommunikativer Anschlussm\u00f6glichkeiten. Eine der Folgen ist eine dramatische \u00e4sthetische \u00dcberproduktion. Nun ist \u00dcberproduktion bekanntlich und beileibe kein exklusives Problem der Kunst. In unserer Gesellschaft gibt es, unter anderem, ja auch zu viele Autos, zu viele Biersorten und zu viele Fernsehsender. Solange drei Programme von f\u00fcnf bis Mitternacht zu empfangen waren, gab der Imperativ H\u00d6RZU! einen passablen Titel f\u00fcr eine TV\u2013Zeitschrift ab. Bei dreissig bis vierzig Kan\u00e4len wirkt dieses Kommando nur noch hilflos und v\u00f6llig absurd. Und so plagen sich Fernseh\u2013 und Werbeverantwortliche \u2013 noch sind das getrennte Funktionen \u2013 heute immer weniger mit der Frage, mit welchen Filmen, Serien, Shows und Spots sie den Zuschauer am besten erreichen. Viel h\u00e4ufiger qu\u00e4lt sie, ob sie ihn \u00fcberhaupt noch erreichen. Was Medienleuten l\u00e4ngst in Fleisch und Blut \u00fcbergegangen ist, das lehren viele Business Schools und Business Books inzwischen auch die Manager anderer Gewerke: Es gibt in unseren entwickelten Industrie\u2013Dienstleistungs\u2013Informations\u2013Freizeit\u2013Spassgesellschaften nur noch ein einziges, allerletztes knappes Gut \u2013 Aufmerksamkeit. Leider liegt es auf der Hand, dass Aufmerksamkeit zugleich ein unverzichtbares Elixier \u00e4sthetischer Kommunikation ist. Also: Dass Kunst unter Marktbedingungen nicht nur gegen andere Kunst, sondern zusammen mit Schals, Schokolade und Daily Soaps um dieses knappe Gut menschlicher Aufmerksamkeit konkurrieren muss, das ist die erste schlechte Nachricht.<\/p>\n<p class=\"fliesstext1\" style=\"text-align: justify;\">Die zweite lautet: Es gibt eine noch schlechtere Nachricht. Und die geht so: Seit geraumer Zeit entdecken die Marketing\u2013Gurus, dass die Kunst der Erweckung und Befriedigung von Bed\u00fcrfnissen sowie des Verkaufens von Produkten und Dienstleistungen in ein neues Zeitalter eingetreten ist. Urspr\u00fcnglich kauften Konsumenten ein Produkt wegen seiner sachlichen Funktion. Stichwort: Nutzwert. Deshalb wusch Ariel nicht nur sauber, sondern rein. Heute weiss fast jedes Kind, dass nahezu alle Waschmittel gleich weiss waschen.<\/p>\n<p class=\"fliesstext1\" style=\"text-align: justify;\">Die Kunst ging dieses Funktionsargument \u00fcberhaupt nichts an. Schn\u00f6den Nutzwert hatte diese Nachbildungen schliesslich nie beansprucht. In Phase zwei erwarteten die Konsumenten vom Produkt zugleich eine soziale Funktion. Stichwort: Image. Wer Marlboro raucht, in dem steckt ja vielleicht wirklich ein Cowboy. Das ist immer noch so. Doch haben die Verbraucher die Rollenspiele der Waren\u00e4sthetik nicht nur durchschaut, ein bisschen langweilig finden sie sie mittlerweile auch.<\/p>\n<p class=\"fliesstext1\" style=\"text-align: justify;\">Die Position der Kunst war hier schon wesentlich schwieriger: Hatten doch Repr\u00e4sentationsfunktionen zumindest in ihrer Geschichte eine massgebliche Rolle gespielt. Aber: Kunst mit Imagefunktion, das ist eben Design, Kitsch oder \u201eKunst am Bau\u201c. Neben den Einfallstoren f\u00fcr rettende Polemiken liess sich meist trefflich das T\u00fcrschild \u201eKulturindustrie\u201c anbringen.<\/p>\n<p class=\"fliesstext1\" style=\"text-align: justify;\">Heute nun treten wir in Phase drei des Marketings ein: Von einem Produkt oder einer Dienstleistung erwarten Verbraucher zugleich eine, man muss es wohl so nennen, metaphysische Funktion. Die Fachleute sprechen hier von second order desires. Kleidung soll nun eine \u201ePers\u00f6nlichkeit ausdr\u00fccken\u201c. Dabei kann sie ebenso als Requisit b\u00fcrgerlicher Gediegenheit dienen wie als Manifestation rebellischer Gesinnung. Das Image von Michael Jordan verkauft immer noch Turnschuhe. Doch wehe, sie wurden von Kindern in einem Sweatshop in der Dritten Welt hergestellt! Ethische Bedenken ziehen dann unmittelbaren Konsumboykott nach sich. Und mit einer Teilnahme an der Camel Trophy will man weniger dokumentieren, was f\u00fcr ein harter Bursche man ist.<\/p>\n<p class=\"fliesstext1\" style=\"text-align: justify;\">Erfolgreich sind solche Events, weil sie dem Konsumenten Selbstverwirklichung, Grenzerfahrung oder Erweiterung seiner Pers\u00f6nlichkeit versprechen. Materielle Produkte r\u00fccken dabei immer mehr in den Hintergrund des Interesses. Die Zukunft geh\u00f6rt Ayurveda\u2013Kuren auf Bali, Tarotkursen in der Toskana oder dem r\u00f6mischen Wochenende in den Pyrmonter Thermen. Das Gesch\u00e4ft bl\u00fcht auf der Basis von Inszenierungen. Erschwerend hinzu: der transzendentale Erlebniskonsum ist syn\u00e4sthetisch. In den Klang der T\u00fcren ihrer Automobile investieren BMW oder Mercedes heute fast genauso viel wie in die Entwicklung des Motors. Wie ein Stoff sich anf\u00fchlt ist wichtiger als die Frage seiner Haltbarkeit. Eine theatralische Beleuchtung und verkaufsf\u00f6rdernde Duftnoten entscheiden mindestens ebenso \u00fcber den Erfolg eines Warenhauskonzeptes wie eine optimale Preisgestaltung.<\/p>\n<p class=\"fliesstext1\" style=\"text-align: justify;\">Kunst konkurriert mit Konsumprodukten und kommerziellen Dienstleistungen um exakt die gleichen h\u00f6heren, ideellen Motive und Entscheidungsgr\u00fcnde von Konsumenten. Der Markt wird noch enger. Kommerzielle Konzepte werden von k\u00fcnstlerischen Konzepten schwerer zu unterscheiden sein. Und selbst die strikte Verweigerung kommerzieller Attit\u00fcden \u2013 nahezu zweihundert Jahre der bevorzugte Ausweis k\u00fcnstlerischer Ernsthaftigkeit \u2013 zieht nicht mehr. Auch den schn\u00f6den Kommerz statten philosophisch, sozial und \u00e4sthetisch restlos aufgekl\u00e4rte Marketingspezialisten immer \u00f6fter mit der Aura der Konsumverweigerung aus. Nur die Kunstreligi\u00f6sen r\u00fcmpfen noch die Nase, dass das Gesetz von Angebot und Nachfrage auch f\u00fcr tendenziell immaterielle Werte gilt. Der in Sachen Kunstbetrieb Illusionsarme ist besser dran. Gerade an den bizarren Ausw\u00fcchsen dieser unaufl\u00f6slichen Symbiose kann man das Arkanum Markt in zugespitztester Form studieren. In der Aura des Kunstwerks findet sich jene spirituelle Erfahrung des Religi\u00f6sen, in der das Transzendente im Immanenten, das Immanente in seiner Transzendenz erfahren wird.<\/p>\n<p class=\"fliesstext1\" style=\"text-align: justify;\">Was also bleibt?<\/p>\n<p class=\"fliesstext1\" style=\"text-align: justify;\">Entweder muss sich die Kunst mit heiterer Gelassenheit in dieses Get\u00fcmmel st\u00fcrzen. Oder sie muss das gleiche tun, was manche Theologen den Kirchen empfehlen: Schluss zu machen mit der Illusion umfassender gesellschaftlicher Daseinsf\u00fcrsorge und sich zu besinnen auf die Verehrung Gottes, den Kult des Heiligen und die \u201eAnschauung des Universums\u201c (Friedrich Schleiermacher). Das w\u00fcrde beide gewiss einen Grossteil ihrer sozialen Wirkung kosten. Aber f\u00fcr die verbleibenden Anh\u00e4nger w\u00fcrde die Sache unter Umst\u00e4nden wieder \u00fcberaus spannend werden.<\/p>\n<p class=\"fliesstext1\" style=\"text-align: justify;\">\u201eWorauf bin ich stolz \u2013 und darf ich stolz sein als K\u00fcnstler?\u201e, fragt sich der Romantiker Friedrich Schlegel um 1800 und gibt auch gleich selbst die Antwort, \u201eauf den Entschlu\u00df, der mich auf ewig von allem Gemeinen absonderte; auf das Werk, was alle Absicht g\u00f6ttlich \u00fcberschreitet; auf die F\u00e4higkeit, was mir entgegen ist, anzubeten.\u201c<\/p>\n<p class=\"fliesstext1\" style=\"text-align: justify;\">Der K\u00fcnstlerpreis des Hungertuches erinnert uns durchaus an diese Dimension des Heiligen in der Kunst. Urspr\u00fcnglich wurden \u201eHungert\u00fccher\u201c, Szenen der Passion Christi abbildend, n\u00e4mlich w\u00e4hrend der Fastenzeit \u00fcber den Alt\u00e4ren aufgeh\u00e4ngt. Zugleich aber erkenne ich in dem gleichnamigen Kunstpreis auch eine Form der R\u00fcckkehr zum sch\u00f6nen, archaischen Ritual des Gabentausches. Dieser wusste noch nichts vom Zwang zur \u00c4quivalenz der Tauschg\u00fcter und nichts vom Streben nach profitabler Absatzsteigerung. Daf\u00fcr vollzog er sich oft bis zur Ersch\u00f6pfung. Und zumeist signalisierte er nicht eine Zeit der Askese, sondern fand statt im Rahmen verschwenderischer Feste mit Tanz, Musik, rituellen Festm\u00e4hlern und Bes\u00e4ufnissen. Im heutigen \u00f6konomischen Sinne leben kann man von so was nat\u00fcrlich nicht. Aber wer w\u00fcrde solcher Form, am Hungertuch zu nagen, ernstlich widersprechen wollen?<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"right\">***<\/p>\n<div style=\"width: 184px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=48602&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/TwitteraturCover.jpeg\" sizes=\"auto, (max-width: 174px) 100vw, 174px\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/TwitteraturCover.jpeg 722w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/TwitteraturCover-196x300.jpeg 196w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/TwitteraturCover-668x1024.jpeg 668w\" alt=\"\" width=\"174\" height=\"266\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Das Hungertuch von Haimo Hieronymus in der Martinskirche, Linz am Rhein<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"right\">Die Dokumentation des Hungertuchpreises ist in der erweiterten Taschenbuchausgabe erschienen:\u00a0 <strong>Twitteratur<\/strong>, Genese einer Literaturgattung. Herausgegeben von Matthias Hagedorn, Edition Das Labor 2019.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>ein Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur<\/em><\/a>, sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/09\/06\/recap-hungertuchpreis\/\">Recap<\/a> des Hungertuchpreises.<\/p>\n<h4 style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/h4>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>oder: Warum viele K\u00fcnstler leider weiter am Hungertuch nagen m\u00fcssen Der Komponist Jean Sibelius soll einmal ge\u00e4ussert haben, Sinn f\u00fcr Musik habe er \u201eeigentlich immer nur bei Bankiers gefunden, h\u00f6chst selten bei K\u00fcnstlern, die lieber \u00fcber Geld reden.\u201c Ein bemerkenswertes&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/09\/12\/hoerzu\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":68,"featured_media":57438,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1065],"class_list":["post-48714","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-enrik-lauer"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/48714","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/68"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=48714"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/48714\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=48714"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=48714"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=48714"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}