{"id":48608,"date":"2019-09-10T00:01:07","date_gmt":"2019-09-09T22:01:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=48608"},"modified":"2022-03-02T13:16:36","modified_gmt":"2022-03-02T12:16:36","slug":"patricia-brooks-hungertuch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/09\/10\/patricia-brooks-hungertuch\/","title":{"rendered":"Patricia Brooks erh\u00e4lt in Anerkennung ihres Lebenswerks das Hungertuch f\u00fcr Literatur 2019"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">The future is female, lautet ein bekannter Graffito im 20. Jahrhundert. Wenn dem so ist, hat sie das Antlitz von Patricia Brooks. Im 3. Jahrtausend bedroht vom Islamismus, schockiert vom Populismus und \u00fcberwacht von Konzernen durch Algorithmen kehren Autoren wie sie zu den existenzialistischen Fragen zur\u00fcck. Ersch\u00f6pft von schier endlosen Dekonstruktionen und Fiktionalisierungen, sucht die Literatur nach neuen Perspektiven und nach neuerlichem Bodenkontakt. Es geht wieder um das Leben, wie es ist. Und die Grenz\u00fcberschreitung der Alltagswirklichkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Zur\u00fcckkehren und Abschreiten und Ansehen ist ausst\u00e4ndig. Die beschriebene fiktive Welt liest sich so glaubw\u00fcrdig und zwangsl\u00e4ufig wie kaum eine andere literarische Welt. Wir sehen uns einem fantastisch-surrealen Kosmos, der mit lyrischen Gestaltungs- und Stilmitteln durchzogen ist. Die Figuren reisen real durch die Alpen in die Vergangenheit oder im Kopf &#8211; die Erz\u00e4hlerin wirf quasi nebenbei existenzielle Fragen auf, und erm\u00f6glicht dem Leser ein Innehalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unl\u00e4ngst verk\u00fcndete die sogenannte Pop-Literatur das gesellschaftliche Ende von Schuld und Scham, damit solle dann auch das Gr\u00fcbeln als Ursprungsgestus des Erz\u00e4hlens zugunsten eines lockeren Plaudertons \u00fcberwunden werden. Dieser fr\u00f6hliche Unschuldszustand ist freilich nicht jeder Autorin verg\u00f6nnt, die heute schreibt; besonders dann nicht, wenn ihn biografische Umst\u00e4nde fast zwangsl\u00e4ufig vor die alten Fragen nach Sinn und Gerechtigkeit zitieren. Diese Typen leiden an den Schuldgef\u00fchlen der \u00dcberlebenden, derer, die immer nur zugeschaut haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Patricia Brooks l\u00e4\u00dft in ihrem Garten der Geschwister ganz eigene Blumen des B\u00f6sen wachsen, bis diese Schlingpflanzen unentwirrbar ineinander verwachsen sind. Ihr Roman ist ein atemberaubender Text \u00fcber das Befangensein in alten Strukturen, auf der T\u00e4ter- und auf der Opferseite.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was wie ein Roadmovie beginnt, endet f\u00fcr Richard und Gloria bereits nach einem Kapitel in einem einsamen Haus auf dem Land. Nicht nur die Geschichte ist rasant, auch die Sprache h\u00e4lt sich nicht mit \u00fcberfl\u00fc\u00dfigen semantischen Verzierungen auf. In besagtem Landhaus treffen die Fl\u00fcchtigen auf ihr Spiegelbild, die Geschwister Clarissa und Phillip. Im Sog dieser hypnotischen Prosa entwickelt sich zwischen den Wahlverwandten ein Kammerspiel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Patricia Brooks zeigt die r\u00e4umliche Enge, die stickige Luft des Lebendig-Eingemauert-Seins. Zu der Charakteristik eines literarischen Tabus z\u00e4hlt die aktive Einhegung des Themas, hier wird sie forciert betrieben. Wie in allen ihren B\u00fcchern ist auch hier nicht nur der Plot, sondern auch das Lesen selber ein Abenteuer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit ihrem Roman Kimberly geht es der Autorin um die Verteidigung des Subjekts in seiner Aufl\u00f6sung, dies setzt sich auch in ihrem Gespenster-Roman Die Grammatik der Zeit fort. Ihr Erz\u00e4hlstil ist einf\u00fchlsam und ber\u00fchrend, gleichzeitig aber auch k\u00fchl und distanziert, eine eher leidenschaftslose Prosa, die es aber wunderbar versteht, Atmosph\u00e4re zu schaffen. Sie beleuchtet in Romanform das Spannungsfeld zwischen Literatur und Leben detailliert und intensiv.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Leser r\u00fcckt in dieser Prosa auf diese Weise ganz nahe an die Figuren heran, sp\u00fcrt deren Unbehagen, das sich aus unmittelbaren Begegnungen speist und nicht sogleich in eine biographische Entwicklung eingeordnet ist. Um den klaustrophobischen Effekt abzumildern, den solche Szenen zeitigen k\u00f6nnen, nutzt Brooks die Schaupl\u00e4tze der Geschichte voll aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir lernen Transit-Orte kennen, vorzugsweise Restaurants oder Bars, dazu mehrere Hauptfiguren, die in einem Spannungsfeld von Lethargie und Aggression leben, die auf die Sterilit\u00e4t und Oberfl\u00e4chlichkeit des Arbeits- und Soziallebens hinweisen, alle Figuren sind auf der Suche nach dem verlorene Selbst und der vergeblichen Suche nach Sinn und Freiheit. Brooks legt Erinnerungsf\u00e4hrten, konstruiert Ged\u00e4chtnisinventare. Namen, Orte, Daten. Die Aufz\u00e4hlung klingt wie eine Rekonstruktion, die sich auch als leiser Horrorfilm lesen l\u00e4\u00dft. Der Mittelstand in \u00d6sterreich: Widerg\u00e4nger.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihr letzter Roman ist eine Reflexion \u00fcber die rasende Zeit. In Der Fl\u00fcgelschlag einer M\u00f6we spielt Brooks nicht mit Signifikaten und Signifikanten, sie geht der Frage nach, was es bedeutet, ein authentisches, im umfa\u00dfenden Sinn menschliches Leben zu f\u00fchren, hineingeworfen in eine zunehmend inhumane Welt, die durch Migrationsstr\u00f6me definiert wird. Die Kunst liegt in diesem Roman darin, auf robuste Weise feinnervig und filigran zu sein. Es gibt in diesen Jahrgang einige Romane, die Handlungsstr\u00e4nge aufwendig auseinandernehmen, um sie dann kunstvoll wieder zusammenzuschreiben, weil sie in Creative-Writing-Kursen gelernt haben, da\u00df was aus dem Zusammenhang gerissen wird, literarischer ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei Brooks wirkt die Konstruktion nicht aufgesetzt, nie ist sie von dem Willen getragen, besonders literarisch sein zu wollen. Es ist eine gnadenlos genaue Studie, die den Schrecken evoziert, das Wissen um die Gewalt in der Welt, diese Prosa klingt zuweilen wie hypnotisiert und hat selber hypnotisierende Wirkung. Diese Autorin hat einen enormen Stil- und Kunstwillen, ihr Roman ist durchzogen von einem dichten Leitmotivgeflecht. Realistik und Symbolik gehen bezwingende Verbindungen ein. Oft schafft es Brooks, die Kulissen photographisch abzubilden, es sind eingeschobene Momentaufnahmen eines Stillstands, der im Durcheinander der Figuren sein Gegenst\u00fcck findet. Ihr Erz\u00e4hlen hat etwas Konspiratives, man kennt die Figuren, und kennt sie doch nicht. Ein Ungl\u00fcck zwingt diese Typen dazu, Entscheidungen zu treffen und eine Identit\u00e4t zu w\u00e4hlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Leser befindet sich einen Fl\u00fcgelschlag zwischen Trauma und Traum, und zwischen den Worten lauert der Tod. Es ist eine nachvollzogene Trauerarbeit, in dem der Tod ein steter Begleiter ist. Ihre Erz\u00e4hlungen und nicht zuletzt ihr Roman Der Fl\u00fcgelschlag einer M\u00f6we, reflektieren auf einer Sub-Ebene auch den Umbau einer Arbeitswelt, die immer mehr Flexibilit\u00e4t verlangt. Es zeigt sich, wie wichtig die existenzialistischen Hinterlassenschaften sind und man sich wieder um Freiheit, Unaufrichtigkeit und Solidarit\u00e4t bem\u00fchen muss.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Patricia Brooks\u2019 gesamtes Schaffen zeichnet sich durch einen Widerstand gegen tr\u00f6stliche Gewi\u00dfheiten aus. Sie transportiert die Wirklichkeit m\u00f6glicher Welten in die Literatur. Eine Geschichte im konventionellen Sinn muss der Leser selbst herauspr\u00e4parieren, man hat bei Brooks h\u00e4ufig den Eindruck, sie sei allenfalls die Fl\u00e4che, die eben n\u00f6tig ist, damit S\u00e4tze, Gedanken, Stimmungen entstehen, an solcher Ereignishaftigkeit sind auch ihre Romane reich. Ihre Prosa thematisiert die \u00dcberwindung r\u00e4umlicher Distanz. In der Bewegung von einem Ort zu einem entfernten anderen Ort entsteht die Dynamik dieser Geschichten. Es ist das Moment der Ver\u00e4nderung, das durch die Bewegung ausgel\u00f6st wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit ihrem ersten Band Aquadrom versucht sich diese Autorin in einer Prosa, die aus der Empfindung kommt und Denken und Erleben nicht als Gegensatz, sondern als Einheit begreift.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr sie z\u00e4hlt das Unterwegssein in der Sprache, es bleibt f\u00fcr Patricia Brooks ein Abenteuer mit offenem Ausgang.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-1148 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/hungertuch-230x300.jpg\" alt=\"\" width=\"230\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/hungertuch-230x300.jpg 230w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/hungertuch.jpg 384w\" sizes=\"auto, (max-width: 230px) 100vw, 230px\" \/>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Jahr 2001 wurde mit dem <em>Hungertuch<\/em> vom rheinischen Kunstf\u00f6rderer Ulrich Peters ein K\u00fcnstlerpreis gestiftet, der in den Jahren seines Bestehens von K\u00fcnstlern an K\u00fcnstler verliehen wird. Es gibt im Leben unterschiedliche Formen von Erfolg. Zum einen gibt es die Auszeichnung durch Preise und Stipendien, zum anderen die Anerkennung durch die Kolleginnen und Kollegen. Letzteres manifestiert sich in diesem K\u00fcnstlerpreis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"right\">Die Dokumentation des Hungertuchpreises ist in der erweiterten Taschenbuchausgabe erschienen:\u00a0 <strong>Twitteratur<\/strong>, Genese einer Literaturgattung. Herausgegeben von Matthias Hagedorn, Edition Das Labor 2019.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>ein Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur<\/em><\/a>. Und ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/09\/06\/recap-hungertuchpreis\/\">Recap<\/a> des Hungertuchpreises. Eine Liste der bisherigen Preistr\u00e4ger finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?page_id=368\">hier<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; The future is female, lautet ein bekannter Graffito im 20. Jahrhundert. Wenn dem so ist, hat sie das Antlitz von Patricia Brooks. Im 3. 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