{"id":48602,"date":"2019-09-09T00:01:37","date_gmt":"2019-09-08T22:01:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=48602"},"modified":"2022-03-02T13:17:29","modified_gmt":"2022-03-02T12:17:29","slug":"gleb-bas-hungertuch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/09\/09\/gleb-bas-hungertuch\/","title":{"rendered":"Gleb Bas erh\u00e4lt das Hungertuch f\u00fcr Kunst 2019"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Er ist ein Wanderer zwischen den Welten, durch dessen Bilder sich ein Zug von Vereinzelung und mangelnder Kommunikation zieht. Personen stehen oder agieren beziehungslos, jede f\u00fcr sich, eine zentrale Handlung fehlt. Eine erfinderische Kombination von Monotypie und Malerei, die Bas entwickelt hat, liefert die perfekte Technik daf\u00fcr.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Manfred Schneckenburger<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gegen Ende des 20. Jahrhunderts kursierte die oft ge\u00e4u\u00dferte Meinung, die Malerei h\u00e4tte ein j\u00e4hes Ende genommen und habe sich daher im digitalen Datennirvana verfl\u00fcchtigt. Seit der H\u00f6hlenmalerei hat sich das Schaffen von Bildnissen\u00a0\u00fcber das analoge Dripping bis hin zu den Zeiten der virtuellen Realit\u00e4ten in einem Medium der haptisch erlebbaren Wirklichkeit zur\u00fcck verwandelt. Das von einem K\u00fcnstler in Handarbeit geschaffene Bild \u00fcbernimmt damit eine essentielle Funktion, und weicht zugleich der existenziellen Frage nicht aus:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u201eWas ist ein Malprozess anderes als die Simulation einer Lebensweise, eines Wachstums und Entwicklung, scheinbar in einem fiktiven Raum stattfindend, scheinbar harmlos und doch stets vom Scheitern bedroht?\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oberfl\u00e4chlich betrachtet m\u00f6gen die Figuren und Figurationen auf den Bildern von Gleb Bas harmlos sein, sein Malen ist es jedoch nicht. Und der Problematik von Farben, Fl\u00e4chen und Linien stellt sich Bas. Mit Bildern dieses K\u00fcnstlers und seiner ihm eigenen Mal- und Drucktechnik, die eine Verschmelzung von Portr\u00e4ts lebender Zeitzeugen mit denen &#8211; etwa alt\u00e4gyptischer Darstellungen erm\u00f6glicht werden &#8211; erh\u00e4lt der Betrachter vollkommen neue Sichtweisen auf altvordere Werke. In einer Br\u00fccke zwischen Gegenwart und Vergangenheit zeitigen sich spannungsvolle Metamorphosen.<br \/>\nSo auch bei seinen Selbstportr\u00e4ts. Es ist eine malerische Ergr\u00fcndung und Kontextualisierung des Ichs in seinen sozialen und geschichtlichen Strukturen, wobei das Ich immer als Teil einer Gesellschaft und Epoche begriffen wird. Gleichsam hinter Schleiern schillern die wechselnden Erscheinungen der Figuren im Verh\u00e4ltnis zu den Gesichtern der Lebenden. Das Aufstellen der Bilder in r\u00e4umlicher N\u00e4he zu den Antiken erm\u00f6glicht dabei den direkten Vergleich und erweitert die eigene Wahrnehmung. Durch seine Technik erscheinen die musealen Objekte in den Bildern lebendig. Sie erhalten zum Teil wieder eine nahezu vollst\u00e4ndige Physiognomie und somit eine Ausdruckskraft, die in manchen F\u00e4llen wegen ihres unvollst\u00e4ndigen Erhaltungszustandes entr\u00fcckt ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Auseinandersetzung mit den digitalen Medien pr\u00e4gte die Tendenzen der letzten Jahre. So strukturieren die evozierten Photografien das auf der Leinwand Erz\u00e4hlte und wird gerade durch ihre Abwesenheit in ihrer Erinnerungsfunktion besonders greifbar. Gleb nimmt eine hybride Position zwischen Auktorialit\u00e4t und Personalit\u00e4t ein. Der mediale Wandel &#8211; sei es der Wechsel vom Schwarzwei\u00df- zum Farbbild, von der Malerei zum Video, vom TV zum Internet &#8211; wird als essentieller Teil sowohl des privaten als auch des \u00f6ffentlichen Lebens begriffen. Daher dr\u00e4ngt sich die Frage auf:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u201eKann sich etwas von Belang in einer Auseinandersetzung mit Belanglosigkeit der aktuellen Bilderflut entwickeln?\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser K\u00fcnstler setzt dem etwas vordergr\u00fcndig Unscheinbares entgegen: Handwerk. Bezeichnend f\u00fcr sein Schaffen ist die permanente Neuauslotung der Ausdrucksm\u00f6glichkeiten zeitbasierter Medien. Dabei geht Bas ebenso Fragen zur Aufteilung und Strukturierung des Bildraums wie zeitgen\u00f6ssischen repr\u00e4sentationspolitischen \u00dcberlegungen nach. Hier schwingt alles mit, was derzeit im Flu\u00df ist: Migration, Fragen der kulturellen Hege- oder Heteronomie &#8211; als Sachverhalte, die ohne ein Verst\u00e4ndnis f\u00fcr den Anderen, seine Fiktionen und Imaginationen nicht zu verstehen sind. Es zeigt sich, da\u00df weder Farbe, noch Figur oder Figuration ohne Aura auskommen. Gleb Bas versucht reflexiv, Licht und Undurchsichtigkeit gleicherma\u00dfen darzustellen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-1148 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/hungertuch-230x300.jpg\" alt=\"\" width=\"230\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/hungertuch-230x300.jpg 230w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/hungertuch.jpg 384w\" sizes=\"auto, (max-width: 230px) 100vw, 230px\" \/>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Jahr 2001 wurde mit dem <em>Hungertuch<\/em> vom rheinischen Kunstf\u00f6rderer Ulrich Peters ein K\u00fcnstlerpreis gestiftet, der in den Jahren seines Bestehens von K\u00fcnstlern an K\u00fcnstler verliehen wird. Es gibt im Leben unterschiedliche Formen von Erfolg. Zum einen gibt es die Auszeichnung durch Preise und Stipendien, zum anderen die Anerkennung durch die Kolleginnen und Kollegen. Letzteres manifestiert sich in diesem K\u00fcnstlerpreis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"right\">Die Dokumentation des Hungertuchpreises ist in der erweiterten Taschenbuchausgabe erschienen:\u00a0 <strong>Twitteratur<\/strong>, Genese einer Literaturgattung. Herausgegeben von Matthias Hagedorn, Edition Das Labor 2019.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>ein Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur<\/em><\/a>. Und ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/09\/06\/recap-hungertuchpreis\/\">Recap<\/a> des Hungertuchpreises. Eine Liste der bisherigen Preistr\u00e4ger finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?page_id=368\">hier<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er ist ein Wanderer zwischen den Welten, durch dessen Bilder sich ein Zug von Vereinzelung und mangelnder Kommunikation zieht. Personen stehen oder agieren beziehungslos, jede f\u00fcr sich, eine zentrale Handlung fehlt. 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