{"id":48355,"date":"1997-10-24T00:01:11","date_gmt":"1997-10-23T22:01:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=48355"},"modified":"2020-11-25T16:32:31","modified_gmt":"2020-11-25T15:32:31","slug":"notwendigkeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/10\/24\/notwendigkeit\/","title":{"rendered":"Notwendigkeit"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Den ganzen Abend hatte er auf dem fremden Sofa gesessen, erst, dann es sich immer gem\u00fctlicher gemacht, hatte die Schuhe ausgezogen, sich gelegt. Hatte in die Luft stierend nachgedacht, denn hier wurde nicht geredet, nicht viel. Nicht ungl\u00fccklich, aber ein wenig trostlos erschien diese Zeit. Hier wurde gearbeitet, intensiv oder mit Pausen, aber immer wichtig. Er kannte inzwischen jede Einzelheit unter der Decke, jede Struktur und jeden Faden, der sich aus \u00fcbriggebliebenen Spinnweben leicht schwebend hin und her bewegte. Herr Nipp konnte an diesem Abend eigentlich gar nichts mit sich anfangen, h\u00f6rte die von unten durch meterdicke Betonw\u00e4nde heraufdringende Bluesmusik, die ihm meist befremdlich klang, manchmal auch sehr sch\u00f6n, so wie jetzt gerade. Es wurde wohl eine Ballade zum Besten gegeben. Dort spielte also die neue Blueshoffnung Deutschlands, Henrik Freischlader, eine CD hatte Herr Nipp im vergangenen Jahr erworben, komplett von diesem Burschen eingespielt, der gerade mal 28 Jahre alt war, kongenial aufgenommen und gemischt von Meinsch\u00e4fers Martin, alles analog, mit R\u00f6hrentechnik, so etwas gibt es tats\u00e4chlich noch, sogar in einem Provinzkaff. Jetzt mit Band, einem guten Schlagzeuger, bei dem man das Gef\u00fchl hatte, er w\u00fcrde bei seinem Handwerk anfangen zu schweben. Eine Schweineorgel war auch manchmal zu h\u00f6ren. Pr\u00e4gnant, wenn man Blues mag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Aber das interessierte Herrn Nipp an diesem Abend gar wenig, er nahm es wohl wahr, mehr nicht. Ihm fehlte etwas, das er noch nie vorher vermisst hatte. So erhob er sich langsam vom Sofa, durchquerte ohne irgendjemanden zu st\u00f6ren, denn er ging langsam und leise, das gro\u00dfe Atelier, in dem er sich wohl nie richtig heimisch f\u00fchlen w\u00fcrde, immer nur als Gast, er w\u00fcrde niemals dazu geh\u00f6ren. Mal wurde er geladen, mal kam er auch einfach nur so, aber er war einfach keiner von ihnen, der eingeschworenen Gemeinschaft, das gab schon manchmal einen Stich, war aber nichts daran zu \u00e4ndern. Vielleicht war auch ein Hauch Neid dabei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Er \u00f6ffnete die feuerfeste Stahlt\u00fcr, nahm die Treppen nach unten, mogelte sich an der Frau an der Kasse vorbei, ging zur Theke und bestellte: \u201cEin Bier bitte.\u201c \u00d6ffnete die bauchig gr\u00fcne Flasche einer Sauerl\u00e4nder Brauerei und nahm, das erste Mal gl\u00fccklich an diesem Abend, einen k\u00fchlen Schluck.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"page\" title=\"Page 75\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<p style=\"text-align: justify\">\n<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: center\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Das Mittelma\u00df der Welt<\/strong>, unerh\u00f6rte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 &#8211; 2019<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-71748\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"229\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg 217w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild-160x169.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die <em>unerh\u00f6rten Geschichten<\/em> von Herrn Nipp sind glossierende Anmerkungen die sich schnoddrig mit dem Zeitgeist auseinandersetzen. Oft wird in diesen Kolportagen ein Konflikt zwischen Ordnung und Chaos beschrieben. Wir lesen sowohl \u00fcberraschendes und unerwartetes, potentiell ungew\u00f6hnliches, das Geschehen verweist auf einen sich real ereigneten (oder wenigstens m\u00f6glichen) Ursprung des Erz\u00e4hlten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Papier ist autonomes Kunstmaterial, daher ein vertiefendes <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Den ganzen Abend hatte er auf dem fremden Sofa gesessen, erst, dann es sich immer gem\u00fctlicher gemacht, hatte die Schuhe ausgezogen, sich gelegt. Hatte in die Luft stierend nachgedacht, denn hier wurde nicht geredet, nicht viel. 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