{"id":48345,"date":"2003-03-24T00:01:42","date_gmt":"2003-03-23T23:01:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=48345"},"modified":"2021-01-09T16:48:55","modified_gmt":"2021-01-09T15:48:55","slug":"fingerspitzengefuehl","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/03\/24\/fingerspitzengefuehl\/","title":{"rendered":"Fingerspitzengef\u00fchl"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn die K\u00e4lte drau\u00dfen so weit unter Null gefallen ist, dass in schlecht isolierten Dachgeschosswohnungen sogar die Wasserleitungen zufrieren, dann kann von Winter gesprochen werden. Vorher nicht. Dies hatte Herr Nipp f\u00fcr sich und die gesamte Menschheit beschlossen und entschieden, alles andere war doch nur albernes Vorgepl\u00e4nkel. Dazu f\u00fchlte er sich im Recht. Er lebte tats\u00e4chlich in einer solchen Wohnung. Bei minus acht Grad fror als erstes die Warmwasserleitung zu, bei minus achtzehn Grad dann auch die Kaltwasserleitung. Wieso dies so eintrat, musste wohl irgendwas mit dem Mpembaeffekt zu tun haben, hatte er mal geh\u00f6rt. Hatte nicht ein Mann namens Mpemba entdeckt, dass kaltes Wasser schneller zum Kochen zu bringen war, als lauwarmes, oder war es umgekehrt gewesen, dass n\u00e4mlich hei\u00dfes Wasser schneller gefror als kaltes? Auf jeden Fall hatte Herr Nipp in jener Zeit eines l\u00e4ngeren Krankenhausaufenthaltes, wegen eines Beinbruchs versteht sich (alle anderen Mutma\u00dfungen \u00fcber eventuelle andere Beschwerden sollten an dieser Stelle sofort und unwiderruflich eingestellt werden), den Wassertest gemacht. Zun\u00e4chst hatte er kaltes Wasser aus dem obersten Stockwerk geschleudert, mit dem Ergebnis, dass das Wasser unten als solches ankam. Dann aber wurde fast kochendes Wasser genutzt, und tats\u00e4chlich: Unten schneite es. Sch\u00f6ne Vorstellung, dass man selber aus dem Krankenhausbett heraus Frau Holle spielen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun war es f\u00fcr ihn nicht das schlimmste Gef\u00fchl, kein warmes Wasser mehr zu haben, denn gl\u00fccklicherweise besa\u00df er immerhin noch einen, wenn auch veralteten Wasserkocher aus erster Ehe, wie man so sch\u00f6n sagt. Und geduscht wird dann eben im Fitnessstudio. Die ersten Tage also konnte er sich das Sp\u00fclwasser noch selber produzieren. Erst als auch das Kaltwasser seinen Dienst aufgab, wurde ihm etwas mulmig zumute. Kein Kaffee morgens, das geht nun gar nicht. Er musste also den Revisionsschacht \u00f6ffnen und nachschauen, was zu machen w\u00e4re. Tats\u00e4chlich kam ihm wie ein Hauch des Todes k\u00e4lteste Luft entgegen. Nichts zu machen. Er nahm allen Mut zusammen und umfasste die Leitungen, wollte seine W\u00e4rme weiterreichen. Im Wissen, dass Kupfer ein guter W\u00e4rmeleiter ist. Nichts passierte, die H\u00e4nde wurden kalt, eiskalt. Erst als er Angst bekam, erste Erfrierungen zu erleiden, gab er diesen Versuch auf. Andere w\u00fcrden an dieser Stelle wahrscheinlich aufgeben und den Klempner rufen. Nicht so er, er dachte nach und wollte eine eigene L\u00f6sung finden. Schon die alten Griechen aber wussten, dass man am besten denken kann, wenn w\u00e4hrend des Prozesses auch der K\u00f6rper in Bewegung ger\u00e4t. Er stand also auf, sch\u00fcttelte die H\u00e4nde, rieb sie an einander, machte erste Schritte. Nichts wollte ihm einfallen. Herr Nipp wandte sich schon frustriert ab und stolperte im Hinausgehen zur K\u00fcche, dort lag die mobile Telefoniereinheit, \u00fcber den F\u00f6hn, den irgendjemand mal wieder mitten im Weg hatte liegen lassen. Das also war die Hilfe, F\u00f6hn an und draufhalten. Nach f\u00fcnf Minuten lief auch das Wasser wieder. Nur die Finger hatten eine ganze Weile kein Gef\u00fchl.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Mittelma\u00df der Welt<\/strong>, unerh\u00f6rte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 &#8211; 2019<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-71748\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"229\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg 217w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild-160x169.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong>Zu einem begehrten Sammlerst\u00fcck hat sich die\u00a0Totholzausgabe von Herrn Nipps <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12766\"><em>Die Angst perfekter Schwiegers\u00f6hne<\/em><\/a> entwickelt.\u00a0Au\u00dferdem belegt sein Taschenbuch <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=9294\"><em>Unerh\u00f6rte M\u00f6glichkeiten<\/em><\/a>, da\u00df man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch t\u00e4tig zu sein. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=899\"><em>Twitteratur<\/em><\/a> ein. Und au\u00dferdem pr\u00e4sentiert Haimo Hieronymus die bibliophile Kostbarkeit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=41385\"><em>\u00dcber Heblichkeiten, Floskeln und andere Ausrutscher<\/em><\/a> aus den Notizb\u00fcchern des Herrn Nipp. <span data-offset-key=\"bv319-0-0\">Begleitendes zur Ver\u00f6ffentlichung des Buches <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/12\/04\/fatale-wirkungen\/\"><em>Fatale Wirkungen<\/em><\/a>, von Herrn Nipp (Mit Fotos von Stephanie Neuhaus). \u00dcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=70620\">historische Aufgabe<\/a> von Herrn Nipp aus M\u00f6ppelheim.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Vertiefend auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese bibliophile Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Wenn die K\u00e4lte drau\u00dfen so weit unter Null gefallen ist, dass in schlecht isolierten Dachgeschosswohnungen sogar die Wasserleitungen zufrieren, dann kann von Winter gesprochen werden. Vorher nicht. 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