{"id":4813,"date":"2012-06-06T07:06:48","date_gmt":"2012-06-06T05:06:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=4813"},"modified":"2013-09-25T11:02:57","modified_gmt":"2013-09-25T09:02:57","slug":"calenberger-nacht-teil-1","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/06\/06\/calenberger-nacht-teil-1\/","title":{"rendered":"Calenberger Nacht \u00b7 Teil 1"},"content":{"rendered":"<h4 style=\"text-align: justify;\">\u00dcber die Arten der M\u00fcdigkeit<\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Telefon klingelt mich aus dem Schlaf. Es ist meine Chefin, die einen neuen Auftrag f\u00fcr mich hat &#8230; Wahrscheinlich fangen so nicht wenige Romane an, schlechte Krimis auf jeden Fall, Essays selten, es sei denn, sie handeln von der M\u00fcdigkeit.<\/p>\n<div id=\"attachment_4829\" style=\"width: 250px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/blau.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-4829\" class=\"wp-image-4829 \" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/blau-300x275.jpg\" alt=\"Dunkelblau\" width=\"240\" height=\"220\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/blau-300x275.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/blau-1024x940.jpg 1024w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/blau.jpg 1848w\" sizes=\"auto, (max-width: 240px) 100vw, 240px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4829\" class=\"wp-caption-text\">&#8222;Nacht&#8220; &#8211; A. Kappe<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0Ich versuche etwas von meiner M\u00fcdigkeit zu behalten, um gleich weiterzuschlafen. Es gibt ja verschiedene Arten der M\u00fcdigkeit, und die M\u00fcdigkeit kurz nach dem Aufwachen\u00a0\u2013 ich nenne sie Nr. 1\u00a0\u2013 ist immer besonders &#8230; lecker, sie ist ein bisschen z\u00e4h und schmeckt nach &#8230; aber bevor ich darauf komme, wird sie mir von meiner Chefin entrissen, die meine volle Aufmerksamkeit fordert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bb&#8230; Sie m\u00fcssen sich bei Familie Knust melden.\u00ab Sie lie\u00df mir etwas Zeit, um \u00fcber den Namen zu schmunzeln. \u00bbAber wundern Sie sich nicht, wenn die beim erstenmal nicht dran gehen. Die lassen einen immer erst auf den AB sprechen, um zu h\u00f6ren, wer anruft &#8230;\u00ab Kein Wunder, denke ich, wenn doch die Chefin grunds\u00e4tzlich mit unterdr\u00fcckter Nummer anruft. \u00bb&#8230; Auch sonst sind die ein bisschen komisch\u00ab, f\u00fcgt sie noch hinzu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin zu neugierig und probiere es gleich, 11 Uhr vormittag\u00a0\u2013 eine gute Zeit, der AB springt an, ich sage meinen Namen und weshalb ich anrufe, dann versuche ich es gleich nochmal und jemand nimmt ab. Eine Frau. Ob ich ihren Mann sprechen k\u00f6nne, ich sei die Vertretung f\u00fcr seine Zeitungstour. Der sei gerade nicht da, aber ich k\u00f6nne das auch mit ihr besprechen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt f\u00e4llt es mir ein, wie diese M\u00fcdigkeit schmeckt\u00a0\u2013 nach s\u00fc\u00dfem Wei\u00dfbrot, nach &#8230;<\/p>\n<div id=\"attachment_4815\" style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/kanonenwall.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-4815\" class=\"wp-image-4815 \" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/kanonenwall-222x300.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"270\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/kanonenwall-222x300.jpg 222w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/kanonenwall-760x1024.jpg 760w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/kanonenwall.jpg 1712w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4815\" class=\"wp-caption-text\">&#8222;Am Kanonenwall&#8220; &#8211; C. Kappe<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0Alle Stra\u00dfennamen kenne ich nur aus abenteuerlichen Erz\u00e4hlungen, sie geh\u00f6ren zur Calenberger Neustadt, einem Stadtteil, der sich zwar mitten in der Stadt, aber in einem Nirwana befindet. \u00bbGibt es denn ein aktuelles Tourenbuch?\u00ab Nein, nein, meint sie, das sei auf <em>der<\/em> Tour \u00fcberhaupt nicht sinnvoll. \u00bbMein Mann und ich haben LISTEN angefertigt, die sehr \u00fcbersichtlich sind. Da k\u00f6nnen Sie gar nichts falsch machen. Heben Sie nur immer sch\u00f6n die Packzettel auf, bitte nichts auf die Listen draufschreiben. Das machen wir dann.\u00ab Jetzt ist es aus mit dem Nachgeschmack des Schlafs: selbstgeschriebene Listen\u00a0\u2013 ein Graus! Wozu gibt es eigentlich das postkartengro\u00dfe, genormte Tourenbuch f\u00fcr alle Zusteller? Und wenn ich die Listen noch nicht mal korrigieren darf, sind sie nutzlos, weil sich nun mal fast jeden Tag was bei den Abonnenten \u00e4ndert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSie sollen ja morgen schon mitgehen, wenn ich das richtig wei\u00df. Ablagestelle ist das Archiv in der Altstadt. Mein Mann f\u00e4ngt immer so um Viertel vor 3 an.\u00ab Ich hoffe, mich verh\u00f6rt zu haben, denn das hie\u00dfe ja um Viertel nach 2 losfahren und um 2 aufstehen, und dann braucht man sich gar nicht mehr hinlegen. \u00bbDie Auslieferer sind aber doch selten vor halb 4 da &#8230;\u00ab, wende ich ein. \u00bbUm Gottes Willen, nein, das ist das Gute an dieser Tour: Das Archiv ist die ERSTE Ablagestelle. Da sind sie immer am fr\u00fchsten.\u00ab Oh nein, was sollen das f\u00fcr N\u00e4chte werden. \u2013 Doch eine Chance gibt es noch: Die Zeitangabe Viertel ist schlie\u00dflich dialektal gepr\u00e4gt. \u00bbSie meinten bestimmt Viertel NACH 3 &#8230; ?\u00ab \u00bbNein, nein: Viertel VOR. Aber es reicht auch, wenn Sie um Viertel nach kommen. Mein Mann muss ja erst alles noch einpacken.\u00ab Wer, um Himmels Willen, braucht denn eine halbe Stunde zum Einpacken von Zeitungen, es sei denn man verquatscht sich mit Kollegen, aber um diese Uhrzeit &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich kann den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht schlafen, aber vor allem bin ich todm\u00fcde. Die 2. Art, m\u00fcde zu sein: Wenn ich f\u00fcrchte, dem Leben nicht gewachsen zu sein. V\u00f6llig ger\u00e4dert steige ich aufs Rad und fahre los. Ich habe schon viele Touren vertreten, aber noch nie hat es im Vorfeld so merkw\u00fcrdige Infos gegeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">M\u00fcdigkeit 3 ist von der Sorte, die sich irgendwann still und heimlich an meine Fersen heftet, mich lange Zeit unbemerkt verfolgt, um dann in einem unabsehbaren Augenblick zuzuschlagen, in Form von pl\u00f6tzlicher Ersch\u00f6pfung. Ich kenne das schon. Diese M\u00fcdigkeit tut weh. Sie \u00e4u\u00dfert sich in Kopfschmerzen. Ich kann nichts Sinnvolles denken. Blo\u00df Angst haben und hoffen, dass die Zeit vergeht. Die Zeit vergeht aber nachts\u00a0 s e h r\u00a0 langsam.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die wenigen Ger\u00e4usche, die es gibt, sind im wahrsten Sinne Ger\u00e4usche: ein Rauschen, leiser noch als das Rauschen des Blutes im eigenen Kopf. Eine Trennung von Au\u00dfen- und Innenwelt ist schwer m\u00f6glich: Ist man geneigt, alles als Au\u00dfenwelt zu betrachten, bekommt man Angst\u00a0\u2013 ist man geneigt, alles als Innenwelt zu betrachten, schl\u00e4ft man ein. Und das darf auf keinen Fall passieren, schlie\u00dflich rase ich mit 35 Stundenkilometern durch die Innenstadt.<\/p>\n<div id=\"attachment_4858\" style=\"width: 247px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/schatz1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-4858\" class=\"size-medium wp-image-4858 \" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/schatz1-237x300.jpg\" alt=\"\" width=\"237\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/schatz1-237x300.jpg 237w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/schatz1-810x1024.jpg 810w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/schatz1.jpg 1533w\" sizes=\"auto, (max-width: 237px) 100vw, 237px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4858\" class=\"wp-caption-text\">&#8222;Schatzkarte&#8220; &#8211; A. Kappe<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a03 Uhr 10. Am Archiv ist tats\u00e4chlich schon jemand. Ein wei\u00dfhaariger Mann Mitte 60 macht sich an den Zeitungsstapeln zu schaffen. Er tr\u00e4gt eine schwarze Weste, die durch das Gewicht von \u00fcber 100 Schl\u00fcsseln deformiert ist, kneift die Augen hinter einer Brille mit fettigen Gl\u00e4sern zusammen und redet vor sich hin. Erst nimmt er mich gar nicht wahr, dann bel\u00e4dt er sogleich meine Packtaschen mit NPs. Dass seine f\u00fcr die Menge an Zeitungen gar nicht ausreichen, ist auf einen Blick klar zu erkennen. Seltsam nur, dass er mit mir nichts abgesprochen hat. Ich h\u00e4tte ja genausogut ohne Packtaschen kommen k\u00f6nnen, und was h\u00e4tten wir dann gemacht? Die legend\u00e4ren Listen sind in Dokumentenh\u00fcllen eingeschwei\u00dfte, unhandliche Computerausdrucke, in denen die \u00c4nderungen mit blassem Bleistift vorgenommen wurden. Im gelben Licht der Stra\u00dfenlampen sehen sie aus wie Schatzkarten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir fahren los. Knusts Tretlager \u00e4chzt, als w\u00e4re dies seine letzte Tour. Unser erster Halt ist der Hintereingang des Krankenhauses, gleichzeitig die Notaufnahme. Es f\u00fchlt sich so an, als ob es besser f\u00fcr mich w\u00e4re, hierzubleiben &#8230; ich will mich hinlegen, LIEGEN &#8230; Danach tauchen wir in die Dunkelheit, die den engbebauten Stadtteil auch tags\u00fcber nie ganz verl\u00e4sst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000080;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=4871\"><span style=\"color: #000080;\"><strong>\u2192 Calenberger Nacht \u00b7 Teil 2<\/strong><\/span><\/a><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber die Arten der M\u00fcdigkeit Das Telefon klingelt mich aus dem Schlaf. 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