{"id":47999,"date":"2020-12-01T00:01:33","date_gmt":"2020-11-30T23:01:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=47999"},"modified":"2021-11-29T14:46:10","modified_gmt":"2021-11-29T13:46:10","slug":"bettler-und-huren","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/12\/01\/bettler-und-huren\/","title":{"rendered":"Bettler und Huren"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In meiner Kindheit war ich ein Gefangener des alten und neuen Westens. Mein Clan bewohnte diese beiden Viertel damals in einer Haltung, die gemischt war aus Verbissenheit und Selbstgef\u00fchl und die aus ihnen ein Ghetto machte, das er als sein Lehen betrachtete. In dies Quartier Besitzender blieb ich geschlossen, ohne um ein anderes zu wissen. Die Armen \u2013 f\u00fcr die reichen Kinder meines Alters gab es sie nur als Bettler. Und es war ein gro\u00dfer Fortschritt der Erkenntnis, als mir zum erstenmal die Armut in der Schmach der schlechtbezahlten Arbeit d\u00e4mmerte. Das war in einer kleinen Niederschrift, vielleicht der ersten, die ich ganz f\u00fcr mich selbst verfa\u00dfte. Sie hatte es mit einem Mann zu tun, der Zettel austeilt und mit den Erniedrigungen, die er durch ein Publikum erf\u00e4hrt, das f\u00fcr die Zettel kein Interesse hat. So kommt es, da\u00df der Arme \u2013 damit schlo\u00df ich \u2013 sich heimlich seines ganzen Packs entledigt. Gewi\u00df die unfruchtbarste Bereinigung der Lage. Aber keine andere Form der Revolte ging mir damals ein als die der Sabotage; diese freilich aus eigenster Erfahrung. Auf sie griff ich zur\u00fcck, wenn ich der Mutter mich zu entziehen suchte. Am liebsten aber bei den \u00bbBesorgungen\u00ab, und zwar mit einem verstockten Eigensinn, der meine Mutter oft zur Verzweiflung brachte. Ich hatte n\u00e4mlich die Gewohnheit angenommen, immer um einen halben Schritt zur\u00fcckzubleiben. Es war als wolle ich in keinem Falle eine Front, und sei es mit der eigenen Mutter, bilden. Wieviel ich dieser tr\u00e4umerischen Resistenz bei den gemeinschaftlichen G\u00e4ngen durch die Stadt zu danken hatte, fand sich sp\u00e4ter, als ihr Labyrinth sich dem Geschlechtstrieb \u00f6ffnete. Der aber suchte mit seinem ersten Tasten nicht den Leib, sondern die ganz verworfene Psyche, deren Fl\u00fcgel faulig im Scheine einer Gaslaterne gl\u00e4nzten oder noch unentfaltet unterm Pelz, in welchen sie verpuppt war, schlummerten. Ein Blick, der nicht den dritten Teil von dem zu sehen scheint, was er in Wahrheit umfa\u00dfte, kam mir nun zugut. Schon damals aber als noch meine Mutter mein Br\u00f6deln und verschlafenes Schlendern schalt, sp\u00fcrte ich dumpf die M\u00f6glichkeit, im Bund mit diesen Stra\u00dfen, in denen ich mich scheinbar nicht zurechtfand, mich sp\u00e4ter ihrer Herrschaft zu entziehn. Kein Zweifel jedenfalls, da\u00df ein Gef\u00fchl \u2013 ein tr\u00fcgerisches leider \u2013 ihr und ihrer und meiner eignen Klasse abzusagen, Schuld an dem beispiellosen Anreiz trug, auf offener Stra\u00dfe eine Hure anzusprechen. Stunden konnte es dauern, bis es dahin kam. Das Grauen, das ich dabei f\u00fchlte, war das gleiche, mit dem mich ein Automat erf\u00fcllt h\u00e4tte, den in Betrieb zu setzen, es an einer Frage genug gewesen w\u00e4re. Und so warf ich denn meine Stimme durch den Schlitz. Dann sauste das Blut in meinen Ohren und ich war nicht f\u00e4hig, die Worte, die da vor mir aus dem stark geschminkten Munde fielen, aufzulesen. Ich lief davon, um in der gleichen Nacht \u2013 wie h\u00e4ufig noch \u2013 den tollk\u00fchnen Versuch zu wiederholen. Wenn ich dann, manchesmal schon gegen Morgen, in einer Torfahrt innehielt, hatte ich mich in die asphaltenen B\u00e4nder der Stra\u00dfe hoffnungslos verstrickt, und die saubersten H\u00e4nde waren es nicht, die mich freimachten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-61440 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-245x300.jpg\" alt=\"\" width=\"245\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-245x300.jpg 245w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-560x686.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-260x318.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-160x196.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896.jpg 588w\" sizes=\"auto, (max-width: 245px) 100vw, 245px\" \/><b>Berliner Kindheit um neunzehnhundert<\/b> ist eine Sammlung autobiografischer Skizzen. Die einzelnen Texte verbinden sich nicht zu einer zusammenh\u00e4ngenden Erz\u00e4hlung, sondern geben eher einzelne Bilder und Erinnerungs-Bruchst\u00fccke wieder, etwa das Schlittschuhlaufen auf einem zugefrorenen Teich oder den N\u00e4hkasten seiner Mutter. Dabei versucht Walter Benjamin, sich in die noch unwissende, staunende Haltung des Kindes zur\u00fcckzuversetzen und dessen Weltsicht in kunstvollen sprachlichen Bildern und Vergleichen wiederzugeben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; In meiner Kindheit war ich ein Gefangener des alten und neuen Westens. 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