{"id":47996,"date":"2010-12-02T00:01:21","date_gmt":"2010-12-01T23:01:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=47996"},"modified":"2021-10-25T14:56:27","modified_gmt":"2021-10-25T12:56:27","slug":"schraenke","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/12\/02\/schraenke\/","title":{"rendered":"Schr\u00e4nke"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der erste Schrank, der aufging, wann ich wollte, war die Kommode. Ich hatte nur am Knopf zu ziehen, so schnappte die T\u00fcr aus ihrem Schlosse mir entgegen. Drinnen lag meine W\u00e4sche aufbewahrt. Unter all meinen Hemden, Hosen, Leibchen, die dort gelegen haben m\u00fcssen und von denen ich nichts mehr wei\u00df, war aber etwas, das sich nicht verloren hat und mir den Zugang zu diesem Schranke stets von neuem lockend und abenteuerlich erscheinen lie\u00df. Ich mu\u00dfte mir Bahn bis in den hinteren Winkel machen; dann stie\u00df ich auf meine Str\u00fcmpfe, welche da geh\u00e4uft und in althergebrachter Art, gerollt und eingeschlagen, ruhten, so da\u00df jedes Paar das Aussehen einer kleinen Tasche hatte. Nichts ging mir \u00fcber das Vergn\u00fcgen, meine Hand so tief wie m\u00f6glich in ihr Inneres zu versenken. Und nicht nur ihrer wolligen W\u00e4rme wegen. Es war \u00bbDas Mitgebrachte\u00ab, das ich immer im eingerollten Innern in der Hand hielt und das mich derart in die Tiefe zog. Wenn ich es mit der Faust umspannt und mich nach Kr\u00e4ften in dem Besitz der weichen, wollenen Masse best\u00e4tigt hatte, fing der zweite Teil des Spiels an, der die atemraubende Enth\u00fcllung brachte. Denn nun ging ich daran, \u00bbDas Mitgebrachte\u00ab aus seiner wollenen Tasche auszuwickeln. Ich zog es immer n\u00e4her an mich heran, bis das Best\u00fcrzende vollzogen war: \u00bbDas Mitgebrachte\u00ab seiner Tasche ganz entwunden, jedoch sie selbst nicht mehr vorhanden war. Nicht oft genug konnte ich so die Probe auf jene r\u00e4tselhafte Wahrheit machen: da\u00df Form und Inhalt, H\u00fclle und Verh\u00fclltes, \u00bbDas Mitgebrachte\u00ab und die Tasche eines waren. Eines \u2013 und zwar ein Drittes: jener Strumpf, in den sie beide sich verwandelt hatten. Bedenke ich, wie uners\u00e4ttlich ich gewesen bin, dies Wunder zu beschw\u00f6ren, so bin ich sehr versucht, in meinem Kunstgriff ein kleines, schwesterliches Gegenst\u00fcck der M\u00e4rchen zu vermuten, welche gleichfalls mich in die Geister- oder Zauberwelt einluden, um am Schlu\u00df mich gleich unfehlbar der schlichten Wirklichkeit zur\u00fcckzugeben, die mich so tr\u00f6stlich aufnahm wie ein Strumpf. Danach vergingen Jahre. Mein Vertrauen in die Magie war schon ersch\u00fcttert; sch\u00e4rferer Reize bedurfte es, um es zur\u00fcckzubringen. Ich begann sie im Sonderbaren, Schrecklichen, Verwunschenen zu suchen, und auch diesmal war&#8217;s ein Schrank, vor dem ich sie zu kosten trachtete. Aber das Spiel war ein gewagteres. Mit der Unschuld war es vorbei und ein Verbot erschuf es. Verboten n\u00e4mlich waren mir die Schriften, von denen ich mir reichlichen Ersatz f\u00fcr die verlorene M\u00e4rchenwelt versprach. Zwar blieben mir die Titel \u2013 \u00bbDie Fermate\u00ab, \u00bbDas Majorat\u00ab, \u00bbHeimatochare\u00ab \u2013 dunkel. Jedoch f\u00fcr alle, die ich nicht verstand, hatte der Name \u00bbGespenster-Hoffmann\u00ab und die strenge Weisung, ihn niemals aufzuschlagen, mir zu b\u00fcrgen. Endlich gelang es mir, zu ihnen vorzusto\u00dfen. Vormittags konnte es sich treffen, da\u00df ich von der Schule schon zur\u00fcck war, ehe noch die Mutter aus der Stadt, mein Vater aus dem Gesch\u00e4ft nach Hause gekommen waren. An solchen Tagen ging ich ohne die geringste Zeitvers\u00e4umnis an den B\u00fccherschrank. Das war ein sonderbares M\u00f6bel; der Fassade konnte man es nicht ansehen, da\u00df es B\u00fccher beherbergte. Seine T\u00fcren trugen im Innern ihres Eichenrahmens F\u00fcllungen, die aus Glas bestanden. Und zwar setzten sie sich aus kleinen Butzenscheiben zusammen, welche, jede einzelne, mit einer bleiernen Umfassung von den benachbarten geschieden waren. Die Butzenscheiben aber waren rot und gr\u00fcn und gelb gef\u00e4rbt und v\u00f6llig undurchsichtig. So war das Glas an diesen T\u00fcren Unfug, und als wolle es Rache f\u00fcr ein Schicksal nehmen, das es so mi\u00dfbraucht hatte, gl\u00e4nzte es in vielen verdrie\u00dflichen Reflexen, welche keinen in seine N\u00e4he luden. Doch wenn mich damals die ungute Luft, die um dies M\u00f6bel witterte, betroffen h\u00e4tte, so w\u00e4re sie mir nur ein Anreiz mehr f\u00fcr den Handstreich gewesen, den ich in dieser tauben, hellen und gef\u00e4hrlichen Vormittagsstunde darauf plante. Ich ri\u00df die Fl\u00fcgel auf, ertastete den Band, den ich nicht in der Reihe, sondern im Dunkeln hinter ihr zu suchen hatte, erbl\u00e4tterte mir fieberhaft die Seite, auf der ich stehengeblieben war, und ohne mich vom Fleck zu r\u00fchren, fing ich an, die Bl\u00e4tter vor der offenen Schrankt\u00fcr \u00fcberfliegend, die Zeit, bis meine Eltern kamen, auszunutzen. Von dem, was ich las, verstand ich nichts. Jedoch die Schrecken jeder Geisterstimme und jeder Mitternacht und jedes Fluchs steigerten und vollendeten sich durch die \u00c4ngste des Ohrs, das jeden Augenblick den Laut des Wohnungsschl\u00fcssels und den dumpfen Sto\u00df erwartete, mit welchem der Spazierstock des Vaters drau\u00dfen in den St\u00e4nder fiel. \u2013 Es war ein Zeichen der Sonderstellung, die die geistigen G\u00fcter im Haus behaupteten, da\u00df dieser Schrank als einziger unter allen offenblieb. Denn zu den anderen gab es keinen Zugang als durch den Schl\u00fcsselkorb, der jede Hausfrau in jenen Jahren \u00fcberall im Haus begleitete, um doch auf Schritt und Tritt von ihr vermi\u00dft zu werden. Das Scheppern des Schl\u00fcsselhaufens, welchen sie durchw\u00fchlte, ging jedem Hausgesch\u00e4ft voraus; es war das Chaos, das darin aufbegehrte, ehe das Bild der heiligen Ordnung hinter den weitoffenen Schrankt\u00fcren wie im Grund des Altarschreins zu uns hin\u00fcbergr\u00fc\u00dfte. Auch von mir verlangte es Verehrung und selbst Opfer. Nach jedem Weihnachts- und Geburtstagsfest war zu entscheiden, welches der Geschenke dem \u00bbneuen Schrank\u00ab zu stiften sei, zu dem die Mutter mir den Schl\u00fcssel aufbewahrte. Alles Verschlossene blieb l\u00e4nger neu. Doch nicht das Neue zu halten, sondern das Alte zu erneuern lag in meinem Sinn. Das Alte zu erneuern dadurch, da\u00df ich selbst, der Neuling, mir&#8217;s zum Meinen machte, war das Werk der Sammlung, die sich mir im Schubfach h\u00e4ufte. Jeder Stein, den ich fand, jede gepfl\u00fcckte Blume und jeder gefangene Schmetterling war mir schon Anfang einer Sammlung, und alles, was ich \u00fcberhaupt besa\u00df, machte mir eine einzige Sammlung aus. \u00bbAufr\u00e4umen\u00ab h\u00e4tte einen Bau vernichtet voll stachliger Kastanien, die Morgensterne, Stanniolpapiere, die ein Silberhort, Baukl\u00f6tze, die S\u00e4rge, Kakteen, die Totemb\u00e4ume, und Kupferpfennige, die Schilde waren. So wuchs und so vermummte sich die Habe der Kindheit in den F\u00e4chern, L\u00e4den, K\u00e4sten. Und was einst aus dem alten Bauernhaus ins M\u00e4rchen einging \u2013 jene letzte Kammer, die dem Marienkind verboten ist \u2013 das ist im Gro\u00dfstadthaus zum Schrank geschrumpft. Der d\u00fcsterste von allen aber war im Hausstand jener Tage das B\u00fcfett. Ja, was ein Speisezimmer und sein dumpfes Mysterium war, erma\u00df nur der, dem es einmal gelang, das Mi\u00dfverh\u00e4ltnis der T\u00fcr zum breiten, massigen und bis zur Decke aufgegipfelten B\u00fcfett sich klarzumachen. Es schien auf seinen Platz im Raume so verb\u00fcrgte Rechte zu haben wie auf jenen in der Zeit, in die es als Zeuge einer Stammverwandtschaft ragte, die einst in grauer Fr\u00fche Immobilien und Mobiliar verbunden haben mochte. Die Reinmachfrau, die alles ringsumher entv\u00f6lkerte, kam ihm nicht bei. Sie konnte nur die Silberk\u00fcbel und Terrinen, die Delfter Vasen und Majoliken, die bronzenen Urnen und die Glaspokale, die in seinen Nischen und unter seinen Muschelbaldachinen, auf seinen Terrassen und Estraden, zwischen seinen Portalen und vor seinen T\u00e4felungen standen, abtragen und im Nebenzimmer h\u00e4ufen. Die steile H\u00f6h, auf der sie thronten, machte sie jeder praktischen Verwendung fremd. Darum sah das B\u00fcfett mit gutem Grund den Tempelbergen \u00e4hnlich. Auch konnte es mit Sch\u00e4tzen prunken, wie die G\u00f6tzen sie gern um sich haben. Daf\u00fcr war dann der Tag, an dem Gesellschaft war, der rechte. Schon mittags \u00f6ffnete sich sein Massiv, um mich in seinen Sch\u00e4chten, die mit Samt wie mit graugr\u00fcnem Moos bezogen waren, den Silberhort des Hauses sehen zu lassen. Was aber dort auch lag, das war nicht zehnfach, nein zwanzig- oder drei\u00dfigfach vorhanden. Und wenn ich diese langen, langen Reihen von Mokkal\u00f6ffeln oder Messerb\u00e4nkchen, Obstmessern oder Austerngabeln sah, stritt mit der Lust an dieser F\u00fclle Angst, als s\u00e4hen die, die nun erwartet wurden, einander gleich wie unsere Tischbestecke.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-61440 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-245x300.jpg\" alt=\"\" width=\"245\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-245x300.jpg 245w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-560x686.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-260x318.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-160x196.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896.jpg 588w\" sizes=\"auto, (max-width: 245px) 100vw, 245px\" \/>Berliner Kindheit um neunzehnhundert<\/b> ist eine Sammlung autobiografischer Skizzen. Die einzelnen Texte verbinden sich nicht zu einer zusammenh\u00e4ngenden Erz\u00e4hlung, sondern geben eher einzelne Bilder und Erinnerungs-Bruchst\u00fccke wieder, etwa das Schlittschuhlaufen auf einem zugefrorenen Teich oder den N\u00e4hkasten seiner Mutter. Dabei versucht Walter Benjamin, sich in die noch unwissende, staunende Haltung des Kindes zur\u00fcckzuversetzen und dessen Weltsicht in kunstvollen sprachlichen Bildern und Vergleichen wiederzugeben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der erste Schrank, der aufging, wann ich wollte, war die Kommode. Ich hatte nur am Knopf zu ziehen, so schnappte die T\u00fcr aus ihrem Schlosse mir entgegen. Drinnen lag meine W\u00e4sche aufbewahrt. Unter all meinen Hemden, Hosen, Leibchen, die&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/12\/02\/schraenke\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":72,"featured_media":61440,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[428],"class_list":["post-47996","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-walter-benjamin"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/47996","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/72"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=47996"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/47996\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=47996"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=47996"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=47996"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}