{"id":47993,"date":"2023-12-28T00:01:07","date_gmt":"2023-12-27T23:01:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=47993"},"modified":"2022-02-26T14:12:48","modified_gmt":"2022-02-26T13:12:48","slug":"das-pult","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/12\/28\/das-pult\/","title":{"rendered":"Das Pult"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Arzt fand, ich sei kurzsichtig. Und er verschrieb mir nicht nur eine Brille sondern auch ein Pult. Es war sehr sinnreich konstruiert. Man konnte den Sitz verstellen, derart da\u00df er n\u00e4her oder entfernter vor der Platte lag, die abgeschr\u00e4gt war und zum Schreiben diente, dazu der waagerechte Balken an der Lehne, welcher dem R\u00fccken einen Halt bot, nicht zu reden von einer kleinen B\u00fccherst\u00fctze, die das Ganze kr\u00f6nte und verschiebbar war. Das Pult am Fenster wurde bald mein Lieblingsplatz. Der kleine Schrank, der unter seinem Sitz verborgen war, enthielt nicht nur die B\u00fccher, die ich in der Schule brauchte, sondern auch das Album mit den Marken und die drei, die von der Ansichtskartensammlung eingenommen wurden. Und an dem starken Haken an der Seite des Pults hing nicht nur, neben dem Fr\u00fchst\u00fccksk\u00f6rbchen, meine Mappe sondern auch der S\u00e4bel der Husarenuniform und die Botanisiertrommel. Oft war es, wenn ich aus der Schule kam, mein Erstes, mit meinem Pulte Wiedersehn zu feiern, indem ich es zum Schauplatz irgend einer meiner geliebtesten Besch\u00e4ftigungen machte \u2013 des Abziehns zum Beispiel. Dann stand bald eine Tasse mit warmem Wasser an der Stelle, die vorher vom Tintenfasse eingenommen wurde und ich begann, die Bilder auszuschneiden. Wieviel verhie\u00df der Schleier, hinter dem sie aus B\u00f6gen und aus Heften auf mich starrten. Der Schuster \u00fcber seinem Leisten und die Kinder, die \u00e4pfelpfl\u00fcckend auf dem Baume sitzen, der Milchmann vor der winterlich verschneiten T\u00fcr, der Tiger, der sich zum Sprunge auf den J\u00e4ger duckt, aus dessen B\u00fcchse gerade Feuer kommt, der Angler im Gras vor seinem blauen B\u00e4chlein und die Klasse, die auf den Lehrer achtet, welcher ihr vorn an der Tafel etwas vormacht, der Drogist vor seinem reichbestellten bunten Laden, der Leuchtturm mit dem Segelboot davor \u2013 sie alle waren von einem Nebelhauche \u00fcberzogen. Wenn sie dann aber sanft durchleuchtet auf dem Blatte ruhten und unter meinen Fingerspitzen, die vorsichtig rollend, schabend, reibend auf ihrem R\u00fccken hin- und widerfuhren, die. dicke Schicht in d\u00fcnnen Walzen abging, zuletzt auf ihrem rissigen, geschundnen R\u00fccken in kleinen Fleckchen s\u00fc\u00df und unverstellt die Farbe durchbrach, war&#8217;s als ginge \u00fcber der tr\u00fcben, morgendlich verwaschnen Welt die strahlende Septembersonne auf und alles, noch durchfeuchtet von dem Tau, der in der D\u00e4mmerung es erfrischte, gl\u00fche nun einem neuen Sch\u00f6pfungstag entgegen. Doch hatte ich genug an diesem Spiel, so fand sich immer noch ein Vorwand um die Schularbeiten weiter zu vertagen. Gern ging ich an die Durchsicht alter Hefte, die einen ganz besonderen Wert dadurch besa\u00dfen, da\u00df mir&#8217;s gelungen war, sie vor dem Zugriff des Lehrers, der den Anspruch auf sie hatte, zu bewahren. Nun lie\u00df ich meinen Blick auf den Zensuren, die er mit roter Tinte darin eingetragen hatte, ruhen und stille Lust erf\u00fcllte mich dabei. Denn wie die Namen Verstorbner auf dem Grabstein, die nun nie mehr von Nutzen noch von Schaden werden k\u00f6nnen, standen die Noten da, die ihre Kraft an fr\u00fchere Zensuren abgegeben hatten. Auf andere Art und mit noch besserem Gewissen lie\u00df eine Stunde auf dem Pulte sich beim Basteln an Heften oder Schulb\u00fcchern vertr\u00f6deln. Die B\u00fccher mu\u00dften einen Umschlag aus kr\u00e4ftigem blauen Packpapier erhalten, und was die Hefte anging, so bestand die Vorschrift, einem jeden sein L\u00f6schblatt unverlierbar beizugeben. Zu diesem Zwecke gab es kleine B\u00e4ndchen, die man in allen Farben kaufen konnte. Am Deckel jedes Hefts und auf dem L\u00f6schblatt befestigte man diese B\u00e4ndchen mit Oblaten. Wenn man f\u00fcr einigen Farbenreichtum sorgte, so konnte man zu sehr verschiedenartigen, den stimmungsvollsten wie den grellsten Arrangements gelangen. So hatte das Pult zwar mit der Schulbank \u00c4hnlichkeit. Doch umso besser, da\u00df ich dennoch dort geborgen war und Raum f\u00fcr Dinge hatte, von denen sie nichts wissen darf. Das Pult und ich, wir hielten gegen sie zusammen. Und ich hatte es nach \u00f6dem Schultag kaum zur\u00fcckgewonnen, so gab es frische Kr\u00e4fte an mich ab. Nicht nur zu Hause durfte ich mich f\u00fchlen, nein im Geh\u00e4use, wie nur einer der Kleriker, die auf den mittelalterlichen Bildern in ihrem Betstuhl oder Schreibepult gleichwie in einem Panzer zu sehen sind. In diesem Bau begann ich \u00bbSoll und Haben\u00ab und \u00bbZwei St\u00e4dte\u00ab. Ich suchte mir die stillste Zeit am Tag und diesen abgeschiedensten von allen Pl\u00e4tzen. Danach schlug ich die erste Seite auf und war dabei so feierlich gestimmt wie jemand, der den Fu\u00df auf einen neuen Erdteil setzt. Auch war es in der Tat ein neuer Erdteil, auf dem die Krim und Kairo, Babylon und Bagdad, Alaska und Taschkent, Delphi und Detroit so nah sich aufeinanderschoben wie die goldenen Medaillen auf den Zigarrenkisten, die ich sammelte. Nichts tr\u00f6stlicher als derart eingeschlossen von allen Instrumenten meiner Qual \u2013 Vokabelheften, Zirkeln, W\u00f6rterb\u00fcchern zu weilen, wo ihr Anspruch nichtig wurde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-61440 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-245x300.jpg\" alt=\"\" width=\"245\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-245x300.jpg 245w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-560x686.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-260x318.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-160x196.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896.jpg 588w\" sizes=\"auto, (max-width: 245px) 100vw, 245px\" \/><\/a>Berliner Kindheit um neunzehnhundert<\/b> ist eine Sammlung autobiografischer Skizzen. Die einzelnen Texte verbinden sich nicht zu einer zusammenh\u00e4ngenden Erz\u00e4hlung, sondern geben eher einzelne Bilder und Erinnerungs-Bruchst\u00fccke wieder, etwa das Schlittschuhlaufen auf einem zugefrorenen Teich oder den N\u00e4hkasten seiner Mutter. Dabei versucht Walter Benjamin, sich in die noch unwissende, staunende Haltung des Kindes zur\u00fcckzuversetzen und dessen Weltsicht in kunstvollen sprachlichen Bildern und Vergleichen wiederzugeben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der Arzt fand, ich sei kurzsichtig. Und er verschrieb mir nicht nur eine Brille sondern auch ein Pult. Es war sehr sinnreich konstruiert. 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