{"id":47991,"date":"2023-09-29T00:01:01","date_gmt":"2023-09-28T22:01:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=47991"},"modified":"2022-02-25T20:03:15","modified_gmt":"2022-02-25T19:03:15","slug":"ein-gespenst","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/09\/29\/ein-gespenst\/","title":{"rendered":"Ein Gespenst"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war ein Abend meines siebenten oder achten Jahres vor unserer babelsberger Sommerwohnung. Eins unserer M\u00e4dchen steht noch eine Weile am Gittertor, das auf, ich wei\u00df nicht welche, Allee herausf\u00fchrt. Der gro\u00dfe Garten, in dessen verwilderten Randgebieten ich mich herumgetrieben habe, hat sich schon f\u00fcr mich geschlossen. Es ist Zeit zum Zubettgehen geworden. Vielleicht habe ich mich an meinem Lieblingsspiel ers\u00e4ttigt und irgendwo am Drahtzaun im Gestr\u00fcpp mit Gummibolzen meiner Heurekapistole nach den h\u00f6lzernen V\u00f6geln gezielt, die von dem Anprall des Geschosses aus der Scheibe fielen, wo sie, in das gemalte Blattwerk eingelassen, sa\u00dfen. Den ganzen Tag hatte ich ein Geheimnis f\u00fcr mich behalten \u2013 n\u00e4mlich den Traum der letztvergangenen Nacht. Mir war darinnen ein Gespenst erschienen. Den Ort, an dem es sich zu schaffen machte, h\u00e4tte ich schwerlich schildern k\u00f6nnen. Doch hatte er mit einem \u00c4hnlichkeit, der mir bekannt war, wenn auch unzug\u00e4nglich. Das war im Zimmer, wo die Eltern schliefen, eine Ecke, die ein verschossener, violetter Vorhang von Pl\u00fcsch verkleidete, und hinter ihm hingen die Morgenr\u00f6cke meiner Mutter. Das Dunkel hinter der Portiere war unergr\u00fcndlich: der Winkel das verrufene Pendant des lichten Paradieses, das sich mit dem W\u00e4scheschrank der Mutter mir er\u00f6ffnete. Dessen Bretter, an denen, blaugestickt auf wei\u00dfen Borten, ein Text aus Schillers \u00bbGlocke\u00ab sich entlang zog, trugen gestapelt Bett- und Wirtschaftsw\u00e4sche, Laken, Bez\u00fcge, Tischt\u00fccher, Servietten. Lavendelduft kam aus den kleinen, prallen, seidenen Sachets, die \u00fcber dem gef\u00e4ltelten Bezug der R\u00fcckwand beider Spindent\u00fcren baumelten. So war der alte, geheimnisvolle Wirk- und Webezauber, der einst im Spinnrad seinen Ort besessen, in Himmelreich und H\u00f6lle aufgeteilt. Der Traum nun war aus dieser; ein Gespenst, das sich an einem h\u00f6lzernen Gestell zu schaffen machte, von dem Seiden hingen. Diese Seiden stahl das Gespenst. Es raffte sie nicht an sich, trug sie auch nicht fort; es tat mit ihnen und an ihnen eigentlich nichts. Und dennoch wu\u00dfte ich: es stahl sie; wie in Sagen die Leute, die ein Geistermahl entdecken, von diesen Geistern, ohne sie doch essend oder trinkend zu gewahren, erkennen, da\u00df sie eine Mahlzeit halten. Dieser Traum war es, den ich f\u00fcr mich behalten hatte. Die Nacht nun, welche auf ihn folgte, bemerkte ich zu ungewohnter Stunde \u2013 und es war, als schiebe sich in den vorigen Traum ein zweiter ein \u2013 die Eltern in mein Zimmer treten. Da\u00df sie sich bei mir einschlossen, sah ich schon nicht mehr. Am andern Morgen, als ich erwachte, gab es nichts zum Fr\u00fchst\u00fcck. Die Wohnung, so begriff ich, war ausgeraubt. Mittags kamen Verwandte mit dem N\u00f6tigsten. Eine vielk\u00f6pfige Verbrecherbande hatte bei Nacht sich eingeschlichen. Und ein Gl\u00fcck, erkl\u00e4rte man, da\u00df das Ger\u00e4usch im Haus auf ihre St\u00e4rke hatte schlie\u00dfen lassen. Bis gegen Morgen hatte der gef\u00e4hrliche Besuch gedauert. Vergebens hatten die Eltern hinter meinem Fenster die D\u00e4mmerung erwartet, in der Hoffnung, Signale nach der Stra\u00dfe tun zu k\u00f6nnen. Auch mich verwickelte man in den Vorfall. Zwar wu\u00dfte ich nichts \u00fcber das Verhalten des M\u00e4dchens, das am Abend vor dem Gittertor gestanden hatte; aber der Traum der vorvergangenen Nacht schuf mir Geh\u00f6r. Wie Blaubarts Frau, so schlich die Neugier sich in seine abgelegene Kammer. Und noch im Sprechen merkte ich mit Schrecken, da\u00df ich ihn nie h\u00e4tte erz\u00e4hlen d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-61440 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-245x300.jpg\" alt=\"\" width=\"245\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-245x300.jpg 245w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-560x686.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-260x318.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-160x196.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896.jpg 588w\" sizes=\"auto, (max-width: 245px) 100vw, 245px\" \/>Berliner Kindheit um neunzehnhundert<\/b> ist eine Sammlung autobiografischer Skizzen. Die einzelnen Texte verbinden sich nicht zu einer zusammenh\u00e4ngenden Erz\u00e4hlung, sondern geben eher einzelne Bilder und Erinnerungs-Bruchst\u00fccke wieder, etwa das Schlittschuhlaufen auf einem zugefrorenen Teich oder den N\u00e4hkasten seiner Mutter. Dabei versucht Walter Benjamin, sich in die noch unwissende, staunende Haltung des Kindes zur\u00fcckzuversetzen und dessen Weltsicht in kunstvollen sprachlichen Bildern und Vergleichen wiederzugeben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Es war ein Abend meines siebenten oder achten Jahres vor unserer babelsberger Sommerwohnung. Eins unserer M\u00e4dchen steht noch eine Weile am Gittertor, das auf, ich wei\u00df nicht welche, Allee herausf\u00fchrt. 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