{"id":47983,"date":"2022-12-01T00:01:27","date_gmt":"2022-11-30T23:01:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=47983"},"modified":"2022-02-24T18:24:57","modified_gmt":"2022-02-24T17:24:57","slug":"schuelerbibliothek","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/12\/01\/schuelerbibliothek\/","title":{"rendered":"Sch\u00fclerbibliothek"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einer Pause wurde das erledigt: man sammelte die B\u00fccher ein und dann verteilte man sie neu an die Bewerber. Nicht immer war ich flink genug dabei. Oft sah ich dann ersehnte B\u00e4nde dem zufallen, der sie nicht zu sch\u00e4tzen wu\u00dfte. Wie anders war ihre Welt als die der Leseb\u00fccher, wo ich in einzelnen Geschichten Tage, ja Wochen im Quartiere liegen mu\u00dfte wie in Kasernen, welche \u00fcberm Tor, noch vor der Aufschrift, eine Nummer trugen. Noch schlimmer war es in den Kasematten der vaterl\u00e4ndischen Gedichte wo jedwede Zeile eine Zelle war. Wie s\u00fcdlich, linde wehte aus den B\u00fcchern, die in der Pause ausgegeben wurden, die laue Schm\u00f6kerluft mich an. Die Luft, in der der Stefansdom den T\u00fcrken, die Wien belagerten, her\u00fcberwinkte, blauer Rauch sich aus den Pfeifen des Tabakskollegiums w\u00f6lkte, die Flocken an der Beresina tanzten und fahler Schein Pompeis letzte Tage verk\u00fcndete. Nur war sie meistens etwas abgestanden, wenn sie aus Oskar H\u00f6cker und W.O. von Horn, aus Julius Wolff und Georg Ebers uns entgegenschlug. Am muffigsten jedoch in jenen B\u00e4nden \u00bbAus vaterl\u00e4ndischer Vergangenheit\u00ab, die sich so massenhaft in Sexta angesammelt hatten, da\u00df die Wahrscheinlichkeit, um sie herumzukommen und auf einen Band von W\u00f6rish\u00f6ffer oder Dahn zu fallen, klein war. In ihren roten Leinendeckel war ein Hellebardentr\u00e4ger eingepre\u00dft. Schmucke F\u00e4hnlein von Reisigen begegneten im Text, dazu ehrsame Handwerksburschen, blonde T\u00f6chter von Kastellanen oder Waffenschmieden, Vasallen, die ihrem Herrn den Treueid hielten; aber auch der falsche Truchse\u00df, welcher R\u00e4nke spann und fahrende Gesellen, die im Sold des welschen K\u00f6nigs standen, fehlten nicht. Je weniger wir Kaufmannss\u00f6hne und Geheimratskinder uns unter all dem Knechts- und Herrenvolke etwas denken konnten, desto besser ging diese festgeschiente, hochgesinnte Welt in unsere Wohnung ein. Das Wappen \u00fcberm Tor der Ritterburg fand ich im Ledersessel meines Vaters, der vor dem Schreibtisch thronte, Humpen wie sie die Runde an der Tafel Tillys machten, standen auf der Konsole unserer Kachel\u00f6fen oder dem Vertiko im Vestib\u00fcl und Schemel, wie sie in den Mannschaftsstuben, frech \u00fcber Eck gestellt, den Weg versperrten, standen auf unsern Aub\u00fcssons ganz ebenso, nur da\u00df kein Prittwitzscher Dragoner rittlings draufsa\u00df. In einem Falle aber gl\u00fcckte die Verschmelzung beider Welten nur allzugut. Das war im Zeichen eines Schm\u00f6kers, dessen Titel gar nicht zum Inhalt pa\u00dfte. Haften blieb mir nur der Teil, auf den ein \u00d6ldruck sich bezog, den ich mit nie vermindertem Entsetzen aufschlug. Ich floh und suchte dieses Bild zugleich; es ging mir damit wie sp\u00e4ter mit dem Bild im Robinson, das Freitag an der Stelle zeigt, an der er zum erstenmal die Spur von fremden Tritten und unweit Sch\u00e4del und Gerippe findet. Doch wieviel dumpfer war das Grauen, das von der Frau im wei\u00dfen Nachtgewande ausging, die mit offnen Augen doch wie schlafend und sich mit einem Kandelaber leuchtend durch eine Galerie hinwandelte. Die Frau war Kleptomanin. Und dies Wort, in dem ein bleckender und b\u00f6ser Vorklang die beiden schon so geisterhaften Silben \u00bbAhnin\u00ab verzerrte wie Hokusai ein Totenantlitz durch ein paar Pinselstriche zum Gespenst macht \u2013 dies Wort versteinerte mich vor Entsetzen. L\u00e4ngst stand das Buch \u2013 es hie\u00df \u00bbAus eigener Kraft\u00ab \u2013 wieder im Klassenschrank der Sexta als der Flur, der vom berliner Zimmer in die hinteren f\u00fchrte, noch immer jene lange Galerie war, durch die die Schlo\u00dffrau n\u00e4chtlich wandelte. Aber diese B\u00fccher mochten gem\u00fctlich oder grauenhaft, langweilig oder spannend sein \u2013 nichts konnte ihren Zauber steigern oder mindern. Denn er war nicht auf ihren Inhalt angewiesen, lag vielmehr darin, immer wieder mich der einen Viertelstunde zu versichern, um derentwillen mir das ganze Elend des \u00f6den Schulbetriebs ertr\u00e4glich vorkam. Ich stimmte mich auf sie schon wenn ich abends das Buch in meine fertige Mappe steckte, welche von dieser Last nur leichter wurde. Das Dunkel, das es dort mit meinen Heften, Lehrb\u00fcchern, Federk\u00e4sten teilte, pa\u00dfte zu dem geheimnisvollen Vorgang, dem es am n\u00e4chsten Vormittag entgegenharrte. Denn endlich war der Augenblick gekommen, der mich im gleichen Raume, der noch eben Schauplatz meiner Erniedrigung gewesen war, mit jener F\u00fclle von Macht bekleidete, wie sie dem Faust zuf\u00e4llt, wenn Mephistopheles bei ihm erscheint. Was war der Lehrer, der das Podium nun verlassen hatte, um B\u00fccher einzusammeln und am Klassenschrank dann wieder auszugeben, wenn nicht ein niedrer Teufel, der der Macht zu schaden sich ent\u00e4u\u00dfern mu\u00dfte, um im Dienst meiner Gel\u00fcste seine Kunst zu zeigen. Und wie schlug jeder seiner sch\u00fcchternen Versuche fehl, mit einem Hinweis meine Wahl zu lenken. Wie blieb er ganz und gar geprellt als armer Teufel bei seiner Fron zur\u00fcck, wenn ich schon l\u00e4ngst auf einem Zauberteppich unterwegs ins Zelt des letzten Mohikaners oder ins Lager Konradins von Staufen war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-61440 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-245x300.jpg\" alt=\"\" width=\"245\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-245x300.jpg 245w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-560x686.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-260x318.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-160x196.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896.jpg 588w\" sizes=\"auto, (max-width: 245px) 100vw, 245px\" \/><\/a>Berliner Kindheit um neunzehnhundert<\/b> ist eine Sammlung autobiografischer Skizzen. Die einzelnen Texte verbinden sich nicht zu einer zusammenh\u00e4ngenden Erz\u00e4hlung, sondern geben eher einzelne Bilder und Erinnerungs-Bruchst\u00fccke wieder, etwa das Schlittschuhlaufen auf einem zugefrorenen Teich oder den N\u00e4hkasten seiner Mutter. Dabei versucht Walter Benjamin, sich in die noch unwissende, staunende Haltung des Kindes zur\u00fcckzuversetzen und dessen Weltsicht in kunstvollen sprachlichen Bildern und Vergleichen wiederzugeben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; In einer Pause wurde das erledigt: man sammelte die B\u00fccher ein und dann verteilte man sie neu an die Bewerber. Nicht immer war ich flink genug dabei. 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