{"id":47978,"date":"2019-11-01T00:01:29","date_gmt":"2019-10-31T23:01:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=47978"},"modified":"2020-02-01T13:35:49","modified_gmt":"2020-02-01T12:35:49","slug":"schmoeker","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/11\/01\/schmoeker\/","title":{"rendered":"Schm\u00f6ker"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Aus der Sch\u00fclerbibliothek bekam ich die liebsten. In den unteren Klassen wurden sie zugeteilt. Der Klassenlehrer sagte meinen Namen, und dann machte das Buch \u00fcber die B\u00e4nke seinen Weg; der eine schob es dem anderen zu, oder es schwankte \u00fcber die K\u00f6pfe hin, bis es bei mir, der sich gemeldet hatte, angekommen war. An seinen Bl\u00e4ttern haftete die Spur von Fingern, die sie umgeschlagen hatten. Die Kordel, die den Bund abschlo\u00df und oben und unten vorstie\u00df, war verschmutzt. Vor allem aber hatte sich der R\u00fccken viel bieten lassen m\u00fcssen; daher kam es, da\u00df beide Deckelh\u00e4lften sich von selbst verschoben und der Schnitt des Bandes Treppchen und Terrassen bildete. An seinen Bl\u00e4ttern aber hingen, wie Altweibersommer am Ge\u00e4st der B\u00e4ume, bisweilen schwache F\u00e4den eines Netzes, in das ich einst beim Lesenlernen mich verstrickt hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Buch lag auf dem viel zu hohen Tisch. Beim Lesen hielt ich mir die Ohren zu. So lautlos hatte ich doch schon einmal erz\u00e4hlen h\u00f6ren. Den Vater freilich nicht. Manchmal jedoch, im Winter, wenn ich in der warmen Stube am Fenster stand, erz\u00e4hlte das Schneegest\u00f6ber drau\u00dfen mir so lautlos. Was es erz\u00e4hlte, hatte ich zwar nie genau erfassen k\u00f6nnen, denn zu dicht und unabl\u00e4ssig dr\u00e4ngte zwischen dem Altbekannten Neues sich heran. Kaum hatte ich mich einer Flockenschar inniger angeschlossen, erkannte ich, da\u00df sie mich einer anderen hatte \u00fcberlassen m\u00fcssen, die pl\u00f6tzlich in sie eingedrungen war. Nun aber war der Augenblick gekommen, im Gest\u00f6ber der Lettern den Geschichten nachzugehen, die sich am Fenster mir entzogen hatten. Die fernen L\u00e4nder, welche mir in ihnen begegneten, spielten vertraulich wie die Flocken umeinander. Und weil die Ferne, wenn es schneit, nicht mehr ins Weite, sondern ins Innere f\u00fchrt, so lagen Babylon und Bagdad, Akko und Alaska, Troms\u00f6 und Transvaal in meinem Innern. Die linde Schm\u00f6kerluft, die sie durchdrang, schmeichelte sie mit Blut und F\u00e4hrnis so unwiderstehlich meinem Herzen ein, da\u00df es den abgegriffenen B\u00e4nden die Treue hielt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oder hielt es die Treue \u00e4lteren, unauffindbaren? Den wundervollen n\u00e4mlich, die mir nur einmal im Traume wiederzusehen gegeben war? Wie hatten sie gehei\u00dfen? Ich wu\u00dfte nichts, als da\u00df es diese l\u00e4ngst verschwundenen waren, die ich nie wieder hatte finden k\u00f6nnen. Nun aber lagen sie in einem Schrank, von dem ich im Erwachen einsehen mu\u00dfte, da\u00df er mir nie vorher begegnet war. Im Traum schien er mir alt und gut bekannt. Die B\u00fccher standen nicht, sie lagen; und zwar in seiner Wetterecke. In ihnen ging es gewittrig zu. Eins aufzuschlagen, h\u00e4tte mich mitten in den Scho\u00df gef\u00fchrt, in dem ein wechselnder und tr\u00fcber Text sich w\u00f6lkte, der von Farben schwanger war. Es waren brodelnde und fl\u00fcchtige, immer aber gerieten sie zu einem Violett, das aus dem Innern eines Schlachttiers zu stammen schien. Unnennbar und bedeutungsschwer wie dies verfemte Violett waren die Titel, deren jeder mir sonderbarer und vertrauter vorkam als der vorige. Doch ehe ich des ersten besten mich versichern konnte, war ich erwacht, ohne auch nur im Traum die alten Knabenb\u00fccher noch einmal ber\u00fchrt zu haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Berliner Kindheit um neunzehnhundert<\/b> ist eine Sammlung autobiografischer Skizzen. Die einzelnen Texte verbinden sich nicht zu einer zusammenh\u00e4ngenden Erz\u00e4hlung, sondern geben eher einzelne Bilder und Erinnerungs-Bruchst\u00fccke wieder, etwa das Schlittschuhlaufen auf einem zugefrorenen Teich oder den N\u00e4hkasten seiner Mutter. Dabei versucht Walter Benjamin, sich in die noch unwissende, staunende Haltung des Kindes zur\u00fcckzuversetzen und dessen Weltsicht in kunstvollen sprachlichen Bildern und Vergleichen wiederzugeben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus der Sch\u00fclerbibliothek bekam ich die liebsten. In den unteren Klassen wurden sie zugeteilt. 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