{"id":47972,"date":"2018-12-30T00:01:13","date_gmt":"2018-12-29T23:01:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=47972"},"modified":"2021-03-13T09:00:27","modified_gmt":"2021-03-13T08:00:27","slug":"zwei-blechkapellen-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/12\/30\/zwei-blechkapellen-2\/","title":{"rendered":"Zwei Blechkapellen"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nie mehr hat Musik etwas derart Entmenschtes, Schamloses besessen wie die des Milit\u00e4rorchesters, das den Strom von Menschen temperierte, der sich zwischen den Kaffeerestaurationen des Zoo die L\u00e4sterallee entlangschob. Heute erkenne ich, was die Gewalt dieser Str\u00f6mung ausmachte. F\u00fcr den Berliner gab es keine h\u00f6here Schule der Liebe als diese, die umgeben war von den Sandpl\u00e4tzen der Gnus und Zebras, den kahlen B\u00e4umen und Riffen, wo die Aasgeier und die Condore nisteten, den stinkenden Wolfsgattern und den Brutpl\u00e4tzen der Pelikane und Reiher. Die Rufe und die Schreie dieser Tiere mischten sich mit dem L\u00e4rm der Pauken und des Schlagzeugs. Das war die Luft, in der zum ersten Mal der Blick des Knaben einer Vor\u00fcbergehenden sich anzudr\u00e4ngen suchte, w\u00e4hrend er umso eifriger zu seinem Freund sprach. Und derart angestrengt war sein Bestreben, weder im Tonfall noch im Blick sich zu verraten, da\u00df er von der Vor\u00fcbergehenden nichts sah.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Viel fr\u00fcher hat er eine andre Blechmusik gekannt. Und wie verschieden waren beide: diese, die sich schw\u00fcl und lockend im Laub- und Zeltdach wiegte, und jene \u00e4ltere, die blank und schmetternd in der kalten Luft wie unter einem d\u00fcnnen Glassturz stand. Sie lockte von der Rousseau-Insel und beschwingte die Schlittschuhl\u00e4ufer auf dem Neuen See zu ihren Schleifen und zu ihren B\u00f6gen. Auch ich war unter ihnen, lange eh ich die Herkunft dieses Inselnamens, von den Schwierigkeiten seiner Schreibart zu schweigen, mir tr\u00e4umen lie\u00df. Durch ihre Lage war diese Eisbahn keiner andern zu vergleichen und mehr noch durch ihr Leben in den Jahreszeiten. Denn was machte der Sommer aus den andern? Tennispl\u00e4tze. Hier jedoch erstreckte unter den weit \u00fcberh\u00e4ngenden \u00c4sten der Uferb\u00e4ume sich derselbe See, der mich, gerahmt, im dunklen Speisezimmer bei meiner Gro\u00dfmutter erwartete. Denn man malte ihn damals gern mit seinen labyrinthischen Wasserl\u00e4ufen. Und nun glitt man beim Klang eines Wiener Walzers unter den gleichen Br\u00fccken hin, an deren Br\u00fcstung gelehnt im Sommer man der tr\u00e4gen Fahrt der Boote durch das dunkle Wasser zusah. Verschlungne Wege gab es in der N\u00e4he und vor allem die abgelegnen Asyle \u2013 B\u00e4nke \u00bbnur f\u00fcr Erwachsene\u00ab. Das Rondell der Buddelpl\u00e4tze war damit bestellt, in deren Mitte die Kleinen w\u00fchlten oder sinnend standen, bis eins sie anstie\u00df oder von der Bank das Kinderm\u00e4dchen rief, das hinterm Wagen gelehrig seinen Schm\u00f6ker las und beinah ohne emporzusehen das Kind in Zucht hielt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Soviel von diesen Ufern. Doch der See lebt mir noch in dem Takte der von Schlittschuhn plumpen F\u00fc\u00dfe, die nach einem Streifzuge \u00fcbers Eis von neuem den Bretterboden f\u00fchlten und in eine Bude polterten, in der ein Eisenofen gl\u00fchte. Nahebei die Bank, wo man die Last an seinen F\u00fc\u00dfen noch einmal wog, bevor man sich entschlo\u00df, sie abzuschnallen. Ruhte dann der Schenkel schr\u00e4g auf dem Knie und lockerte der Schlittschuh sich, so wars als w\u00fcchsen Fl\u00fcgel uns an beiden Sohlen und mit Schritten, die dem gefrorenen Boden zunickten, traten wir ins Freie. Von der Insel brachte Musik mich noch ein St\u00fcck nach Haus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Berliner Kindheit um neunzehnhundert<\/b> ist eine Sammlung autobiografischer Skizzen. Die einzelnen Texte verbinden sich nicht zu einer zusammenh\u00e4ngenden Erz\u00e4hlung, sondern geben eher einzelne Bilder und Erinnerungs-Bruchst\u00fccke wieder, etwa das Schlittschuhlaufen auf einem zugefrorenen Teich oder den N\u00e4hkasten seiner Mutter. Dabei versucht Walter Benjamin, sich in die noch unwissende, staunende Haltung des Kindes zur\u00fcckzuversetzen und dessen Weltsicht in kunstvollen sprachlichen Bildern und Vergleichen wiederzugeben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Nie mehr hat Musik etwas derart Entmenschtes, Schamloses besessen wie die des Milit\u00e4rorchesters, das den Strom von Menschen temperierte, der sich zwischen den Kaffeerestaurationen des Zoo die L\u00e4sterallee entlangschob. Heute erkenne ich, was die Gewalt dieser Str\u00f6mung ausmachte. 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