{"id":47943,"date":"2012-11-09T18:16:09","date_gmt":"2012-11-09T17:16:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=47943"},"modified":"2020-01-28T09:21:57","modified_gmt":"2020-01-28T08:21:57","slug":"das-fieber","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/11\/09\/das-fieber\/","title":{"rendered":"Das Fieber"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Das lehrte stets von neuem der Beginn von jeder Krankheit, mit wie sicherem Takt, wie schonend und gewandt das Mi\u00dfgeschick sich bei mir einfand. Aufsehn zu erregen, lag ihm fern. Mit ein paar Flecken auf der Haut, mit einer \u00dcbelkeit begann es. Und es war, als sei die Krankheit durchaus gewohnt, sich zu gedulden, bis ihr vom Arzt Quartier bereitet worden sei. Der kam, besah mich und legte Wert darauf, da\u00df ich das Weitere im Bett erwarte. Lesen verbot er mir. Ohnehin hatte ich Wichtigeres zu tun. Denn nun begann ich, was kommen mu\u00dfte, durchzugehen, solange es noch Zeit und mir im Kopfe nicht zu wirr war. Ich ma\u00df den Abstand zwischen Bett und T\u00fcr und fragte mich, wie lange noch mein Rufen ihn \u00fcberbr\u00fccken k\u00f6nne. Ich sah im Geist den L\u00f6ffel, dessen Rand die Bitten meiner Mutter besiedelten, und wie, nachdem er meinen Lippen erst so schonungsvoll gen\u00e4hert worden war, mit einemmal sein wahres Wesen durchbrach, indem er mir die bittere Medizin gewaltsam in die Kehle sch\u00fcttete. Wie ein Mann im Rausch bisweilen rechnet und denkt, nur um zu sehen: er kann es noch, so z\u00e4hlte ich die Sonnenkringel, die an meiner Zimmerdecke schwankten, und die Rauten der Tapete ordnete ich zu immer neuen B\u00fcndeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin viel krank gewesen. Daher stammt vielleicht, was andere als Geduld an mir bezeichnen, in Wahrheit aber keiner Tugend \u00e4hnelt: die Neigung, alles, woran mir liegt, von weitem sich mir nahen zu sehen wie meinem Krankenbett die Stunden. So kommt es, da\u00df an einer Reise mir die beste Freude fehlt, wenn ich den Zug nicht auf dem Bahnhof lang erwarten konnte, und ebenfalls r\u00fchrt daher, da\u00df Beschenken zur Leidenschaft bei mir geworden ist; denn was den andern \u00fcberrascht, das sehe, als Geber, ich von langer Hand voraus. Ja, das Bed\u00fcrfnis, durch die Wartezeit so wie ein Kranker durch die Kissen, die er im R\u00fccken hat, gest\u00fctzt, dem Kommenden entgegenzusehen, hat bewirkt, da\u00df sp\u00e4terhin mir Frauen um so sch\u00f6ner schienen, je getroster und l\u00e4nger ich auf sie zu warten hatte. Mein Bett, das sonst der Ort des eingezogensten und stillsten Daseins gewesen war, kam nun zu \u00f6ffentlichem Rang und Ansehen. Auf lange war es nicht mehr das Revier heimlicher Unternehmungen am Abend: des Schm\u00f6kerns oder meines Kerzenspiels. Unter dem Kissen lag nicht mehr das Buch, das sonst alln\u00e4chtlich nach verbotenem Brauch mit letzter Kraft dort hingeschoben wurde. Und auch die Lavastr\u00f6me und die kleinen Brandherde, welche das Stearin zum Schmelzen brachten, fielen in diesen Wochen fort. Ja, vielleicht raubte die Krankheit mir im Grunde nichts als jenes atemlose, schweigsame Spiel, das niemals frei von einer geheimen Angst f\u00fcr mich gewesen war \u2013 Vorbotin jener sp\u00e4teren, die ein gleiches Spiel am gleichen Rand der Nacht begleitete. Die Krankheit hatte kommen m\u00fcssen, um mir ein reinliches Gewissen zu verschaffen. Das aber war so frisch wie jede Stelle des faltenlosen Lakens, das mich abends, wenn aufgebettet worden war, erwartete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meist machte meine Mutter mir das Bett. Vom Diwan aus verfolgte ich, wie sie die Kissen und Bez\u00fcge sch\u00fcttelte, und dachte dabei an die Abende, an denen ich gebadet worden war und dann auf einem Porzellantablett das Abendbrot ans Bett bekommen hatte. Durch ein Gestr\u00fcpp von wilden Himbeerranken drang, hinter der Glasur, ein Weib, bem\u00fcht, dem Wind ein Banner mit dem Wahlspruch preiszugeben: \u00bbKomm nach Osten, komm nach Westen, zu Haus ist&#8217;s am besten.\u00ab Und die Erinnerung an das Abendbrot und an die Himbeerranken war um so viel angenehmer, als der K\u00f6rper auf immer sich erhaben \u00fcber das Bed\u00fcrfnis, etwas zu verzehren, vorkam. Daf\u00fcr gel\u00fcstete ihn nach Geschichten. Die starke Str\u00f6mung, welche sie erf\u00fcllte, ging durch ihn selbst hindurch und schwemmte Krankes wie Treibgut mit sich fort. Schmerz war ein Staudamm, welcher der Erz\u00e4hlung nur anfangs widerstand; er wurde sp\u00e4ter, wenn sie erstarkt war, unterw\u00fchlt und in den Abgrund der Vergessenheit gesp\u00fclt. Das Streicheln bahnte diesem Strom sein Bett. Ich liebte es, denn in der Hand der Mutter rieselten schon Geschichten, welche bald in F\u00fclle ihrem Mund entstr\u00f6men sollten. Mit ihnen kam das Wenige ans Licht, was ich von meinen Vorfahren erfuhr. Die Laufbahn eines Ahnen, Lebensregeln des Gro\u00dfvaters beschwor man mir herauf, als wolle man mir so begreiflich machen, wie \u00fcbereilt es sei, der gro\u00dfen Tr\u00fcmpfe, die ich dank meiner Abkunft in der Hand hielt, durch einen fr\u00fchen Tod mich zu ent\u00e4u\u00dfern. Wie nah ich ihm gekommen war, das pr\u00fcfte zweimal am Tage meine Mutter nach. Behutsam ging sie mit dem Thermometer sodann auf Fenster oder Lampe zu und handhabte das schmale R\u00f6hrchen so, als sei mein Leben darin eingeschlossen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sp\u00e4ter, als ich heranwuchs, war f\u00fcr mich die Gegenwart des Seelischen im Leib nicht schwieriger zu entr\u00e4tseln als der Stand des Lebensfadens in der kleinen R\u00f6hre, in der er immer meinem Blick entglitt. Gemessen werden strengte an. Danach blieb ich am liebsten ganz allein, um mich mit meinen Kissen abzugeben. Denn mit den Graten meiner Kissen war ich zu einer Zeit vertraut, in der mir H\u00fcgel und Berge noch nicht viel zu sagen hatten. Ich steckte ja mit den Gewalten, welche jene erstehen lie\u00dfen, unter einer Decke. So richtete ich&#8217;s manchmal ein, da\u00df sich in diesem Bergwall eine H\u00f6hle auf tat. Ich kroch hinein; ich zog die Decke \u00fcber den Kopf und hielt mein Ohr dem dunklen Schl\u00fcnde hin, die Stille ab und zu mit Worten speisend, die als Geschichten aus ihr wiederkehrten. Bisweilen mischten sich die Finger ein und f\u00fchrten selber einen Vorgang auf; oder sie machten \u00bbKaufhaus\u00ab miteinander, und hinterm \u00bbTisch\u00ab, der von den Mittelfingern gebildet wurde, nickten die zwei kleinen dem Kunden, der ich selbst war, eifrig zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch immer schw\u00e4cher wurde meine Lust und auch die Macht, ihr Spiel zu \u00fcberwachen. Zuletzt verfolgte ich fast ohne Neugier das Treiben meiner Finger, die wie tr\u00e4ges, verf\u00e4ngliches Gesindel sich im Weichbilde einer Stadt zu schaffen machten, die ein Brand verzehrte. Nicht m\u00f6glich, ihnen \u00fcbern Weg zu trauen. Denn hatten sie in Unschuld sich vereint \u2013 nie war man sicher, da\u00df nicht beide Trupps, lautlos, wie sie sich eingefunden hatten, ein jeder wieder seines Weges gingen. Und der war manchmal ein verbotener, an dessen Ende eine s\u00fc\u00dfe Rast den Ausblick auf die lockenden Gesichte freigab, die in dem Flammenschleier sich bewegten, der hinter den geschlossenen Lidern stand. Denn aller Sorgfalt oder Liebe gl\u00fcckte nicht, das Zimmer, wo mein Bett stand, l\u00fcckenlos dem Leben unseres Hausstands anzuschlie\u00dfen. Ich mu\u00dfte warten, bis der Abend kam. Dann, wenn die T\u00fcr sich vor der Lampe auftat und sich die W\u00f6lbung ihrer Glocke schwankend \u00fcber die Schwelle auf mich zu bewegte, war es, als ob die goldene Lebenskugel, die jede Tagesstunde wirbeln lie\u00df, zum erstenmal den Weg in meine Kammer, wie in ein abgelegenes Fach, gefunden h\u00e4tte. Und eh der Abend sich&#8217;s noch selber recht bei mir hatte wohl sein lassen, fing f\u00fcr mich ein neues Leben an; vielmehr das alte des Fiebers bl\u00fchte unterm Lampenlicht von einem Augenblick zum andern auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nichts als der Umstand, da\u00df ich lag, erlaubte mir, einen Vorteil aus dem Licht zu ziehen, den andere nicht so schnell gewinnen konnten. Ich nutzte meine Ruhe und die N\u00e4he der Wand, die ich in meinem Bette hatte, das Licht mit Schattenbildern zu begr\u00fc\u00dfen. Nun kamen alle jene Spiele, welche ich meinen Fingern freigegeben hatte, noch einmal unbestimmter, stattlicher, verschlossener auf der Tapete wieder. \u00bbStatt sich vor den Schatten des Abends zu f\u00fcrchten\u00ab, so stand es in meinem Spielbuch, \u00bbbenutzen ihn lustige Kinder vielmehr, um sich einen Spa\u00df zu machen.\u00ab Und bilderreiche Anweisungen folgten, nach denen man Steinbock und Grenadier, Schwan und Kaninchen an die Bettwand h\u00e4tte werfen k\u00f6nnen. Mir selbst gedieh es freilich selten \u00fcber den Rachen eines Wolfes hinaus. Nur war er dann so gro\u00df und klaffend, da\u00df er den Fenriswolf bedeuten mu\u00dfte, den ich als Weltvernichter in dem gleichen Raum sich in Bewegung setzen lie\u00df, in dem man mich selbst der Kinderkrankheit streitig machte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eines Tages zog sie dann ab. Die nahende Genesung lockerte, wie die Geburt, Bindungen, die das Fieber noch einmal schmerzhaft angezogen hatte. Dienstboten fingen an, in meinem Dasein die Mutter wieder \u00f6fter zu vertreten. Und eines Morgens gab ich mich von neuem nach langer Pause und mit schwacher Kraft dem Teppichklopfen hin, das durch die Fenster heraufdrang und dem Kinde tiefer sich ins Herz grub als dem Mann die Stimme der Geliebten, dem Teppichklopfen, welches das Idiom der Unterschicht war, wirklicher Erwachsener, das niemals abbrach, bei der Sache blieb, sich manchmal Zeit lie\u00df, trag und abged\u00e4mpft zu allem sich bereitfand, manchmal wieder in einen unerkl\u00e4rlichen Galopp fiel, als spute man sich drunten vor dem Regen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unmerklich, wie die Krankheit zu Beginn sich mit mir eingelassen hatte, schied sie auch. Doch wenn ich im Begriff war, sie schon wieder ganz zu vergessen, dann erreichte mich ein letzter Gru\u00df von ihr auf meinem Zeugnis. Die Summe der vers\u00e4umten Stunden war an seinem Fu\u00df verzeichnet. Keineswegs erschienen sie mir grau, eint\u00f6nig wie die, denen ich gefolgt war, sondern gleich bunten Streifchen an der Brust des Invaliden standen sie gereiht. Ja eine lange Reihe Ehrenzeichen versinnlichte in meinen Augen der Vermerk: Gefehlt \u2013 einhundertdreiundsiebzig Stunden.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Berliner Kindheit um neunzehnhundert<\/b> ist eine Sammlung autobiografischer Skizzen. Die einzelnen Texte verbinden sich nicht zu einer zusammenh\u00e4ngenden Erz\u00e4hlung, sondern geben eher einzelne Bilder und Erinnerungs-Bruchst\u00fccke wieder, etwa das Schlittschuhlaufen auf einem zugefrorenen Teich oder den N\u00e4hkasten seiner Mutter. Dabei versucht Walter Benjamin, sich in die noch unwissende, staunende Haltung des Kindes zur\u00fcckzuversetzen und dessen Weltsicht in kunstvollen sprachlichen Bildern und Vergleichen wiederzugeben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das lehrte stets von neuem der Beginn von jeder Krankheit, mit wie sicherem Takt, wie schonend und gewandt das Mi\u00dfgeschick sich bei mir einfand. Aufsehn zu erregen, lag ihm fern. 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