{"id":47937,"date":"2009-12-29T00:01:35","date_gmt":"2009-12-28T23:01:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=47937"},"modified":"2021-07-19T11:41:02","modified_gmt":"2021-07-19T09:41:02","slug":"der-lesekasten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/12\/29\/der-lesekasten\/","title":{"rendered":"Der Lesekasten"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nie wieder k\u00f6nnen wir Vergessenes ganz zur\u00fcckgewinnen. Und das ist vielleicht gut. Der Chock des Wiederhabens w\u00e4re so zerst\u00f6rend, da\u00df wir im Augenblick aufh\u00f6ren m\u00fc\u00dften, unsere Sehnsucht zu verstehen. So aber verstehen wir sie, und um so besser, je versunkener das Vergessene in uns liegt. Wie das verlorene Wort, das eben noch auf unseren Lippen lag, die Zunge zu demosthenischer Befl\u00fcgelung l\u00f6sen w\u00fcrde, so scheint uns das Vergessene schwer vom ganzen gelebten Leben, das es uns verspricht. Vielleicht ist, was Vergessenes so beschwert und tr\u00e4chtig macht, nichts anderes als die Spur verschollener Gewohnheiten, in die wir uns nicht mehr finden k\u00f6nnten. Vielleicht ist seine Mischung mit den St\u00e4ubchen unserer zerfallenen Geh\u00e4use das Geheimnis, aus dem es \u00fcberdauert. Wie dem auch sei \u2013 f\u00fcr jeden gibt es Dinge, die dauerhaftere Gewohnheiten in ihm entfalteten als alle anderen. An ihnen formten sich die F\u00e4higkeiten, die f\u00fcr sein Dasein mitbestimmend wurden. Und weil das, was mein eigenes angeht, Lesen und Schreiben waren, weckt von allem, was mir in fr\u00fcheren Jahren unterkam, nichts gr\u00f6\u00dfere Sehnsucht als der Lesekasten. Er enthielt auf kleinen T\u00e4felchen die Lettern, einzeln, in deutscher Schrift, in der sie j\u00fcnger und auch m\u00e4dchenhafter schienen als im Druck. Sie betteten sich schlank aufs schr\u00e4ge Lager, jede einzelne vollendet und in ihrer Reihenfolge gebunden durch die Regel ihres Ordens, das Wort, dem sie als Schwestern angeh\u00f6rten. Ich bewunderte, wie soviel Anspruchslosigkeit vereint mit soviel Herrlichkeit bestehen k\u00f6nne. Es war ein Gnadenstand. Und meine Rechte, die sich gehorsam um ihn m\u00fchte, fand ihn nicht. Sie mu\u00dfte drau\u00dfen wie der Pf\u00f6rtner sitzen, der die Erw\u00e4hlten durchzulassen hat. So war ihr Umgang mit den Lettern voll Entsagung. Die Sehnsucht, die er mir erweckt, beweist, wie sehr er eins mit meiner Kindheit gewesen ist. Was ich in Wahrheit in ihm suche, ist sie selbst: die ganze Kindheit, wie sie in dem Griff gelegen hat, mit dem die Hand die Lettern in die Leiste schob, in der sie sich zu W\u00f6rtern reihen sollten. Die Hand kann diesen Griff noch tr\u00e4umen, aber nie mehr erwachen, um ihn wirklich zu vollziehen. So kann ich davon tr\u00e4umen, wie ich einmal das Gehen lernte. Doch das hilft mir nichts. Nun kann ich gehen; gehen lernen nicht mehr.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-61440 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-245x300.jpg\" alt=\"\" width=\"245\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-245x300.jpg 245w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-560x686.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-260x318.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-160x196.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896.jpg 588w\" sizes=\"auto, (max-width: 245px) 100vw, 245px\" \/><\/a>Berliner Kindheit um neunzehnhundert<\/b> ist eine Sammlung autobiografischer Skizzen. Die einzelnen Texte verbinden sich nicht zu einer zusammenh\u00e4ngenden Erz\u00e4hlung, sondern geben eher einzelne Bilder und Erinnerungs-Bruchst\u00fccke wieder, etwa das Schlittschuhlaufen auf einem zugefrorenen Teich oder den N\u00e4hkasten seiner Mutter. Dabei versucht Walter Benjamin, sich in die noch unwissende, staunende Haltung des Kindes zur\u00fcckzuversetzen und dessen Weltsicht in kunstvollen sprachlichen Bildern und Vergleichen wiederzugeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist. Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Nie wieder k\u00f6nnen wir Vergessenes ganz zur\u00fcckgewinnen. Und das ist vielleicht gut. 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