{"id":47934,"date":"2008-11-03T00:01:50","date_gmt":"2008-11-02T23:01:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=47934"},"modified":"2021-08-06T09:48:38","modified_gmt":"2021-08-06T07:48:38","slug":"gesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/11\/03\/gesellschaft\/","title":{"rendered":"Gesellschaft"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Mutter hatte ein Schmuckst\u00fcck von ovaler Form. Es war so gro\u00df, da\u00df man es auf der Brust nicht tragen konnte, und so erschien es jedesmal, wenn sie es antat, an ihrem G\u00fcrtel. Sie trug es aber, wenn sie in Gesellschaft ging; zu Hause nur, wenn wir selber eine hatten. Es prunkte mit einem gro\u00dfen, blitzenden und gelben Steine, der die Mitte war, und einer Anzahl m\u00e4\u00dfig gro\u00dfer, die in vielen Farben \u2013 gr\u00fcn, blau, gelb, rosa, purpur \u2013 ihn umstanden. Dies Schmuckst\u00fcck war, so oft ich es erblickte, mein Entz\u00fccken. Denn in den tausend kleinen Feuern, die aus seinen R\u00e4ndern schossen, sa\u00df, vernehmlich, eine Tanzmusik. Die wichtige Minute, da die Mutter es der Schatulle, wo es lag, entnahm, lie\u00df seine Doppelmacht zum Vorschein kommen. Es war mir die Gesellschaft, deren Sitz in Wahrheit auf der Sch\u00e4rpe meiner Mutter war; es war mir aber auch der Talisman, der sie vor allem sch\u00fctzte, was von drau\u00dfen bedrohlich f\u00fcr sie werden konnte. In seinem Schutze war auch ich geborgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur konnte er nicht hindern, da\u00df ich auch an jenen seltnen Abenden, an denen es ihn zu sehen gab, zu Bett gehen mu\u00dfte. Doppelt verdro\u00df mich das, wenn bei uns selbst Gesellschaft war. Doch drang sie mir \u00fcber meine Schwelle, und ich stand in dauerndem Rapport mit ihr, sobald das erste Klingelzeichen erschollen war. F\u00fcr eine Weile setzte nun die Klingel dem Korridor fast unabl\u00e4ssig zu. Nicht weniger be\u00e4ngstigend, weil sie k\u00fcrzer, pr\u00e4ziser anschlug als an andern Tagen. Mich t\u00e4uschte sie dar\u00fcber nicht, da\u00df sich ein Anspruch in ihr verlautbarte, der weiter ging als der, mit dem sie sonst sich geltend machte. Und dem entsprach es, da\u00df das \u00f6ffnen diesmal im Augenblick und lautlos vor sich ging. Dann kam die Zeit, in welcher die Gesellschaft, kaum da\u00df sie sich zu bilden begonnen hatte, schon wieder am Verenden schien. In Wahrheit hatte sie sich nur in die entfernten R\u00e4ume zur\u00fcckgezogen, um dort im Brodeln und im Bodensatz der vielen Schritte und Gespr\u00e4che zu verschwinden wie ein Ungeheuer, das, kaum hat es die Brandung angesp\u00fclt, im feuchten Schlamm der K\u00fcste Zuflucht sucht. Von dem, was jetzt die Zimmer f\u00fcllte, sp\u00fcrte ich, da\u00df es ungreifbar, glatt und stets bereit war, die zu erw\u00fcrgen, die es jetzt umspielte. Das spiegelblanke Frackhemd, das mein Vater an diesem Abend hatte, kam mir nun wie ein Panzer vor, und in dem Blick, den er vor einer Stunde noch hatte \u00fcber die menschenleeren St\u00fchle schweifen lassen, entdeckte ich jetzt das Gewappnete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Inzwischen war ein Rauschen bei mir eingebrochen; das Unsichtbare war erstarkt und ging daran, an allen Gliedern mit sich selbst sich zu bereden. Es horchte auf sein eigenes dumpfes Raunen, wie man in eine Muschel horcht, es ging wie Laub im Winde mit sich selbst zu Rate, es knisterte wie Scheite im Kamin und sank dann lautlos in sich selbst zusammen. Jetzt war der Augenblick gekommen, da ich es bereute, noch vor wenigen Stunden dem Unberechenbaren seinen Weg gebahnt zu haben. Das war mit einem Griff geschehen, durch den der E\u00dftisch sich auseinandertat und eine Platte drunter zum Vorschein kam, die, aufgeklappt, den Raum zwischen den H\u00e4lften derart \u00fcberbr\u00fcckte, da\u00df alle G\u00e4ste unterkommen konnten. Dann hatte ich beim Decken helfen d\u00fcrfen. Und nicht nur, da\u00df Ger\u00e4tschaften dabei durch meine H\u00e4nde gingen, die mich ehrten, die Hummergabeln oder Austernmesser, auch die gel\u00e4ufigen des Alltags traten in feierlicher Spielart in Erscheinung. Die Gl\u00e4ser in Gestalt der gr\u00fcnen R\u00f6mer, der kurzen, scharf geschliffnen Portweinkelche, der filigranbes\u00e4ten Schalen f\u00fcr den Sekt; die N\u00e4pfe f\u00fcr das Salz als Silberf\u00e4\u00dfchen; die Pfropfen auf den Flaschen in Gestalt schwerer, metallner Gnomen oder Tiere. Endlich geschah es, da\u00df ich auf das eine der vielen Gl\u00e4ser jedes Tischgedecks die Karte legen durfte, die dem Gast den Platz angab, der auf ihn wartete. Mit diesem K\u00e4rtchen hatte ich das Werk gekr\u00f6nt; und wenn ich nun zuletzt bewundernd die Runde um die ganze Tafel machte, vor der nur noch die St\u00fchle fehlten dann erst durchdrang mich tief das kleine Friedenszeichen, das mir von allen ihren Tellern winkte. Kornblumen waren es, die das Service aus makellosem wei\u00dfen Porzellan mit einem kleinen Muster \u00fcberzogen: ein Friedenszeichen, dessen S\u00fc\u00dfigkeit allein der Blick ermessen konnte, der vertraut mit jenem kriegerischen war, das ich an allen anderen Tagen vor mir hatte. Ich denke an das blaue Zwiebelmuster. Wie oft hatte ich es im Lauf der Fehden, die an dem Tische ausgetragen wurden, der jetzt so schimmernd vor mir lag, um Beistand angefleht. Unz\u00e4hlige Male war ich seinen Zweigen und F\u00e4dchen, Bl\u00fcten und Voluten nachgegangen, hingebender als je dem sch\u00f6nsten Bild. Nie hatte man um Freundschaft r\u00fcckhaltloser sich beworben als ich um die des blauen Zwiebelmusters. Ich h\u00e4tte es so gerne zum Verb\u00fcndeten in dem ungleichen Kampf gehabt, der mir das Mittagessen oft verbitterte. Doch das gelang mir nie. Denn dieses Muster war k\u00e4uflich wie ein General aus China, welches denn auch an seiner Wiege gestanden hatte. Die Ehrungen, mit denen es von meiner Mutter \u00fcberh\u00e4uft ward, die Paraden, zu denen sie die Mannschaft einberief, die Totenklagen, die aus der K\u00fcche jedem Glied der Truppe, das gefallen war, nachhallten, machten meine Werbung aussichtslos. Denn kalt und kriechend hielt das Zwiebelmuster meinen Blicken stand und h\u00e4tte nicht das kleinste seiner Bl\u00e4ttchen detachiert, um mich zu decken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der feierliche Anblick dieser Tafel befreite mich von der fatalen Zeichnung, und das allein h\u00e4tte gen\u00fcgt, mich zu entz\u00fccken. Aber je n\u00e4her der Abend r\u00fcckte, desto mehr umflorte sich das Selige, Leuchtende, das er um Mittag mir versprochen hatte. Und wenn dann meine Mutter, trotzdem sie im Hause blieb, nur fl\u00fcchtig kam, um mir Gute Nacht zu sagen, f\u00fchlte ich verdoppelt, welch Geschenk sie sonst mir um die Zeit aufs Deckbett legte: das Wissen um die Stunden, die f\u00fcr sie der Tag noch hatte, und die ich getrost, wie einst die Puppe, in den Schlummer mitnahm. Es waren diese Stunden, die mir heimlich, und ohne da\u00df sie es wu\u00dfte, in die Falten der Decke fielen, die sie mir zurechtzog, und eben diese Stunden, welche selbst an Abenden, da sie im Fortgehen war, mich tr\u00f6steten, wenn sie in der Gestalt der schwarzen Spitzen ihres Kopftuchs, das sie schon umgenommen hatte, mich ber\u00fchrten. Ich liebte diese N\u00e4he, und was sie an Duft mir zugab; jede Spanne Zeit, die ich im Schatten dieses Kopftuchs und in Nachbarschaft des gelben Steins gewann, begl\u00fcckte mich mehr als die Knallbonbons, die mir im Ku\u00df f\u00fcr morgenfr\u00fch von ihr versprochen wurden. Wenn dann von drau\u00dfen mein Vater nach ihr rief, erf\u00fcllte mich bei ihrem Aufbruch nur noch Stolz, so gl\u00e4nzend sie in die Gesellschaft zu entlassen. Und ohne es zu kennen, sp\u00fcrte ich in meinem Bette, kurz bevor ich einschlief, die Wahrheit eines kleinen R\u00e4tselworts: \u00bbJe sp\u00e4ter auf den Abend, desto sch\u00f6ner die G\u00e4ste.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Berliner Kindheit um neunzehnhundert<\/b> ist eine Sammlung autobiografischer Skizzen. Die einzelnen Texte verbinden sich nicht zu einer zusammenh\u00e4ngenden Erz\u00e4hlung, sondern geben eher einzelne Bilder und Erinnerungs-Bruchst\u00fccke wieder, etwa das Schlittschuhlaufen auf einem zugefrorenen Teich oder den N\u00e4hkasten seiner Mutter. Dabei versucht Walter Benjamin, sich in die noch unwissende, staunende Haltung des Kindes zur\u00fcckzuversetzen und dessen Weltsicht in kunstvollen sprachlichen Bildern und Vergleichen wiederzugeben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Meine Mutter hatte ein Schmuckst\u00fcck von ovaler Form. Es war so gro\u00df, da\u00df man es auf der Brust nicht tragen konnte, und so erschien es jedesmal, wenn sie es antat, an ihrem G\u00fcrtel. 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