{"id":47930,"date":"2006-11-28T00:01:03","date_gmt":"2006-11-27T23:01:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=47930"},"modified":"2021-10-31T17:10:11","modified_gmt":"2021-10-31T16:10:11","slug":"die-mummerehlen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/11\/28\/die-mummerehlen\/","title":{"rendered":"Die Mummerehlen"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einem alten Kinderverse kommt die Muhme Rehlen vor. Weil mir nun \u00bbMuhme\u00ab nichts sagte, wurde dies Gesch\u00f6pf f\u00fcr mich zu einem Geist: der Mummerehlen. Das Mi\u00dfverstehen verstellte mir die Welt. Jedoch auf gute Art; es wies die Wege, die in ihr Inneres f\u00fchrten. Ein jeder Ansto\u00df war ihm recht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So wollte der Zufall, da\u00df in meinem Beisein einmal von Kupferstichen war gesprochen worden. Am Tag darauf steckte ich unterm Stuhl den Kopf hervor: das war ein \u00bbKopf-verstich\u00ab. Wenn ich dabei mich und das Wort entstellte, tat ich nur, was ich tun mu\u00dfte, um im Leben Fu\u00df zu fassen. Beizeiten lernte ich es, in die Worte, die eigentlich Wolken waren, mich zu mummen. Die Gabe, \u00c4hnlichkeiten zu erkennen, ist ja nichts als ein schwaches \u00dcberbleibsel des alten Zwangs, \u00e4hnlich zu werden und sich zu verhalten. Den aber \u00fcbten Worte auf mich aus. Nicht solche, die mich Mustern der Gesittung, sondern Wohnungen, M\u00f6beln, Kleidern \u00e4hnlich machten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur meinem eigenen Bilde nie. Und darum wurde ich so ratlos, wenn man \u00c4hnlichkeit mit mir selbst von mir verlangte. Das war beim Photographen. Wohin ich blickte, sah ich mich umstellt von Leinwandschirmen, Polstern, Sockeln, die nach meinem Bilde gierten wie die Schatten des Hades nach dem Blut des Opfertieres. Am Ende brachte man mich einem roh gepinselten Prospekt der Alpen dar, und meine Rechte, die ein Gemsbarth\u00fctlein erheben mu\u00dfte, legte auf die Wolken und Firnen der Bespannung ihren Schatten. Doch das gequ\u00e4lte L\u00e4cheln um den Mund des kleinen \u00c4lplers ist nicht so betr\u00fcbend wie der Blick, der aus dem Kinderantlitz, das im Schatten der Zimmerpalme liegt, sich in mich senkt. Sie stammt aus einem jener Ateliers, welche mit ihren Schemeln und Stativen, Gobelins und Staffeleien etwas vom Boudoir und von der Folterkammer haben. Ich stehe barhaupt da; in meiner Linken einen gewaltigen Sombrero, den ich mit einstudierter Grazie h\u00e4ngen lasse. Die Rechte ist mit einem Stock befa\u00dft, dessen gesenkter Knauf im Vordergrund zu sehen ist, indessen sich sein Ende in einem B\u00fcschel von Pleureusen birgt, die sich von einem Gartentisch ergie\u00dfen. Ganz abseits, neben der Portiere, stand die Mutter starr, in einer engen Taille. Wie eine Schneiderfigurine blickt sie auf meinen Samtanzug, der seinerseits mit Posamenten \u00fcberladen und von einem Modeblatt zu stammen scheint. Ich aber bin entstellt vor \u00c4hnlichkeit mit allem, was hier um mich ist. Ich hauste so wie ein Weichtier in der Muschel haust im neunzehnten Jahrhundert, das nun hohl wie eine leere Muschel vor mir liegt. Ich halte sie ans Ohr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was h\u00f6re ich? Ich h\u00f6re nicht den L\u00e4rm von Feldgesch\u00fctzen oder von Offenbachscher Ballmusik, auch nicht das Heulen der Fabriksirenen oder das Geschrei, das mittags durch die B\u00f6rsens\u00e4le gellt, nicht einmal Pferdetrappeln auf dem Pflaster oder die Marschmusik der Wachtparade. Nein, was ich h\u00f6re, ist das kurze Rasseln des Anthrazits, der aus dem Blechbeh\u00e4lter in einen Eisenofen niederf\u00e4llt, es ist der dumpfe Knall, mit dem die Flamme des Gasstrumpfs sich entz\u00fcndet, und das Klirren der Lampenglocke auf dem Messingreifen, wenn auf der Stra\u00dfe ein Gef\u00e4hrt vorbeikommt. Noch andere Ger\u00e4usche, wie das Scheppern des Schl\u00fcsselkorbs, die beiden Klingeln an der Vorder- und der Hintertreppe; endlich ist auch ein kleiner Kindervers dabei. \u00bbIch will dir was erz\u00e4hlen von der Mummerehlen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Versehen ist entstellt; doch hat die ganze entstellte Welt der Kindheit darin Platz. Die Muhme Rehlen, die einst in ihm sa\u00df, war schon verschollen als ich es zuerst gesagt bekam. Die Mummerehlen aber war noch schwerer aufzusp\u00fcren. Gelegentlich vermutete ich sie im Affen, welcher auf dem Tellergrund im Dunst von Graupen oder Sago schwamm. Ich a\u00df die Suppe, um ihr Bild zu kl\u00e4ren. Im Mummelsee war sie vielleicht zu Haus und seine tr\u00e4gen Wasser lagen ihr wie eine graue Pelerine an. Was man von ihr erz\u00e4hlt hat \u2013 oder mir wohl nur erz\u00e4hlen wollte \u2013, wei\u00df ich nicht. Sie war das Stumme, Lockere, Flockige, das gleich dem Schneegest\u00f6ber in den kleinen Glaskugeln sich im Kern der Dinge w\u00f6lkt. Manchmal wurde ich darin umgetrieben. Das war, wenn ich beim Tuschen sa\u00df. Die Farben, die ich dann mischte, f\u00e4rbten mich. Noch ehe ich sie an die Zeichnung legte, vermummten sie mich selber. Wenn sie feucht auf der Palette ineinanderschwammen, nahm ich sie so behutsam auf den Pinsel, als seien sie zerflie\u00dfendes Gew\u00f6lk.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von allem aber, was ich wiedergab, war mir das China-Porzellan am liebsten. Ein bunter Schorf bedeckte jene Vasen, Gef\u00e4\u00dfe, Teller, Dosen, die gewi\u00df nur billige Exportartikel waren. Mich fesselten sie dennoch so, als h\u00e4tte ich damals die Geschichte schon gekannt, die mich nach so viel Jahren noch einmal zum Werk der Mummerehlen hingeleitet. Sie stammt aus China und erz\u00e4hlt von einem alten Maler, der den Freunden sein neuestes Bild zu sehen gab. Ein Park war darauf dargestellt, ein schmaler Weg am Wasser und durch einen Baumschlag hin, der lief vor einer kleinen T\u00fcre aus, die hinten in ein H\u00e4uschen Einla\u00df bot. Wie sich die Freunde aber nach dem Maler umsahen, war der fort und in dem Bild. Da wandelte er auf dem schmalen Weg zur T\u00fcr, stand vor ihr still, kehrte sich um, l\u00e4chelte und verschwand in ihrem Spalt. So war auch ich bei meinen N\u00e4pfen und den Pinseln auf einmal ins Bild entstellt. Ich \u00e4hnelte dem Porzellan, in das ich mit einer Farbenwolke Einzug hielt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Berliner Kindheit um neunzehnhundert<\/b> ist eine Sammlung autobiografischer Skizzen. Die einzelnen Texte verbinden sich nicht zu einer zusammenh\u00e4ngenden Erz\u00e4hlung, sondern geben eher einzelne Bilder und Erinnerungs-Bruchst\u00fccke wieder, etwa das Schlittschuhlaufen auf einem zugefrorenen Teich oder den N\u00e4hkasten seiner Mutter. Dabei versucht Walter Benjamin, sich in die noch unwissende, staunende Haltung des Kindes zur\u00fcckzuversetzen und dessen Weltsicht in kunstvollen sprachlichen Bildern und Vergleichen wiederzugeben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; In einem alten Kinderverse kommt die Muhme Rehlen vor. Weil mir nun \u00bbMuhme\u00ab nichts sagte, wurde dies Gesch\u00f6pf f\u00fcr mich zu einem Geist: der Mummerehlen. 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