{"id":47928,"date":"2005-11-06T00:01:29","date_gmt":"2005-11-05T23:01:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=47928"},"modified":"2021-10-18T13:27:30","modified_gmt":"2021-10-18T11:27:30","slug":"blumeshof-12","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/11\/06\/blumeshof-12\/","title":{"rendered":"Blumeshof 12"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Keine Klingel schlug freundlicher an. Hinter der Schwelle dieser Wohnung war ich geborgener als selbst in der elterlichen. \u00dcbrigens hie\u00df es nicht Blumes-Hof, sondern Blume-zoof, und es war eine riesige Pl\u00fcschblume, die so, aus krauser H\u00fclle, mir ins Gesicht fuhr. In ihrem Innern sa\u00df die Gro\u00dfmutter; die Mutter meiner Mutter. Sie war Witwe. Wenn man die alte Dame auf ihrem teppichbelegten und mit einer kleinen Balustrade verzierten Erker, welcher auf den Blumeshof herausging, besuchte, konnte man sich schwerlich denken, wie sie gro\u00dfe Seefahrten oder gar Ausfl\u00fcge in die W\u00fcste unter Leitung von \u00bbStangens Reisen\u00ab unternommen hatte, an die sie sich alle paar Jahre anschlo\u00df. Madonna di Campiglio und Brindisi, Westerland und Athen und von wo sonst sie auf ihren Reisen Ansichtskarten schickte \u2013 in ihnen allen stand die Luft von Blumeshof. Und die gro\u00dfe, bequeme Handschrift, die den Fu\u00df der Bilder umspielte oder sich in ihrem Himmel w\u00f6lkte, zeigte sie so ganz und gar von meiner Gro\u00dfmutter bewohnt, da\u00df sie zu Kolonien des Blumeshof wurden. Wenn dann ihr Mutterland sich wieder auftat, betrat ich dessen Dielen so voll Scheu, als h\u00e4tten sie mit ihrer Herrin auf den Wellen des Bosporus getanzt und als verberge sich in den Persern noch der Staub von Samarkand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit welchen Worten das unvordenkliche Gef\u00fchl von b\u00fcrgerlicher Sicherheit umschreiben, das von dieser Wohnung ausging? Das Inventar in ihren vielen Zimmern w\u00fcrde heute keinem Tr\u00f6dler Ehre machen. Denn wenn auch die Erzeugnisse der siebziger Jahre so viel solider waren als die sp\u00e4teren des Jugendstils \u2013 das Unverwechselbare an ihnen war der Schlendrian, mit dem sie dem Lauf der Zeit die Dinge \u00fcberlie\u00dfen und sich, was ihre Zukunft anbetraf, allein der Haltbarkeit des Materials und nirgends der Vernunftberechnung anvertrauten. Das Elend konnte in diesen R\u00e4umen keine Stelle haben, in denen ja nicht einmal der Tod sie hatte. Es gab in ihnen keinen Platz zum Sterben; darum starben ihre Bewohner in den Sanatorien, die M\u00f6bel aber kamen gleich im ersten Erbgang an den H\u00e4ndler. In ihnen war der Tod nicht vorgesehen. Darum erschienen sie bei Tage so gem\u00fctlich und wurden nachts der Schauplatz b\u00f6ser Tr\u00e4ume. Das Stiegenhaus, das ich betrat, erwies sich als Wohnsitz eines Alps, der mich zuerst an allen Gliedern schwer und kraftlos machte, um schlie\u00dflich, als mich nur noch wenige Schritte von der ersehnten Schwelle trennten, mich in Bann zu schlagen. Dergleichen Tr\u00e4ume sind der Preis gewesen, mit dem ich die Geborgenheit erkaufte. Die Gro\u00dfmutter starb nicht im Blumeshof. Ihr gegen\u00fcber wohnte lange Zeit die Mutter meines Vaters, die schon \u00e4lter war. Auch sie starb anderswo. So ist die Stra\u00dfe mir zum Elysium, zum Schattenreich unsterblicher, doch abgeschiedener Gro\u00dfm\u00fctter geworden. Und weil die Phantasie, wenn sie einmal den Schleier \u00fcber eine Gegend geworfen hat, gern seine R\u00e4nder von unfa\u00dflichen Launen sich kr\u00e4useln l\u00e4\u00dft, hat sie ein Kolonialwarengesch\u00e4ft, das in der N\u00e4he liegt, zu einem Denkmal des Gro\u00dfvaters gemacht, der Kaufmann war, nur weil sein Inhaber auch Georg hie\u00df. Das Brustbild dieses Fr\u00fchverstorbenen hing lebensgro\u00df und als Pendant zu jenem seiner Frau im Flur, der zu den abgelegeneren Teilen der Wohnung f\u00fchrte. Wechselnde Gelegenheiten riefen sie ins Leben. Der Besuch einer verheirateten Tochter er\u00f6ffnete ein l\u00e4ngst au\u00dfer Gebrauch gekommenes Spindenzimmer; ein anderes Hinterzimmer nahm mich auf, wenn die Erwachsenen Mittagsruhe hielten; ein drittes war es, aus dem das Scheppern der N\u00e4hmaschine an den Tagen drang, an denen eine Schneiderin ins Haus kam. Der wichtigste von diesen abgelegenen R\u00e4umen war f\u00fcr mich die Loggia, sei es, weil sie, bescheidener m\u00f6bliert, von den Erwachsenen weniger gesch\u00e4tzt war, sei es, weil ged\u00e4mpft der Stra\u00dfenl\u00e4rm heraufdrang, sei es, weil sie mir den Blick auf fremde H\u00f6fe mit Portiers, Kindern und Leierkastenm\u00e4nnern freigab. Es waren \u00fcbrigens mehr Stimmen als Gestalten, die von der Loggia sich er\u00f6ffneten. Auch war das Viertel vornehm und das Treiben auf seinen H\u00f6fen niemals sehr bewegt; etwas von der Gelassenheit der Reichen, f\u00fcr die die Arbeit hier verrichtet wurde, hatte sich dieser selber mitgeteilt, und alles schien bereit, ganz unversehens in tiefen Sonntagsfrieden zu verfallen. Darum war der Sonntag der Tag der Loggia. Der Sonntag, den die andern R\u00e4ume, die wie schadhaft waren, nie ganz fassen konnten, denn er sickerte durch sie hindurch \u2013 allein die Loggia, die auf den Hof mit seinen Teppichstangen und den andern Loggien hinausging, fa\u00dfte ihn, und keine Schwingung der Glockenfracht, mit der die Zw\u00f6lf-Apostel- und die Matth\u00e4i-Kirche sie beluden, glitt von ihr hinab, sondern bis Abend blieben sie dort aufgestapelt. Die Zimmer dieser Wohnung waren nicht nur zahlreich, sondern zum Teil sehr ausgedehnt. Der Gro\u00dfmutter auf ihrem Erker guten Tag zu sagen, wo neben ihrem N\u00e4hkorb dann sehr bald Obst oder Schokolade vor mir stand, mu\u00dfte ich durch das riesige Speisezimmer, um dann das Erkerzimmer zu durchwandern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber der erste Weihnachtsfeiertag erst zeigte, wozu denn eigentlich diese R\u00e4ume geschaffen waren. Freilich war der Beginn des gro\u00dfen Festes allj\u00e4hrlich mit einer sonderbaren Schwierigkeit verbunden. Die langen Tafeln n\u00e4mlich, welche der Bescherung dienten, waren der Menge der Beschenkten wegen dicht bestellt. Es war da nicht nur die Familie in allen ihren Verzweigungen bedacht; auch die Bedienung hatte ihre Pl\u00e4tze unterm Baum und neben der jeweiligen auch die alte, die schon im Ruhestande war. So nahe darum Platz an Platz stie\u00df, war man nie vor unvorhergesehenen Gebietsverlusten sicher, wenn nachmittags, nach Schlu\u00df des gro\u00dfen Essens noch einem alten Faktotum oder dem Portierkind aufzudecken war. Aber nicht darin lag die Schwierigkeit, sondern zu Anfang, wenn die Fl\u00fcgelt\u00fcr sich auftat. Im Hintergrund des gro\u00dfen Zimmers glitzerte der Baum. An den langen Tafeln war keine Stelle, von der nicht zumindest ein bunter Teller mit dem Marzipan und seinen Tannenzweigen lockte; dazu winkten von vielen Spielsachen und B\u00fccher. Besser, nicht zu genau sich auf sie einzulassen. Ich h\u00e4tte mir den Tag verderben k\u00f6nnen, wenn ich mich vorschnell auf Geschenke stimmte, die dann rechtm\u00e4\u00dfiger Besitz von andern wurden. Dem zu entgehen, blieb ich auf der Schwelle wie angewurzelt stehen, auf den Lippen ein L\u00e4cheln, von dem keiner h\u00e4tte sagen k\u00f6nnen, ob der Glanz des Baumes es in mir erweckte oder aber der der mir bestimmten Gaben, denen ich mich, \u00fcberw\u00e4ltigt, nicht zu nahen wagte. Aber am Ende war es ein Drittes, was tiefer als die vorget\u00e4uschten Gr\u00fcnde und sogar als mein echter mich bestimmte. Denn noch geh\u00f6rten die Geschenke dort ein wenig mehr dem Geber als mir selbst. Sie waren spr\u00f6de; gro\u00df war meine Angst, sie ungeschickt vor aller Augen anzufassen. Erst drau\u00dfen auf der Diele, wo das M\u00e4dchen sie uns mit Packpapier umwickelte und ihre Form in B\u00fcndeln und Kartons verschwunden war, um uns an ihrer Statt als B\u00fcrgschaft ihr Gewicht zu hinterlassen, waren wir ganz der neuen Habe sicher. Das war nach vielen Stunden. Wenn wir dann, die Sachen fest eingeschlagen und verschn\u00fcrt am Arm, in die D\u00e4mmerung hinaustraten, die Droschke vor der Haust\u00fcr wartete, der Schnee unangetastet auf Gesimsen und Staketen, getr\u00fcbter auf dem Pflaster lag, vom L\u00fctzowufer her Geklingel eines Schlittens anging und die Gaslaternen, die eine nach der andern sich erhellten, den Gang des Laternenanz\u00fcnders verrieten, der auch an diesem s\u00fc\u00dfen Feiertagabend seine Stange hatte schultern m\u00fcssen dann war die Stadt so in sich selbst versunken wie ein Sack, der schwer von mir und meinem Gl\u00fcck war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-61440 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-245x300.jpg\" alt=\"\" width=\"245\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-245x300.jpg 245w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-560x686.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-260x318.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-160x196.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896.jpg 588w\" sizes=\"auto, (max-width: 245px) 100vw, 245px\" \/><\/a>Berliner Kindheit um neunzehnhundert<\/b> ist eine Sammlung autobiografischer Skizzen. Die einzelnen Texte verbinden sich nicht zu einer zusammenh\u00e4ngenden Erz\u00e4hlung, sondern geben eher einzelne Bilder und Erinnerungs-Bruchst\u00fccke wieder, etwa das Schlittschuhlaufen auf einem zugefrorenen Teich oder den N\u00e4hkasten seiner Mutter. Dabei versucht Walter Benjamin, sich in die noch unwissende, staunende Haltung des Kindes zur\u00fcckzuversetzen und dessen Weltsicht in kunstvollen sprachlichen Bildern und Vergleichen wiederzugeben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Keine Klingel schlug freundlicher an. 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