{"id":47926,"date":"2004-11-30T00:01:15","date_gmt":"2004-11-29T23:01:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=47926"},"modified":"2021-09-19T14:40:53","modified_gmt":"2021-09-19T12:40:53","slug":"der-fischotter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2004\/11\/30\/der-fischotter\/","title":{"rendered":"Der Fischotter"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie man aus der Wohnung, wo einer haust, und aus dem Stadtviertel, das er bewohnt, sich ein Bild von seiner Natur und Wesensart macht, hielt ich es mit den Tieren des Zoologischen Gartens. Von den Strau\u00dfen, welche vor einem Hintergrund von Sphinxen und Pyramiden Spalier bildeten, bis zu dem Nilpferd, das seine Pagode wie ein Zauberpriester bewohnte, der auf dem Wege ist, leibhaftig mit dem D\u00e4mon, dem er dient, sich zu verschmelzen, war kaum ein Tier, dessen Behausung ich nicht liebte oder f\u00fcrchtete. Seltner waren die unter ihnen, die schon durch die Lage des Hauses etwas Besonderes hatten \u2013 meist Insassen des Weichbilds: jener Teile, mit denen der Zoologische Garten an die Kaffeeschenken oder das Ausstellungsgel\u00e4nde anstie\u00df. Vor allen andern Bewohnern solcher Gegenden war aber der Fischotter bemerkenswert. Unter den drei Portalen war ihm das an der Lichtensteinbr\u00fccke zun\u00e4chst gelegen. Es war bei weitem das am wenigsten benutzte, f\u00fchrte auch in die abgestorbenste Region des Gartens. Die Allee, die den Besucher da empfing, \u00e4hnelte mit den wei\u00dfen Kugeln ihrer Kandelaber einer verlassenen Promenade von Eilsen oder Bad Pyrmont, und lange ehe diese Orte so ver\u00f6det lagen, da\u00df sie antiker als Thermen sind, trug dieser Winkel des Zoologischen Gartens die Z\u00fcge des Kommenden. Es war ein prophetischer Winkel. Denn wie es Pflanzen gibt, von denen man erz\u00e4hlt, da\u00df sie die Kraft besitzen, in die Zukunft sehen zu lassen, so gibt es Orte, die die gleiche Gabe haben. Verlassene sind es meist, auch Wipfel, die gegen Mauern stehn, Sackgassen oder Vorg\u00e4rten, wo kein Mensch sich jemals aufh\u00e4lt. An solchen Orten scheint es, als sei alles, was eigentlich uns bevorsteht, ein Vergangenes. In diesem Teile des Zoologischen Gartens also war es, wo immer, wenn ich mich dahin verirrte, ein Blick mir \u00fcber den Brunnenrand verg\u00f6nnt war, welcher hier wie in der Mitte eines Kurparks aufstieg. Das war der Zwinger des Fischotters. Ein Zwinger in der Tat; denn starke St\u00e4be vergitterten die Br\u00fcstung des Bassins, in dem das Tier sich aufhielt. Ein kleiner Fels- und Grottenbau ums\u00e4umte im Hintergrunde das Oval des Beckens. Er war als Wohnung f\u00fcr das Tier gedacht; doch habe ich es niemals darin angetroffen. Und so verblieb ich h\u00e4ufig, endlos wartend, vor dieser unergr\u00fcndlichen und schwarzen Tiefe, um irgendwo den Otter zu entdecken. Gelang es endlich, war es sicher nur f\u00fcr einen Nu, denn augenblicklich war der glei\u00dfende Insasse der Zisterne wieder von neuem in der nassen Nacht verschwunden. Gewi\u00df, in Wahrheit war es keine Zisterne, in der man den Otter hielt. Doch wenn ich in sein Wasser blickte, war mir immer, als st\u00fcrze Regen in alle Gullis der Stadt, nur um in dieses Becken zu m\u00fcnden und sein Tier zu speisen. Denn es war ein verw\u00f6hntes Tier, das hier behaust war und dem die leere, feuchte Grotte mehr als Tempel denn als Zufluchtsst\u00e4tte diente. Es war das heilige Tier des Regenwassers. Ob es aber in diesen Abw\u00e4ssern und W\u00e4ssern sich gebildet habe oder von seinem Str\u00f6men und von seinem Rinnsale nur sich speise, h\u00e4tte ich nicht entscheiden k\u00f6nnen. Immer war es aufs \u00e4u\u00dferste besch\u00e4ftigt, so als wenn es in seiner Tiefe unentbehrlich sei. Aber ich h\u00e4tte liebe, lange Tage die Stirne an sein Gatter legen k\u00f6nnen, ohne mich an ihm sattzusehen. Und auch darin bewies es seine heimliche Verwandtschaft mit dem Regen. Denn niemals war der liebe, lange Tag mir lieber, niemals l\u00e4nger, als wenn Regen mit seinen feinen oder groben Z\u00e4hnen ihm langsam Stunden und Minuten str\u00e4hnte. So folgsam wie ein kleines M\u00e4dchen beugte er den Scheitel unter diesen grauen Kamm. Und uners\u00e4ttlich sah ich ihm dann zu. Ich wartete. Nicht bis es nachlie\u00df. Sondern da\u00df es mehr und immer \u00fcppiger herunterrausche. Ich h\u00f6rte es an die Scheiben trommeln, aus den Traufen str\u00f6men und gurgelnd in die Abflu\u00dfrohre niederrauschen. Im guten Regen war ich ganz geborgen. Und meine Zukunft rauschte es mir zu, wie man ein Schlaflied an der Wiege singt. Wie gut begriff ich, da\u00df man in ihm w\u00e4chst. In solchen Stunden hinterm tr\u00fcben Fenster war ich bei dem Fischotter zu Hause. Doch eigentlich merkte ich das immer erst, wenn ich das n\u00e4chstemal vorm Zwinger stand. Dann mu\u00dfte ich wieder lange warten, bis der schwarze, glei\u00dfende Leib heraufscho\u00df, um sogleich zu eiligen Gesch\u00e4ften hinabzuschnellen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-61440 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-245x300.jpg\" alt=\"\" width=\"245\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-245x300.jpg 245w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-560x686.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-260x318.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-160x196.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896.jpg 588w\" sizes=\"auto, (max-width: 245px) 100vw, 245px\" \/><\/a>Berliner Kindheit um neunzehnhundert<\/b> ist eine Sammlung autobiografischer Skizzen. Die einzelnen Texte verbinden sich nicht zu einer zusammenh\u00e4ngenden Erz\u00e4hlung, sondern geben eher einzelne Bilder und Erinnerungs-Bruchst\u00fccke wieder, etwa das Schlittschuhlaufen auf einem zugefrorenen Teich oder den N\u00e4hkasten seiner Mutter. Dabei versucht Walter Benjamin, sich in die noch unwissende, staunende Haltung des Kindes zur\u00fcckzuversetzen und dessen Weltsicht in kunstvollen sprachlichen Bildern und Vergleichen wiederzugeben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Wie man aus der Wohnung, wo einer haust, und aus dem Stadtviertel, das er bewohnt, sich ein Bild von seiner Natur und Wesensart macht, hielt ich es mit den Tieren des Zoologischen Gartens. 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