{"id":47924,"date":"2003-11-12T00:01:12","date_gmt":"2003-11-11T23:01:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=47924"},"modified":"2025-08-22T06:26:21","modified_gmt":"2025-08-22T04:26:21","slug":"zwei-raetselbilder","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/11\/12\/zwei-raetselbilder\/","title":{"rendered":"Zwei R\u00e4tselbilder"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unter den Ansichtskarten meiner Sammlung gab es einige wenige, deren Schriftseite mir deutlicher in der Erinnerung haftet als ihr Bild. Sie trugen die sch\u00f6ne, leserliche Unterschrift: Helene Pufahl. Das war der Name meiner Lehrerin. Das P, mit dem er anhob, war das P von Pflicht, von P\u00fcnktlichkeit, von Primus; f hie\u00df folgsam, flei\u00dfig, fehlerfrei, und was das l am Ende anging, war es die Figur von lammfromm, lobenswert und lernbegierig. So w\u00e4re diese Unterschrift, wenn sie, wie die semitischen, aus Konsonanten allein bestanden h\u00e4tte, nicht nur Sitz der kalligraphischen Vollkommenheit gewesen, sondern die Wurzel aller Tugenden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Knaben und M\u00e4dchen aus den besten H\u00e4usern des b\u00fcrgerlichen Westens sa\u00dfen in Fr\u00e4ulein Pufahls Zirkel. Im einzelnen nahm man es nicht genau, so da\u00df sich in den Kreis der B\u00fcrgerlichen auch eine Adlige verirren konnte. Luise von Landau hie\u00df sie, und der Name hatte mich bald in seinen Bann gezogen. Bis heute blieb er mir lebendig, doch nicht darum. Er war vielmehr der erste unter denen Gleichaltriger, auf den ich den Akzent des Todes fallen h\u00f6rte. Das war, nachdem ich, unserem Zirkel schon entwachsen, ein Angeh\u00f6riger der Sexta war. Und wenn ich nun ans L\u00fctzowufer kam, suchte ich mit den Blicken stets ihr Haus. Zuf\u00e4llig lag es einem G\u00e4rtchen gegen\u00fcber, das, am anderen Ufer, in das Wasser h\u00e4ngt. Und das verwob sich mit der Zeit so innig mit dem geliebten Namen, da\u00df ich schlie\u00dflich zur \u00dcberzeugung kam, das Blumenbeet, das dr\u00fcben unber\u00fchrbar prange, sei der Kenotaph der kleinen Abgeschiedenen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fr\u00e4ulein Pufahl wurde abgel\u00f6st von Herrn Knoche. Nun war ich eingeschult. Was sich im Klassenzimmer zutrug, stie\u00df mich meist ab. Doch nicht bei einem seiner Strafgerichte ist es, da\u00df die Erinnerung Herrn Knoche trifft, vielmehr im Amt des Sehers, der das K\u00fcnftige voraussagt, und das ihm nicht schlecht anstand. Wir hatten Singen. Ge\u00fcbt wurde das Reiterlied aus \u00bbWallenstein\u00ab: \u00bbWohl auf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd! \/ Ins Feld, in die Freiheit gezogen! \/ Im Felde, da ist der Mann noch was wert, \/ Da wird das Herz noch gewogen.\u00ab Herr Knoche wollte von der Klasse wissen, was denn der letzte Vers bedeuten solle. Nat\u00fcrlich konnte niemand Antwort geben. Herrn Knoche aber schien das eben recht, und er erkl\u00e4rte: \u00bbDas werdet ihr verstehen, wenn ihr gro\u00df seid.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damals erschien mir das Ufer des Erwachsenseins durchs Flu\u00dfband vieler Jahre von dem meinen so geschieden wie jenes Ufer des Kanals, von dem das Blumenbeet her\u00fcbersah und das beim Spaziergang an der Hand des Kinderfr\u00e4uleins nie betreten wurde. Sp\u00e4ter, als mein Weg von keinem mehr mir vorgeschrieben wurde und ich auch schon das \u00bbReiterlied\u00ab verstand, kam ich manchmal dicht in der N\u00e4he des Beetes am Landwehrkanal vor\u00fcber. Aber nun schien es seltener zu bl\u00fchen. Und von dem Namen, den wir einst zusammen festgehalten hatten, wu\u00dfte es nicht mehr als jener Vers des Reiterlieds, jetzt, da ich ihn verstand, von jenem Sinn enthielt, den uns Herr Knoche in der Gesangsstunde verhei\u00dfen hatte. Das leere Grab und das gewogene Herz \u2013 zwei R\u00e4tselbilder, deren L\u00f6sung mir das Leben weiter schuldig bleiben wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-61440 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-245x300.jpg\" alt=\"\" width=\"245\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-245x300.jpg 245w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-560x686.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-260x318.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-160x196.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896.jpg 588w\" sizes=\"auto, (max-width: 245px) 100vw, 245px\" \/><\/a>Berliner Kindheit um neunzehnhundert<\/b> ist eine Sammlung autobiografischer Skizzen. Die einzelnen Texte verbinden sich nicht zu einer zusammenh\u00e4ngenden Erz\u00e4hlung, sondern geben eher einzelne Bilder und Erinnerungs-Bruchst\u00fccke wieder, etwa das Schlittschuhlaufen auf einem zugefrorenen Teich oder den N\u00e4hkasten seiner Mutter. Dabei versucht Walter Benjamin, sich in die noch unwissende, staunende Haltung des Kindes zur\u00fcckzuversetzen und dessen Weltsicht in kunstvollen sprachlichen Bildern und Vergleichen wiederzugeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Unter den Ansichtskarten meiner Sammlung gab es einige wenige, deren Schriftseite mir deutlicher in der Erinnerung haftet als ihr Bild. Sie trugen die sch\u00f6ne, leserliche Unterschrift: Helene Pufahl. Das war der Name meiner Lehrerin. Das P, mit dem er&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/11\/12\/zwei-raetselbilder\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":72,"featured_media":98124,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[428],"class_list":["post-47924","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-walter-benjamin"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/47924","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/72"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=47924"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/47924\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":106748,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/47924\/revisions\/106748"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98124"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=47924"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=47924"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=47924"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}