{"id":47922,"date":"2002-11-09T18:01:58","date_gmt":"2002-11-09T17:01:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=47922"},"modified":"2020-01-28T09:14:35","modified_gmt":"2020-01-28T08:14:35","slug":"verstecke","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2002\/11\/09\/verstecke\/","title":{"rendered":"Verstecke"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich kannte in der Wohnung schon alle Verstecke und kam in sie wie in ein Haus zur\u00fcck, in dem man sicher ist, alles beim alten zu finden. Mir schlug das Herz, ich hielt den Atem an. Hier war ich in die Stoffwelt eingeschlossen. Sie ward mir ungeheuer deutlich, kam mir sprachlos nah. So wird erst einer, den man aufh\u00e4ngt, inne, was Strick und Holz sind. Das Kind, das hinter der Portiere steht, wird selbst zu etwas Wehendem und Wei\u00dfem, zum Gespenst. Der E\u00dftisch, unter den es sich gekauert hat, l\u00e4\u00dft es zum h\u00f6lzernen Idol des Tempels werden, wo die geschnitzten Beine die vier S\u00e4ulen sind. Und hinter einer T\u00fcre ist es selber T\u00fcr, ist mit ihr angetan als schwerer Maske und wird als Zauberpriester alle behexen, die ahnungslos eintreten. Um keinen Preis darf es gefunden werden. Wenn es Gesichter schneidet, sagt man ihm, braucht nur die Uhr zu schlagen und es mu\u00df so bleiben. Was Wahres daran ist, erfuhr ich im Versteck. Wer mich entdeckte, konnte mich als G\u00f6tzen unterm Tisch erstarren machen, f\u00fcr immer als Gespenst in die Gardine mich verweben, auf Lebenszeit mich in die schwere T\u00fcr bannen. Ich lie\u00df darum mit einem lauten Schrei den D\u00e4mon, der mich so verwandelte, ausfahren, wenn der Suchende mich griff \u2013 ja, wartete den Augenblick nicht ab und kam mit einem Schrei der Selbstbefreiung ihm zuvor. Darum wurde ich den Kampf mit dem D\u00e4mon nicht m\u00fcde. Die Wohnung war dabei das Arsenal der Masken. Doch einmal j\u00e4hrlich lagen an geheimnisvollen Stellen, in ihren leeren Augenh\u00f6hlen, ihrem starren Mund, Geschenke, die magische Erfahrung wurde Wissenschaft. Die d\u00fcstere Wohnung entzauberte ich als ihr Ingenieur und suchte Ostereier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Berliner Kindheit um neunzehnhundert<\/b> ist eine Sammlung autobiografischer Skizzen. Die einzelnen Texte verbinden sich nicht zu einer zusammenh\u00e4ngenden Erz\u00e4hlung, sondern geben eher einzelne Bilder und Erinnerungs-Bruchst\u00fccke wieder, etwa das Schlittschuhlaufen auf einem zugefrorenen Teich oder den N\u00e4hkasten seiner Mutter. Dabei versucht Walter Benjamin, sich in die noch unwissende, staunende Haltung des Kindes zur\u00fcckzuversetzen und dessen Weltsicht in kunstvollen sprachlichen Bildern und Vergleichen wiederzugeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich kannte in der Wohnung schon alle Verstecke und kam in sie wie in ein Haus zur\u00fcck, in dem man sicher ist, alles beim alten zu finden. Mir schlug das Herz, ich hielt den Atem an. Hier war ich in&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2002\/11\/09\/verstecke\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":72,"featured_media":61440,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[428],"class_list":["post-47922","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-walter-benjamin"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/47922","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/72"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=47922"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/47922\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=47922"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=47922"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=47922"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}