{"id":47920,"date":"2001-03-09T18:00:56","date_gmt":"2001-03-09T17:00:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=47920"},"modified":"2020-01-28T09:13:44","modified_gmt":"2020-01-28T08:13:44","slug":"markthalle-magdeburger-platz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/03\/09\/markthalle-magdeburger-platz\/","title":{"rendered":"Markthalle Magdeburger Platz"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor allem denke man nicht, da\u00df es Markt-Halle hie\u00df. Nein, man sprach \u00bbMark-Thalle\u00ab, und wie diese beiden W\u00f6rter in der Gewohnheit des Sprechens verschliffen waren, da\u00df keines seinen urspr\u00fcnglichen Sinn beibehielt, so waren in der Gewohnheit meines Gangs durch diese Halle verschliffen alle Bilder, welche sie gew\u00e4hrte, so da\u00df ihrer keines sich dem urspr\u00fcnglichen Begriff von Einkauf oder Verkauf darbot. Hatte man den Vorraum mit den schweren, in kr\u00e4ftigen Spiralen schwingenden T\u00fcren hinter sich gelassen, heftete sich der erste Blick auf Fliesen, die von Fischwasser oder Sp\u00fclwasser schl\u00fcpfrig waren und auf denen man leicht auf Karotten ausgleiten konnte oder auf Lattichbl\u00e4ttern. Hinter Drahtverschl\u00e4gen, jeder behaftet mit einer Nummer, thronten die schwerbeweglichen Weiber, Priesterinnen der k\u00e4uflichen Ceres, Marktweiber aller Feld- und Baumfr\u00fcchte, aller e\u00dfbaren V\u00f6gel, Fische und S\u00e4uger, Kupplerinnen, unantastbare strickwollene Kolosse, welche von Stand zu Stand mit einander, sei es mit einem Blitzen der gro\u00dfen Kn\u00f6pfe, sei es mit einem Klatschen auf ihre Sch\u00fcrze, sei es mit busenschwellendem Seufzen, verkehrten. Brodelte, quoll und schwoll es nicht unterm Saum ihrer R\u00f6cke, war nicht dies der wahrhaft fruchtbare Boden? Warf nicht in ihren Scho\u00df ein Marktgott selber die Ware: Beeren, Schaltiere, Pilze, Klumpen von Fleisch und Kohl, unsichtbar beiwohnend ihnen, die sich ihm gaben, w\u00e4hrend sie tr\u00e4ge, gegen Tonnen gelehnt oder die Waage mit schlaffen Ketten zwischen den Knien, schweigend die Reihen der Hausfrauen musterten, die mit Taschen und Netzen beladen m\u00fchsam die Brut vor sich durch die glatten, stinkenden Gassen zu steuern suchten. Wenn es dann aber d\u00e4mmerte und man m\u00fcde wurde, sank man tiefer als ein ersch\u00f6pfter Schwimmer. Endlich trieb man im lauen Strom stummer Kunden dahin, die wie Fische auf die stachligen Riffe glotzten, wo die schwammigen Najaden sich&#8217;s wohl sein lie\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Berliner Kindheit um neunzehnhundert<\/b> ist eine Sammlung autobiografischer Skizzen. Die einzelnen Texte verbinden sich nicht zu einer zusammenh\u00e4ngenden Erz\u00e4hlung, sondern geben eher einzelne Bilder und Erinnerungs-Bruchst\u00fccke wieder, etwa das Schlittschuhlaufen auf einem zugefrorenen Teich oder den N\u00e4hkasten seiner Mutter. Dabei versucht Walter Benjamin, sich in die noch unwissende, staunende Haltung des Kindes zur\u00fcckzuversetzen und dessen Weltsicht in kunstvollen sprachlichen Bildern und Vergleichen wiederzugeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor allem denke man nicht, da\u00df es Markt-Halle hie\u00df. 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