{"id":47918,"date":"2000-11-09T18:00:01","date_gmt":"2000-11-09T17:00:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=47918"},"modified":"2020-01-28T09:12:45","modified_gmt":"2020-01-28T08:12:45","slug":"eine-todesnachricht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/11\/09\/eine-todesnachricht\/","title":{"rendered":"Eine Todesnachricht"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Man hat das d\u00e9j\u00e0 vu oft beschrieben. Ist die Bezeichnung eigentlich gl\u00fccklich? Sollte man nicht von Begebenheiten reden, welche uns betreffen wie ein Echo, von dem der Hall, der es erweckte, irgendwann im Dunkel des verflossenen Lebens ergangen scheint. Im \u00fcbrigen entspricht dem, da\u00df der Chock, mit dem ein Augenblick als schon gelebt uns ins Bewu\u00dftsein tritt, meist in Gestalt von einem Laut uns zust\u00f6\u00dft. Es ist ein Wort, ein Rauschen oder Pochen, dem die Gewalt verliehen ist, unvorbereitet uns in die k\u00fchle Gruft des Einst zu rufen, von deren W\u00f6lbung uns die Gegenwart nur als ein Echo scheint zur\u00fcckzuhallen. Seltsam, da\u00df man noch nicht dem Gegenbild dieser Entr\u00fcckung nachgegangen ist \u2013 dem Chock, mit dem ein Wort uns stutzen macht wie ein vergessener Muff in unserm Zimmer. Wie uns dieser auf eine Fremde schlie\u00dfen l\u00e4\u00dft, die da war, so gibt es Worte oder Pausen, die uns auf jene unsichtbare Fremde schlie\u00dfen lassen: die Zukunft, welche sie bei uns verga\u00df. Ich mag f\u00fcnf Jahre alt gewesen sein. An einem Abend \u2013 ich lag bereits im Bett \u2013 erschien mein Vater. Wahrscheinlich um mir gute Nacht zu sagen. Es war halb gegen seinen Willen, denke ich, da\u00df er die Nachricht vom Tode eines Vetters mir erz\u00e4hlte. Das war ein \u00e4lterer Mann, der mich nichts anging. Mein Vater aber gab die Nachricht mit allen Einzelheiten. Er beschrieb, auf meine Frage, was ein Herzschlag sei, und war weitschweifig. Von der Erz\u00e4hlung nahm ich nicht viel auf. Wohl aber habe ich an diesem Abend mein Zimmer und mein Bett mir eingepr\u00e4gt wie man sich einen Ort genauer merkt, von dem man ahnt, man werde eines Tages etwas Vergessenes von dort holen m\u00fcssen. Nach vielen Jahren erst erfuhr ich, was. In diesem Zimmer hatte mir mein Vater ein St\u00fcck der Neuigkeit verschwiegen. N\u00e4mlich der Vetter war an Syphilis gestorben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Berliner Kindheit um neunzehnhundert<\/b> ist eine Sammlung autobiografischer Skizzen. Die einzelnen Texte verbinden sich nicht zu einer zusammenh\u00e4ngenden Erz\u00e4hlung, sondern geben eher einzelne Bilder und Erinnerungs-Bruchst\u00fccke wieder, etwa das Schlittschuhlaufen auf einem zugefrorenen Teich oder den N\u00e4hkasten seiner Mutter. Dabei versucht Walter Benjamin, sich in die noch unwissende, staunende Haltung des Kindes zur\u00fcckzuversetzen und dessen Weltsicht in kunstvollen sprachlichen Bildern und Vergleichen wiederzugeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man hat das d\u00e9j\u00e0 vu oft beschrieben. Ist die Bezeichnung eigentlich gl\u00fccklich? Sollte man nicht von Begebenheiten reden, welche uns betreffen wie ein Echo, von dem der Hall, der es erweckte, irgendwann im Dunkel des verflossenen Lebens ergangen scheint. 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