{"id":47915,"date":"1999-11-02T00:01:19","date_gmt":"1999-11-01T23:01:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=47915"},"modified":"2021-06-03T08:59:21","modified_gmt":"2021-06-03T06:59:21","slug":"erwachen-des-sexus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/11\/02\/erwachen-des-sexus\/","title":{"rendered":"Erwachen des Sexus"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einer jener Stra\u00dfen, die ich sp\u00e4ter auf Wanderungen, die kein Ende nahmen, nachts durchstreifte, \u00fcberraschte mich, als es an der Zeit war, das Erwachen des Geschlechtstriebs unter den sonderbarsten Umst\u00e4nden. Es war am j\u00fcdischen Neujahrstage und die Eltern hatten Anstalten getroffen, in irgendeiner gottesdienstlichen Feier mich unterzubringen. Wahrscheinlich handelte es sich um die Reformgemeinde, der meine Mutter aus Familientradition einige Sympathie entgegenbrachte, w\u00e4hrend meinem Vater von Hause aus der orthodoxe Ritus vertraut war. Er mu\u00dfte aber nachgeben. Man hatte mich f\u00fcr diesen Feiertag einem entfernteren Verwandten anbefohlen, den ich abholen sollte. Aber sei es, da\u00df ich dessen Adresse vergessen hatte, sei es, da\u00df ich mich in der Gegend nicht zurechtfand \u2013 es wurde sp\u00e4ter und sp\u00e4ter und mein Umherirren immer aussichtsloser. Selbst\u00e4ndig in die Synagoge mich zu trauen, konnte gar nicht in Frage kommen, denn mein Besch\u00fctzer hatte die Einla\u00dfkarten. An meinem Mi\u00dfgeschicke trug die Hauptschuld Abneigung gegen den fast Unbekannten, auf den ich angewiesen war, und Argwohn gegen die religi\u00f6sen Zeremonien, die nur Verlegenheit in Aussicht stellten. Da \u00fcberkam mich, mitten in meiner Ratlosigkeit, mit einem Male eine hei\u00dfe Welle der Angst \u2013 \u00bbzu sp\u00e4t, die Synagoge ist verpa\u00dft\u00ab \u2013, noch ehe sie verebbt war, ja genau im gleichen Augenblicke aber eine zweite vollkommener Gewissenlosigkeit \u2013 \u00bbdas alles mag laufen wie es will, mich geht&#8217;s nichts an\u00ab. Und beide Wellen schlugen unaufhaltsam im ersten gro\u00dfen Lustgef\u00fchl zusammen, in dem die Sch\u00e4ndung des Feiertags sich mit dem Kupplerischen der Stra\u00dfe mischte, die mich hier zuerst die Dienste ahnen lie\u00df, welche sie den erwachten Trieben leisten sollte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-61440 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-245x300.jpg\" alt=\"\" width=\"245\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-245x300.jpg 245w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-560x686.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-260x318.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896-160x196.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Walter_Benjamin_family1896.jpg 588w\" sizes=\"auto, (max-width: 245px) 100vw, 245px\" \/><\/a>Berliner Kindheit um neunzehnhundert<\/b> ist eine Sammlung autobiografischer Skizzen. Die einzelnen Texte verbinden sich nicht zu einer zusammenh\u00e4ngenden Erz\u00e4hlung, sondern geben eher einzelne Bilder und Erinnerungs-Bruchst\u00fccke wieder, etwa das Schlittschuhlaufen auf einem zugefrorenen Teich oder den N\u00e4hkasten seiner Mutter. Dabei versucht Walter Benjamin, sich in die noch unwissende, staunende Haltung des Kindes zur\u00fcckzuversetzen und dessen Weltsicht in kunstvollen sprachlichen Bildern und Vergleichen wiederzugeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; In einer jener Stra\u00dfen, die ich sp\u00e4ter auf Wanderungen, die kein Ende nahmen, nachts durchstreifte, \u00fcberraschte mich, als es an der Zeit war, das Erwachen des Geschlechtstriebs unter den sonderbarsten Umst\u00e4nden. 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