{"id":47911,"date":"1997-11-09T17:55:39","date_gmt":"1997-11-09T16:55:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=47911"},"modified":"2020-01-28T09:10:53","modified_gmt":"2020-01-28T08:10:53","slug":"steglitzer-ecke-genthiner","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/11\/09\/steglitzer-ecke-genthiner\/","title":{"rendered":"Steglitzer Ecke Genthiner"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">In jede Kindheit ragten damals noch die Tanten, die ihr Haus nicht mehr verlie\u00dfen, die immer, wenn wir mit der Mutter zu Besuch erschienen, auf uns gewartet hatten, immer unter dem gleichen schwarzen H\u00e4ubchen und im gleichen Seidenkleide, aus dem gleichen Lehnstuhl, vom gleichen Erkerfenster uns willkommen hie\u00dfen. Wie Feen, die ein ganzes Tal durchwirken, ohne noch je darein hinabzusteigen, durchwalteten sie ganze Stra\u00dfenz\u00fcge, ohne jemals in ihnen zu erscheinen. Zu diesen Wesen z\u00e4hlte Tante Lehmann. Ihr guter norddeutscher Name b\u00fcrgte f\u00fcr ihr Recht, ein Menschenalter lang den Erker zu behaupten, unter dem die Steglitzer in die Genthiner Stra\u00dfe m\u00fcndet. Die Ecke z\u00e4hlt zu denen, die der Wandel der letzten drei\u00dfig Jahre kaum ber\u00fchrte. Nur da\u00df in dieser Zeit der Schleier, der sie mir als Kind verh\u00fcllte, fiel. Denn damals hie\u00df sie mir noch nicht nach Steglitz. Der Vogel Stieglitz schenkte ihr den Namen. Und hauste nicht die Tante wie ein Vogel, der reden kann, in ihrem Bauer? Stets wenn ich ihn betrat, war er erf\u00fcllt vom Zwitschern dieses kleinen, schwarzen Vogels, der \u00fcber alle Nester und Geh\u00f6fte der Mark, wo seine Sippe einst verstreut gesessen hatte, hinweggeflogen war und beider Namen \u2013 der D\u00f6rfer und der Sippschaft \u2013 die so oft genau die gleichen waren, im Ged\u00e4chtnis hatte. Die Tante wu\u00dfte die Verschw\u00e4gerungen, Wohnsitze, Gl\u00fccks- und Ungl\u00fccksf\u00e4lle all der Schoenflies, Rawitschers, Landsbergs, Lindenheims und Stargards, die einst als Vieh- oder Getreideh\u00e4ndler im M\u00e4rkischen und Mecklenburgischen gesessen hatten. Nun aber waren ihre S\u00f6hne und vielleicht schon Enkel hier im alten Westen heimisch, in Stra\u00dfen, die die Namen preu\u00dfischer Gener\u00e4le und manchmal auch der kleinen St\u00e4dte trugen, aus denen sie hierher gezogen waren. Oft wenn in sp\u00e4teren Jahren mein Expre\u00df an solchen abgeschiedenen Flecken vor\u00fcberjagte, sah ich vom Bahndamm aus auf Katen, H\u00f6fe, Scheuern und Giebel und ich fragte mich: Sind es vielleicht nicht gerade diese hier gewesen, deren Schatten die Eltern jener alten M\u00fctterchen, bei denen ich als kleiner Junge eintrat, vor Zeiten hinter sich gelassen haben. Dort bot mir eine br\u00fcchige und spr\u00f6de Stimme gl\u00e4sern den guten Tag. Doch war sie nirgends so fein gesponnen und auf das gestimmt, was mich erwartete, wie Tante Lehmanns. Kaum war ich n\u00e4mlich eingetreten, trug sie Sorge, da\u00df man den gro\u00dfen Glasw\u00fcrfel vor mich stellte, der ein ganzes lebendiges Bergwerk in sich schlo\u00df, worin sich kleine Knappen, Hauer, Steiger mit Karren, H\u00e4mmern und Laternen p\u00fcnktlich im Takte eines Uhrwerks regten. Dies Spielzeug \u2013 wenn man es so nennen darf \u2013 entstammte einer Zeit, die auch dem Kind des reichen B\u00fcrgerhauses noch den Blick auf Arbeitspl\u00e4tze und Maschinen g\u00f6nnte. Und unter ihnen allen war das Bergwerk von jeher ausgezeichnet, weil es nicht nur die Sch\u00e4tze wies, die eine harte Arbeit zum Nutzen aller T\u00fcchtigen ihm entwand, sondern auch jenen Silberblick aus seinen Adern, an den das Biedermeier mit Jean Paul, Novalis, Tieck und Werner sich verloren hatte. Doppelt verwahrt war diese Erkerwohnung, wie es f\u00fcr R\u00e4ume sich geh\u00f6rte, die so Kostbares in sich zu bergen hatten. Gleich nach dem Haustor fand sich links im Flur die dunkle T\u00fcr zur Wohnung mit der Schelle. Wenn sie sich vor mir auftat, f\u00fchrte, steil und atemraubend, eine Stiege aufw\u00e4rts, wie ich es sp\u00e4ter nur noch in Bauernh\u00e4usern gefunden habe. Im Schein des tr\u00fcben Gaslichts, das von oben kam, stand eine alte Dienerin, in deren Schutz ich gleich darauf die zweite Schwelle, die zur Diele dieser d\u00fcstern Wohnung f\u00fchrte, \u00fcberschritt. Ich h\u00e4tte sie mir aber ohne eine von diesen Alten gar nicht denken k\u00f6nnen. Weil sie mit ihrer Herrschaft einen Schatz, wenn auch verschwiegener Erinnerungen teilten, verstanden sie sie nicht allein aufs Wort, sondern vermochten sie vor jedem Fremden mit allem Anstand zu vertreten. Vor keinem aber leichter als vor mir, auf den sie meist viel besser sich verstanden als die Herrschaft. Und daf\u00fcr hatte ich dann wieder Blicke der Ehrfurcht, ja Bewunderung f\u00fcr sie. Sie waren, nicht nur leiblich, meist massiver, gewaltiger als die Gebieterinnen, und es kam vor, da\u00df der Salon da drinnen, trotz Bergwerk oder Schokolade, mir nicht so viel zu sagen hatte wie das Vestib\u00fcl, in dem die alte St\u00fctze, wenn ich kam, das M\u00e4ntelchen wie eine Last mir abnahm und, wenn ich ging, die M\u00fctze mir, als wenn sie mich segnen wollte, in die Stirne dr\u00fcckte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Berliner Kindheit um neunzehnhundert<\/b> ist eine Sammlung autobiografischer Skizzen. Die einzelnen Texte verbinden sich nicht zu einer zusammenh\u00e4ngenden Erz\u00e4hlung, sondern geben eher einzelne Bilder und Erinnerungs-Bruchst\u00fccke wieder, etwa das Schlittschuhlaufen auf einem zugefrorenen Teich oder den N\u00e4hkasten seiner Mutter. Dabei versucht Walter Benjamin, sich in die noch unwissende, staunende Haltung des Kindes zur\u00fcckzuversetzen und dessen Weltsicht in kunstvollen sprachlichen Bildern und Vergleichen wiederzugeben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In jede Kindheit ragten damals noch die Tanten, die ihr Haus nicht mehr verlie\u00dfen, die immer, wenn wir mit der Mutter zu Besuch erschienen, auf uns gewartet hatten, immer unter dem gleichen schwarzen H\u00e4ubchen und im gleichen Seidenkleide, aus dem&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/11\/09\/steglitzer-ecke-genthiner\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":72,"featured_media":61440,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[428],"class_list":["post-47911","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-walter-benjamin"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/47911","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/72"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=47911"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/47911\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=47911"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=47911"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=47911"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}