{"id":47909,"date":"1996-11-09T17:54:50","date_gmt":"1996-11-09T16:54:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=47909"},"modified":"2020-01-28T09:09:12","modified_gmt":"2020-01-28T08:09:12","slug":"wintermorgen-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/11\/09\/wintermorgen-2\/","title":{"rendered":"Wintermorgen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Fee, bei der er einen Wunsch frei hat, gibt es f\u00fcr jeden. Allein nur wenige wissen sich des Wunsches zu entsinnen, den sie taten; nur wenige erkennen darum sp\u00e4ter im eignen Leben die Erf\u00fcllung wieder. Ich wei\u00df den, der mir in Erf\u00fcllung ging, und will nicht sagen, da\u00df er kl\u00fcger gewesen ist als der der M\u00e4rchenkinder. Er bildete sich in mir mit der Lampe, wenn sie am fr\u00fchen Wintermorgen um halb sieben sich meinem Bette n\u00e4herte und den Schatten des Kinderm\u00e4dchens an die Decke warf. Im Ofen wurde Feuer angez\u00fcndet. Bald sah die Flamme, wie in ein viel zu kleines Schubfach eingepfercht, wo sie vor Kohlen kaum sich r\u00fchren konnte, zu mir hin. Und doch war es ein so Gewaltiges, das dort in n\u00e4chster N\u00e4he, kleiner als ich selbst, sich einzurichten anfing, und zu dem die Magd sich tiefer b\u00fccken mu\u00dfte als zu mir. Wenn es versorgt war, tat sie einen Apfel zum Braten in die Ofenr\u00f6hre. Bald zeichnete sich das Gatter der Kamint\u00fcr im roten Flackern auf der Diele ab. Und meiner M\u00fcdigkeit kam vor, sie habe an diesem Bilde f\u00fcr den Tag genug. So war es um diese Stunde immer; nur die Stimme des Kinderm\u00e4dchens st\u00f6rte den Vollzug, mit dem der Wintermorgen mich den Dingen in meinem Zimmer anzutrauen pflegte. Noch war die Jalousie nicht hochgezogen, da schob ich schon zum erstenmal den Riegel der Ofent\u00fcr beiseite, um dem Apfel in seiner R\u00f6hre nachzusp\u00fcren. Manchmal hatte er sein Arom noch kaum ver\u00e4ndert. Und dann geduldete ich mich, bis ich den schaumigen Duft zu wittern glaubte, der aus einer tieferen und verschwiegeneren Zelle des Wintertages kam als selbst der Duft des Baums am Weihnachtsabend. Da lag die dunkle, warme Frucht, der Apfel, der sich, vertraut und doch ver\u00e4ndert wie ein guter Bekannter, der verreist war, bei mir einfand. Es war die Reise durch das dunkle Land der Ofenhitze, der er die Arome von allen Dingen abgewonnen hatte, welche der Tag mir in Bereitschaft hielt. Und darum war es auch nicht sonderbar, da\u00df immer, wenn ich an seinen blanken Wangen meine H\u00e4nde w\u00e4rmte, ein Z\u00f6gern mich beschlich, ihn anzubei\u00dfen. Ich sp\u00fcrte, da\u00df die fl\u00fcchtige Kunde, die er in seinem Dufte brachte, allzu leicht mir auf dem Wege \u00fcber meine Zunge entkommen k\u00f6nne. Jene Kunde, die mich manchmal so beherzte, da\u00df sie mich noch auf dem Marsch zur Schule tr\u00f6stete. Dort angelangt, kam freilich bei Ber\u00fchrung mit meiner Bank die ganze M\u00fcdigkeit, die erst verflogen schien, verzehnfacht wieder. Und mit ihr jener Wunsch: ausschlafen zu k\u00f6nnen. Ich habe ihn wohl tausendmal getan und sp\u00e4ter ging er wirklich in Erf\u00fcllung. Doch lange dauerte es, bis ich sie darin erkannte, da\u00df noch jedesmal die Hoffnung, die ich auf Stellung und ein sicheres Brot gehegt hatte, umsonst gewesen war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Berliner Kindheit um neunzehnhundert<\/b> ist eine Sammlung autobiografischer Skizzen. Die einzelnen Texte verbinden sich nicht zu einer zusammenh\u00e4ngenden Erz\u00e4hlung, sondern geben eher einzelne Bilder und Erinnerungs-Bruchst\u00fccke wieder, etwa das Schlittschuhlaufen auf einem zugefrorenen Teich oder den N\u00e4hkasten seiner Mutter. Dabei versucht Walter Benjamin, sich in die noch unwissende, staunende Haltung des Kindes zur\u00fcckzuversetzen und dessen Weltsicht in kunstvollen sprachlichen Bildern und Vergleichen wiederzugeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Fee, bei der er einen Wunsch frei hat, gibt es f\u00fcr jeden. Allein nur wenige wissen sich des Wunsches zu entsinnen, den sie taten; nur wenige erkennen darum sp\u00e4ter im eignen Leben die Erf\u00fcllung wieder. 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