{"id":47903,"date":"1994-11-09T00:01:19","date_gmt":"1994-11-08T23:01:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=47903"},"modified":"2020-01-28T09:07:53","modified_gmt":"2020-01-28T08:07:53","slug":"abreise-und-rueckkehr","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1994\/11\/09\/abreise-und-rueckkehr\/","title":{"rendered":"Abreise und R\u00fcckkehr"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Der Lichtstreif unter der Schlafzimmert\u00fcr, am Vorabend, wenn die andern noch auf waren, \u2013 war er nicht das erste Reisesignal? Drang er nicht in die Kindernacht voller Erwartung wie sp\u00e4ter in die Nacht eines Publikums der Lichtstreif unter dem B\u00fchnenvorhang? Ich glaube, das Traumschiff, das einen damals abholte, ist oft \u00fcber den L\u00e4rm der Gespr\u00e4chswogen und die Gischt des Tellergeklappers vor unsere Betten geschwankt, und am fr\u00fchen Morgen hat es uns abgesetzt, fiebrig, als wenn wir die Fahrt schon hinter uns h\u00e4tten, die wir eben erst antreten sollten. Fahrt in einer ratternden Droschke, die den Landwehrkanal entlang fuhr und in der mir pl\u00f6tzlich das Herz schwer wurde. Gewi\u00df nicht wegen des Kommenden oder des Abschieds; sondern das \u00f6de Beisammensitzen, das noch anhielt, noch dauerte, nicht vom Anhauch der Reise wie ein Gespenst vor der Morgend\u00e4mmerung verflogen war, \u00fcberschlich mich mit Traurigkeit. Aber nicht lange. Denn wenn der Wagen die Chausseestra\u00dfe hinter sich hatte, war ich wieder mit den Gedanken unserer Bahnfahrt vorangeeilt. Seither m\u00fcnden f\u00fcr mich die D\u00fcnen Koserows oder Wenningstedts hier in der Invalidenstra\u00dfe, wo den andern die Sandsteinmassen des Stettiner Bahnhofs entgegentreten. Meist aber war in der Fr\u00fche das Ziel ein n\u00e4heres. N\u00e4mlich der \u00bbAnhalter\u00ab, laut des Namens Mutterh\u00f6hle der Eisenbahnen, wo die Lokomotiven zu Hause sein und die Z\u00fcge anhalten mu\u00dften. Keine Ferne war ferner, als wo im Nebel seine Gleise zusammenliefen. Doch auch die N\u00e4he, die mich eben noch umfangen hatte, r\u00fcckte ab. Die Wohnung lag der Erinnerung verwandelt vor. Mit ihren Teppichen, die eingerollt, den L\u00fcstern, die in Sackleinwand vern\u00e4ht, den Sesseln, die \u00fcberzogen waren, mit dem Halblicht, das durch die Jalousien sickerte, gab sie, indem wir eben erst den Fu\u00df aufs Trittbrett unseres D-Zug-Wagens setzten, der Erwartung von fremden Sohlen, leisen Tritten Raum, die, vielleicht bald, \u00fcber die Dielen schleifend, Diebsspuren in den Staub einzeichnen sollten, der seit einer Stunde gem\u00e4chlich seine Niederlassungen bezog. Daher geschah es, da\u00df ich jedesmal als Heimatloser aus den Ferien kam. Und noch die letzte Kellerh\u00f6hle, wo die Lampe schon brannte \u2013 nicht erst zu entz\u00fcnden war \u2013 schien mir beneidenswert, mit unserer Wohnung verglichen, die im Westen dunkelte. So boten bei der Heimkehr aus Bansin oder aus Hahnenklee die H\u00f6fe mir viel kleine, traurige Asyle an. Dann freilich schlo\u00df die Stadt sie wieder ein, als reue ihre Hilfsbereitschaft sie. Wenn dennoch einmal der Zug vor ihnen z\u00f6gerte, so war es, weil ein Signal kurz vor der Einfahrt uns die Strecke sperrte. Je langsamer er fuhr, desto schneller zerging die Hoffnung, hinter Brandmauern der nahen Elternwohnung zu entkommen. Doch diese \u00fcberz\u00e4hligen Minuten, eh alles aussteigt, stehen heute noch in meinen Augen. Mancher Blick hat sie vielleicht gestreift wie in den H\u00f6fen. Fenster, die in schadhaften Mauern stecken und hinter denen eine Lampe brennt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Berliner Kindheit um neunzehnhundert<\/b> ist eine Sammlung autobiografischer Skizzen. Die einzelnen Texte verbinden sich nicht zu einer zusammenh\u00e4ngenden Erz\u00e4hlung, sondern geben eher einzelne Bilder und Erinnerungs-Bruchst\u00fccke wieder, etwa das Schlittschuhlaufen auf einem zugefrorenen Teich oder den N\u00e4hkasten seiner Mutter. Dabei versucht Walter Benjamin, sich in die noch unwissende, staunende Haltung des Kindes zur\u00fcckzuversetzen und dessen Weltsicht in kunstvollen sprachlichen Bildern und Vergleichen wiederzugeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Lichtstreif unter der Schlafzimmert\u00fcr, am Vorabend, wenn die andern noch auf waren, \u2013 war er nicht das erste Reisesignal? 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