{"id":47900,"date":"1993-11-01T17:50:41","date_gmt":"1993-11-01T16:50:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=47900"},"modified":"2023-07-17T05:54:52","modified_gmt":"2023-07-17T03:54:52","slug":"schmetterlingsjagd","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/11\/01\/schmetterlingsjagd\/","title":{"rendered":"Schmetterlingsjagd"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gelegentlicher Sommerreisen unbeschadet, bezogen wir, ehe ich zur Schule ging, allj\u00e4hrlich Sommerwohnungen in der Umgebung. An sie erinnerte noch lange an der Wand meines Knabenzimmers der ger\u00e4umige Kasten mit den Anf\u00e4ngen einer Schmetterlingssammlung, deren \u00e4lteste Exemplare in dem Garten am Brauhausberge erbeutet waren. Kohlwei\u00dflinge mit abgesto\u00dfenen R\u00e4ndern, Zitronenfalter mit zu blanken Fl\u00fcgeln vergegenw\u00e4rtigten die hei\u00dfen Jagden, die mich so oft von den gepflegten Gartenwegen fort in eine Wildnis gelockt hatten, in welcher ich ohnm\u00e4chtig der Verschw\u00f6rung von Wind und D\u00fcften, Laub und Sonne gegen\u00fcberstand, die dem Flug der Schmetterlinge gebieten mochten. Sie flatterten auf eine Bl\u00fcte zu, sie standen \u00fcber ihr. Den Kescher angehoben, erwartete ich nur noch, da\u00df der Bann, der von der Bl\u00fcte auf das Fl\u00fcgelpaar zu wirken schien, sein Werk vollendet habe, da entglitt der zarte Leib mit leisen St\u00f6\u00dfen seitw\u00e4rts, um genau so reglos eine andere Bl\u00fcte zu beschatten und genau so pl\u00f6tzlich, ohne sie ber\u00fchrt zu haben, sie zu lassen. Wenn so ein Fuchs oder Ligusterschw\u00e4rmer, den ich gem\u00e4chlich h\u00e4tte \u00fcberholen k\u00f6nnen, durch Z\u00f6gern, Schwanken und Verweilen mich zum Narren machte, dann h\u00e4tte ich gew\u00fcnscht, in Licht und Luft mich aufzul\u00f6sen, nur um ungemerkt der Beute mich zu n\u00e4hern und sie \u00fcberw\u00e4ltigen zu k\u00f6nnen. Und so weit ging der Wunsch mir in Erf\u00fcllung, da\u00df jedes Schwingen oder Wiegen der Fl\u00fcgel, in die ich vergafft war, mich selbst anwehte oder \u00fcberrieselte. Es begann die alte J\u00e4gersatzung zwischen uns zu herrschen: je mehr ich selbst in allen Fibern mich dem Tier anschmiegte, je falterhafter ich im Innern wurde, desto mehr nahm dieser Schmetterling in Tun und Lassen die Farbe menschlicher Entschlie\u00dfung an, und endlich war es, als ob sein Fang der Preis sei, um den einzig ich meines Menschendaseins wieder habhaft werden k\u00f6nne. Doch wenn es dann vollbracht war, wurde es ein m\u00fchevoller Weg, bis ich vom Schauplatz meines Jagdgl\u00fccks an das Lager vorgedrungen war, wo \u00c4ther, Watte, Nadeln mit bunten K\u00f6pfen und Pinzetten in der Botanisiertrommel zum Vorschein kamen. Und wie lag das Revier in meinem R\u00fccken! Gr\u00e4ser waren geknickt, Blumen zertreten worden; der Jagende selber hatte als Dreingabe den eignen K\u00f6rper seinem Kescher nachgeworfen; und \u00fcber so viel Zerst\u00f6rung, Plumpheit und Gewalt hielt zitternd und dennoch voller Anmut sich in einer Falte des Netzes der erschrockene Schmetterling. Auf diesem m\u00fchevollen Wege ging der Geist des Todgeweihten in den J\u00e4ger ein. Die fremde Sprache, in welcher dieser Falter und die Bl\u00fcten vor seinen Augen sich verst\u00e4ndigt hatten \u2013 nun hatte er einige Gesetze ihr abgewonnen. Seine Mordlust war geringer, seine Zuversicht um so viel gr\u00f6\u00dfer geworden. Die Luft jedoch, in der sich dieser Falter damals wiegte, ist heute ganz durchtr\u00e4nkt von einem Wort, das seit Jahrzehnten nie mehr mir zu Ohren noch \u00fcber meine Lippen gekommen ist. Es hat das Unergr\u00fcndliche bewahrt, womit die Namen der Kindheit dem Erwachsenen entgegentreten. Langes Verschwiegenwordensein hat sie verkl\u00e4rt. So zittert durch die schmetterlingserf\u00fcllte Luft das Wort \u00bbBrauhausberg\u00ab. Auf dem Brauhausberge bei Potsdam hatten wir unsere Sommerwohnung. Aber der Name hat alle Schwere verloren, enth\u00e4lt von einem Brauhaus \u00fcberhaupt nichts mehr und ist allenfalls ein von Bl\u00e4ue umwitterter Berg, der im Sommer sich aufbaute, um mich und meine Eltern zu behausen. Und darum liegt das Potsdam meiner Kindheit in so blauer Luft, als w\u00e4ren seine Trauerm\u00e4ntel oder Admirale, Tagpfauenaugen und Aurorafalter \u00fcber eine der schimmernden Emaillen von Limoges verstreut, auf denen die Zinnen und Mauern Jerusalems vom dunkelblauen Grunde sich abheben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-98124 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Walter_Benjamin-248x300.jpg\" alt=\"\" width=\"248\" height=\"300\" \/>Berliner Kindheit um neunzehnhundert<\/b> ist eine Sammlung autobiografischer Skizzen. Die einzelnen Texte verbinden sich nicht zu einer zusammenh\u00e4ngenden Erz\u00e4hlung, sondern geben eher einzelne Bilder und Erinnerungs-Bruchst\u00fccke wieder, etwa das Schlittschuhlaufen auf einem zugefrorenen Teich oder den N\u00e4hkasten seiner Mutter. Dabei versucht Walter Benjamin, sich in die noch unwissende, staunende Haltung des Kindes zur\u00fcckzuversetzen und dessen Weltsicht in kunstvollen sprachlichen Bildern und Vergleichen wiederzugeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Gelegentlicher Sommerreisen unbeschadet, bezogen wir, ehe ich zur Schule ging, allj\u00e4hrlich Sommerwohnungen in der Umgebung. 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